Brönimann: „Ich gelte als Verräter!“

Chris Brönimann plädiert für mehr Sorgfalt bei der Abklärung eines Transitionswunsches. - Foto: © Matthieu Zellweger
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Eine lautstarke Kundgebung belagert bereits zwei Stunden vor Beginn unserer Veranstaltung die Straße vor der Lokalität. Die Demonstration ist nicht bewilligt und obwohl sie physisch friedlich bleibt, ist sie von einer unerbittlichen, einschüchternden Brachialität geprägt.

Denn für die Menschen vor dem Veranstaltungsgebäude steht das Urteil fest: Über die Lautsprecher werden wir verteufelt. Man bezichtigt uns der „Hassrede“, der „transfeindlichen Propaganda“, nennt uns böse, gefährliche Menschen. Die Veranstaltung muss polizeilich geschützt werden.

Draußen wird während der Veranstaltung die Redefreiheit niedergeprügelt

Was mir den Atem raubt und tiefe Sorge bereitet, ist eine Szene am Rande der Kundgebung. Dort haben die Demonstranten ein riesiges Megafon aus Pappe gebastelt und aufgehängt – das Symbol für das gesprochene Wort, für Redefreiheit und das Gehörtwerden. Daneben liegt ein Holzstab. Teilnehmer werden animiert, mit voller Wucht auf dieses Megafon einzuschlagen. Ich beobachte, wie sogar ein Kind dazu aufgefordert wird, mit dem Stock auf das Symbol der freien Rede einzuprügeln. Man prügelt metaphorisch die Redefreiheit nieder. Man signalisiert, dass das Wort des anderen zertrümmert werden muss.

Was sich an diesem Abend auf der Straße entlud, kam nicht aus dem Nichts. Es war der vorläufige Höhepunkt einer Dynamik, die auf den Social-Media-Plattformen bereits seit einigen Wochen gegen mich läuft. In transaktivistischen Kreisen werden regelmäßig aus dem Kontext gerissene Screenshots meiner Beiträge veröffentlicht, um mich mit den immer gleichen, verzerrenden Stigmatisierungen zu versehen. Man deklariert mich als „rechtsextrem radikalisiert“, als „religiös fundamentalistisch“ und als „transfeindlich“.

Es sind verbale Brandmarkungen, die schon weit vor diesem Abend begannen und einzig dem Zweck dienen, meine Stimme im Keim zu ersticken.

Seit Wochen läuft eine Kampagne auf Social Media: Meine Stimme soll erstickt werden

Doch wer ist der Mensch, den sie da draußen mit ihren Parolen übertönen und im Netz vernichten wollen? Ich spreche nicht aus der bequemen Distanz der Theorie. Seit über drei Jahrzehnten lebe ich ein Leben, das von der Erfahrung der Transition geprägt ist. Ich kenne die Suche nach der inneren Heimat, das Ringen um Identität, den brennenden Wunsch, im eigenen Körper anzukommen.

Doch heute stehe ich an einem ganz anderen, zutiefst einschneidenden Wendepunkt: Ich befinde mich mitten im Prozess meiner eigenen Detransition. Nach 30 Jahren als Transfrau korrigiere ich meinen Weg. Ich kehre um. Nicht aus einer Laune heraus, sondern als Resultat einer jahrelangen, gereiften Lebensbilanz.

Ich bin ein Mann, der die irreversible Realität medizinischer Eingriffe an sich selbst erfahren hat. Als ich Mitte der 1990er-Jahre meinen Weg antrat, gab es das heutige Konzept der rein affirmativen Schnellstraßen-Medizin in dieser Form noch gar nicht. Und doch habe auch ich damals den großen Versprechungen geglaubt. Ich habe dem medizinischen und gesellschaftlichen Trugschluss vertraut, man könne das biologische Geschlecht im Grunde einfach wechseln – eine fundamentale Illusion, wie ich heute weiß. Ich habe es damals nicht hinterfragt, ich habe geglaubt, und ich trage nun die lebenslangen Konsequenzen daraus.

Das biologische Geschlecht einfach wechseln? Eine Illusion, wie ich heute weiß

Ich habe mein gesamtes Erwachsenenleben diese Geschichte mit jeder Faser meines Körpers und meiner Seele gelebt. Dass ausgerechnet ich von der transaktivistischen Szene zum Feindbild deklariert werde, ist eine schmerzhafte, fast groteske Ironie.

Warum passiert das? Weil meine bloße Existenz als Detransitioner ihr Dogma von der „alternativlosen Schnellstraße“ ins Wanken bringt. In einer Welt, die nur noch Schwarz und Weiß kennt, wird die Graustufe – und erst recht die Umkehr – zum Verrat erklärt. Wenn du nicht zu 100 Prozent die Parolen der Bubble unkritisch übernimmst, bist du der Gegner.

Mein Bestreben ist kein Angriff auf Trans-Menschen. Ich nehme niemandem die Validität seiner Existenz. Wo die Transition eine richtige, umfassend abgeklärte Diagnose ist, soll die Medizin helfen. Ich kenne Trans-Menschen, für die das der richtige Weg war, und ich freue mich von Herzen für sie.

Meine bloße Existenz bringt ihr Dogma der "alternativlosen Schnellstrasse" ins Wanken 

Mein Anliegen aber ist ein anderes: Es ist eine fundierte, unnachgiebige Forderung nach Sorgfalt – eine Forderung, die sich aus den harten Erkenntnissen meines eigenen Weges speist. Eine Transition ist keine sprachliche Kosmetik. Sie ist eine existenzielle Weichenstellung mit tiefgreifenden, lebenslangen Folgen für Körper und Psyche.

Ich weiß heute, was es bedeutet, mit diesen Konsequenzen zu leben. Deshalb gilt: Je weitreichender die Folgen einer Entscheidung sein können, desto mehr Zeit, desto mehr Reflexion und desto mehr Sorgfalt müssen im Abklärungs- und Aufklärungsprozess walten. Aus meiner heutigen Sicht als Detransitioner steht fest: Wir müssen die psychotherapeutische Begleitung wieder aus der Defensive holen und sie radikal ins Zentrum stellen. Nicht, um Menschen zu schikanieren, sondern um einen echten Schutzraum zu schaffen. Es geht darum, genau hinzusehen: Ist die Genderdysphorie die eigentliche Ursache, oder ist sie das überlagernde Symptom einer tiefer liegenden anderen psychischen Ursache?

Mit der Transition als erste, schnelle Option verfehlen wir unsere Pflicht zur Fürsorge

Wenn wir jungen Menschen in ihrer verletzlichsten Phase die Transition als erste, schnelle Option anbieten – eine Dynamik, die heute um ein Vielfaches aggressiver ist als in den 90er-Jahren –, verfehlen wir unsere Pflicht zur Fürsorge. Mir geht es darum, Fehlbehandlungen – wie ich sie letztlich an mir selbst korrigieren muss – zu minimieren. Es geht darum, die Kostbarkeit und Wertigkeit eines unversehrten, gesunden Körpers wieder von Grund auf zu schätzen.

Medizinische Intervention darf keine Schnellstraße sein. Sie muss die Ultima Ratio bleiben – die allerletzte Option, wenn alle anderen Wege der seelischen Aufarbeitung erschöpft sind. Wir haben die Pflicht, diejenigen zu schützen, die diesen Weg aus falschen Gründen einschlagen und am Ende vor den Trümmern ihrer körperlichen Unversehrtheit stehen

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Doch das aktuelle System verträgt keine Fragen, sondern nur paranoide Verweigerung des Gesprächs.

Ich habe einen Text verfasst, gerichtet an eine Fachperson des heutigen, rein affirmativen Behandlungskonzepts. Der Text war in höchstem Maße anständig, sachlich, ruhig und regelkonform. Was folgte, war ein bürokratisches Hinhalte-Spiel, um den Abdruck mit allen Mitteln zu verhindern. Warum? Weil Stimmen wie meine im affirmativen System Systemfehler sind. Man will uns nicht inhaltlich widerlegen; man will einfach nicht, dass wir sichtbar sind, weil wir die Illusion der perfekten, schnellen Lösung stören.

Bei dem Event, gegen das draußen so heftig protestiert wurde, kamen auch homosexuelle Menschen zu Wort. Sie zeigten besorgt auf, wie die radikale Szene zunehmend die Räume und die Identität von Lesben und Schwulen besetzt und kolonisiert, bis viele aus dieser Gemeinschaft zu Recht sagen: Das geht zu weit, hier fehlt jede Sorgfalt. Doch niemand von uns hat Trans-Menschen ihre Berechtigung abgesprochen.

Die Proteste entspringen einer tiefen Angst vor der Realität, die sich jedoch nicht länger mundtot machen lässt. Wer heute ins Internet schaut, wer Podcasts hört, Erfahrungsberichte liest oder Dokumentationen sieht, der merkt: Die Berichte über Detransitionen, die Schicksale und die Stimmen derer, die umgekehrt sind, nehmen weltweit zu. Es sind zutiefst berührende Zeugnisse. Wenn wir diesen Geschichten aufmerksam zuhören und ihre Erfahrungen in die medizinischen Standards integrieren, tun wir das nicht, um jemandem etwas wegzunehmen. Wir tun es, um Leid zu vermeiden.

Es ist Zeit, den Richterhammer niederzulegen. Es ist Zeit für eine symbolische Umarmung, für gegenseitigen Respekt und das gemeinsame Erstarken. Hört uns endlich zu. Wir sind keine Feinde, sondern Menschen, die den Weg bis zum Ende gegangen sind und nun von seinen Gefahren berichten.

CHRIS BRÖNIMANN

 

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