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Anni Albers, die Weberin

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Wenn man von einer Bauhausfrau sagen kann, dass sie Erfolg hatte, dann ist es Anni Albers. Konsequent hat sie das Handwerk der Weberei, die industrielle Textilproduktion und die abstrakte Kunst der Moderne zusammengeführt und als Einheit weiterentwickelt. Sogar das Leben im Exil nahm bei ihr und ihrem Mann Josef eine unerwartet positive Wendung. Beide importierten die Bauhausideen in die USA. In ihrer Textilkunst vollzog die „Philosophin des Fadens“ den Wechsel vom unsterblichen Werk zum lebendigen Wirken, vom Produkt zum Prozess, was sie aus heutiger Perspektive als Anwältin einer anderen, weiblichen Moderne erscheinen lässt.

Anneliese Fleischmann wurde am 12. Juni 1899 in Berlin in eine großbürgerliche Familie hineingeboren und protestantisch getauft. Ihre Mutter, Toni Fleischmann-Ullstein, kam aus der deutsch-jüdischen Verlegerfamilie Ullstein. Für die heranwachsende Anni kam ein Kunstlehrer ins Haus. In Sten Nadolnys „Ullsteinroman“ heißt es: „Anni … war in der Fleischmann-Familie die Schwierigste. Sie war auch die Schönste, eine Femme fatale ersten Ranges … Bohèmienne wollte sie sein, Revolutionärin, Künstlerin.“

Mit 17 Jahren begann Anni eine Ausbildung; ihr Versuch, Unterricht bei Oskar Kokoschka zu nehmen, war gescheitert. Der hatte geraten, sie solle lieber Hausfrau und Mutter werden. Auch am Bauhaus wurde sie erst einmal abgelehnt. Sie blieb trotzdem in Weimar und verliebte sich in einen hageren, halb verhungerten Westfalen: Josef Albers, der seit dem Herbst 1920 am Bauhaus studierte. Er war elf Jahre älter als sie und ausgebildeter Kunstlehrer. Sie überredete ihn, ihr beim zweiten Anlauf zu helfen – und der klappte.

1922 begann Anni Fleischmann mit dem Studium. Im dritten Semester landete sie in der „Frauenabteilung“ der Weberei, und fühlte sich dort erst einmal am falschen Platz. „Weben hielt ich für zu weibisch.“ Auch die Arbeitsbedingungen in der Werkstatt waren alles andere als ideal: „Es gab keinen richtigen Lehrer für Textilarbeit. Zu Beginn lernten wir überhaupt nichts. Wir saßen einfach da und haben es probiert.“ (Interview 1987)

Doch Anni wusste die Freiräume für sich zu nutzen. In ihrem Beitrag über die Weberei schrieb sie 1955: „Dieses Spiel mit dem Material … brachte erstaun­liche Ergebnisse: neuartige Gewebe, verblüffend durch Farbenfülle und Struktur, die eine manchmal geradezu barbarische Schönheit  besaßen.“ In dieser Zeit entstanden die ersten für Anni typischen Arbeiten: großformatige Wandbehänge und Meterstoffe mit abstrak­ten Motiven, streng auf geome­trische Grundformen reduziert.

1924 kritisierte sie in ihrem Aufsatz wohnökonomie: „Die herkömmliche Wohnform ist eine verbrauchte Maschinerie, die die Frau zum Sklaven des Hauses macht.“ Sie warb für die neue Zweckmäßigkeit: „die arbeit muß heute experimentell sein …. wir müssen handwerkliche und technische möglichkeiten neu durchdringen … der weg führt also zum einzelstück und zur massenherstellung.“

Im Frühjahr 1925 zog das Bauhaus nach Dessau um, im Mai ließen Anni und Josef sich in Berlin katholisch trauen. Josef Albers war inzwischen Bauhausmeister und leitete den Vorkurs in der Glaswerkstatt. Anni webte Wandbehänge und wandte sich der Herstellung von Gobelins zu. Mit einander vertikal und horizontal durchwirkenden Fäden erreichte sie eine strenge geometrische Musterung, die eng mit der von Josefs Glasarbeiten korrespondiert. Sie experimentiert mit unterschiedlichen, auch synthetischen Materialien.

Anni Albers wichtigste künstlerische Lehrer am Bauhaus waren Wassily Kandinsky und Paul Klee. Klee war ihr „Gott“. Im Februar 1930 schloss sie ihre Ausbildung am Bauhaus mit einem Diplom ab, dafür entwickelte sie einen schalldichten, lichtreflektierenden Wandbespannungsstoff, der auch als Vorhang dienen konnte. Zur Verstärkung der Lichtreflexion verwendete sie für die Vorderseite Cellophan, auf der Rückseite schalldämpfende Chenille. Im Herbst 1931 übernahm Anni die Leitung der Weberei.

Im April 1933 musste das Bauhaus unter dem Druck der Nationalsozialisten schließen. Anni Albers, in deren Leben ihre jüdische Herkunft bisher faktisch keine Rolle gespielt hatte, geriet durch den wachsenden Antisemitismus in zunehmende Gefahr. Sie ging ins Exil. Am 24. November 1933 kamen die Albers in New York an, wo sie in der Presse als „Vertreter der europäischen Moderne“ gefeiert wurden. 1934 begann Anni am Black Mountain College mit dem Ausbau der Weberei, daneben entwarf sie Stoffe für große Firmen wie Rosenthal und Knoll. Sie sah die Zukunft der Textilarbeit in der industriellen Produktion, verzichtete aber keineswegs auf Materialexperimente in der individuellen handwerklichen Arbeit.

In diesen Jahren tauchten in Anni Albers Werk auch erstmalig Knoten auf, die sie zeichnete, malte, webte und die, wenn man ihren Fäden folgt, eine Verbindung zu alten Kulturen wie der der Kelten herstellen. In Anni Albers Schaffen schwingt eine philosophisch-religiöse Dimension mit, auf die sie auch selbst immer wieder verwies: Manche von Annis Mustern erinnern an die Zeichen in einem Mandala, andere an Schrift, wieder andere an technische Prozesse.

Sie entwickelte eine ganz eigene Auffassung vom Werk, von künstlerischer Existenz und Identität, mit der sie sich der traditionellen patriarchalen Fixierung auf eine ruhmreiche Verewigung in Meisterwerken widersetzt und entzieht. Diese deutlich antipatriarchale Note lässt Anni Albers heute als Vertreterin einer „weiblichen Moderne“ erscheinen, die am Bauhaus vielfältig aufleuchtete, aber in der Rezeption über Jahrzehnte verloren­gegangen ist.

Anni war lange Zeit von der Öffentlichkeit in erster Linie als Gattin des Künstlers und erst in zweiter Linie auch als Künstlerin wahrgenommen worden, doch sie wehrte sich erfolgreich dagegen. Beide bewunderten die Kunst der Maya oder der Azteken: ihre Verbindung von rationaler Ordnung, Einfachheit und Ökonomie. Darin sah Anni Albers Bezüge zur abstrakten Kunst der Moderne. Da wird nicht fortschritts­besessen mit der Vergangenheit „gebrochen“, sondern Altes und Neues werden zu einem Lebensstoff „versponnen“. 

Ihren ersten internationalen Erfolg hatte Anni Albers im Jahr 1949, als das New Yorker Museum of Modern Art ihr als erstem Weber überhaupt eine Einzelausstellung widmete. „Her Weaving becomes a Modern Art“, lautete die Überschrift eines Zeitungsartikels über Anni Albers. 1965 erhielt sie vom Jewish Museum in New York den Auftrag für eine Arbeit zum Gedenken an die Holocaust-Opfer. Das Werk „Six Prayers“ wurde ihre letzte große Textilarbeit.

Im Jahr 1975 waren Anni Albers Arbeiten im Kunstmuseum Düsseldorf und am Bauhaus-Archiv Berlin zu sehen – die erste Retrospektive in Deutschland seit 1933. Am 9. Mai 1994 starb sie im Alter von 94 Jahren in Orange. Kurz zuvor hatte  sie in einem Interview gesagt: „Was mich eben noch heute interessiert: daß dieses Suchen in großer Freiheit fruchtbar war – und nicht dort, wo schon eine Sprache gesprochen wird.“

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