Ausgezeichnet: #IchBinKeinFreier

Justyna Koeke und Mitstreiterinnen auf der Preisverleihung. - Foto: Robert Thiele/Stuttgarter Bürgerpreis
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Es gibt Ideen, die sind so gut, dass frau sich fragt: Warum erst jetzt? Die Kampagne „Ich bin kein Freier“ ist so eine Idee. Einfach, effektiv, gut: Männer, junge wie alte, erklären vor laufender Videokamera, warum sie niemals eine Frau kaufen würden.

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Zu sehen sind diese Videos unter anderem auf der Facebook-Seite der Kampagne und auf Instagram. Dort lernen wir zum Beispiel Tim kennen, „der sich niemals vorstellen kann, mit jemandem zu schlafen, der dafür Geld bekommt, aber sonst niemals zustimmen würde“. Oder Chaska, der „kein Freier ist, weil mir die Menschenwürde wichtig ist“. Oder Andre, der schon von seinen Eltern gelernt hat, „Frauen Achtung entgegenzubringen“. Ein Bordellbesuch ist deswegen für ihn völlig ausgeschlossen.

Zu den Unterstützern der Kampagne zählt auch Fritz Kuhn, Oberbürgermeister von Stuttgart. „Die Freiwilligkeit, das Einverständnis und Augenhöhe zwischen zwei Menschen ist Voraussetzung für gelungenen Sex und gelungene Liebe“, sagt er.

Über 800 solcher Statements haben die Macherinnen von #IchBinKeinFreier schon produziert. Und damit eine wichtige Stimme im Kampf gegen Prostitution in den Mittelpunkt gerückt, die häufig viel zu kurz kommt in der öffentlichen Debatte: Die der solidarischen Männer, die sich „trauen, ihr Gesicht zu zeigen und Nein sagen zu der sexualisierten Gewalt in der Prostitution“. So formuliert es die Performance-Künstlerin und Bildhauerin Justyna Koeke. Sie ist Mitglied von Sisters e.v. und hat das Projekt #IchBinKeinFreier vor rund zwei Jahren zusammen mit Helena Dadakou und Tara da Lanca gestartet.

Für diese ganz hervorragende Idee sind die Macherinnen in der Kategorie „Innovation“ mit dem Stuttgarter Bürgerpreis und einem Preisgeld von 5.000 Euro ausgezeichnet worden. EMMA gratuliert.

Facebook-Seite der Kampagne #IchBinKeinFreier

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"Ich bin kein Freier!"

Sebastian ist einer von über 100 Männern, die schon mitgemacht haben.
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Bisher hatten die Männer in der öffentlichen Debatte über das System Prostitution eine scheinbar fixe Rolle: Sie durften als Profiteure sprechen – also als Bordellbetreiber oder Zuhälter. Oder sie wurden als Sexkäufer befragt. Gibt es in Deutschland denn gar so wenige coole Männer, die ganz selbstbewusst sagen: Ich bin kein Freier?

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Diese Frage stellte sich auch die Performance-Künstlerin und Bildhauerin Justyna Koeke. Die Anti-Prostitutions-Aktivistin lehrt an der Akademie der Bildenden Künste, ist bei der Initiative Sisters für den Ausstieg aus der Prostitution aktiv und Teil der Kampagne #Rotlichtaus in Baden-Württemberg. Und sie entschied, der Sache nachzugehen. Mit der Video-Aktion #IchBinKeinFreier.

„Wir wollen endlich den Männern eine Stimme geben, die gegen Prostitution sind“, sagt Justyna. Und so auch eine neue Kultur etablieren: Moderne, empathische Männer kaufen keine Frauen.

Bewaffnet mit einer Videokamera und zusammen mit einem Team aus Stuttgarter Künstlerinnen begab sich Justyna vor rund einem Monat das erste Mal auf die Pirsch und sprach die Männer in Stuttgart einfach auf der Straße an – vom Studenten bis zum Tätowierer. Und rannte offene Türen ein.

„Ich bin kein Freier, weil ich die Menschenwürde achte!“, sagt der eine ganz selbstbewusst in die Kamera. „Ich bin kein Freier, weil man für Liebe nicht bezahlen sollte!“, sagt der andere. „Sex sollte auf Gefühlen und Einverständnis beruhen“, findet der nächste. Und noch einer sagt: „Ich möchte die soziale Situation von Frauen nicht ausnutzen.“

Seit Justyna und ihre Mitstreiterinnen Tara und Helena die Videos auf Facebook veröffentlicht haben, melden sich mehr und mehr Männer, die das genauso sehen. Über 100 Videobotschaften haben die Aktivistinnen schon gesammelt, die täglich im Netz veröffentlicht werden. 1,2 Millionen sollen es werden. „So viele Freier gehen in Deutschland schätzungsweise jeden Tag zu einer Prostituierten“, erklärt Justyna.

Die Performance-Künstlerin trifft auf ihren Straßenumfragen auch solche, die ihr erklären, die Prostitution sei doch „ein Job wie jeder andere!“ Oder: „Die Frauen machen das doch freiwillig!“ Aber solche Reaktionen halten sich eher in Grenzen.

Über eine Sache haben sich Justyna und ihr Team dann doch gewundert: Als sie loslegten, waren sie sich ganz sicher, dass es „diesen Hashtag bestimmt schon gibt!“ Aber Fehlanzeige! „Das hat uns erst recht motiviert“, sagt Justyna.

Justyna Koeke aus Ludwigsburg
Justyna Koeke aus Ludwigsburg

Es ist nicht ihre erste Aktion gegen Prostitution: Im Mai sorgte die umtriebige Künstlerin im Stuttgarter Stadttheater mit einer Performance für Aufsehen, die auf Gesprächen mit (Ex)Prostituierten beruhte: Sie brachte einfach nur gesichtslose Körperteile auf die Bühne: Hinterteile, ein Torso im Korsett und eine Matratze in Frauenform. „Ich bin überzeugt, dass es keine Gleichberechtigung geben wird, solange Prostitution in einer Gesellschaft so selbstverständlich existiert“, sagt Justyna Koeke (mehr dazu in der Juli/August EMMA).

Am Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen, dem 25. November, werden Justyna und ihre MitstreiterInnen zusammen mit den Sisters und weiteren Unterstützerinnen der Kampagne #Rotlichtaus auf dem Stuttgarter Schlossplatz wieder gegen das System Prostitution protestieren. Dort sollen auch die Videos der Männer gezeigt werden, die sagen: „Ich bin kein Freier!“

Wer mitmachen will, kann also einfach am 25. November sein Statement vor Ort abgeben. Oder ein Video an ichbinkeinfreier@gmail.com schicken bzw. selbst unter #IchBinKeinFreier auf Facebook und Twitter veröffentlichen.

Alexandra Eul

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