SEXUELLER MISSBRAUCH
Bergmann startet Kampagne: Sprechen hilft!
Die Kampagne "Sprechen hilft" von Christine Bergmann, Beauftragte zur Aufarbeitung Sexuellen Missbrauchs, soll Menschen ermutigen, nicht länger zu schweigen, sondern sich mit ihrem "Geheimnis" anzuvertrauen. Regisseur Wim Wenders hat dazu zwei TV-Spots gedreht. Einen für Frauen - und einen für Männer.

- Christine Bergmann
Hinter dem kleinen Mädchen steht ein Mann im dunklen Anzug und hält ihr den Mund zu. Nächste Szene: Auch als Jugendliche wird sie vom Täter am Sprechen gehindert, genau wie als junge Frau. Erst die ältere Frau in Szene vier schafft es, seine Hand vom Mund zu reißen. Jetzt spricht sie: „Mein Schweigen hat mich mein ganzes Leben lang zum Opfer gemacht.“
Über 1500 Frauen und Männer, die Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind, haben schon gesprochen, seit Christine Bergmann von der Bundesregierung zur „Beauftragten zur Aufarbeitung Sexuellen Missbrauchs“ ernannt wurde und eine Telefon-Hotline (0800-22 55 530) für Betroffene einrichtete.
92 Prozent der Frauen und Männer, die sich bei der Hotline gemeldet haben, kommen aus den alten Bundesländern, nur knapp 8 Prozent aus den Neuen. "Scheinbar wird das Thema sexueller Missbrauch in den neuen Bundesländern noch sehr viel stärker verschwiegen", sagt Friederike Beck, Sprecherin des Projektes.
Nicht minder auffällig ist die Tatsache, dass sich genau so viele Männer wie Frauen bei der Hotline meldeten. "Betroffene Frauen erleben Missbrauch eher im familiären Umfeld, Männer in Institutionen", sagt Beck. Dass überhaupt eine so große Zahl männlicher Betroffener über das Erlebte spricht: Ein Novum, das mit der öffentlichen Debatte über Missbrauch in Insitutionen zu tun habe. Mit einem der betroffenen Männer hat EMMA ein Gespräch geführt, das in der kommenden Ausgabe erscheint.
Thema im Forum diskutieren
Heute startet die Kampagne, die Bergmann initiierte: „Sprechen hilft!“ Der 30-sekündige TV-Spot, den Regisseur Wim Wenders in einer weiblichen und einer männlichen Variante drehte, sowie Plakate und Postkarten sollen weitere Menschen ermutigen, sich mit ihrem „Geheimnis“ anzuvertrauen. „Ein Großteil der Menschen, die sich bei uns gemeldet haben, sind 50 Jahre und älter“, sagt die Missbrauchs-Beauftragte und Ex-Frauenministerin Bergmann im EMMA-Interview. „Und viele von ihnen haben zum ersten Mal in ihrem Leben über das gesprochen, was ihnen passiert ist.“ Das ganze Bergmann-Interview ebenfalls in der nächsten Print-EMMA, die am 30. September erscheint.
EMMAonline, 21.9.2010
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