Affäre Dominique Strauss-Kahn in Frankreich
"... wie ein Tsunami!"
Mit der Affäre DSK sei der Backlash in Frankreich von einer Welle zu einem Tsunami angeschwollen, sagen Feministinnen. Die Rückkehr von Strauss-Kahn bringt die Sozialisten in eine ziemliche Klemme.
"Kein Ereignis hat seit der Zerstörung der Türme des World Trade Center die französischen Medien so beherrscht wie die ‚Affaire DSK‘.“ Das schreibt die renommierte Soziologin Christine Delphy, Feministin der ersten Stunde und Herausgeberin der Theorie-Revue Nouvelles Questions Féministes (Neue feministische Fragen).
Sie veröffentlicht in der Revue 23 Beiträge von Wissenschaftlerinnen, Juristinnen und Journalistinnen, die sich alle in einem einig sind: Unabhängig von der Schuldfrage und egal, ob er es getan hat oder nicht, ist der größte Skandal der Umgang von Medien und Mächtigen mit dem Verdacht, dass Strauss-Kahn eine Frau vergewaltigt hat. Diese „massive Indifferenz der Frau gegenüber“; diese „Unschuldsvermutung, die nur für den mutmaßlichen Täter, nicht aber für das mutmaßliche Opfer gilt“; „diese enthemmte Frauenverachtung“. Der Backlash rolle schon seit Jahrzehnten, konstatiert Delphy, aber mit der Affäre DSK „ist aus einer Welle ein Tsunami geworden“.
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Und die deklarierten Feministinnen sind nicht allein mit ihrer Empörung. „Egal, wie der Prozess ausgeht: Für uns gibt es ein Davor und ein Danach. Diese schlimme Geschichte hat dazu beigetragen, das Schweigen zu brechen.“ Die das sagt, ist Präsidentin des französischen Arbeitgeberverbandes, Laurence Parisot. Die Spitzenmanagerin, die für die 40-Prozent-Quote in den Vorständen und Aufsichtsräten verantwortlich ist, beklagte den „grassierenden Sexismus“ in Frankreich und appellierte an ihre Landsmänninnen: „Habt keine Angst mehr. Redet endlich!“
Die sexuelle Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder ist in der ganzen Welt ein Problem – doch im „Land der Liebe“ ein ganz besonderes. Denn die nur zu gern zu galanten Franzosen neigen dazu, die Grenze zwischen sexueller Verführung und sexueller Gewalt nicht zu kennen.
Bemerkenswert zynisch reagierten vor allem linke Intellektuelle auf die Verhaftung ihres Idols DSK. Als „puritanischen Irrsinn“ bezeichnete der Philosoph Bernard-Henri Lévy den Vergewaltigungsvorwurf (Lévy ist auch immer einer der ersten, der für „gerechte kriegerische Interventionen“ in „Tyrannenländer“ plädiert). Es sei doch völlig unwichtig, ob DSK mal „einem Dienstmädchen an die Wäsche gegangen“ sei, schrieb der renommierte linke Chefredakteur Jean-François Kahn, ein Trauzeuge Strauss-Kahns. Auch Ex-Kulturminister der Sozialisten, Jack Lang, wunderte sich über die Aufregung: „Es ist schließlich niemand gestorben.“ (Lang selber muss sich gerade dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs in Marrakesch vor einigen Jahren stellen – auch die Kleinen leben vermutlich noch).
Doch mittlerweile ist man auch in Frankreich erschüttert über die Verharmlosung der sexuellen Gewalt und die höhnische Lässigkeit, mit der über die Opfer hinweggegangen wird. Selbst innerhalb des linken Milieus macht sich allmählich Kritik breit. So berichtete Libération, die französische taz, bemerkenswert objektiv über die „Affäre DSK“. Und der Chefredakteur des linksliberalen Nouvel Observateur, Laurent Joffrin, schrieb bereits im Sommer: „Die DSK-Affäre, deren vermutliches Opfer eine Einwanderin aus Guinea in den USA ist, könnte den französischen Frauen einen großen Dienst erweisen.“
Das hat sie schon. Die Omertà ist gebrochen. Die Opfer beginnen zu reden. Auch wenn 90 Prozent der mindestens 75 000 im Jahr vergewaltigten Frauen in Frankreich bis heute keine Anzeige erstatten.
Bereits eine Woche nach der Verhaftung von Strauss-Kahn gingen die Französinnen auf die Straße. Am 22. Mai folgten rund 3 000 Frauen dem Appell feministischer Organisationen, darunter die neue Vorsitzende der Grünen, die Richterin und Anti-Korruptionskämpferin Eva Joly. „Wir wissen nicht, was in New York passiert ist. Aber wir wissen, was in der letzten Woche in Frankreich los war“, erklärten die Frauen. Nämlich ein „enthemmter Sexismus“, der zu einer „unerträglichen Vermischung zwischen sexueller Freiheit und sexueller Gewalt“ führt.
Thema im Forum diskutieren
Anfang Juni trafen sich 600 Frauen und Männer aus 44 feministischen Organisationen, um zu beraten, wie es weitergeht. Diese „Feministes en mouvement“ veröffentlichten einen Zehn-Punkte-Katalog, mit dem sie sowohl die (Wieder)Errichtung eines „Ministeriums für Frauenrechte“ als auch den verschärften Kampf gegen sexuelle Gewalt fordern.
Auch die Einstellung des Verfahrens in New York kann die Empörung vieler Französinnen nicht besänftigen. Schließlich bedeute das ja keineswegs, dass Strauss-Kahn „rehabilitiert und unschuldig“ sei, erklärte das „Komitee für Gerechtigkeit für Nafissatou Diallo“. „Osez le feminisme“ (Den Feminismus wagen) gab die Parole aus: „Die Schande muss das Lager wechseln!“ Die Immigranten-Töchter von „Ni putes, ni soumises“ (Weder Hure noch Unterworfene) spotteten: „Muss man eine Heilige sein, um eine Vergewaltigung anzeigen zu können?“
Anne Zelensky schließlich, Feministin der ersten Stunde und Präsidentin der „Liga für Frauenrechte“, wusste zu berichten, dass das „System DSK“ Druck ausübe auf weitere Opfer, die Anzeige erstatten wollten. Einer Frau in Sarcelles, wo DSK früher Bürgermeister war, sei Geld geboten worden, wenn sie schweige.
Eines ist schon jetzt klar: Sexismus, sexuelle Gewalt und Frauenrechte werden zentrales Thema sein bei dem jetzt beginnenden französischen Wahlkampf. Die Direktwahl des neuen (alten?) Präsidenten findet im April 2012 statt.
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Dossier: Haben Opfer eine Chance? (4/11)
Dossier: Sex - Macht - Gewalt (3/11)
Der Fall Strauss-Kahn
Der Fall Kachelmann

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