Frankfurter Buchmesse: Die Finninnen kommen!

Kati Outinen, der Star in den Filmen von Aki Kaurismäki. - © Bettina Flitner
Artikel teilen

Als in der Konferenz die Entscheidung fiel, dass ich den Finnland-Schwerpunkt anlässlich der Buchmesse (Start: 8. Oktober) betreuen sollte, wurde mir etwas bang. Denn mein Wissen über das Land war eher allgemeiner Natur. In meinem Block notierte ich: „Das feministische Finnland – damals und heute“. Und: „Gastland der Frankfurter Buchmesse“. Daraus ist ein ziemlich vielfältiger Schwerpunkt geworden, den ihr in der aktuellen EMMA nachlesen könnt.  

Anzeige

Was Frauen angeht, war und ist Finnland so fortschrittlich, dass EMMA schon 2004 über das „Modell Finnland“ jubelte. Finnland war das erste Land in Europa, in dem Frauen nicht nur wählen sondern auch für das Parlament kandidieren durften. Die Finnin Elisabeth Rehn hat Ursula von der Leyen den Weg geebnet: Sie war 1990 die erste Verteidigungsministerin der Welt. Und Finnlands Autorinnenlandschaft ist wirklich beeindruckend.

Nicht nur, weil hier so viele Frauen so detailreich ihre eigene (Alltags-)Geschichte aufarbeiten. Sondern auch, weil ihr Zugriff so kreativ und sprachgewaltig ist. Allen voran unser Covergirl Sofi Oksanen, die seit Erscheinen ihres fulminanten Frauengenerationenromans „Fegefeuer“ im Jahr 2010 eine große Fangemeinde in der EMMA-Redaktion hat. Ein Porträt dieser eindringlichsten Stimme Finnlands findet ihr in der aktuellen Ausgabe. So wie zahlreiche Porträts weiterer Autorinnen.

Dass der Finnland-Schwerpunkt so besonders lesenswert geworden ist, liegt vor allem an unserer Autorin Rebecca Libermann. Die 61-jährige Deutsche hatte vor 30 Jahren einen Finnen geheiratet und lebt und arbeitet in Helsinki. Sie kennt sich wahrlich aus mit den Stärken und Schwächen ihrer Wahlheimat. Die hat sie für EMMA aufgeschrieben. Und sie berichtet nicht nur von den Finninnen, sondern auch von den Finnen. Die scheinen recht speziell zu sein. So wie der ihre: Der drehte sich eines Tages im Wald um, ging – und kam nie wieder.

Außerdem hat Libermann  die wunderbare Tove Jansson porträtiert. Die Schöpferin der Mumins wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Sie ist nicht nur die Pionierin von Finnlands Comic-Szene, sondern auch die  Ikone der Schwulen- und Lesbenbewegung.

Viel Spaß beim Lesen!

Alexandra Eul

EMMA September/Oktober 2014 im EMMA-Shop bestellen

Artikel teilen

Tove Jansson, Comic-Zeichnerin

Tove Jansson 1956 in ihrem Atelier.
Artikel teilen

„Labora et amare“ war ihr Leitmotiv (etwa: Arbeite und Liebe!); Religion war ihr nicht wichtig, obwohl ihr Großvater Pfarrer war. Sie arbeitete viel und liebte viel, hauptsächlich in Helsinki, wo sie 1914, drei Jahre vor Finnlands Unabhängigkeit, geboren wurde und lebte; aber auch auf ihrer heißgeliebten Felseninsel Klovharun, wo sie mit ihrer Lebensgefährtin, der Grafikerin Tuulikki Pietilä, 30 Sommer verbrachte.

Anzeige

Obwohl sie mit den Geschichten und Illustrationen ihrer nilpferdartigen Mumintrolle internationalen Ruhm erlangte, schrieb und zeichnete sie nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, war Comic-Zeichnerin, Dichterin, Bühnenbildnerin, Illustratorin, Dramaturgin und politische Karikaturistin.

Freiheit ist das Beste von allem

“Sie war ein Multitalent, arbeitswütig, sehr lebendig. Sie hatte eine große Willenskraft. Und sie tat immer zahlreiche Dinge parallel, das eine für den Lebensunterhalt, das andere für ihre eigene künstlerische Reifung“, sagt die Kunsthistorikerin Tuula Karjalainen. Ihre lebendige Jansson-Biografie erschien auch auf Deutsch rechtzeitig zu Janssons Geburtstag am 9. August.

Tove Jansson war die älteste Tochter des finnischen Bildhauers Viktor Jansson und der schwedischen Illustratorin Signe Hammarsten-Jansson. Sie malte fast ihr ganzes Leben lang: surrealistisch in den 1930er Jahren, modernistisch in den 50ern, halbabstrakt in den späteren Jahren und für Geld auch monumentale Gemälde an öffentlichen Gebäuden.

Angeblich hat Jansson den ersten Mumintroll schon als Mädchen an die Wand eines Toilettenhäuschens gezeichnet. Er sollte den deutschen Philosophen Immanuel Kant darstellen, über den sie sich zuvor mit ihrem Bruder gestritten hatte. Neben die Figur hatte sie geschrieben: „Freiheit ist das Beste von allem“. Diese Freiheit hat die pazifistische, antifaschistische und gegen den Zeitstrom schwimmende Künstlerin bis zu ihrem Tod im Alter von 86 Jahren verteidigt.

Die Mumins entstanden zeichnerisch bereits in den 30er Jahren als Signetbilder und avancierten von furchterregenden Kobolden zu den niedlichen, philosophierenden Trollen im Mumintal. Doch erst im Krieg - der in Finnland aus drei Teilen, dem Winterkrieg- und Fortsetzungskrieg sowie dem Lapplandkrieg, bestand und teilweise an der Seite Deutschlands gegen die Sowjetunion ausgefochten wurde - begann die Märchen liebende Jansson auch schriftlich an einer eigenen Welt zu bauen, der Muminwelt, in die sie sich flüchten konnte. So entstand in den frühen 1940er Jahren das erste Muminbuch, „Mumins lange Reise“, das sie auf Schwedisch schrieb, Finnlands zweiter Amtssprache.

Schon in den 50er Jahren wollte Walt Disney Tove Jansson die Exklusivrechte für den Namen abkaufen. Doch sie lehnte ab. Um die Mumins entstanden viele weitere Bücher, Filme, Theaterstücke, Comics, ja ein ganzer Kult und eine ganze Industrie, die bis heute fortdauern. Es ist kein Zufall, dass bei dem Vorbild die Comic-Szene in Finnland im Gegensatz zu anderen Ländern von Frauen dominiert wird, heute rund 20 an der Zahl.

Im Krieg zeichnete Jansson auch antinazistische Kriegskarikaturen, die im deutschlandfreundlichen Finnland nicht ungefährlich waren. Sie war in vielerlei Hinsicht unbekümmert und wagemutig. So hatte sie Ende der 30er Jahre eine Liebesaffäre mit einem jüdischen, finnischen Maler und Intellektuellen; später im Krieg eine mit einem untreuen, kommunistischen Maler; 1943 folgte der pazifistische Politiker Atos Wirtanen, den sie erst betrog und mit dem sie dann „in wilder Ehe“ lebte.

Lesbische Liebe war total tabu

1946 verliebte Tove sich erstmals in eine Frau, die verheiratete Theaterregisseurin Vivica Bandler. Mit ihr produzierte sie Stücke für Theater, Fernsehen und Radio. 1955 begegnete sie schließlich der Liebe ihres Lebens: der Grafikerin Tuulikki Pietilä, mit der sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 zusammenlebte. War „wilde Ehe“ zur damaligen Zeit schon gewagt, so war die lesbische Liebe total tabu.

Die Beziehung zwischen den beiden Künstlerinnen fand Eingang in viele ihrer Romane und Erzählungen, wie „Fair Play“, das 2014 erstmals auf Deutsch publiziert wurde. Im Roman wird nie deutlich gesagt, dass es eine Liebesbeziehung ist, aber in einschlägigen Kreisen wurde dieses Buch zum Kultobjekt.

Tove Jansson und ihre Bücher sind einer der Schwerpunkte des Ehrengasts Finnland auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (8. bis 12. Oktober). Um noch viel mehr tolle Finninnen geht es in der nächsten EMMA, ab 28. August am Kiosk. 

Weiterlesen
 
Zur Startseite