Afghanistan
Eine wankende Welt

4. Dezember 2001. Die Petersberg-Konferenz, an der nur vier Frauen teilnahmen, ist noch nicht zuende, aber von einer „Ministerin für Frauenrechte“ ist schon die Rede, immerhin. Was zweifellos ausschließlich dem politischen Druck westlicher Frauen zu verdanken ist, darunter die deutschen Sozialdemokratinnen. Auf diesen Druck werden die Frauen in den fundamentalistischen Ländern weiterhin existentiell angewiesen sein.
Frauen wie die Ärztin Soraya Parlika, die am 20. November todesmutig die erste öffentiche Demonstration von Frauen in Kabul organisierte. 200 Frauen kamen, obwohl das Sicherheitsministerium von dem Marsch abgeraten hatte, Begründung: Wir können die Sicherheit der Frauen nicht garantieren.
In der Tat gehen in Kabul zwar wieder die ersten Studentinnen zur Uni, peitschen aber gleichzeitig Soldaten der Nordallianz auch tief verschleierte Frauen mit der Siebenschwänzigen von der Straße. Der Krieg gegen Afghanistan ist ja nicht gemacht worden, um die Frauen zu befreien; dass die bei der traurigen Gelegenheit dennoch ein Stückchen Menschenrechte erhaschen könnten, das können wir nur hoffen.
Der Krieg gegen Afghanistan ist auch nicht angezettelt worden, um Bin Laden und seine Gotteskrieger schachmatt zu setzen. Denn die sind weniger unter den schlichten Taliban, als vielmehr in Pakistan und Saudi-Arabien, im Iran und in den Emiraten, in England oder Deutschland zu finden.
Aber, wie ein kritischer Moslem sarkastisch schreibt: Hamburg kann man eben nicht so einfach bombardieren. Riad oder Teheran auch nicht. Das sind nämlich mächtige Länder, mit denen es so richtig Ärger gäbe, wenn der Westen sie im Zuge seiner „andauernden Freiheit“ platt bomben würde. Also geht es auf Afghanistan, wo in diesem Winter Millionen erfrieren und verhungern werden, weil wegen des Krieges keine ausreichende humanitäre Hilfe geleistet werden kann. Und morgen der Irak? Und übermorgen wer?
Alice Schwarzer, EMMA 1/2002
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