ANNE-FRANK-REALSCHULE DÜSSELDORF
Schülerinnen - Neuer Kopftuchstreit

- Schulleiter Hinke
Eigentlich müsste die Anne-Frank-Realschule in Düsseldorf eine Problemschule sein, doch sie ist eine Bilderbuchschule. Die Mehrheit der 471 Kinder hat einen Migrations- hintergrund, rund hundert sind Muslime, 60 davon Mädchen. Verschärfend kommt hinzu, dass die Schule in dem Brennpunktviertel Flingern eine so genannte "Seitenein- stiegsklasse" hat, in die während des ganzen Schuljahres Kinder aus aller Herren Länder dazu stoßen; Asylantenkinder, deren Eltern oft Analphabeten sind und die kaum Deutsch sprechen. Doch all das kann die Schule mit dem stolzen Namen nicht erschüttern: 97 Prozent der SchülerInnen der Anne-Frank-Realschule erreichten 2008 ihren Abschluss, die Hälfte wird zum weiterführenden Gymnasium gehen. Und Gewalt? Die hat es in diesen Klassen und Schulhöfen noch nie gegeben.
Dennoch rückte ein Bericht von SpiegelOnline Bernd Hinke, den Mann, der diese Musterschule seit 19 Jahren leitet, am 16. Oktober 2008 ins Zwielicht. Der Schulleiter sei zum "Rapport" bei der Bezirksregierung berufen worden, er habe wohl einen "Blackout" gehabt und sei auch leider "kein skurriler Einzelfall".
Was hatte der erfahrene Pädagoge sich zuschulden kommen lassen? In seinem üblichen "Elternbrief" zu Beginn des Schuljahres, in dem er berichtet, was so los ist auf seiner Schule, hatte Hinke auf Seite drei daran erinnert, dass die Anne-Frank- Schule für Schulkleidung optiert habe und das Tragen von "Kopfbedeckungen" deswegen nicht erlaubt sei. Der Rektor: "Das Kopftuch wird von uns als Symbol der Unterdrückung der Frau und fehlender Gleichberechtigung betrachtet. Es widerspricht somit nicht nur den entsprechenden Bestimmungen des Grundgesetzes, sondern auch den Werten, die wir unseren Schülerinnen und Schülern vermitteln wollen und die in unserem Schulprogramm verankert sind. Das Tragen von Kopftüchern ist deshalb an unserer Schule unerwünscht."
Rektor Hinke hatte diesen Absatz fettgedruckt, so wie den davor zum Verbot von MP3-Playern und Handys auf dem Schulgelände. Hätte er das nicht getan, wäre das Ganze vielleicht unterge- gangen, weil eh nur ganze fünf Schülerinnen an seiner Schule Kopftuch tragen. Doch so …
Hinkes Elternbrief schlug Wellen über seine vorgesetzte Behörde und die lokalen Medien hinaus. SpiegelOnline holte ganz groß aus und zitierte auch die Rechtsabteilung des Islamrates. Ausgerechnet. Die Neue Westfälische Zeitung hingegen interessierte sich immerhin auch für die Meinung der deutsch-türkischen Anwältin Seyran Ates. Und die redete Klartext: "Privat kann eine Muslimin sich kleiden, wie sie es für richtig hält", erklärte die muslimische Juristin. Jedoch "im staatlichen Bereich hat das Kopftuch nichts zu suchen, weder in Schulen noch in Amtszimmern – weder bei Lehrerinnen noch bei Schülerinnen! Die Schule sollte muslimischen Kindern die Normalität des zwischengeschlechtlichen Umgangs vermitteln."
Genau so sieht das Rektor Hinke: "Kinder werden bei uns integriert, nicht assimiliert", sagt der Pädagoge. "Wir erziehen hier mündige Kinder, die im Beruf ihren Mann stehen sollen." Hinke befürchte für die Minderheit der kopftuchtragenden Mädchen eine Stigmatisierung und Ausgrenzung.
Und was sagt die Schulbehörde dazu? Laut SpiegelOnline: "Hinke gestand ein, dass er voll daneben gegriffen habe und bezeichnet die Aktion als Blackout." Blackout? Wohl eher ein couragierter Akt. Denn nicht nur Nordrhein-Westfalen wären ein, zwei, drei ganz viele Hinkes zu wünschen. Damit auch orthodox erzogene Musliminnen wenigstens in der Schule einen Freiraum und eine Chance haben.
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