Astrid Lindgrens ganz andere Seite

Astrid Lindgren mit ihrer wohl berühmtesten Schöpfung: Pippi Langstrumpf.
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Am 1. September 1939, als Deutschland Polen überfiel und den Zweiten Weltkrieg auslöste, schrieb Astrid Lindgren: „Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben.“ Damals war sie zweiunddreißig. Sie hatte zuvor als Sekretärin im „Königlichen Automobilclub“ gearbeitet, wo sie ihren Ehemann Sture kennengelernt hatte, war Mutter zweier Kinder, und bis auf einige Kurzgeschichten in Zeitschriften hatte sie noch nichts veröffentlicht.

Lindgren wohnte im Stadtteil Vasastan in Stockholm. Diese luftige, lichtdurchflutete Inselstadt versinnbildlicht das Lebensgefühl, das die sechs Kriegsjahre für Lindgren bestimmte. In den Tagebüchern beschreibt sie anschaulich ihr Oasen-Dasein, abgeschieden, aber halbwegs angenehm, eingeschränkt nur von Lebensmittelrationierungen, dem zeitweise lahmliegenden öffentlichen Verkehr, von Verdunkelungen, dem militärischen Bereitschaftsdienst des Mannes und steigenden Preisen. Sie lebte relativ sicher in einem Land, das der Krieg aussparte, vor dessen Grenzen die Tötungsmaschinerie haltmachte, obwohl die Fronten an allen Seiten näher rückten; durch den Überfall Polens, den sowjetischen Angriff auf Finnland, die Besetzung Dänemarks und Norwegens durch die Nazis, schließlich durch die sowjetische Übernahme des Baltikums, das vorher in deutscher Hand gewesen war.

Überall hatte faschistischer und stalinistischer Terror Millionen ermordete Menschen zur Folge, Ausgebombte, Verhungerte, Gefallene. Aber Schweden, das auf einer der Landkarten, die Lindgren zur Orientierung dienten, unmarkiert blieb – eine helle Fläche –, war davon ausgenommen. Hier konnte man spazieren gehen im Park, Sonne und Frühlingsblüher genießen, Weihnachten feiern am festlichen, reichgedeckten Tisch. Und doch ist jeder Tag dieser Aufzeichnungen auch von der Angst geprägt, das friedliche Leben konnte jeden Moment ebenfalls der Krieg erfassen.

Astrid Lindgren

Die Neutralität Schwedens ermöglichte es Lindgren, eine Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg einzunehmen, die innerhalb des kriegsgeschüttelten Europas einzigartig war. Es ist der Blick derjenigen, die vom privilegierten Standpunkt der Verschonten aus die Katastrophe verfolgt und zugleich aus diesem unheimlichen Wunder des Verschontseins ein Gefühl der Verantwortung entwickelt: Lindgren hat sich lebenslang für den Frieden starkgemacht. Damit spiegelt sich in ihr die Rolle, die auch das politische Schweden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für sich angenommen hatte als unermüdliche Weltpolizei. „Über Frieden zu sprechen“, sagte Lindgren 1978, in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, „heißt ja, über etwas zu sprechen, das es nicht gibt.“

Was Lindgren veranlasste, bei Ausbruch des Krieges ein Tagebuch anzulegen, ist aus den Aufzeichnungen nicht zu erfahren. In einem Interview gab sie später folgende Erklärung: „Zum ersten Mal hatte ich eine tiefe politische Überzeugung.“ Die ganze Familie wurde in die Diskussion über das Kriegsgeschehen einbezogen, auch die Kinder sammelten Informationen, manchmal las Lindgren ihnen aus dem Tagebuch vor. Aus Zeitungen, dem Radio, mit Hilfe von Kartenmaterial und den Berichten von Flüchtlingen verschaffte sie sich ein Bild von Frontverläufen, scheiternden Friedensverhandlungen, Bombenangriffen. Die furchtbaren Auswirkungen, die das Kriegsgeschehen auf das Leben der Menschen hatte, führte ihr der „Schmuddeljob“ vor Augen; seit 1940 arbeitete Lindgren abends in der Abteilung für Briefzensur des schwedischen Nachrichtendienstes. Sie hatte in der Schule Deutsch gelernt und konnte die deutsche Post lesen, die aus den okkupierten Ländern kam oder aus Schweden. Ihre Aufgabe war es, die Briefe auf landeskritische Inhalte zu prüfen. Manchmal schrieb
sie einen ab und nahm die Abschrift mit nach Hause, was streng verboten war.

„Niemand wollte es glauben.“ Möglicherweise löste die Unvorstellbarkeit der Tatsache, in einem aufgeklärten Europa könne ein Land ein anderes einfach überfallen und annektieren, den Impuls aus, sich mit Hilfe eines Tagebuchs darüber klarzuwerden, was da eigentlich geschah. Denn schon damals, vor Beginn ihrer Karriere, hatte Lindgren die Begabung, auf scheinbar einfache Weise an Wesentliches zu rühren: „Deutschland und Russland haben das Land zwischen sich aufgeteilt. Man kann kaum glauben, dass so etwas im zwanzigsten Jahrhundert passiert.“

Das Besondere am Tagebuch ist, dass unmittelbar aus den Ereignissen heraus gesprochen wird. So eröffnet sich heutigen Lesern vor einem Wissenshorizont, den der Abstand von mehr als 70 Jahren mit sich bringt, das Geschehen so, wie es sich Lindgren im schwedischen Insel-Dasein von Tag zu Tag darstellte: Zuvor Unvorstellbares erweist sich immer wieder als Wirklichkeit. Das Ausmaß der Gewalt, die täglichen Schreckensmeldungen übersteigen jede Vorstellungskraft. Unter anderem wird deutlich, wie stark sich die schwedische Bevölkerung vom stalinistischen Regime bedroht fühlte. Die Angst vor einer sowjetischen Invasion überstieg die Angst vor der Besetzung durch die Nazis; ein Verhältnis, das sich erst langsam änderte. 1940 bekannte Lindgren, lieber mit den Deutschen paktieren zu wollen, als sich den Sowjets auszuliefern.

Lindgren, geboren 1907, wurde als Kind und junge Frau von der Atmosphäre der 20er und 30er Jahre geprägt, einer Zeit gesellschaftlicher Demokratisierungsprozesse, emanzipatorischer Bewegungen, künstlerischer Experimente in Schweden und Deutschland. Beide Länder waren sich in ihrer gesellschaftlichen Offenheit und neuen moralischen Freizügigkeit nah.

"Die Menschheit hat den Verstand verloren." Astrid Lindgren 1942

Hier wie da gewannen Gewerkschaften an Einfluss, erhielten Frauen endlich das Wahlrecht, gab es die „neue Frau“ der Sachlichkeit, die sich über einen androgynen Kleidungsstil und Kurzhaarfrisuren ausdrückte, die auch Lindgren ausprobierte. In ihrer Jugend trug sie öfter Schlips, Anzug und Hut auf dem Bubikopf. Aus der Sowjetunion dagegen kamen seit der Oktoberrevolution Horrornachrichten. Russische und jüdische Künstler und Intellektuelle waren auf der Flucht. Der Rote Terror wütete, die Bolschewiki setzten ihren Machtanspruch mit Deportationen und Erschießungen durch.

Vor diesem Hintergrund werden die zunächst widersprüchlichen Reaktionen auf den faschistischen Terror nachvollziehbarer, auch das nur zögerliche Begreifen, dass nicht allein Hitler, „die Bestie“, und sein Regierungsapparat verantwortlich waren für die grausame Tötungsmaschinerie, sondern dass sie tatsachlich von einer Bevölkerung unterstutzt wurde, die vor kurzem noch in einer jungen Republik mit einer Hauptstadt gelebt hatte, die mit ihren Charleston- und Tango-Tanzbars, den Stummfilmen der UFA, den Einflüssen des Bauhaus oder des Theaters Max Reinhardts als Kulturmetropole Europas galt. Zuweilen nimmt Lindgren die deutsche Bevölkerung gegen die Regierung in Schutz. Andererseits schreibt sie schon Pfingsten 1940 mit Rückblick auf den Ersten Weltkrieg: „Mit einem Volk, das im Abstand von etwa 20 Jahren so gut wie die ganze übrige Menschheit gegen sich aufbringt, kann etwas nicht stimmen.“

So macht Lindgrens Tagebuch auch deutlich, mit welcher Geschwindigkeit und Absolutheit sich kollektives Bewusstsein von Grund auf verändern kann, wie gefährdet offene Gesellschaften sind und wie wichtig das manchmal mühsam erscheinende demokratische Aushandeln politischer Entscheidungen ist.

Die Autorin der Kriegstagebücher war noch keine Schriftstellerin. Aber sie hatte schon angefangen, für ihre Tochter Karin die Geschichte der Pippi Langstrumpf zu erfinden. Der Name war ein Einfall der Siebenjährigen, die in den Kriegsjahren häufig krank war. Astrid Lindgren erfand am Krankenbett eine Figur zum Namen und eine Geschichte zur Figur. Was im Winter 1941 als Gutenachtgeschichte begann, schrieb Lindgren auf, als sie wegen eines verstauchten Fußes das Haus nicht verlassen konnte; vielleicht schon mit dem Gedanken an eine Veröffentlichung.

In den Kriegstagebüchern lässt sich die Entwicklung zur Schriftstellerin gut beobachten. Ein starker Gestaltungswille ist erkennbar. Auch die für Lindgren später so typische direkte Sprache mit der ihr eigenen Komik und Melancholie und ihrer Art, Wut und Angst in Ironie aufzulösen, findet sich. Das Kriegsgeschehen wirkt neben kleinen, zuweilen idyllischen Szenen von Urlauben in Småland, unbeschwerten Mittsommernächten oder Ausflügen in den Skansenpark in Stockholm nur umso grotesker. Der beinahe zwanghafte Drang, Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke zu notieren und die gehorteten Vorräte und Gerichte von Familienessen aufzulisten, spiegelt eine dauerhafte Sorge um die Kinder wider, die Angst, nicht mehr genug warmes Wasser, Gas und Lebensmittel zu haben, gibt aber auch Auskunft über Mentalitat und Essgewohnheiten: Kaffee und Zucker spielen eine große Rolle.

Eigene Gemütszustände dagegen erwähnt Lindgren selten. Nie gibt sie der dusteren Veranlagung nach, die manchmal unterschwellig zu ahnen ist und Lindgren von Kindheit an begleitet haben muss, wie Birgit Dankert in ihrer 2013 erschienenen Biographie zeigt. Lindgren hält keine Innenschau, macht sich fast nie zum Gegenstand der Betrachtung. Nur einmal, als ihr Ehemann sich 1944 in eine andere Frau verliebt und Lindgren verlassen will, notiert sie am 19. Juli, kurz nach der Invasion der Alliierten in der Normandie: „Blut fließt, Menschen werden zu Krüppeln, überall Elend und Verzweiflung.

Und ich kümmere mich nicht darum. Nur meine eigenen Probleme interessieren mich. Sonst schreibe ich immer ein wenig darüber, was zuletzt passiert ist. Jetzt kann ich nur schreiben: Ein Erdrutsch ist über mein Leben hereingebrochen, und ich bleibe einsam und frierend zurück.“

Wie sehr Lindgren unter dem Ehezwist litt, wird an den langen Pausen zwischen den Einträgen am sichtbarsten – ausgerechnet in einer der entscheidenden Phasen des Krieges schreibt sie am wenigsten. Schlaflosigkeit, Nervosität, Traurigkeit erwähnt Lindgren in verharmlosender Beiläufigkeit. Dabei war Sture ein halbes Jahr lang kaum zu Hause, verfiel mehr und mehr dem Alkohol, der 1952 zu seinem frühen Tod führte.

Lindgren gestattet sich weder Larmoyanz noch Selbstmitleid. Sie bleibt diszipliniert, schreibt nur umso pointierter. Und wenn sie wie von oben auf „die Lindgrens“ schaut oder sich dafür entschuldigt, längere Zeit nichts berichtet zu haben, wendet sie sich bereits an imaginäre Leser. Schließlich kristallisiert sich die entscheidende Erkenntnis heraus: „Am glücklichsten bin ich, wenn ich schreibe.“

 

Es würde noch einige Jahre dauern, ehe sie mit Pippi Langstrumpf und Büchern wie „Ronja Räubertochter“, „Karlsson vom Dach“ oder „Die Brüder Löwenherz“ zu Weltruhm kommen und ganze Generationen mit Figuren prägen sollte, die ikonographisch sind für unser heutiges Verständnis von Kindheit und von Kindern: Menschen mit eigener Persönlichkeit und Anspruch auf eigene Rechte. Diese Kinder sind selbstständig und betrachten Autorität mit Skepsis. Wenn nötig, rebellieren sie. Starke, eigensinnige Mädchen, tomboys, behaupten den Freiraum, eigene Fehler machen zu können; das dürfte eines der wesentlichen Elemente in dieser sensiblen Balance aus Gemeinschaftsgeist und Selbstbestimmung sein, die Lindgrens fiktive Welten ausmachen.

Als Lindgren 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, gab es in der westdeutschen Gesellschaft noch das so genannte „Elternrecht auf körperliche Züchtigung“. Lindgren wurde nahegelegt, ihre später berühmt gewordene Rede zu ändern. Sie ließ sich nicht beirren und hielt ein flammendes Plädoyer für eine gewaltfreie Erziehung.

Sie selbst war behütet aufgewachsen, von beiden Eltern geliebt, „geborgen und frei“. Ihr Sohn Lasse hatte es schwerer, und das markiert einen großen Bruch, eine Erschütterung in Lindgrens Leben.

Mit 18, als Volontärin bei der Ortszeitung von Vimmerby, wurde sie vom Chefredakteur schwanger. Sie entschied sich gegen eine Heirat, verließ das dörfliche Småland, die idyllische Jugend und zog nach Stockholm, um das Kind allein zu bekommen; ein Skandal. Lindgren wandte sich an die Frauenrechtlerin Eva Anden, die ihr zu einer Entbindung in Kopenhagen riet. Dort blieben Geburten anonym; als alleinstehende Frau mit unehelichem Kind wäre sie sonst gebrandmarkt gewesen. Ihren Sohn musste sie zu einer Pflegefamilie geben, während sie in Stockholm die Ausbildung zur Sekretärin beendete.

Obwohl sie ihn besuchte, sooft es ging, litt sie lebenslang an der Traurigkeit und den Schuldgefühlen, die diese drei Jahre in ihr auslösten (1931, nach der Heirat mit Sture, holte sie Lasse zu sich). Erst 1970 sprach Lindgren überhaupt zum ersten Mal darüber. Allerdings führte sie schon 1952 in einer eigenen Radiosendung Interviews mit unverheirateten Müttern und machte deren prekäre gesellschaftliche Stellung öffentlich zum Thema.

Das Kriegstagebuch beendete Lindgren Silvester 1945. Mit Blick auf die jüngste Politik heißt es dort hellsichtig: „Zwei denkwürdige Ereignisse hat das Jahr 1945 gebracht. Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg und die Atombombe. Ich möchte wissen, was die Zukunft über die Atombombe sagen wird, ob sie eine ganz neue Epoche im Dasein der Menschen markiert oder nicht. Der Frieden bietet keine große Geborgenheit, die Atombombe wirft ihren Schatten auf ihn.“

Das Kriegsende fiel für Lindgren aber auch mit dem Beginn einer ungeheuer produktiven Schaffensphase zusammen. Nachdem der führende schwedische Verlag Bonniers das Manuskript von „Pippi Langstrumpf“ als zu gewagt abgelehnt hatte und es 1945 bei Rabén och Sjögren erschien, löste das eine Energie aus, die es ihr ermöglichte, in den folgenden zehn Jahren immerhin 20 Bücher zu schreiben.

"Ein Erdrutsch ist über mein Leben herein-
gebrochen."

Erst im Oktober 1953, ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, bereiste Lindgren wieder das Land, das verantwortlich war für die europäischen Katastrophen, mit denen sie sich von ihrer schwedischen Enklave aus so intensiv beschäftigt hatte. Eine Lesereise führte sie nach Hamburg, Bremen und Berlin. Mit eigenen Augen sah sie die Spuren des Zweiten Weltkriegs. In Berlin traf sie die Kinder- und Jugendberaterin Louise Hartung wieder.

Hartung schleuste Lindgren heimlich nach Ost-Berlin hinüber, und so war Lindgren auf einmal auch konfrontiert mit der Lebenswirklichkeit, die jene „Russen“ aufzubauen begannen, die ihr immer die größte Angst gemacht hatten. Erst im Juni jenes Jahres war in der DDR der Volksaufstand durch sowjetisches Militär brutal niedergeschlagen worden. Lindgren wird die Atmosphäre der eisernen Indoktrinierung der kommunistischen Ideologie wahrgenommen haben, und vielleicht sah sie darin ein erstes Anzeichen fur den Beginn des Kalten Krieges, jenen „Schatten, den die Atombombe wirft“.

Aus der Begegnung mit Louise Hartung entwickelte sich eine enge Freundschaft. Einmal im Jahr trafen sich die Frauen in Berlin, Schweden, der Schweiz oder auf Ibiza. Louise sandte Geschenke und Blumen und schrieb: „Ich möchte deinen wunderschönen Körper liebkosen und küssen. Dein ganzes Wesen hat mich schon in deinen Büchern fasziniert, überwältigt.“

Beide unterhielten elf Jahre lang, bis zu Louises Tod, einen intensiven Briefwechsel, dessen mehr als sechshundert Briefe – sollten sie veröffentlicht werden – erneut eine unbekannte Seite aufdecken dürften an dieser scheinbar so vertrauten Persönlichkeit  Astrid Lindgrens, so wie jetzt die Kriegstagebücher: Hinter der unbeschwerten, freundlichen, heiteren Schriftstellerin als die Lindgren oft gezeichnet wird, zeigt sich hier auch ein desillusionierter Mensch, vielleicht zum ersten Mal in dieser Deutlichkeit.

Antje Rávic Strubel

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Der Text ist das gekürzte Vorwort aus: Astrid Lindgren „Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939–1945“. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch und Gabriele Haefs (Ullstein, 24 €). Ebenfalls 2015 erschienen: Jens Andersen „Astrid Lindgren. Ihr Leben“. Ü: Ulrich Sonnenberg (DVA, 26.99 €).

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Bärenstark: Pippi wird 70!

© Saltkråkan AB & AB Svensk Filmindustri
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Sie ist - wenigstens nach landläufigen Maßstäben - durchaus nicht niedlich. Aber ihr großer Mund und ihre Sommersprossen beeinträchtigen ihr Selbstgefühl überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie mag sich sehr. Unordentlich ist sie auch und hat überhaupt keinen Sinn für Pflicht und Anstand. Sie benimmt sich in Gesellschaft Erwachsener - wie diese das zu nennen pflegen - "unmöglich" und geniert sich dennoch gar nicht. Dazu lügt sie noch wie gedruckt, erzählt Phantasiegeschichten und führt Erwachsene mit ihren scheinbar harmlosen Bemerkungen an der Nase herum.

Astrid Lindgrens Tochter erfand den skurrilen Namen

Sie ist überhaupt nicht vernünftig und tut sehr oft gerade das, was Erwachsene Kindern meist "in ihrem eigenen Interesse" zu verbieten pflegen, und doch hat sie keine unangenehmen Folgen zu tragen. Sie einzuschüchtern, gar in ihr Schuldgefühle zu wecken, ist schlichtweg unmöglich. Sie hat ein weiches Herz und ist andern Kindern gegenüber unheimlich großzügig. Zu ihrer Unbescheidenheit und ihrer Keckheit gesellt sich noch eine Lust auf Abenteuer und möglichst viel Spaß. Und schließlich ist sie (natürlich) auch viel stärker als alle andern, stärker als Polizisten und Räuber, als Schullehrer und Spekulanten und mit neun auch fast schon stärker als ihr Supervater, der wunderbare Kapitän und König, der ihr dann und wann einen freundlichen Besuch abstattet und sie im übrigen in Ruhe läßt.

Pippi, das Überkind, das Supermädchen, ist die erste und auch die markanteste Figur, die Astrid Lindgren geschaffen hat. Vor rund 30 Jahren begann sie ihren Siegeszug in unzähligen Büchern und zahlreichen Übersetzungen. Ihr Alter ist erstaunlich, denn dieses rothaarige Kind, das mit seinen Abenteuern so vielen andern Kindern Freude bereitet, könnte von Feministinnen in den siebziger Jahren als Identifikationsfigur für kleine Mädchen erfunden worden sein. Ein kleines Mädchen, Astrid Lindgrens siebenjährige Tochter, erfand 1941 den skurrilen Namen. "Erzähl mir etwas von Pippi Langstrumpf" bat sie ihre Mutter, weil sie sich - mit Fieber im Bett - langweilte. Astrid Lindgren begann spontan zu fabulieren. Erst einige Jahre später, als sie selbst im Bett liegen musste, schrieb sie die Geschichten auf.

1945 erschien "Pippi Langstrumpf" erstmals auf Schwedisch und 1949 auf Deutsch. Sie erntete zugleich höchstes Lob und vernichtende Kritik. Von professionellen Erziehern wurde sie als "jugendgefährdend" und "gewollt originell" abgetan. Damit wurde der einzigartige Charakter dieses Kinderbuches quittiert, denn einzigartig war es vor allem zu einer Zeit, da Begriffe wie "freie Erziehung" und "Erziehung zur Autonomie" für die Mehrheit der Menschen Fremdworte und Modeworte wie "antiautoritär" oder "emanzipatorisch" noch gar nicht erfunden waren.

Pippi ist eine
Ausnahmefigur 
in der Flut der Kinderbücher.

Pippi war und ist eine der seltenen Ausnahmefiguren in der großen Flut der Kinderbücher und Kindergeschichten. In den 40er Jahren konzentrierten sich die meisten Kinderbuchautoren noch ganz offen auf Geschichten mit dem Ziele, Kinder auf eine von Erwachsenen als richtig erkannte Moral hin zu trimmen. Das geschah offen oder raffiniert verbrämt. Auch wenn sogenannt frei fabuliert wurde, so siegte doch meist eine Art von Ästethik, Humor oder Romantik, die von der Optik des Erwachsenen bestimmt war und von dem, was er für "kindlich" hielt. Auseinandersetzungen zwischen Gut und Böse, wobei das Gute jeweils zu siegen hatte, waren an der Tagesordnung. Die Welt war eingeteilt in Garstige und Freundliche, Gehorsame und Freche, Grausame und Gütige.

In vielen Kinderbüchern ist das bis heute so geblieben, auch in sogenannten progressiven Büchern. Das "Gute", das zu siegen hat, von dem man das Kind überzeugen will, hat nur immer wieder seine Gestalt verändert. Wo früher, in Pippis "Jugendzeit", vielleicht eher Bravheit, Anpassung und Sanftheit honoriert wurden, da siegen heute die Solidarität, der Mut und die Ehrlichkeit oder gar die revolutionäre Gesinnung. Und mitten in dieser riesigen variationsreichen Landschaft von "kindgerecht" verpackter Erwachsenenmoral und Weltanschauung steht Pippi als eine der seltenen Gestalten, die im echten und befreienden Sinne "moralisch" sind.

Ich habe Pippi als kleines Mädchen leider nicht entdeckt. Ob meine Eltern sie mir bewusst vorenthielten, ob sie damals in Schul- und Jugendbibliotheken noch nicht verliehen werden durfte? Irgendwie so muss es gewesen sein, denn meine kindliche Lesewut müsste Pippi sonst unweigerlich aufgespürt haben. Ich habe die Pippigeschichten vor einem Jahr Kindern vorgelesen und aus ihren Reaktionen schließe ich, wie heiß ich sie als kleines Mädchen geliebt hätte, heißer als die vielen anderen Buchgestalten, die nach Entbehrungen und Irrungen am Schluss der Erzählung ein Happy-End erleben durften. Ich habe an Pippi als Mutter Zug für Zug die Eigenschaften eines im wahrsten Sinne freien Kindes entdeckt und zugleich die Phantasien und Wünsche meiner eigenen Kindheit wiedergefunden.

"Ich schreibe, um das Kind in mir selbst zu unterhalten."

Pippis Erfolg bei allen Kindern, bei Jungen und Mädchen, erklärt sich wohl vor allem daraus, dass hier eine Gestalt ganz authentisch und echt in dem Sinne ist, als sie Wünschen und Bedürfnissen ihrer Leser entgegenkommt und ganz aus ihrer Perspektive gestaltet ist. "Ich schreibe", so sagt Astrid Lindgren, "um das Kind in mir selbst zu unterhalten". Und: " ... es gibt kein anderes Kind, das mich inspirieren kann, als das Kind, das ich selbst einmal gewesen bin. Es ist überhaupt nicht nötig, eigene Kinder zu haben, um Kinderbücher schreiben zu können. Man muss nur selbst einmal Kind gewesen sein - und sich so ungefähr daran erinnern können wie das war."

Die Autorin, die auf diese Weise immer wieder betont hat, wie fern sie aller Theorie, aller erzieherischen Absicht ist, schafft als ersten literarischen Meisterwurf (viele ihrer späteren Figuren sind kleine Brüder und Schwestern im Geiste) das Übermädchen Pippi, das emanzipierte weibliche Kind an sich. Dass das kein Zufall ist, liegt auf der Hand. Was Pippi auslebt und vorlebt, was ihr gelingt und was sie mit ihrem ganzen Wesen verkörpert, ist eben der Inbegriff dessen, was eigentlich in kleinen, nicht domestizierten, nicht verbogenen Mädchen steckt. Pippi ist das noch nicht an ein weibliches Rollenbild herandressierte Urwesen, Pippi ist die Verkörperung von ungezähmten Kleinmädchenträumen. Dass sie genau all jene Eigenschaften besitzt, die einem Idealbild des emanzipierten Erwachsenen entsprechen würden, spricht für sich selbst.

Und so könnte man diese Züge charakterisieren: Pippi lebt allein. Sie ist praktisch eine Waise, nicht "leider" wie in so vielen anderen rührseligen Kindergeschichten, sondern "Gott sei Dank". Niemand kümmert sich um sie, niemand schränkt sie ein und zwingt sie zu Gehorsam. Und Pippi genießt das. Sie kommt nicht nur ausgezeichnet zurecht, ihre Unabhängigkeit macht sie auch stark und glücklich. Sie mag andere Kinder, aber sie genügt sich auch selbst, und weiß sich allein köstlich zu unterhalten.

Sie ist also weder durch Liebesentzug noch durch Macht oder Mitleid zu manipulieren oder zu erpressen. Diese innere Autonomie äußert sich in lustigen Anekdoten. Dann etwa, wenn Pippi sich selbst zur Unterhaltung etwas vorlügt, wenn sie einen ganzen Abend lang versucht, sich tanzen zu lernen, wenn sie mit sich Selbstgespräche führt.

Pippi ist voll gesunden Selbstgefühls. Sie mag sich und spart nicht mit Eigenlob, wenn ihr etwas besonders gut gelungen ist. Auch da ist sie von der Zustimmung oder Ablehnung anderer nicht abhängig. Wenn gegen Sommersprossen wie gegen eine Krankheit "Heilsalben" angeboten werden, kann sie nur lachen, denn sie findet Sommersprossen schön und möchte mehr davon haben. Auch wenn sie sich schmückt und schminkt, beweist sie ihre Eigenständigkeit, was den Geschmack anbelangt. Pippi kümmert sich nicht darum, was andere schön finden. Hauptsache, ihr gefällt's, Hauptsache, sie findet es praktisch. Pippi ist auf ihre Weise eitel und dabei nie Objekt fremden Entzückens.

Pippi mag wilde Spiele und ist nicht zimperlich.

Pippi fügt sich weder Verhaltensnormen noch Rollenvorstellungen. Sie ist ein richtiges Mädchen, kein sanftes zartes Bild. Sie brüllt und fuchtelt. Sie klettert auf Bäume und schreckt vor keiner gefährlichen Unternehmung zurück, wenn's Spass macht. Sie fürchtet sich nicht davor, sich schmutzig zu machen und es fällt ihr schrecklich schwer, ihr Temperament zu zähmen und sich "anständig" aufzuführen. Pippi mag wilde Spiele und ist nicht zimperlich. Sie träumt nicht von einer Zukunft als Hausfrau und Mutter, sondern von einer Karriere als Seeräuber.

Ihre Abenteuerlust und ihre Neugierde sind groß. Eine ihrer wichtigen Beschäftigungen ist "Sachen suchen". Dem Unerwarteten, Ungewöhnlichen, von anderen gar nicht Wahrgenommenen nachgehen, sich überraschen lassen und die Welt zusätzlich mit ihrer Phantasie bevölkern, darin äußert sich ihre ursprüngliche Kreativität. Die lässt sie sich durch keine Schule zerstören und durch keinen Einwand zunichte machen.

Pippi gibt sich dem Augenblick hin, sie ist ein Lebenskünstler (wie Kinder das eigentlich alle sind, wenn man es ihnen nicht mit "Erziehung" austreibt). Sie freut sich über kleine Dinge und schwelgt ganz nach dem Lustprinzip, wo sie nur kann. Sehr oft und ausgiebig auch beim Essen. Sie tut sich selbst viel zuliebe und vergisst, großzügig wie sie ist, auch die andern Kinder nicht.

Für sie ist der Sinn des Lebens das Leben selbst, das Genießen. Und schließlich ist Pippi überstark, stärker als alle Menschen der Welt, stärker als Lehrer, Polizisten und Häusermakler. Wenn sie den stärksten Mann der Welt auf den Rücken legt, wenn sie ihr Pferd hochstemmt, wenn sie wilde Tiere besiegt und Räuber zähmt, so verkörpert sie den Wunschtraum jedes Kindes (und auch vieler Frauen). Das ist die handfeste Kompensation des kindlichen Gefühls von Unterlegenheit und Schwäche. Ihre körperliche Stärke ist zudem Symbol für die innere Stärke eines ungezähmten, ungebändigten und in diesem Sinne "unverdorbenen" Kindes. Diese Überkraft erlaubt es ihr, sich der Manipulation durch die Fürsorge der Erwachsenen zu entziehen, ihre Normen, ihre Moral, ja ihre Bildung in Frage zu stellen und zurückzuweisen. Dank ihrer Überkraft kann Pippi bleiben, was sie ist: ein Mensch (ein Mädchen!) im freien Urzustand.

Pippi gibt sich dem Augenblick hin, sie ist ein Lebenskünstler

Astrid Lindgrens Biographie hat nichts Abenteuerliches, nichts Spektakuläres. Sie war, bevor sie Kinderbücher zu schreiben begann, eine Durchschnittsfrau, eine Ehefrau mit zwei Kindern. Sie unterschied sich höchstens durch ihre Erinnerungen an eine freie, glückliche Kindheit und ihre Freude an Büchern von anderen Frauen in ihrer Lage. Ihre Fabulierlust ist ihre größte Motivation zum Schreiben: " . . . andere schlössen sie (Pippi) seltsamerweise ins Herz. Die Kinder taten es, und für sie hatte ich ja geschrieben. Oder, richtiger gesagt, für das Kind in mir, das noch immer nach Büchern hungert. Dieses Kind entdeckte mit Jubel: Ja, du liebe Zeit, Bücherschreiben macht ja genausoviel Spaß wie sie lesen!"

Diese Fabulierlust ließ sie nach Pippi immer wieder neue Figuren und Begebenheiten erfinden. Mädchenbücher für jedes Alter, Bücher für ganz kleine Kinder, Detektivgeschichten folgten. Vieles ist in einer eher idyllischen Vergangenheit angesiedelt, einiges in der reinen Welt der märchenhaften Phantasie.

Man könnte Astrid Lindgren vorwerfen, sie schüfe in vielen ihrer Werke eine sogenannte unrealistische "heile Welt". Das stimmt vielleicht da und dort in dem Sinne, als die äußere Realität der Gegenwart ausgeklammert ist. Was die Bücher dennoch alle wertvoll macht, ist die Art, wie Astrid Lindgren die innere Realität des Kindes erfasst hat. Wie sie ohne zu werten und zu richten, und gänzlich ohne jeden Anflug von herablassender Anbiederung oder gar von Moralisieren von dieser inneren Realität berichtet. Auch da gibt es kein Gut und Böse, auch da gibt es alles und nichts nebeneinander. Keiner Unart folgt die Strafe auf dem Fuße und kein Kind muss sich "bessern", "ändern" oder erfolgreich anpassen. Alle ihre Helden sind vollauf damit beschäftigt zu leben, zu staunen, zu fühlen und ihren Tatendrang und ihre Neugier auf das Leben zu befriedigen. Pippi, die Erstgeborene, wirkt aber unter ihnen allen - wenigstens für mein Empfinden - wie eine Galionsfigur.

Pippi schläft mit den Füßen auf dem Kopfkissen und wirft, wenn sie auf dem Baum Kaffee getrunken hat, Tassen und Kanne der Einfachheit halber auf den Rasen hinunter. Sie planscht mit Kleidern und Schuhen im Wasser, wenn sie dazu Lust hat und findet es unnötig, zur Schule zu gehen und sich von Erwachsenen auf ihr Leben hin trimmen zu lassen. Sie weiß auch nicht so recht, ob sie überhaupt erwachsen werden will.

Sie weiß nicht so recht, ob sie überhaupt erwachsen werden will.

Wenn in den Kinderbüchern des 19. Jahrhunderts Kinder, die sich der Domestifikation durch Erwachsene widersetzten, beispielhaft bestraft wurden, ja gar an den "logischen" Folgen dieses Aufbegehrens starben, wie weiland der Suppenkaspar, so demonstriert Astrid Lindgren mit Pippi exemplarisch das Gegenteil. Sich Erziehungsversuchen erfolgreich zu widersetzen und so frei und glücklich zu bleiben, das heißt, sein kindliches Ich zu retten, wird zum lohnenden Ziel.

In der Tat hat denn auch Astrid Lindgren ihr Misstrauen gegenüber dem, was so landläufig unter Erziehung verstanden wird, formuliert: In einem Leserbrief an die Zeitschrift "Husmodern" schreibt sie (weil Pippi Langstrumpf in einer Auseinandersetzung um Erziehung angegriffen wurde): "Die Welt ist voll von unbekannten und beängstigenden Dingen, und alles, worauf sich der kleine Wicht (das Kind) verlassen kann, sind die Erwachsenen, die schon so lange leben und so viel wissen. Es müsste also ihre Sache sein, eine Welt der Geborgenheit, Wärme und Freundlichkeit um den Wicht zu schaffen. Aber tun sie das? Viel zu selten, will mir scheinen. Sie haben wohl keine Zeit! Sie sind voll und ganz davon in Anspruch genommen, den kleinen Wicht zu erziehen. Sie erziehen ihn beharrlich von früh bis spät, es ist ihnen so verzweifelt viel daran gelegen, dass er schon von Anfang an genau wie ein Erwachsener auftritt. Denn dieses ein Kind sein ist doch eigentlich ein hässlicher Charakterzug, dem mit allen Mitteln entgegengearbeitet werdenmuss."

Pippi Langstrumpf ist ein Symbol für Emanzipation. Für die Emanzipation des Kindes mit seinen Phantasien, seinen Interessen und Bedürfnissen, die Emanzipation des weiblichen Kindes gegen den doppelt schweren Druck. Pippi wirkt befreiend als Vorbild und Utopie. Sie ist der freie Mensch, der seine eigene Moral entwickelt, eine Moral ohne Prinzipien, aber bestimmt von subjektiven Bedürfnissen und Empfindungen. Sie ist das Vorbild, das nicht Anpassung und Wohlverhalten demonstriert, sondern Neugierde und Lebenslust. Pippi Langstrumpf ist das Überkind, das totale Kind, das nicht mehr schwach, beherrschbar und manipulierbar ist, sondern erfolgreich seine Lebensweise, seine Gewohnheiten, seine Träume und Vorlieben verteidigen kann. Pippi zeigt, wo die Befreiung der Frauen, die Befreiung der Menschen ihre Wurzel hat: in der Befreiung des Kindes, das jeder am Anfang seines Lebens ist.

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