In Österreich: Die Bionierinnen

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Michaela Langer-Weninger war 21 Jahre alt, als sie ihre erste Tochter bekam, 23, als sie den Bauernhof auf Bio umstellte, und 30, als sie für die ÖVP (Österreichische Volkspartei) in den oberösterreichischen Landtag einzog. Heute bewirtschaftet die inzwischen dreifache Mutter mit ihrem Mann in der Gemeinde Mondsee zwanzig Hektar Grünland, hält Milchkühe und beliefert die Molkerei mit Bio-Heumilch. Zwischenzeitig überlegte die Familie, auch Weidegänse auf den Hof zu holen. „Aber das hätte zeitlich nicht mehr gepasst wegen meiner politischen Funktion“, sagt Michaela Langer-Weninger. Jetzt würde es noch weniger passen: Im Vorjahr, mit 40, wurde sie Präsidentin der Landwirtschaftskammer Oberösterreich und Vizepräsidentin der mächtigen Bundeskammer.

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Jung, Frau und Biobäuerin: Die Kammerpräsidentin steht beispielhaft für die Besonderheiten der österreichischen Landwirtschaft. Viel mehr Betriebe sind hier in Frauenhänden als etwa in Deutschland. Mit Elisabeth Köstinger von der Kanzlerpartei ÖVP bekam Österreich seine erste Agrarministerin. Außerdem haben sich überdurchschnittlich viele LandwirtInnen als BiobäuerInnen zertifizieren lassen. Und oft sind daher Frauen die treibenden Kräfte, wenn Betriebe sich mehr auf natürliche Kreisläufe, Tierwohl und Fruchtwechsel konzentrieren, anstatt den nächsten Traktor anzuschaffen oder noch mehr Tiere in den Stall zu stopfen.

Fast jeder fünfte österreichische Bauernhof ist ein Biobetrieb. Dass die kleine Alpennation so stark auf diesen Trend aufgesprungen ist, war quasi „aufg’legt“: Die Höfe waren und sind verglichen mit anderen Ländern noch immer relativ klein. Viele Berg- und Almbauern mit Rindern und Grünland mussten also gar nicht so wahnsinnig viel verändern, um endgültig zu Biohöfen zu werden. Der Staat nahm außerdem schon in den 1990ern viel Fördergeld in die Hand. Und auch der Handel hat früh auf Bio gesetzt.

Die türkis-grüne Regierung hat die weitere Stärkung des Bio-Sektors in ihr Programm geschrieben. In der Tierhaltung gibt es zwar auch in Österreich Missstände: Die Haltung von Schweinen auf Vollspaltenböden, ohne Einstreu, zu viele Hühner und Puten auf zu engem Raum, doch die Käfighaltung wurde frühzeitig abgeschafft.

Im Biobereich sind es oft jüngere Frauen, die den Takt vorgeben. An der Spitze der Bio Austria, des größten Bio-Verbands Europas, steht Gertraud Grabmann, 54 Jahre alt. Schon ein Drittel der Biohöfe wird von Frauen geleitet, sie stecken auch hinter vielen der gerade boomenden „Solidarischen Landwirtschaften“ (Solawis), bei denen Konsumenten als „Ernteteiler“ Anteile an der gesamten Jahresernte erwerben.

Bei der „Berg- und KleinbäuerInnen Vereinigung ÖBV-Via Campesina Austria“ leitet Julianna Fehlinger die Geschäfte. Zwei Jahre lang war die 32-jährige, die Soziale Ökologie und Umweltressourcenmanagement studiert hat, Teil einer Hofkooperative mit drei Frauen. Sie hat auch die Arbeitsteilung auf Bauernhöfen unter die Lupe genommen, ihr Befund: „Sehr große Ackerbaubetriebe werden häufiger von Männern bewirtschaftet. Frauen setzen eher auf Vielfalt und Kreislaufwirtschaft. Mit Tieren arbeiten beide, in der sehr konventionellen Tierhaltung sind es aber eher Männer.“

Kreislaufwirtschaft bedeutet etwa, dass die Schweine selbst angebautes Getreide und Essensreste fressen anstatt Soja aus Südamerika. Und dass ein Bauernhof statt nur auf ein oder zwei Produkte auf mehrere Standbeine setzt, um sich besser gegen Krisen zu wappnen. Da rennen dann auch ein paar Hühner herum und auf dem Acker wachsen eigene Erdäpfel.

Kammerpräsidentin Langer-Weninger: „Sogenannte weiche Themen wie Gesundheit, Tierwohl und Ernährung liegen meist eher in den Händen der Bäuerinnen.“ Auch Julianna Fehlinger sagt: „Wer fürs Kochen verantwortlich ist, interessiert sich natürlich mehr dafür, dass es einen Hausgarten gibt.“

Ein Viertel aller österreichischen Höfe wird inzwischen von Frauen geleitet, jeder siebte wird von einem Ehepaar gemeinsam geführt. Je größer der Betrieb, desto seltener ist allerdings eine  Chefin anzutreffen.

Bis vor einigen Jahren war noch sehr klar, dass „der Bua“ den Hof erbt. „Langsam aber wird es zur Normalität, dass auch eine Tochter den Hof übernimmt“, sagt Fehlinger. Zaudernde Altvordere sind spätestens dann umzustimmen, wenn ansonsten gar niemand weitermacht.

Wie stark Frauen aber in Zukunft auf den Höfen vertreten sein werden und ob der Biosektor weiter zulegen wird, das hängt stark von der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) ab. Derzeit schüttet diese überproportional viel Geld an Großbauern aus. Die sogenannte zweite Säule, die den Ökolandbau und Leistungen für die Artenvielfalt oder das Klima fördert, steht vergleichsweise schwach da. Kammerpräsidentin Langer-Weninger wünscht sich: „Kleine und mittlere bäuerliche Familienbetriebe müssen wieder mehr ins Zentrum der Betrachtung rücken.“ Und genau da läge die Chance für die Frauen.

 

 

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