In der aktuellen EMMA

Prostitution: Empört euch!

Die Sisters protestieren am 1. Juli auf dem Stuttgarter Schlossplatz gegen Prostitution und den Handel mit der Ware Frau.
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Geht ein Mann durch, sagen wir: München. Er stellt sich an eine Bushaltestelle, so eine mit inte­grierter Leuchtreklame, neudeutsch: Citylight. Da strahlt ihn eine Bordellwerbung an. Ist ja heutzutage in deutschen Städten nichts Ungewöhnliches. Auf dem Schriftzug in roter Neonröhren-Ästhetik räkelt sich eine nackte Frau. Der Mann liest – und stutzt. Liest nochmal. Bitte was steht da? „Zu verkaufen: Körper Freiheit Würde“. Und ganz unten: „Bezahlsex zerstört Leben. Sag NEIN zu Prostitution“.

Den Mann gibt es nicht. Noch nicht. Aber das Plakat schon. Und zwar nicht nur in München, sondern in vielen, theoretisch sogar in allen deutschen Städten. Das Plakat ist Teil der Kampagne „RotlichtAus“. Das Konzept: Kommunen oder Initiativen, die ein Zeichen gegen die Verharmlosung des Handels mit der Ware Frau setzen und dabei besonders diejenigen ansprechen wollen, die mit ihrer „Nachfrage“ den Markt überhaupt erst schaffen – nämlich die Freier! – können die Motive anfordern. Sie können sie in ihrer Stadt plakatieren oder auch als Postkarten drucken lassen etc. Drei Motive gibt es insgesamt. Auf zwei weiteren Plakaten sagt die Frau dem Betrachter: „Dein Spaß ist mein Horror-Trip“. Oder: „Du kommst und ich verkomme“.

Prostitution hat etwas mit dem Machtgefälle zwischen Männern und Frauen zu tun

„Wir wollen, dass es wieder eine gesellschaftliche Debatte gibt!“ sagt Manuela ­Rukavina. Die Vorsitzende des Lan­desfrauen­rates Baden-Württemberg ist verantwortlich für die Kampagne, die seit dem 29. Juni läuft. Der Landesfrauenrat ist, gemeinsam mit der Initiative „Sisters – für den Ausstieg aus der Prostitution“, Träger der Aktion, die zudem von bisher 22 Initiativen unterstützt wird – von der Feministischen Partei über EMMA bis zur Diözese Rottenburg/Stuttgart. Denn: „Wir sind uns alle einig, dass Frauen keine Ware sind! Und dass Prostitution etwas mit dem Machtgefälle zwischen Männern und Frauen zu tun hat.“

Schon 2013 hatte der Dachverband, in dem 52 Frauenverbände mit insgesamt 2,5 Millionen Mitgliedern organisiert sind, eine Resolution für eine Reform des Prostitutionsgesetzes verabschiedet: „Einen Menschen zum Konsumartikel zu degradieren, ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar. Ein Freier tut genau dies.“ Der Landesfrauenrat forderte einstimmig ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild.

Eine breit angelegte Kampagne fordert: "Rotlicht Aus!"
Eine breit angelegte Kampagne fordert: "RotlichtAus"

Wie wir wissen, kam es anders. Zunächst sah es nach der Bundestagswahl 2013 so aus, als ob es eine echte Chance auf eine wirklich wirksame Reform des Prostitutionsgesetzes gäbe. Zwar würde sich in Deutschland für das Schwedische Modell – inzwischen übernommen von Norwegen, Island, Irland und Frankreich –, das war rasch klar, keine Mehrheit finden. Eine Dekade Propaganda von der „selbstbestimmten Sexarbeiterin“, die ihre „sexuellen Dienstleistungen“ gern und vor allem „freiwillig“ erbringt, hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Aber die Union legte immerhin einen 12-Punkte-Plan vor, um dem menschenverachtenden und oft hochkriminellen Treiben Einhalt zu gebieten. Doch die SPD verhandelte fast alles wieder heraus, was der so genannten „Sexindustrie“ ernsthaft einen Knüppel zwischen die Beine hätte werfen können.

Mindestalter 21? Laut SPD ein „Eingriff in die Berufsfreiheit“. Krankenversicherungspflicht für Prostituierte? Nicht mit den Sozialdemokraten. Das (weltweit einmalige) Weisungsrecht für Bordellbetreiber? Bleibt. Werbung für Bordelle? Ist jetzt nicht mehr länger eine Ordnungswidrigkeit, sondern nur noch bei Gefährdung des „Jugendschutzes“ verboten. Und so weiter.

Nichts im Gesetz setzt die "Sexindustrie" wirklich unter Druck

Die einzige substanzielle Änderung, die am 1. Juli 2017 mit dem neuen „Prostituiertenschutzgesetz“ in Kraft getreten ist, ist die Anmeldepflicht für Prostituierte. Aber auch die wurde von der SPD – unter den Einflüsterungen der Pro-Prostitutions-­Lobby – so stark verwässert, dass sie vermutlich kaum noch ihren Zweck erfüllen wird, nämlich: Die etwa 300.000 Frauen, die sich in Deutschland prostituieren (müssen), überhaupt einmal zu erfassen. Oft sind sie im Land, ohne dass eine Behörde oder gar die Polizei von ihrer Existenz überhaupt weiß. Bewusst werden sie von den Zuhältern von Bordell zu Bordell verschickt. Erstens, weil die Freier „Frischfleisch“ wollen; zweitens, um zu verhindern, dass die Frauen Kontakte knüpfen, die ihnen beim Ausstieg helfen könnten.

Deshalb wäre der einzig effiziente Weg gewesen, dass sich die Frauen in jeder neuen Stadt, in der sie tätig werden, anmelden müssen. Laut Gesetz aber genügt eine einmalige Anmeldung. Immerhin kann die Anmeldebescheinigung verweigert werden. Nämlich dann, wenn „Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die Person von Dritten durch Ausnutzung einer Zwangslage, ihrer Hilflosigkeit, die mit ihrem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist oder ihrer persönlichen oder wirtschaftlichen Abhängigkeit zur Prostitution gebracht wird“.

Wer aber soll das wie feststellen? Idealerweise die Polizei. Sie kennt die einschlägigen Figuren im Rotlicht-Milieu, sie weiß, ob ein eventueller „Begleiter“ der Frau schon als Zuhälter oder „Loverboy“ aktenkundig ist oder gar auf einer Fahndungsliste steht. Sie weiß, welches Bordell sich von wem „beliefern“ lässt.

Aber: Anders als ursprünglich gefordert, soll die Behörde, die die Anmelde­bescheinigungen erteilt, individuell von den Bundesländern festgelegt werden. Im Zweifel entscheidet dann eben das Ordnungsamt darüber, ob die 18-jährige Svetlana (ist der Pass überhaupt echt ...?), die kaum ein Wort Deutsch spricht und zur Anmeldung ihren „Cousin“ mitgebracht hat (Dritte sind bei dem Gespräch erlaubt), sich gern und freiwillig in Deutschland prostituieren möchte.

Es liegt an der Umsetzung der Bundesländer, welche Wirkung das Gesetz entfaltet

„Dass eine Frau zur Prostitution gezwungen wird, leuchtet ihr nicht auf der Stirn. Deshalb darf es nicht ins Ermessen von Frau Meier oder Herrn Müller vom Ordnungsamt gestellt sein, ob sie eine Anmeldebescheinigung bekommt. Da muss es klare Kriterien geben“, fordert Sabine Constabel, Vorsitzende von „Sisters“. Und diese Kriterien müssen in der „Landesdurchführungsverordnung“ festgelegt sein, die die Bundesländer der jeweiligen Behörde an die Hand geben sollen. „Sisters“ mahnt: „Eine ‚moderate‘ Umsetzung unter dem Vorwand der Verwaltungsvereinfachung, der Kostenersparnis und der ‚Bürgerfreundlichkeit’ spielt direkt in die Hände des kriminellen Milieus.“

Ob die Landesregierungen die kundigen Ratschläge beherzigen? Wir werden sehen. Der Gesetzgeber hat den zuständigen Landesministerien und den Kommunen ohnehin eine Karenzzeit bis Ende des Jahres eingeräumt.

Währenddessen regt sich in der Bevölkerung der Widerstand gegen den Blick auf die Prostitution als „business as usual“. Die Kampagne „RotlichtAus“ ist nur ein Beispiel dafür. „Wir brauchen diese Botschaft an die Gesellschaft, weil die Politik nicht ausreichend handelt“, sagt Sandra Norak von „Sisters“. Die 27-Jährige kennt den Horrortrip Prostitution aus eigener Erfahrung. Sie wünscht sich, dass jeder (potenzielle) Freier weiß, was es bedeutet, seinen Körper zu verkaufen. Und dass die Menschen die Gründe kennen, aus denen Frauen sowas tun. (...)

Der ganze Artikel über den breiten Protest gegen das System Prostitution steht in der Juli/August EMMA. Ausgabe bestellen

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Prostitution – ein deutscher Skandal, Hrsg. Alice Schwarzer (KiWi, 9.99 €)

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Meine Geschichte

Nürnberg - ein friedliches Pflaster?

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In der Südwest Presse las ich einen Artikel vom 10. Juni, der von den letzten beiden Prostituiertenmorden in Nürnberg berichtete und dazu auch die Nürnberger Prostituierten-Beratungsstelle „Kassandra e.V.“ befragte. Die "Kassandra"-Beraterinnen behaupteten, dass Prostituierte nicht stärker gefährdet seien als andere Berufsgruppen. „Die Frauen, die zu uns kommen, berichten selten von Zwangsprostitution und Gewalt“, wird „Kassandra“-Sprecherin Sandra Ittner zitiert. Nürnberg sei „ein friedliches Pflaster“ in Sachen Prostitution.

Mein Zuhälter war mit den Hells Angels bekannt

Ich war sechs Jahre lang Prostituierte, einige davon in Nürnberg und Umgebung. Als ich 18 Jahre alt war, wurde ich von einem etwa 20 Jahre älteren „Loverboy“ rekrutiert, den ich durch das Internet kennenlernte. Was ich in Nürnberg und seinen „Rotlichtgeschäften“ gesehen und erlebt habe, entspricht nicht ansatzweise dem, was die Beratungsstelle „Kassandra“ behauptet.

In Nürnberg ist ein organisiertes und kriminelles Rotlichtmilieu akiv, in dem Rockerbanden das Sagen haben - mir bekannt waren Hells Angels, Bandidos und Gremium. Einblicke in diese organisierten Strukturen bekam ich durch die „Bekanntschaften“ meines Zuhälters. Natürlich geschieht all das im Verborgenen und ist für Außenstehende unsichtbar. Doch nur, weil viele die organisierte Kriminalität im Milieu nicht wahrnehmen können oder wollen, bedeutet das nicht, dass sie nicht da ist. Vor allem sollten Beratungsstellen für Prostituierte das Bild gegenüber der Öffentlichkeit nicht verzerren und verharmlosen.

Zuhälterei und Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung waren zu meiner Zeit in Nürnberg äußerst präsent und erschreckend ausgeprägt. Ich gehe nicht zu weit, wenn ich sage, dass es diesen "Frauen-Markt" der Prostitution ohne den Menschenhandel gar nicht gäbe. Das Rotlichtmilieu hat sich verändert, es wird vermehrt auch zu anderen Methoden gegriffen um Prostituierte an sich zu binden. Statt sie einzusperren, werden sie in finanzieller, sozialer, emotionaler Abhängigkeit gehalten – eine beliebte Methode im Business des Menschenhandels. Ein richtiger Trend.

Auch von mir wurde irgendwann verlangt, ein "Lovergirl" zu werden: Ich sollte andere Frauen emotional abhängig machen mit der gleichen Masche, die einst an mir verübt wurde, um meinem Zuhälter mehr Geld zu verschaffen. Ich tat es nicht. Aber der Schritt, auch diesen Weg zu beschreiten, ist nach gewisser Zeit nicht mehr schwierig. Einige Prostituierte fügen sich dem System, werden selbst kriminell und fangen an, andere Frauen auszubeuten, um dadurch dem eigenen Leid, der selbst erlebten Gewalt durch die Freier zu entfliehen.

Unzählige Prostituierte erleben Gewalt durch Freier

Während der Prostitution habe ich nie eine Prostituierte gesehen, die nach dem "Akt" mit einem Freier aus dem Zimmer kam und den Eindruck machte, als wäre dieser Zimmergang auch nur annähernd erträglich für sie gewesen. Nicht nur ich selbst, sondern auch die unzähligen anderen Prostituierten, mit denen ich in Kontakt kam, erlebten enorme körperliche, sexuelle und seelische Gewalt durch Freier. Das sollte jedem bewusst sein, der sich dafür ausspricht, dass Sexkauf legal sein sollte.

Warum Prostituierte den Beratungsstellen meist nicht von Gewalt und Zwang berichten? Zum einen habe ich etliche Male erlebt, dass sie anfangen, ihre Situation hinzunehmen. Denn die Angst davor, was passiert, wenn sie nicht „funktionieren“, lässt sie über lange Zeit hinweg Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht wollen. Die meisten Prostituierten können nicht über die wahren Umstände der Prostitution sprechen: weil sie sich schämen; weil sie bedroht werden; weil sie verzweifelt sind und sich in ihrer Hoffnungslosigkeit und ihrem Identitätsverlust durch den Akt mit den Freiern damit abgefunden haben, tagtäglich benutzt zu werden; weil sie denken, sie wären es nicht wert, ein anderes Leben zu führen; und oft auch, weil sie nie erlebt haben, was es bedeutet, nicht erniedrigt zu werden und diese schlimmen Zustände deshalb normal für sie sind.

Zum anderen sollte es nicht verwundern, dass Prostituierte in Not sich vielen Beratungsstellen nicht ernsthaft anvertrauen. Denn wer wie der Frankfurter Verein „Doña Carmen“ eine Verfassungsbeschwerde gegen das neue Prostituiertenschutzgesetz erhebt, die auch von „Prostitutionskunden und Prostitutionsstätten-BetreiberInnen“ unterzeichnet wurde, ist keine ernstzunehmende Anlaufstelle. Wer sucht als ausgebeuteter Mensch schon Hilfe bei jenen, die mit den Ausbeutern an einem Tisch sitzen?

Wer sucht bei denen Hilfe, die mit Ausbeutern an einem Tisch sitzen?

Auch „Kassandra“ in Nürnberg verharmlost die Prostitution auf ihrer Homepage: „Sexarbeit ist Arbeit“ oder „Prostitution war, ist und bleibt Teil unserer sexuellen Kultur“ verkünden sie dort. Außerdem bietet der Verein eine „Fortbildung“ zum Thema „Sexualassistenz & Sexualbegleitung“ für Prostituierte an. Wenn man sich so positiv zur Prostitution verhält, sollte niemand überrascht sein, wenn dann kaum Prostituierten auftauchen, die von Ausbeutung und Gewalt betroffen sind.

Es macht mich traurig, wenn Vereine, die als Beratungsstellen für Prostituierte auftreten, in der Öffentlichkeit ein Bild von Prostitution erzeugen, das ich und die unzähligen Prostituierten, die ich kennenlernte, nie so erlebt haben. Die Beratungsstellen sollten die Anliegen der Mehrheit und nicht der Minderheit von Prostituierten vertreten. Leider ist ihr Auftreten manchmal pures Gift für die Abertausenden von Frauen, die an der Prostitution zugrunde gehen und keine Stimme haben.
 

Sandra Norak ist Mitglied bei "Sisters e.V. - für den Ausstieg aus der Prostitution". Über ihre Erlebnisse in der Prostitution schreibt sie in ihrem Blog "My Life in Prostitution"

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