Sexueller Missbrauch
Runder Tisch bei EMMA
Beim „Runden Tisch sexueller Missbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“ ist zu befürchten, dass die Leitung so lang sein wird wie der Name. Das erste, was die drei zuständigen Ministerinnen verkündeten, war Altbekanntes – oder Rückschrittliches. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. EMMA setzte sich nun ebenfalls an einen Runden Tisch: mit Frauen, die Tag für Tag an der Front der sexuellen Gewalt stehen: bei Zartbitter, Wildwasser oder Innocence in Danger.

- (v.li) Julia von Weiler, Ursula Ender und Silvia Schulze Thiemig am Runden Tisch bei EMMA.
Julia von Weiler, Innocence in Danger: „Für mich stellt sich die Frage: Müssen wir zum gefühlten 500. Mal eine Bestandsaufnahme machen? Wäre es nicht endlich an der Zeit, die Lücken im System, die schon längst identifiziert sind, zu schließen? Müssen wir jetzt wirklich bis September warten, bis der Runde Tisch erste Empfehlungen ausspricht? Im März, auf dem Höhepunkt der Debatte, haben sich die Anfragen bei unserer bundesweiten Telefonnummer N.I.N.A., die wir 2005 ins Leben gerufen hatten, um ein zigfaches vervielfacht. Und was mich wahnsinnig ärgert: Das Bundesfamilienministerium und die Bund-Länder-AG sagten damals, es für so eine Hotline keinen Bedarf gäbe. Und die Bundesfamilienministerin Schröder hat ja jetzt in einer Pressekonferenz nach dem Runden Tisch ebenfalls behauptet, die Opfer von Missbrauch seien in Deutschland ausreichend versorgt. Das ist doch nun wirklich ein Hohn!“
Ursula Enders, Zartbitter: „Der Runde Tisch muss ein großes Ziel haben: Das die Hilfe für Opfer sexualisierter Gewalt Pflichtaufgabe der Jugendhilfe wird. Bisher ist das eine freiwillige Leistung. Das heißt: Es gibt keine staatliche Verpflichtung, Opfern sexueller Gewalt Hilfe anzubieten. Dabei wissen wir aus der Traumaforschung: Ob ein traumatisierter Mensch Langzeitfolgen entwickelt oder nicht, ist maßgeblich anhängig von der Hilfe in den ersten Wochen. In Deutschland wartet man aber auf einen Erstberatungstermin mehrere Tage oder auch Wochen. Das heißt: Wir haben Kinder, die wie nach einem Autounfall blutend da liegen und man sagt: ‚In 14 Tagen kriegt ihr einen Verband.’“
Silvia Schulze-Thiemig, Wildwasser Duisburg: „Ich finde es gut, dass das Thema auf dieser hohen Ebene diskutiert wird. Aber ich habe die große Angst, dass der Berg kreißt und eine Maus gebiert. Und als ich die Zusammensetzung des Runden Tisches sah, dachte ich: Na, da werden ja unsere Probleme vor Ort an der Basis nicht vorkommen. Es ist zum Beispiel so, dass wir unser Geld nur von Monat zu Monat bekommen, weil die Stadt Duisburg unter Haushaltsvorbehalt des Landes steht. Wir haben jetzt, Mitte des Monats, das Geld für diesen Monat noch nicht. Und zu Beginn jeden Jahres müssen wir bangen: Was versuchen sie jetzt wieder zu streichen? An welchen Fronten müssen wir jetzt wieder kämpfen?“
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