Das Ende eines Mythos

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Nun hat auch noch ihre Tochter ein Buch über sie geschrieben. Und was da zu lesen ist, überrascht doch. Eigentlich ist die Baader-Meinhof-Story eine verdammt traurige Geschichte.

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Das Buch ist keine Biografie. Es ist auch kein Essay. Es ist schon gar kein Roman. Es ist eine Materialsammlung über 670 Seiten, relativ wahllos zusammengetragen und geschrieben von der Tochter der Hauptprotagonisten, von Bettina Röhl. Die Tochter von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl versucht zu verstehen, zu verarbeiten – und abzurechnen.
An Gründen für eine Abrechnung mit ihren Eltern mangelt es diesem Ex- und Immer-noch-Kind wahrlich nicht. Nur schade, dass auch sie alles noch besser weiß als ihre Mutter (zum Beispiel in ihren langen Elogen zur Weltpolitik). Und tragisch, dass sie ihren Vater trotzdem und immer noch idealisiert. Was ihren Blick auf die Ereignisse zwangsläufig prägt und einengt.
Dennoch: Der Versuch, sich der Geschichte, die auch die ihre ist, zu nähern, diese Sisyphosarbeit des Sichtens von Hunderten von Akten, Artikeln, Briefen, Tagebüchern und Gesprächen hat sich gelohnt, nicht nur für sie.
Das Resultat ist ein Steinbruch, psychosozial wie politisch, der 50er, 60er und 70er Jahre. Sein Fundament liegt tief unter der Nazizeit und aus seinen Bruchsteinen ist unsere Gegenwart gemauert.
Herausgekommen bei dem Unterfangen der Tochter ist eine Entmystifizierung ihrer Mutter. Und dies zwar selbstgerecht, aber ohne Rachegelüste, sondern mit Nachdenklichkeit und Trauer. Ulrike Meinhof, für so manche ZeitgenossInnen und Nachgeborenen noch immer eine Ikone der Revolution, begegnen wir hier als tragische Figur. Denn in ihre Revolte mischen sich Politik und Persönliches auf unlösbare Weise. Und es zieht sich ein roter Faden durch ihre ganze Geschichte: das Doppelleben.
Schenken wir uns die ersten hundert Seiten Röhl, nur soviel sei gesagt: Ganz wie ihre Gegner es schon immer behauptet hatten (und wie Klaus Rainer Röhl es schon 1974 in seinem Buch ‚Fünf Finger sind keine Faust‘ selber geschrieben hat) wurde konkret tatsächlich von der DDR finanziert. Bis 1964. Über 700 Zeitungen und Zeitschriften im Westen wurden, laut Akten, von der DDR ausgehalten (Wer eigentlich noch? Waren auch feministische Blätter dabei?).
Und ganz wie man, und vor allem frau, es schon immer vermutet hatte, ist Röhl ein in der Wolle gewaschener Hallodri, Zyniker und Brutalo. Und da ausgerechnet dieser Typ der weiterhin vergötterte Vater der Autorin ist – und ihre Hauptinformationsquelle dazu! –, ist das Buch mit Vorsicht zu genießen. Dennoch. Was bleibt, ist aufschlussreich.
Wer also war Ulrike Meinhof? Die 1935 geborene Ulrike kommt aus dem protestantischen Bildungsbürgertum, Vater Museumsdirektor in Jena, Mutter abgebrochene Pädagogikstudentin. Als sie sechs ist, stirbt der Vater. Die Mutter ersetzt ihn sehr bald durch eine Frau, die sie 1940 an der Uni kennen lernt, wo die junge Witwe ihr Studium beendet. Die Frau heißt Renate Riemeck und ist in der Nähe des KZs Buchenwald aufgewachsen („Es gab nichts, von dem wir nichts wussten.“). Jetzt ist sie eine aufstrebende junge Pädagogin, selbstbewusst, kritisch (gegenüber den Nazis) und „burschikos“, wie immer wieder gerne betont wird.
Die beiden Frauen und die zwei Mädchen, Ulrike und ihre ältere Schwester Wienke, leben von nun an zusammen. Doch bis heute kann Ulrike Meinhofs Tochter Bettina nicht mit der Tatsache umgehen, dass ihre Mutter von einem Frauenpaar großgezogen wurde. Verdruckst bezeichnet sie die Lebensgefährtin als „eine Art Partnerersatz“.
Und Ulrike? War das für ein Kind selbstverständlich in diesen mannlosen Kriegs- und Nachkriegsjahren? Oder fing in den ersten Jahren, in denen auf männliche Homosexualität Gefängnis oder sogar Deportation ins KZ stand und weibliche Homosexualität nicht zu existieren hatte, das Doppelleben an? Und wie war eigentlich ihr Verhältnis zu der nur 14 Jahre älteren Renate, die altersmäßig zwischen Mutter und Tochter stand?
Riemeck schildert bereits ihre erste Begegnung mit Ulrike in ihrer späteren Autobiografie verklärend: „Sie ist als Fünfjährige auf mich zugelaufen, als hätte sie auf mich gewartet.“ Und auch bei Ulrike hat’s schon im ersten Augenblick gefunkt, sie erklärt zu Hause: „Mutter, du brauchst nicht wieder zu heiraten, das kaputte Spielzeug kann auch die Renate heile machen.“ Und so kam es.
Renate machte nicht nur das Spielzeug heile. Sie wurde für die Kinder zur Herausforderung, zum Vorbild. Dass schon das kleine Mädchen sich so früh mit Literatur, Politik und Gerechtigkeit beschäftigt, ist zweifellos entscheidend Riemeck zu verdanken, die in den 50er Jahren zu einer führenden linken Leaderin und Parteigründerin werden sollte.
1949 stirbt Ulrikes Mutter überraschend. Die Lebensgefährtin ist zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt. Sie zögert nicht und adoptiert die 14-jährige Ulrike Meinhof und deren 16-jährige Schwester Wienke (die bald darauf auszieht). Nun leben Ulrike und Renate zusammen. Wie Mutter und Tochter? Wie Freundinnen? Wie Geliebte? Wohl alles ein bisschen. Ihre Korrespondenz miteinander aus diesen Jahren ist auch bei kurzen Trennungen intensiv, vertraut und liebevoll. Renate Riemeck erinnert sich in einem Interview mit mir 1989: „Ulrike war so rührend. Sie wollte immer, dass ich im Rinnstein unten ging, sie lief dann auf dem Bürgersteig oben, damit sie mich direkt unterhaken konnte. ‚Du musst jetzt sehen, dass du mit einem Menschen erwachsener Art befreundet bist‘, sagte sie.“
Es wird nicht einfach gewesen sein für die junge Ulrike, sich aus diesem Gewirr von Abhängigkeiten und Gefühlen zu emanzipieren. Tatsächlich reagierte die Ersatzmutter und „engste Vertraute“ Renate auf die ersten Flirts von Ulrike mit Jungen offen eifersüchtig. Einmal zerrt Riemeck die 16-jährige vor allen vom Tanzboden (wie sie mir selber erzählt hat). Ulrike erlaubt sich trotzdem Flirts mit Männern – und mit Frauen. Mit letzteren sogar „dicke Geschichten“, wie sie Röhl später gesteht, also nicht nur Affären, sondern auch Liebesbeziehungen. In den 50er Jahren konnte auch das nur heimlich gelebt werden.
Wohl vor allem unter dem Einfluss der inzwischen bekannten Renate Riemeck, die zur Leitfigur des Protests gegen die Wiederaufrüstung wird, engagiert auch die Pädagogikstudentin Ulrike sich im „Kampf gegen den Atomtod“. Es ist die Zeit, in der Politik noch schwarz-weiß ist, es nur Gute oder Böse gibt.
Meinhof und Riemeck gehören zu den Guten. Und auch ich erinnere mich bestens, wie ich als 19-Jährige glühende Anhängerin der von Renate Riemeck gegründeten ‚Deutschen Friedensunion‘ (DFU) war. Das war die Zeit der McCarthy-Hatz in Amerika, der Wiederaufrüstung und des Verbots der kommunistischen Partei im restaurativen Adenauer-Deutschland. Von der DFU behaupteten die Bösen zu unserer Empörung, sie würde von der DDR finanziert. Sie hatten recht.
Riemeck selber hat diese Connection bis zu ihrem Tod geleugnet. Wusste Ulrike davon? Spielte es eine Rolle, als sie 1959 unter Anleitung von Röhl in die damals illegale ‚Kommunistische Partei Deutschlands‘ (KPD) eintrat?
Klaus Rainer Röhl lernt die an der Uni politisch aktive Studentin Meinhof im Mai 1958 kennen. Es ist „Abneigung auf den ersten Blick“ (Meinhof). Auch Röhl hat kein persönliches Interesse, Ulrike ist für ihn nur eines der „Atommädchen“, die er für konkret und die „Partei“ akquirieren will – und en passant auch schon mal flach legen. Doch nur wenige Monate später sind die beiden ein Paar. Ulrike schreibt für konkret und tritt in die KPD ein, „per Handschlag“. Die Sache scheint sie überzeugt zu haben. Und vielleicht auch der Hallodricharme eines Röhl, der die bei aller Lebhaftigkeit anscheinend zur Melancholie neigende Ulrike verführt.
Und weiter geht das Doppelleben. Röhl und Meinhof holen sich pro konkret-Ausgabe 40.000 Mark cash in Ostberliner Undercover-Wohnungen ab und nehmen
Instruktionen entgegen. Meinhof ist Kolumnistin und später Chefredakteurin von konkret. Gleichzeitig wird sie Mutter.
Am 21. September 1962 kommen die Zwillinge zur Welt. Die Geburt ist dramatisch: Kaiserschnitt. Denn es wird ein Tumor im Kopf der werdenden Mutter entdeckt. Er entpuppt sich zwar als gutartig, ein Blutschwamm, wird aber später gerne als Erklärung für das „Abdriften“ der Ulrike Meinhof benutzt. Doch in ihren Texten aus diesen Jahren um 1962 lässt sich kein Bruch erkennen. Der kommt erst später.
1964 überwerfen Meinhof und Röhl sich mit der DDR, die dreht den Geldhahn zu, und die beiden machen auf eigene Faust weiter. Es gelingt. Ulrike Meinhof profiliert sich in konkret als politische Kolumnistin, was in dieser Zeit ungewöhnlich ist für eine Frau. Doch sieht man genauer hin, wird deutlich, dass ihre Texte ausnahmslos die klassischen Themen der Linken abhaken. Sie ist eine Nonkonformistin unter Nonkonformisten.
Der Bruch scheint im Herbst 1967 zu passieren. Die Zwillinge sind fünf Jahre alt und ihre Eltern nicht nur Stars in der linken Szene der Bundesrepublik, sondern auch angesagt in den Salons. Sie werden als pikante Bereicherung der Partys an der Elbchaussee und auf Sylt gehandelt, vor allem Ulrike. Es ist schick, links zu sein. Es ist schick, offene Ehen zu führen. Es ist schick, promisk zu sein. Freie Liebe für freie Menschen.
Ein Spiel, das die Männer besser beherrschen als die Frauen. Am 7. Oktober 1967 feiert das Ehepaar Meinhof/Röhl seine Einweihungsparty in der neuen Villa in Blankenese. Der Ehemann tanzt den ganzen Abend, aber nicht mit seiner Frau. Seine Favoritin ist Danae, die damals noch mit Herrn Coulmas verheiratet ist, und mit der Röhl noch heute zusammen lebt. Irgendwann verschwindet Meinhofs Ehemann an diesem Abend mit Danae und taucht erst am sehr späten Abend Hand in Hand wieder auf.
Am nächsten Tag ist Meinhof verschwunden, im Flur liegt ihr Ultimatum: „Danae oder ich, du musst dich entscheiden.“ Drei Monate später, an Silvester, folgt eine weitere öffentliche Demütigung diesen Stils. Ulrike Meinhof zieht aus – und nimmt die Zwillinge, mit denen sie sich bis dahin eigentlich nie im Übermaß beschäftigt hatte, mit nach Berlin. Revolte liegt in der Luft.
Die Tochter hebt rückblickend eine im Januar 1968 in konkret erschienene und im Dezember 1967 geschriebene Kolumne hervor als Abwendung ihrer Mutter von jeglicher menschlichen Empathie und Hinwendung zur realitätsleugnenden Ideologie. Es geht darin um den Sexualmörder Jürgen Bartsch. Der junge Mann – Adoptivkind, Heimkind, Metzgergeselle – hatte vier kleine Jungen vergewaltigt und sadistisch ermordet. Der fünfte war entkommen. Der Prozess eskaliert zum „Jahrhundertfall“. Reaktionäre fordern: „Rübe ab!“ – Linke fühlen sich in den Täter und seine Motive ein. Das ist neu.
Auch dieser Text liegt voll im Trend des fortschrittlichen Zeitgeistes, der Ausgrenzung und Entmenschlichung von Tätern entgegentritt mit der Erinnerung daran, dass auch sie Menschen sind. Kurz vor dem Text von Meinhof war am 7.12.1967 ein anderer mit ähnlichem Tenor in der Zeit erschienen, Autor Uwe Nettelbeck. Beide AutorInnen loten die psychosoziale Situation des Täters aus und dessen gesellschaftlichen Kontext, erwähnen die Opfer jedoch mit keinem Wort mehr.
Diese Töchter und Söhne der von ihnen so verdammten Nazis identifizierten sich also wieder einmal ausschließlich mit den Tätern. Doch wie konnte es auch bei Ulrike Meinhof dazu kommen, die ja aus einem kritischen Mutterhaus kam und sehr früh lernte, mit den Opfern zu fühlen? Wie hatte sie sich überhaupt in den so offen zynischen und gewalttätigen Röhl verlieben können? Und wie konnte sie später eine Schwäche haben für den Ex-Zuhälter Andreas Baader, für den alle Frauen „Fotzen“ waren?
Hat diese Frau sich bei Männern klein gemacht, um sich für ihre intellektuelle Überlegenheit zu entschuldigen? Fehlten ihr die politischen Kategorien zu einem umfassenden Begreifen? Hat ihr Doppelleben sie früh verformt? Es bleiben viele Fragen offen.
Kurz nach ihrem Umzug – oder sollte man sagen: nach ihrer Flucht? – via Berlin taucht Meinhof in Begleitung von „Genossen“ in Hamburg auf. Die Bande will zunächst die konkret-Redaktion demolieren, kommt da aber nicht zum Zug und zieht zu der einst gemeinsamen ehelichen Villa in Blankenese. Da wird dann unter Anleitung der einstigen Hausbesitzerin Ulrike das Mobiliar zerstört und in den Garten geworfen. Vorgetragenes Motiv: die politische Uncorrectness von konkret (damals hieß das noch anders).
Nun hätte es viele gute Gründe gegeben, bei konkret Anfang der 70er Jahre mal Putz zu machen. Schließlich war Röhl der Erfinder des Kindersex-Sells in deutschen Medien:
Nach Abgang seiner Ehefrau machte der inzwischen alleinerziehende Vater zweier kleiner Töchter die nackten kleinen Mädchen auf dem Cover kommerzfähig. Und das nicht nur in der Theorie. Denn dass sich sein so schrankenloser Blick auch auf die eigenen Töchter gerichtet hat, das hatte Tochter Bettina in der Vergangenheit durchaus schon mal thematisiert – verschweigt es aber jetzt in ihrem Buch. Doch genau das benannte Meinhof alles nicht. Es ging angeblich wieder mal nur um die großen Weltprobleme – wo die kleinen doch so nahe lagen.
Der weitere Weg der Ulrike Meinhof ist dunkle deutsche Geschichte. Sie geht nach Berlin. Der Zeitgeist schreibt jetzt Handeln! ganz groß. Handeln statt Schreiben. Am 14. Mai 1970 ist Ulrike Meinhof eine von fünf Frauen, die dem wg. Kaufhausbrand zusammen mit Gudrun Ensslin einsitzenden Andreas Baader zur Flucht aus dem Gefängnis verhelfen. Sie taucht mit ihren GenossInnen in den Untergrund ab.
In absurder Verkennung der Realitäten spielen die Bürgerkinder der RAF, flankiert von einigen von ihnen „befreiten“ Heimkindern, nun in der jungen westdeutschen Republik Guerillakrieg. In Vietnam kämpft der Vietcong, in Südamerika Che Guevara – in Berlin greift die ‚Rote Armee Fraktion‘ zur Kalaschnikoff. Aber erst geht’s via DDR – alte Connection – Richtung Beirut. Dort soll die deutsche Guerilla ausgebildet werden.
Hier nun eskaliert der Wahnsinn vollends. Unter Führung von Baader wird der zeitweilige Lebensgefährte von Meinhof, Peter Homann, von der Gruppe (zu der auch Horst Mahler gehört, heute NPD) „zum Tode verurteilt“. Im Morgengrauen soll er „liquidiert“ werden. Er kann sich im letzten Moment unter die Fittiche der Palästinenser-Führung retten. Nun wird beschlossen, Ulrikes Zwillinge in ein palästinensisches Waisenlager zu überführen, damit sie „echte Revolutionäre“ werden.
Es war knapp, aber die beiden von gutmeinenden „Genossen“ auf Anordnung der Mutter in ein Hippielager auf Sizilien entführten Mädchen konnten im letzten Augenblick gerettet werden. Der das wagte, war niemand anderes als „Onkel Aust“, der als Zyniker beleumundete heutige Chefredakteur des Spiegel. In diesem so gar nicht spaßigen Buch von Bettina Röhl (‚So macht Kommunismus Spaß‘) gibt es eigentlich nur zwei Lichtgestalten: „Onkel Aust“, der schon als 19-Jähriger ein ruhender Pol in der konkret-Redaktion gewesen zu sein scheint, weil er dort nicht nur die ganze Arbeit machte, sondern auch die Röhl-Kinder verlässlich mit Buntstiften versorgte; und „Tante Holde“, die nach dem Tod der Mutter Meinhof die Lebensgefährtin und Hausfrau von Renate Riemeck wurde und ihr treu und ergeben ein halbes Jahrhundert lang diente.
Holde war schon gleich nach der Geburt der Zwillinge, als die Mutter operiert werden musste, zur Ersatzmutter der Mädchen geworden und ist es lebenslang geblieben. „Tante Renate“ kümmert sich derweil, wie immer, um die Politik. Sie fordert ihre Ziehtochter Ulrike in einem offenen Brief zur Rückkehr auf: „Du solltest versuchen, die Chancen von Bundesrepublikanischen Stadtguerillas einmal an der sozialen Realität dieses Landes zu messen.“ Ulrike antwortete nie.
Inzwischen schießt die RAF wieder scharf. Der Rückkehr aus dem Trainingslager folgen Banküberfälle, Attentate und Entführungen; tonangebend gegen das „imperialistische Schweinesystem“ und die „Schweinebullen“ wird Journalistin Meinhof. Aus Versehen Erschossene oder gezielt Liquidierte sind an der Tagesordnung, der Staat rüstet gegen – und am Ende steht der Selbstmord der gesamten RAF. Riemeck über Meinhof: „Zuletzt war sie, glaube ich, nur noch die Gefangene der Gruppe.“ Am 9. Mai 1976 erhängt Ulrike Meinhof sich in ihrer Zelle, fünf Monate vor den anderen.
Doch der Mythos lebt. Und die Verführbarkeit gerade derer, die für die „gerechte Sache“ kämpfen, hat weiterhin Konjunktur, und das nicht nur bei islamistischen Selbstmord-Terroristen. Noch immer sympathisieren manche Kinder, inzwischen Kindeskinder, deren Eltern und Großeltern schon eine fatale Schwäche für die „Sache des Volkes“, für totalitäre Denkweisen und Systeme hatten, mit den Helden dieser „Männerkiste“ (Meinhof).
Doch was hatten die Frauen darin zu suchen? Ein zweiter und dritter Blick auf die RAF-Terroristinnen hat allen, die sehen wollten, schon in den 70er Jahren gezeigt: Diese Frauen blieben Fremde in der deutschen Stadtguerilla, sie waren „Bräute“ oder „Kerle“ mit einer geliehenen Identität in einem durch und durch patriarchalen System. Das heißt, sie waren entweder in einen Helden verliebt – oder sie hielten sich selber für einen. Ihre Lebensläufe sind weiblich, was sonst, meist gar zu weiblich: übergriffige Väter und Onkel, hartherzige Mütter, enttäuschte Sehnsüchte. So hat so manche gegen Vater Staat gekämpft, obwohl sie eigentlich auch den eigenen Vater, den eigenen Onkel, den eigenen Mann meinte. Auch das wäre politisch gewesen, wurde aber nicht als solches erkannt und schon gar nicht benannt.
Im Leben all dieser „Revolutionärinnen“, und auch in ihrem, hat nicht nur das „Schweinesystem“, sondern auch das Patriarchat eine einschneidende Rolle gespielt. Und welchen Part hatte Ulrike Meinhof in dieser bleiernen Zeit?
Das Private ist politisch. Genau das meinte dieser so oft missverstandene Slogan der frühen Frauenbewegung: Auch dass eine Ulrike Meinhof das nicht durchschaut und damit ihre eigene Motivation nicht erkannt hat, hat die Autorin der vielzitierten Schlagzeile „Die Würde des Menschen ist antastbar“ das Leben gekostet. Und die Würde.
Alice Schwarzer, EMMA Juli/August 2006
Bettina Röhl: ‚So macht Kommunismus Spaß! Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte konkret‘ (Europäische Verlagsanstalt, 29.80 €). – EMMA 9/1989:

Interview von Alice Schwarzer mit Renate Riemeck.

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