Berlinale: Wir sind keine Puppen!

Anna Brüggemann, Initiatorin der Kampagne "Nobody's Doll". © William Minke
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Bei der diesjährigen Berlinale, die am 15. Februar eröffnet wird, soll es eine Premiere der besonderen Art geben: einen Frauen-Streik. Rund 60 Schauspielerinnen von Katharina Wackernagel über Anneke Kim Sarnau bis Gesine Cukrowski wollen sich weigern, im üblichen Damen-Dresscode aus High Heels und sehr kleinem Schwarzen über den Roten Teppich zu staksen. "Nobody's Doll" heißt die Aktion, die die Schauspielerin Anna Brüggemann initiiert hat. „Im Zuge der MeToo-Debatte“, schreibt Brüggemann in ihrem Manifest zur Kampagne, „wird ein Aspekt stiefmütterlich behandelt. Der Druck, der auf Frauen lastet, noch immer viel zu dünn, makellos und alterslos zu sein.“ Auf dem Roten Teppich zwängten sich „die Frauen in enge Röcke, zeigen Dekolleté, balancieren auf sehr hohen, sehr dünnen Absätzen“. Die 36-jährige Schauspielerin („Tatort“, „Bella Block“, „3 Zimmer/Küche/Bad“) und Drehbuchautorin plädiert für Boykott dieses „Frauenbildes wie aus den 50er Jahren“. Stattdessen will Brüggemann: Vielfalt!

Was werden Sie in diesem Jahr auf dem Roten Teppich tragen?
Auf keinen Fall High Heels! Ich glaube, ich ziehe mein Lebtag keine High Heels mehr an. Ich fühle mich viel leichter, beweglicher und souveräner, wenn ich flache Schuhe anhabe. Ich will aber nicht die Eleganz dieser Veranstaltung unterlaufen. Ich fühle mich wohl in einem schmalen Rollkragen-Pulli, einem schönen langen bequemen Rock mit Taschen und Sneakers oder Halbschuhen. Das ist eine gute Lösung, um nicht zu frieren, elegant zu sein und mich trotzdem wohl zu fühlen und für den Rest des Abends keinen Gedanken mehr an meine Kleidung zu verschwenden.

Was war der Auslöser, Ihre Kampagne “Nobody’s Doll” zu starten?
Im Zuge von #MeToo gab es immer mehr Hollywood-Schauspielerinnen, die sagten: “I am a feminist!” und “Wir brauchen mehr Gleichberechtigung!” Und ich dachte: Ja, das stimmt. Aber ihr steht alle für ein Schönheitsideal, das dünne, junge Frauen propagiert. Und dieses Schönheitsideal sieht man natürlich im Brennglas auf dem Roten Teppich.

Was sind Ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Schönheitsideal?
Ganz früher bin ich rumgelaufen wie ich wollte. Dann hörte ich immer wieder: “Du musst mehr aus dir machen!” Ich dachte: “Wieso? Ich bin doch schon was!” Aber irgendwann hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich müsste mehr mithalten können und hab mich auch in hohe Schuhe geworfen. Aber habe mich immer gefragt: Warum mach ich das eigentlich? Vor einiger Zeit habe ich mich bei Instagram angemeldet. Und dachte: Was ist denn hier los? Wie präsentieren sich denn hier alle? Muss ich das jetzt auch machen?

Stattdessen haben Sie “Nobody’s Doll” ins Leben gerufen.
Ja. Ich rede mit so vielen Frauen, die sich mit diesem Schönheitsideal unwohl fühlen. Und es spielt so eine große Rolle, ob der Körper das sein darf, was er ist. Oder ob man unglaublich viel Geld und Gedankenaufwand investiert, um ihn zu verändern. Ich dachte, das gehört diskutiert. 

Wie werden Sie das tun?
Von den über 60 Kolleginnen, die mitmachen, haben nur wenige eine Einladung für die Eröffnung am 15. Februar. Ich selbst habe eine, weil ich 2014 zusammen mit meinem Bruder Dietrich den Silbernen Bären für das beste Drehbuch gewonnen habe. Immerhin werden wir auf dem Teppich zu fünft aufschlagen, Lavinia Wilson, Alina Levshin, Maren Kroymann, mein Bruder Dietrich und ich. Wir werden auf jeden Fall Sachen tragen, in denen wir uns wohlfühlen, und den Button #nobodysdoll. Das können bei Mitstreiterinnen auch High Heels sein! Hauptsache souverän gewählt. Am Samstag wird es dann beim Empfang des Medienboards Berlin-Brandenburg ein großes Fotoshooting mit einer Vielzahl an Schauspielerinnen geben, die mitmachen. Das dürfte seinen Weg in die Medien finden.

Wie waren die Reaktionen auf Ihre Kampagne?
Ich hatte geglaubt, ich renne offene Türen ein. Am Anfang war es allerdings richtig schwierig, Kolleginnen zu finden, die mitmachen. Aber als die Aktion einmal ins Rollen kam, gab es so viel Bestätigung und so viele, die sagten: “Danke! Endlich!” Namhafte Kolleginnen haben mir erzählt, dass sie zu solchen Veranstaltungen manchmal gar nicht hingehen, weil sie sich diesen Zwängen nicht aussetzen wollen. Dabei sind diese Veranstaltungen ja beruflich relevant. Und wenn der Vorwurf kommt, es gehe - im Gegensatz zur #MeToo-Kampagne - schließlich “nur” um Kleider, dann antworte ich, dass es mir um die Frage geht: Ab wann wird aus einer Frau ein Objekt? Kleider stehen ja für etwas.

In Deutschland ist es bisher im Vergleich zu anderen Ländern erstaunlich still um #MeToo.
Ja, still und disparat. Es gehört in der angelsächsischen Welt ja schon fast zum guten Ton zu sagen: “I am a feminist!” In Deutschland heißt es oft: “Jaaa, ich bin schon Feministin, aber ich mag ja Männer!” Das Bekenntis zum Feminismus ist gesellschaftlich nicht so verankert. Ich glaube allerdings auch, dass die Amerikanerinnen einen höheren Leidensdruck haben. Auch der Fall Weinstein ist extrem: Der mächtigste Filmproduzent Amerikas ist ein Verbrecher. Damit vergleichbar wäre, dass Dieter Wedel nicht seit 20 Jahren keinen Film mehr gemacht hätte, sondern Intendant der ARD wäre. Dann wäre hier auch mehr los.

Aber jetzt sind Sie da mit “Nobody’s Doll”. Hatten Sie selbst keine Angst, dass Ihnen das schadet?
Ich war und bin da tatsächlich naiv. Zumindest anfangs. Es ist doch so offensichtlich, dass es hier eine Schieflage gibt, die man einfach mal beseitigen könnte. Ich dachte, ich spreche eine Selbstverständlichkeit aus. Es geht mir darum, die Definitionsmacht zurückzugewinnen. Es geht mir darum, dass wir selber definieren, was wir schön finden. Um mehr Selbstbewusstsein und mehr Souveränität bei der Kleiderwahl und im Bezug auf den eigenen Körper. Zwischendurch war ich dann aber doch verzagt. Aber ich bin ja umgeben von tollen Mitstreiterinnen, habe immer meinen Bruder als Rückenwind, was soll da schon passieren?

Hier geht es zum Manifest:

Nobody's Doll auf Facebook
Nobody's Doll Webseite

Mehr zu #MeToo und #TimesUp in der März/April EMMA - ab 22. Februar am Kiosk und im EMMA-Shop.

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Oprah: „Die Zeit der Täter ist vorbei!“

Oprah Winfrey spricht bei den Golden Globes.
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Gleich mehrfach erhob sich das Publikum zu Standing Ovations, die eine oder andere Schauspielerin kämpfte sogar mit den Tränen. Meryl Streep war ebenso gerührt wie Emma Stone oder Sally Hawkins. Sicher, das hat es schon öfter gegeben, wenn eine Hollywood-Berühmtheit eine Dankesrede bei den Golden Globes hielt. Zwei Dinge bei der Rede von Oprah Winfrey dürften aber selbst in der gefühlsduseligen Traumfabrik echten Seltenheitswert haben:

"In diesem Jahr sind wir die Geschichte geworden"

1. Selten war eine Rednerin, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, so wütend. 2. Noch seltener dürfte eine Rednerin nicht ihren Förderern in der Filmindustrie gedankt haben - sondern ihren Kolleginnen, die mit ihrem Mut dafür gesorgt haben, dass in Sachen Sexismus jetzt „eine neue Zeit anbricht“. Sprich: all jene Schauspielerinnen, die mit ihren Offenbarungen über Harvey Weinstein und andere die #MeToo-Kampagne lostraten.

„Die Wahrheit auszusprechen, ist das kraftvollste Werkzeug, das wir haben. Und ich bin besonders stolz auf und inspiriert von all den Frauen, die sich stark und bestärkt genug gefühlt haben, den Mund aufzumachen und ihre Geschichten zu erzählen“, erklärte die 63-jährige Talkmasterin und Schauspielerin („Die Farbe Lila“, „Selma“). Sie selbst hatte schon vor vielen Jahren berichtet, dass sie als Neunjährige von einem Cousin vergewaltigt worden war – und zwölf Jahre lang darüber geschwiegen hatte. Oprah fuhr fort: „Jeder in diesem Raum wird gefeiert für die Geschichten, die wir erzählen. In diesem Jahr sind wir die Geschichte geworden.“

Doch die Milliardärin Winfrey, uneheliche Tochter einer Putzfrau aus Mississippi, wies auch darauf hin, dass die Gegenwehr gegen sexuelle Gewalt keineswegs auf die Filmbranche beschränkt bleiben dürfe: „Es ist keine Geschichte, die nur die Unterhaltungsindustrie betrifft“, sagte sie. „Ich möchte also heute Abend meine Dankbarkeit ausdrücken gegenüber all jenen Frauen, die jahrelange Belästigung und Missbrauch erduldet haben, weil sie – wie meine Mutter – Kinder zu versorgen, Rechnungen zu bezahlen und Träume zu verfolgen hatten. Das sind die Frauen, deren Namen nie bekannt werden. Sie sind Hausfrauen, sie arbeiten auf Farmen, in Fabriken und in Restaurants, sie arbeiten in der Medizin und in der Wissenschaft, sie sind Teil der Welt der Technik, der Politik und der Wirtschaft, sie sind Olympia-Athletinnen und Soldatinnen in der Armee.“

Tatsächlich breitet sich der Widerstand, der in Hollywood begann, nun weiter aus: Wenige Tage vor der Golden Globe-Verleihung in Beverly Hills hatten rund 300 Schauspielerinnen die Initiative "Time's up!" (Die Zeit ist vorbei!) gegründet. Sie soll Frauen unterstützen, die sich rechtlich gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr setzen wollen.

„Liebe Schwestern“, schreiben die Aktivistinnen, „wir wissen um unser Privileg und um die Tatsache, dass wir Zugang zu enormen Plattformen haben, um unsere Stimmen hörbar zu machen.“ Die Unterzeichnerinnen wenden sich deshalb an „jedes Zimmermädchen, das versucht hat, vor einem übergriffigen Gast zu fliehen“, an „jede Kellnerin, von der erwartet wird, dass sie dem grapschenden Kunden mit einem Lächeln begegnet“ und an „jede Migrantin, die ihr illegaler Status zum Schweigen bringt“. Die Unterzeichnerinnen erklären: „Wir sind an eurer Seite. Wir unterstützen euch.“

Weil die Täter oft davonkommen, weil ihren Opfern die Mittel fehlen, haben die „Time’s up“-Initiatorinnen einen Spendenfonds ins Leben gerufen. Rund elf Millionen Euro sind schon gesammelt. Die Liste der prominenten Erstunterzeichnerinnen ist lang: Alicia Vikander, Ashley Judd, Cara Delevingne, Charlize Theron, Emma Thompson, Emma Watson, Halle Berry, Jennifer Lopez, Julienne Moore, Meryl Streep, Penelope Cruz, Reese Witherspoon, Salma Hayek und Uzo Aduba sind nur einige der Hollywood-Frauen, die nun den Schulterschluss mit ihren Geschlechtsgenossinnen suchen.

"Damit nie wieder jemand sagen muss:
Me Too"

Viele von ihnen waren auch bei dieser Golden Globe-Verleihung anwesend, fast alle von ihnen in Schwarz, um zu demonstrieren, dass sie nicht willens sind, zur bonbonfarbenen Tagesordnung überzugehen. Mit dabei natürlich: Oprah Winfrey. „Viel zu lange wurde Frauen nicht zugehört oder man hat ihnen nicht geglaubt, wenn sie es wagten, die Wahrheit über jene mächtigen Männer zu sagen“, erklärte sie. „But their time is up!“ Am Ende ihrer fulminanten Rede sprach Oprah Winfrey die Frauen von morgen an: „Ich möchte, dass alle Mädchen, die hier zuschauen, wissen, dass eine neue Zeit anbricht“, verkündete sie. Eine Zeit, in der „nie wieder jemand sagen muss: ‚Me too‘!“

Da erhoben sich die ZuschauerInnen zum dritten und letzten Mal und applaudierten. Womöglich wäre der eine oder andere Mann lieber sitzen geblieben. Gewagt hat es keiner. Ihre Zeit ist vorbei. Zumindest an diesem Abend in Beverly Hills.

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