Als sie noch von der Macht träumte

Angela Merkel über Susan Faludis Buch "Die Männer schlagen zurück". - © imago
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Susan Faludi beschreibt in ihrem Buch ,Backlash. Die Männer schlagen zurück' die 80er Jahre als eine Dekade der Stagnation in der Frauenpolitik und der Reaktion der Männer auf den Feminismus. Sieht es in Deutschland anders aus? Da haben wir zwar die rechtliche Gleichberechtigung garantiert, eine nüchterne Analyse der Teilhabe von Frauen im öffentlichen Leben aber zeigt ein eher erschreckendes Bild. Ich habe dieses Buch im Januar 1993 in Amerika gelesen, in einer Zeit, als nach Bill Clintons Wahlsieg Frauen im politischen Leben der Vereinigten Staaten wieder eine größere Rolle zugedacht wurde. In den Monaten danach haben wir aber erlebt, wie amerikanische designierte Ministerinnen abserviert wurden. Wer hat je einen Mann gefragt, woher sein Kindermädchen kommt?

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Das Rollenbild wird immer noch von Männern vorgegeben 

Susan Faludi schildert, welche Erwartungen heute an Frauen gestellt werden und wie die Realität aussieht. Das Rollenbild wird immer noch von Männern vorgegeben, lautet die Botschaft von Susan Faludi. Sie erspart sich dabei nicht die Mühe, mit Fakten nachzuweisen, in welcher Weise Trends und Modeerscheinungen, die in der Realität weder relevant noch typisch sind, gemacht und schein-wissenschaftlich untermauert werden.

Wer sind die Trendsetter? Wer macht die Meinung? Wer bestimmt, wovon wir erfahren dürfen, was wir wollen und wohin wir gehen sollen? Faludis Antworten auf diese Frage zeigen, dass es auch in Amerika vor allem Männer sind. Mit Unterstützung von ein paar Alibi-Frauen vermitteln diese Männer uns ein Meinungsbild, das Frauen nicht gerade ermutigt.

Ich sehe das in Deutschland genauso. Denn ich merke, dass Frauen so lange schwer vorankommen, wie sie nicht im gleichen Maße teilhaben am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben. So lange sie nicht in den Führungspositionen der Medien, der politischen Parteien, der Interessenverbände, der Wirtschaft und der sozialen Bereiche vertreten sind; so lange sie nicht zu den Modeschöpfern und Spitzenköchen gehören; so lange werden Leitlinien eben von Männern festgelegt. Deshalb ist eine meiner Lehren aus diesem Buch und aus meinen Erfahrungen: Wir Frauen müssen weitergehen auf dem Marsch durch die Institutionen und teilhaben an der öffentlichen Macht! Ob dies auch die Botschaft von Susan Faludi ist, vermag ich nicht ganz zu erkunden. Ich glaube, dass die Frauenbewegung in dieser Frage unentschieden ist.

Durch Schuldgefühle kann man den Mut, den Aufbruchsgeist und den Willen zur Selbstgestaltung des Lebens bei Frauen am besten unterbinden, lautet die zweite Erkenntnis von Susan Faludi. Man muss nur den Frauen immer wieder statistische irrelevante Zahlen vorhalten und falsche Fragen in den Medien publizieren und diskutieren, um sie in arge Selbstzweifel zu stürzen. Welche Heiratschancen habe ich, wenn ich eine führende Position bekleide? Wie hoch ist die Gefahr einer Fehlgeburt? Was leiden meine Kinder, wenn ich versuche, Beruf und Familie zu vereinbaren? Diese Fragen werden immer wieder an für Frauen entmutigenden Negativ-Beispielen diskutiert. Es ist der Versuch der Männer, sich in den von ihnen besetzten Positionen zu halten oder zumindest die einsteigenden Frauen mit einem schlechten Gewissen zu deckeln.

Wir Frauen müssen teil-haben an der öffentlichen Macht!

Susan Faludi zeigt an unglaublichen Beispielen, wie bestimmte wissenschaftliche Tatsachen so oder so ausgelegt werden können, und wie Statistik genutzt wird, um ein scheinbar unumstößliches Glaubensbekenntnis zu untermauern.

So stieg die Frauenerwerbsquote Anfang der 80er Jahre in den USA erstmals auf über 50 Prozent. Prompt behauptete Präsident Reagan, die berufstätigen Frauen seien ,schuld' an der Arbeitslosigkeit. In Wahrheit war es die der Rezession. Die Frauen profitierten nämlich in Reagans Amtszeit von jährlichen Stellenzuwachs so wenig wie zu Eisenhowers Zeiten. Und ein Drittel der neuen Frauenjobs lag unter dem Existenzminimum. Faludi: "Das waren keine Stellen, die Frauen den Männern wegnahmen; das waren Dreckjobs, die Männer ablehnten und Frauen aus Verzweiflung annahmen- um ihre Familie zu ernähren, wenn der Mann abwesend, arbeitslos oder unterbeschäftigt war."

Was lässt sich hieraus lernen? Zunächst muss die Frage beantwortet werden: Wer tut die Arbeit, die Frauen heute leisten, wenn sie stärker und richtigerweise am öffentlichen Leben beteiligt werden? Diese Arbeit kann nur von den Vätern und Großvätern, den Männern also geleistet werden. Das müssen Frauen immer wieder auf den Tisch bringen, auch wenn es unendlich viel Kraft braucht.

Wir müssen wegkommen von den stereotypen Rollenvorstellungen und neue Leitbilder propagieren: Der Mann, der sich um die Nachbarn kümmert; der Mann, der nachmittags in der Theatergruppe der Schule mitmacht; der Mann, der spült und das Klo putzt. Denn das habe ich der DDR gelernt: Wenn Frauen nur zusätzlich zu all den Arbeiten, die sie zu erledigen haben, noch die Erwerbstätigkeit oder die Teilhabe an öffentlichen Ämtern ausüben, dann schwindet die Kraft, sich über die eigene Lebensgestaltung klar zu werden, gar in sie zu investieren.

Leider gibt Susan Faludi keine Antwort auf die Frage, wie diese Änderung des Rollenverständnisses von Männern bewirkt werden kann. Die gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen und privaten Leben ist ja keineswegs allein durch Gesetze und Verordnungen zu verwirklichen. Der Kampf um die Gleichberechtigung ist nach Susan Faludi eine spiralförmige Entwicklung, immer wieder verbunden mit Rückschritten, die sich nur langsam an die eigentliche Gleichberechtigung herantastet. Wie diese eigentliche Gleichberechtigung letztendlich aussieht, bleibt in dem Buch an vielen Stellen im Dunkeln.

Ich verstehe unter Gleichberechtigung das gleiche Recht für Frauen auf Gestaltung des eigenen Lebens und die gleichmäßige Verteilung aller Pflichten, die für das Gesamtwohl unserer Gesellschaft unerlässlich sind. Individualisierung allein wird uns nicht voranbringen. Susan Faludi zeigt, dass Frauen ihre Anliegen selbst artikulieren müssen, und dies kontinuierlich. Das Unwissen nachwachsender Frauengenerationen über die Forderungen ihrer Vorkämpferinnen hat immer wieder zu Brüchen in der feministischen Entwicklung der USA geführt. In Deutschland wird es nicht anders sein. Faludi zeigt, dass Frauen sich selber auf den Weg machen müssen, wenn sie für sich etwas erreichen wollen.

Gleiches Recht für Frauen auf Gestaltung des eigenen Lebens

Faludi argumentiert nicht, und das macht den Reiz dieses Buches aus, auf emotionaler Ebene. Sie bedient sich wissenschaftlicher Methoden, um zu beweisen, dass so mancher Trend oder Skandal mehr System hat, als auf den ersten Blick erkennbar ist.

Mitte der 80er Jahre erschienen in der amerikanischen Presse eine Fülle von Trendstories über Mütter, die angeblich Angst hatten, ihre Kinder in Horte zu geben. 1988 taucht dieser Trend dann erstmals in einer nationalen Erhebung auf: 40 % der Mütter sprachen nun von dieser Angst', das Vertrauen in die Horte sank von 76 Prozent im Vorjahr auf 64 Prozent. In den 80er Jahren wurde von den Medien ebenso hartnäckig behauptet, immer mehr Frauen gäben ihren Beruf auf, um bessere Mütter zu sein. Tatsächlich aber sank die Frauenerwerbsquote in dieser Zeit bei Frauen zwischen 20 und 44 nur um 0,5 Prozent.

Faludi: "Die Frauen-Trendstories der 80er Jahre, die nur so taten, als brächten sie Fakten, dienten einem politischen Programm, obwohl sie den Frauen weismachten, was mit ihnen geschehe, habe nichts mit Politik oder gesellschaftlichen Zwängen zu tun."

Für mich eröffnet Susan Faludis Buch eine völlig neue Sichtweise auf die Entwicklung der letzten zehn bis 15 Jahre in Amerika. Es zeigt aber vor allem uns in Deutschland, die wir zur Zeit in einem Prozess der Annäherung von sehr verschiedenen Biographien in Ost und West sind, aufweiche Gefahren Frauen stoßen werden.

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Alice Schwarzer schreibt

18.9.2005: Ein Mann sieht rot

Gerhard Schröder in der "Elefantenrunde" am Wahlabend.
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Irgendetwas stimmt hier nicht. Irgendetwas ist hier anders als sonst. Aber niemand will es wahrhaben. Alle reden drumrum. Ganz wie beim so genannten "Familiendrama", das angeblich schicksalhaft ist, scheinen auch bei dieser Schicksalswahl höhere Kräfte zu walten. Es gibt da nur einen kleinen Unterschied: Beim privaten Familiendrama (auf Türkisch: Ehrenmord) bringt er sie um, weil sie geht. Bei diesem politischen Familiendrama will er sie umbringen, weil sie kommt.

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Der Noch-Ehemann, der ohne seine Frau nicht leben kann (bzw. nicht will, dass sie ohne ihn lebt), handelt nach dem gleichen Gesetz wie der Noch-Kanzler, der für sie nicht weichen will. Beim ersten heißt das Motiv "Liebe", bem zweiten "Vaterlandsliebe". Denn jetzt gilt es, das Land nicht nur vor einem "Systemwechsel" zu retten, sondern vor etwas viel, viel Schlimmerem: vor dem Geschlechterwechsel.

Wir erkennen den typischen Tyrannen daran, dass er männlich ist; er macht, was er will; und es tödlich sein kann, ihm zu widersprechen. Innerhalb seines Universums gilt sein Gesetz, ob Eigenheim oder Kanzleramt. Unser Polittyrann spielt sich als Wahlsieger auf, obwohl er der Verlierer ist. Seine Herausforderin hat 2005 rund 450.000 Stimmen mehr als er - 2002 haben ihm schlappe 6.000 Stimmen mehr genügt, um sich als Kanzler bestätigt zu sehen. Und niemand hat es ihm streitig gemacht.

Doch ein Tyrann sieht das anders. Er verwandelte die gezählte Wahlniederlage in einen gefühlten Wahlsieg, und führte sich am Wahlabend so machtbesoffen auf, als hätte er die absolute Mehrheit in der Tasche. Nach sieben Jahren an der Macht kann der Cohiba-Kanzler es sich offensichtlich gar nicht mehr vorstellen, seinen Platz zu räumen. Weil "niemand außer mir in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen. Niemand außer mir!" Noch Tage später verkündet sein Paladin Müntefering: "Gerhard Schröder bleibt Kanzler!" Und seine ganze Politfamilie klatscht dazu.

Denn das ist die Logik solcher geschlossenen Systeme: Der Tyrann macht das Gesetz. Das System hat nur eine Schwäche: Keiner wagt, sich ihm in den Weg zu stellen. Auch nicht, wenn es der falsche ist. So kommt es, dass die gesamte SPD die surrealen Szenarien des Tyrannen mit trägt.

Plan Nr. 1: Ich komme mit meiner Dreistigkeit durch, weil ich das A so gewohnt bin, und B in einer Mediendemokratie Inszenierungen schwerer wiegen als Realitäten. Plan Nr. 2: Ich werde mich mit den echten Männern in der FDP schon noch einigen. Plan Nr. 3: Okay, ich gebe den Weg für die große Koalition und damit für einen CDU-Kanzler frei, weil selbst ich ahne, dass meine Position unhaltbar ist - aber dann nehme ich sie mit. Wenn ich stürze, dann soll die mitstürzen. Denn schließlich ist es ja keine Frage, höhöhö, dass ein Mannsbild wie ich nicht ersetzt werden kann durch eine Frau.

Also bedrängt der Tyrann den Sieger und gröhlt: Gebt sie raus! Ich mach sie platt! Zunächst erreicht der Tyrann damit das Gegenteil. Er nötigt mit seinem brachialen Angriff die schwankende Mannschaft zur Solidarität mit der eigenen Kandidatin. Die Männer der Union scharen sich im Rücken der einsamen Frau an ihrer Spitze zusammen. Noch. Aber wie lange noch?

Werden die SPD-Machos, die es bis heute verstanden haben, keine sozialdemokratische Kanzlerkandidatin auch nur hochkommen zu lassen, jetzt auch noch die christdemokratische Kandidatin verhindern? Werden sie es wagen, Ja zur großen Koalition zu sagen - und damit Ja zu einem CDU-Kanzler - aber Nein zu einer Kanzlerin? Wie wollen sie dann ihre Präferenz für die Wulffs oder Kochs begründen? Und was würden die stummen SPD-Frauen wohl dazu sagen? Wieder nichts?

Nicht nur der überraschend knappe Sieg, auch Schröders Pöbeleien haben Angela Merkel angefasst. Und vorgeführt. Denn es liegt in der Logik des Tyrannen-Systems, dass die Schwächeren von ihm fasziniert sind. Auch die Medien sprechen plötzlich nicht mehr von einem Verlierer und einer Siegerin, sondern von den "beiden Kandidaten", die das jetzt "miteinander austragen" sollen. Wir ahnen schon, wer da als Leiche auf dem Schlachtfeld zurückbleiben würde...

Oder, noch kommoder: Beide ziehen sich zurück. "Mit dieser Lösung", schreibt gestern Bild, "könnte Schröder gesichtswahrend abtreten. Motto: Wenigstens hab ich Angela Merkel verhindert." Ein offenes Wort. Der Schröder-SPD geht es in der Tat schon lange nicht mehr um das Wohl der Partei oder gar Deutschland, nein: Es geht darum, dass ein Mann sein Gesicht nicht verliert. Es geht um Männerehre. Und wenn die verletzt wird, sieht ein echter Mann bekanntlich rot.

Auf dem Altar dieser Männerehre soll nun die Frau geopfert werden, die es gewagt hat, IHN herauszufordern. Da sind alle Mittel recht, auch der klägliche Winkelzug einer Geschäftsordnungsänderung. Denn dieser Alien, dieser Ossi, diese Frau muss verhindert werden! Das fordert der Tyrann.

Schon vor den Wahlen war die große Koalition im Kalkül. Doch niemand wäre auch nur auf den Gedanken gekommen, bei einem Wahlsieg der Union die Kanzlerschaft von Merkel jetzt noch infrage zu stellen. Die einzige Frage schien: Welcher Mann ist selbstbewusst und gelassen genug, um unter ihr Vize sein zu können? Jetzt aber hat der stürzende Tyrann es geschafft, sie mit ins Wanken zu bringen. Was den diversen Kanzleramts-Aspiranten in ihren eigenen Reihen so unrecht nicht sein wird.

Nein, es hat keinen Sinn, noch länger drumrum zu reden. Deutschland scheint nicht reif für eine Kanzlerin. 60 Jahre nach dem Führer und 87 Jahre nach Erringung des Frauenstimmrechtes hat zwar das Volk sie gewählt, doch scheint die Mehrheit der Mächtigen dieses Landes weit davon entfernt, einer Frau das höchste Staatsamt zugestehen zu wollen. Zutrauen vielleicht. Aber zugestehen? Nein!

"Suboptimal" soll die Kanzlergattin, his masters voice, den Auftritt ihres Mannes am Wahlabend genannt haben, plauderte der Immer-noch-Kanzler von eigenen Gnaden vor laufenden Kameras aus. Denn er hat es sich angewöhnt, seine Privatangelegenheiten für Staatsangelegenheiten zu halten. Subminimal ist die Rolle der Politikerinnen bei diesem Männerpoker. Bis auf die eine. Darum soll sie weg.

Es ist nicht ohne Tragik, dass die Kandidatin bis zuletzt davon überzeugt war, es spiele "keine Rolle, dass ich eine Frau bin". Sie war, trotz einschlägiger Erfahrungen, auf einen so kruden Angriff nicht gefasst. Ich gebe zu: Selbst ich habe das so enthemmt nicht mehr erwartet.

Da erleben wir im Jahre 2005 den Versuch eines scheidenden Kanzlers, seine designierte Nachfolgerin in einer Art und Weise öffentlich zu desavouieren, die er sich auch mit dem härtesten politischen Gegner nie erlaubt hätte - und die der ihm auch nie durchgehen ließe. Schröders Motiv ist unübersehbar Verachtung, ja Hass auf die Frau, die ihm gewachsen sein könnte.

Sollte ich mir vor den Wahlen noch Fragen gestellt haben - weil der kaltherzige und frauenignorante Wahlkampf beider großen Parteien nicht gerade einladend war - so ist es mir spätestens seit dem gewalttätigen Auftritt des Tyrannen am Wahlabend klar: Eine Kanzlerin für Deutschland ist überfällig! Denn was auch immer sie täte - so tritt diese Frau nicht auf, die am Wahlabend "demütig und akzeptierend den Wählerwillen zur Kenntnis" nahm. Genau darum wäre kein anderer als sie jetzt der wahre Systemwechsel.

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