Dossier: Haben Opfer eine Chance?
"Ich lasse mich nicht einschüchtern!"

- In der Offensive: Tristane Banon und ihr Anwalt David Koubbi. - Foto: Philippe Wojazer/Reuters
„Acht Jahre lang habe ich diese Geschichte mit mir rumgetragen. Acht Jahre lang bin ich durch die Hölle gegangen. So lange hat Strauss-Kahn mein Leben regiert. Ich will endlich wieder in den Spiegel gucken können.“ Die das sagt, ist heute 32 Jahre alt und Autorin mehrerer Bücher. Doch erst dank der Klage einer unterprivilegierten schwarzen Putzfrau in New York fasste die privilegierte Tochter aus gutem Hause in Frankreich den Mut, Anzeige zu erstatten.
Tristane Banon kommt aus demselben bourgeoisen, linken Milieu wie DSK. Ihr, lebenslang abwesender, Vater war laut Focus Finanzberater von PLO-Chef Arafat und Putin; ihre Mutter, Anne Mansouret, betrieb eine Werbeagentur und ist sozialistische Abgeordnete in der Normandie. Vor allem aber ist Tristane die Patentochter der zweiten Frau von Strauss-Kahn (Anne Sinclair ist seit 20 Jahren die dritte) und sie war die beste Freundin seiner Tochter Camille – bis sie deren Vater der versuchten Vergewaltigung beschuldigte.
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2003 riet die Mutter der Tochter von einer Anzeige ab, weil sie davon ausging, dass die 23-Jährige keine Chance hätte gegen den mächtigen Strauss-Kahn. Und wohl auch, weil sie selber ambivalent war. Wie sie erst jetzt gestand, hatte sie selbst Sex mit Strauss-Kahn in dessen Büro, ein Mal und „sehr brutal“. Heute sagt Mansouret: „Strauss-Kahn ist krank. Er ist von Sex besessen und kann nicht anders.“
Damals stellte sie den Freund zur Rede. Der antwortete, bei ihm sei „einfach eine Sicherung durchgebrannt“. Und auch der Chef der sozialistischen Partei, François Hollande, den Mutter und Tochter 2003 ins Vertrauen zogen, behandelte das Ganze als „Privatproblem“. Bis zu seiner Verhaftung am 15. Mai 2011 wegen Vergewaltigung in New York war der Ex-IWF-Chef und Fast-Präsident der unumstrittene Star der sozialistischen Partei. Obwohl alle Bescheid wussten. Und unter jüngeren Journalistinnen und Parteigenossinnen schon lange der Tipp kursierte: niemals allein mit DSK in einem Raum bleiben.
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Banon hatte in all den Jahren immer wieder mal versucht, über ihr traumatisches Erlebnis mit Strauss-Kahn zu reden. Wie er sie für ein Interview in einer fast leeren Wohnung, in der nur ein Bett stand, empfangen und zu Boden geworfen habe; wie er sie betatschte und versuchte, ihr die Kleider vom Leib zu reißen. „Mit der Brutalität eines brünstigen Schimpansen.“
Als Banon im Februar 2008 in einer Talkshow dann auch öffentlich darüber sprach, übertönte die TV-Redaktion den Namen von Strauss-Kahn mit einem Piep. Frankreich wollte einfach nichts hören und nichts sehen – bis ihm von außen die Augen aufgerissen wurde.
„Ich lasse mich nicht einschüchtern“, erklärte Tristane Banon nach Einstellung des Verfahrens in New York. Für den 24. September hat Banon zu einer Demonstration vor dem Palais des Justice aufgerufen. „Wir werden 10 sein oder 100 oder 1000“, sagt sie. „Aber egal. Ich werde an dem Abend mit dem Gefühl ins Bett gehen, es versucht zu haben!“
EMMA, Herbst 2011
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