Alice Schwarzer schreibt

Alice meets Ikkimel: Ist sie feministisch?

Wie feministisch ist Rapperin Ikkimel? - FOTO: Kochan/Eventpress/IMAGO
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Jüngst wurde ich in einem Interview auf Ikkimel angesprochen. Ikkimel? Noch nie gehört. Na, die Berliner Rapperin, die von sich sagt, sie sei „die größte Fotze der Stadt“. Dazu wurde mir ein Foto von ihr unter die Nase gehalten. Es zeigte das augenrollende Gesicht einer Frau, die sehr breit die Zunge rausgestreckt hatte. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Ich fand Ikkimel schlicht doof. Und ihr Spiel mit dem Begriff „Fotze“ fragwürdig. Schließlich lässt sich dieser erniedrigendste Begriff von Männern für Frauen auch in einem vorlauten Frauenmund nicht einfach umdrehen in Frauenpower. Dennoch. Meine Neugierde war geweckt.

Wer also ist Ikkimel? Nach zwei Stunden Recherche im Netz war ich ziemlich beeindruckt.

Ich habe mich geirrt. Generationenfrage.

"Ich fick sie alle“, rappt Ikkimel. Oder: „Gibt es den Pimmel auch in groß?“

Ikkimel ist gar nicht doof. Sie ist schlau und hochinteressant. Sie ist eine unangepasste, starke junge Frau, die nicht nur richtig gute Musik macht, eine Art Deutschrap mit knallfeministischen Texten, sondern die in ihren Videos auch unbekümmert, gerissen und radikal performt: mal als halbnackte Göre, pornografisiert im knappen BH und Slip; mal als elegante, starke Women. Und gleichzeitig ist sie das Mädchen von nebenan. Ich wundere mich nicht mehr, dass ihre Konzerte ausverkauft sind und sie in nur einem Monat fast drei Millionen Aufrufe auf dem Musikkanal Spotify hat.

Jüngst erschien Ikkimels neueste Platte mit dem Titel „Fotze“. Ihre Musik nennt sie „Fotzenrap“ – in Reaktion auf den „Pornorap“ der Männer, schon klar. Sie will, sagt sie, den Begriff Fotze reclaimen, umwidmen. Die Erniedrigung soll zur Waffe werden. Auch in ihren Videos spielt die heute 29-Jährige mit den Bildern aus der allgegenwärtigen Pornokultur, zum Beispiel als halbnackte Mieze auf dem Pirellireifen. Sie tut das so gekonnt wie ironisch. Aber sie tut es. Übermutiger Girlierap gegen dumpfen Machorap.

Und sie kann auch ganz anders. Dann tritt sie als männermordender Vamp auf oder als mitreißende Halbgöttin im Blitzlichtgewitter (in ihrem Video IDGAF). Das zitiert Madonna, aber ist im Jahr 2026 selbstironischer.

Ikkimel: "Bin nicht auf der Welt, um Männern Empathie und Feminismus zu erklären"

„Ich bin Feministin.“ Das sagt Ikkimel nicht nur, sie füllt es auch aus. Die Männer haben bei Ikkimel wenig zu lachen. „Ich fick sie alle“, rappt sie. Oder: „Gibt es den Pimmel auch in groß?“ Das erinnert Ältere an Mae West, alles nicht neu. Aber es muss in neuen Zeiten eben immer wieder neu erfunden werden. Im Interview nennt Ikkimel das starke Geschlecht auch schon mal „eine schwache Personengruppe“. Da kommt bei den Kollegen keine Freude auf.

„Ich bin nicht auf der Welt, um Männern Empathie und Feminismus zu erklären, nicht in meinen Beziehungen und nicht im Job“, sagte sie in einem (k)Zeit-Interview. Und: „Mich nervt der Doppelstandard. Wenn zeitgleich zehn Männer frauenfeindliche Texte ins Mikro sprechen, juckt das keinen. Bei mir wird strenger hingeguckt. Was einfach sexistisch ist.“

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Doch wer ist eigentlich die Frau hinter Ikkimel? Ihr Name setzt sich zusammen aus dem berlinerischen „Icke“ und ihrem Vornamen. Melina Gaby Strauß ist Jahrgang 1997, hat Linguistik an der FU Berlin studiert und, so sagt sie, einen innigen Kontakt zu Mutter und Bruder. Ihr Vater ist 2020 an Blutkrebs gestorben, sie hat ihn bis zum Tod gepflegt.

Ein Stipendium für Neurowissenschaften in Oslo hat sie sausen lassen und sich für den Rap entschieden. „Ich war schon immer ein stures Kind“, sagt sie. Und: „Es ist mir egal, wenn mich jemand blöd findet. Ich versuche, bei mir zu bleiben.“ Befragt, wie sie denn als Melina sei, verweist sie auf Ikkimel: „Meine Bühnenperson und ich gehen Hand in Hand.“

Man will es ihr gerne glauben. Ihre Stärke ist nicht gespielt, sie scheint echt. Das belegt die Qualität ihrer Musik und Performance. Doch ob sie auch so stark ist, den Jungs die Waffe in der Hand umzudrehen, aus der Erniedrigung Stolz zu machen? Vor allem: Ob auch ihre weiblichen Fans so stark sind, der Erniedrigung ins Gesicht zu sehen und dabei ihre Würde zu bewahren? Oder könnte die Fotze zum Bumerang werden? Wir werden sehen.

ALICE SCHWARZER

 

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