Bärenstark: Pippi wird 70!

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Sie ist - wenigstens nach landläufigen Maßstäben - durchaus nicht niedlich. Aber ihr großer Mund und ihre Sommersprossen beeinträchtigen ihr Selbstgefühl überhaupt nicht. Im Gegenteil, sie mag sich sehr. Unordentlich ist sie auch und hat überhaupt keinen Sinn für Pflicht und Anstand. Sie benimmt sich in Gesellschaft Erwachsener - wie diese das zu nennen pflegen - "unmöglich" und geniert sich dennoch gar nicht. Dazu lügt sie noch wie gedruckt, erzählt Phantasiegeschichten und führt Erwachsene mit ihren scheinbar harmlosen Bemerkungen an der Nase herum.

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Astrid Lindgrens Tochter erfand den skurrilen Namen

Sie ist überhaupt nicht vernünftig und tut sehr oft gerade das, was Erwachsene Kindern meist "in ihrem eigenen Interesse" zu verbieten pflegen, und doch hat sie keine unangenehmen Folgen zu tragen. Sie einzuschüchtern, gar in ihr Schuldgefühle zu wecken, ist schlichtweg unmöglich. Sie hat ein weiches Herz und ist andern Kindern gegenüber unheimlich großzügig. Zu ihrer Unbescheidenheit und ihrer Keckheit gesellt sich noch eine Lust auf Abenteuer und möglichst viel Spaß. Und schließlich ist sie (natürlich) auch viel stärker als alle andern, stärker als Polizisten und Räuber, als Schullehrer und Spekulanten und mit neun auch fast schon stärker als ihr Supervater, der wunderbare Kapitän und König, der ihr dann und wann einen freundlichen Besuch abstattet und sie im übrigen in Ruhe läßt.

Pippi, das Überkind, das Supermädchen, ist die erste und auch die markanteste Figur, die Astrid Lindgren geschaffen hat. Vor rund 30 Jahren begann sie ihren Siegeszug in unzähligen Büchern und zahlreichen Übersetzungen. Ihr Alter ist erstaunlich, denn dieses rothaarige Kind, das mit seinen Abenteuern so vielen andern Kindern Freude bereitet, könnte von Feministinnen in den siebziger Jahren als Identifikationsfigur für kleine Mädchen erfunden worden sein. Ein kleines Mädchen, Astrid Lindgrens siebenjährige Tochter, erfand 1941 den skurrilen Namen. "Erzähl mir etwas von Pippi Langstrumpf" bat sie ihre Mutter, weil sie sich - mit Fieber im Bett - langweilte. Astrid Lindgren begann spontan zu fabulieren. Erst einige Jahre später, als sie selbst im Bett liegen musste, schrieb sie die Geschichten auf.

1945 erschien "Pippi Langstrumpf" erstmals auf Schwedisch und 1949 auf Deutsch. Sie erntete zugleich höchstes Lob und vernichtende Kritik. Von professionellen Erziehern wurde sie als "jugendgefährdend" und "gewollt originell" abgetan. Damit wurde der einzigartige Charakter dieses Kinderbuches quittiert, denn einzigartig war es vor allem zu einer Zeit, da Begriffe wie "freie Erziehung" und "Erziehung zur Autonomie" für die Mehrheit der Menschen Fremdworte und Modeworte wie "antiautoritär" oder "emanzipatorisch" noch gar nicht erfunden waren.

Pippi ist eine
Ausnahmefigur 
in der Flut der Kinderbücher.

Pippi war und ist eine der seltenen Ausnahmefiguren in der großen Flut der Kinderbücher und Kindergeschichten. In den 40er Jahren konzentrierten sich die meisten Kinderbuchautoren noch ganz offen auf Geschichten mit dem Ziele, Kinder auf eine von Erwachsenen als richtig erkannte Moral hin zu trimmen. Das geschah offen oder raffiniert verbrämt. Auch wenn sogenannt frei fabuliert wurde, so siegte doch meist eine Art von Ästethik, Humor oder Romantik, die von der Optik des Erwachsenen bestimmt war und von dem, was er für "kindlich" hielt. Auseinandersetzungen zwischen Gut und Böse, wobei das Gute jeweils zu siegen hatte, waren an der Tagesordnung. Die Welt war eingeteilt in Garstige und Freundliche, Gehorsame und Freche, Grausame und Gütige.

In vielen Kinderbüchern ist das bis heute so geblieben, auch in sogenannten progressiven Büchern. Das "Gute", das zu siegen hat, von dem man das Kind überzeugen will, hat nur immer wieder seine Gestalt verändert. Wo früher, in Pippis "Jugendzeit", vielleicht eher Bravheit, Anpassung und Sanftheit honoriert wurden, da siegen heute die Solidarität, der Mut und die Ehrlichkeit oder gar die revolutionäre Gesinnung. Und mitten in dieser riesigen variationsreichen Landschaft von "kindgerecht" verpackter Erwachsenenmoral und Weltanschauung steht Pippi als eine der seltenen Gestalten, die im echten und befreienden Sinne "moralisch" sind.

Ich habe Pippi als kleines Mädchen leider nicht entdeckt. Ob meine Eltern sie mir bewusst vorenthielten, ob sie damals in Schul- und Jugendbibliotheken noch nicht verliehen werden durfte? Irgendwie so muss es gewesen sein, denn meine kindliche Lesewut müsste Pippi sonst unweigerlich aufgespürt haben. Ich habe die Pippigeschichten vor einem Jahr Kindern vorgelesen und aus ihren Reaktionen schließe ich, wie heiß ich sie als kleines Mädchen geliebt hätte, heißer als die vielen anderen Buchgestalten, die nach Entbehrungen und Irrungen am Schluss der Erzählung ein Happy-End erleben durften. Ich habe an Pippi als Mutter Zug für Zug die Eigenschaften eines im wahrsten Sinne freien Kindes entdeckt und zugleich die Phantasien und Wünsche meiner eigenen Kindheit wiedergefunden.

"Ich schreibe, um das Kind in mir selbst zu unterhalten."

Pippis Erfolg bei allen Kindern, bei Jungen und Mädchen, erklärt sich wohl vor allem daraus, dass hier eine Gestalt ganz authentisch und echt in dem Sinne ist, als sie Wünschen und Bedürfnissen ihrer Leser entgegenkommt und ganz aus ihrer Perspektive gestaltet ist. "Ich schreibe", so sagt Astrid Lindgren, "um das Kind in mir selbst zu unterhalten". Und: " ... es gibt kein anderes Kind, das mich inspirieren kann, als das Kind, das ich selbst einmal gewesen bin. Es ist überhaupt nicht nötig, eigene Kinder zu haben, um Kinderbücher schreiben zu können. Man muss nur selbst einmal Kind gewesen sein - und sich so ungefähr daran erinnern können wie das war."

Die Autorin, die auf diese Weise immer wieder betont hat, wie fern sie aller Theorie, aller erzieherischen Absicht ist, schafft als ersten literarischen Meisterwurf (viele ihrer späteren Figuren sind kleine Brüder und Schwestern im Geiste) das Übermädchen Pippi, das emanzipierte weibliche Kind an sich. Dass das kein Zufall ist, liegt auf der Hand. Was Pippi auslebt und vorlebt, was ihr gelingt und was sie mit ihrem ganzen Wesen verkörpert, ist eben der Inbegriff dessen, was eigentlich in kleinen, nicht domestizierten, nicht verbogenen Mädchen steckt. Pippi ist das noch nicht an ein weibliches Rollenbild herandressierte Urwesen, Pippi ist die Verkörperung von ungezähmten Kleinmädchenträumen. Dass sie genau all jene Eigenschaften besitzt, die einem Idealbild des emanzipierten Erwachsenen entsprechen würden, spricht für sich selbst.

Und so könnte man diese Züge charakterisieren: Pippi lebt allein. Sie ist praktisch eine Waise, nicht "leider" wie in so vielen anderen rührseligen Kindergeschichten, sondern "Gott sei Dank". Niemand kümmert sich um sie, niemand schränkt sie ein und zwingt sie zu Gehorsam. Und Pippi genießt das. Sie kommt nicht nur ausgezeichnet zurecht, ihre Unabhängigkeit macht sie auch stark und glücklich. Sie mag andere Kinder, aber sie genügt sich auch selbst, und weiß sich allein köstlich zu unterhalten.

Sie ist also weder durch Liebesentzug noch durch Macht oder Mitleid zu manipulieren oder zu erpressen. Diese innere Autonomie äußert sich in lustigen Anekdoten. Dann etwa, wenn Pippi sich selbst zur Unterhaltung etwas vorlügt, wenn sie einen ganzen Abend lang versucht, sich tanzen zu lernen, wenn sie mit sich Selbstgespräche führt.

Pippi ist voll gesunden Selbstgefühls. Sie mag sich und spart nicht mit Eigenlob, wenn ihr etwas besonders gut gelungen ist. Auch da ist sie von der Zustimmung oder Ablehnung anderer nicht abhängig. Wenn gegen Sommersprossen wie gegen eine Krankheit "Heilsalben" angeboten werden, kann sie nur lachen, denn sie findet Sommersprossen schön und möchte mehr davon haben. Auch wenn sie sich schmückt und schminkt, beweist sie ihre Eigenständigkeit, was den Geschmack anbelangt. Pippi kümmert sich nicht darum, was andere schön finden. Hauptsache, ihr gefällt's, Hauptsache, sie findet es praktisch. Pippi ist auf ihre Weise eitel und dabei nie Objekt fremden Entzückens.

Pippi mag wilde Spiele und ist nicht zimperlich.

Pippi fügt sich weder Verhaltensnormen noch Rollenvorstellungen. Sie ist ein richtiges Mädchen, kein sanftes zartes Bild. Sie brüllt und fuchtelt. Sie klettert auf Bäume und schreckt vor keiner gefährlichen Unternehmung zurück, wenn's Spass macht. Sie fürchtet sich nicht davor, sich schmutzig zu machen und es fällt ihr schrecklich schwer, ihr Temperament zu zähmen und sich "anständig" aufzuführen. Pippi mag wilde Spiele und ist nicht zimperlich. Sie träumt nicht von einer Zukunft als Hausfrau und Mutter, sondern von einer Karriere als Seeräuber.

Ihre Abenteuerlust und ihre Neugierde sind groß. Eine ihrer wichtigen Beschäftigungen ist "Sachen suchen". Dem Unerwarteten, Ungewöhnlichen, von anderen gar nicht Wahrgenommenen nachgehen, sich überraschen lassen und die Welt zusätzlich mit ihrer Phantasie bevölkern, darin äußert sich ihre ursprüngliche Kreativität. Die lässt sie sich durch keine Schule zerstören und durch keinen Einwand zunichte machen.

Pippi gibt sich dem Augenblick hin, sie ist ein Lebenskünstler (wie Kinder das eigentlich alle sind, wenn man es ihnen nicht mit "Erziehung" austreibt). Sie freut sich über kleine Dinge und schwelgt ganz nach dem Lustprinzip, wo sie nur kann. Sehr oft und ausgiebig auch beim Essen. Sie tut sich selbst viel zuliebe und vergisst, großzügig wie sie ist, auch die andern Kinder nicht.

Für sie ist der Sinn des Lebens das Leben selbst, das Genießen. Und schließlich ist Pippi überstark, stärker als alle Menschen der Welt, stärker als Lehrer, Polizisten und Häusermakler. Wenn sie den stärksten Mann der Welt auf den Rücken legt, wenn sie ihr Pferd hochstemmt, wenn sie wilde Tiere besiegt und Räuber zähmt, so verkörpert sie den Wunschtraum jedes Kindes (und auch vieler Frauen). Das ist die handfeste Kompensation des kindlichen Gefühls von Unterlegenheit und Schwäche. Ihre körperliche Stärke ist zudem Symbol für die innere Stärke eines ungezähmten, ungebändigten und in diesem Sinne "unverdorbenen" Kindes. Diese Überkraft erlaubt es ihr, sich der Manipulation durch die Fürsorge der Erwachsenen zu entziehen, ihre Normen, ihre Moral, ja ihre Bildung in Frage zu stellen und zurückzuweisen. Dank ihrer Überkraft kann Pippi bleiben, was sie ist: ein Mensch (ein Mädchen!) im freien Urzustand.

Pippi gibt sich dem Augenblick hin, sie ist ein Lebenskünstler

Astrid Lindgrens Biographie hat nichts Abenteuerliches, nichts Spektakuläres. Sie war, bevor sie Kinderbücher zu schreiben begann, eine Durchschnittsfrau, eine Ehefrau mit zwei Kindern. Sie unterschied sich höchstens durch ihre Erinnerungen an eine freie, glückliche Kindheit und ihre Freude an Büchern von anderen Frauen in ihrer Lage. Ihre Fabulierlust ist ihre größte Motivation zum Schreiben: " . . . andere schlössen sie (Pippi) seltsamerweise ins Herz. Die Kinder taten es, und für sie hatte ich ja geschrieben. Oder, richtiger gesagt, für das Kind in mir, das noch immer nach Büchern hungert. Dieses Kind entdeckte mit Jubel: Ja, du liebe Zeit, Bücherschreiben macht ja genausoviel Spaß wie sie lesen!"

Diese Fabulierlust ließ sie nach Pippi immer wieder neue Figuren und Begebenheiten erfinden. Mädchenbücher für jedes Alter, Bücher für ganz kleine Kinder, Detektivgeschichten folgten. Vieles ist in einer eher idyllischen Vergangenheit angesiedelt, einiges in der reinen Welt der märchenhaften Phantasie.

Man könnte Astrid Lindgren vorwerfen, sie schüfe in vielen ihrer Werke eine sogenannte unrealistische "heile Welt". Das stimmt vielleicht da und dort in dem Sinne, als die äußere Realität der Gegenwart ausgeklammert ist. Was die Bücher dennoch alle wertvoll macht, ist die Art, wie Astrid Lindgren die innere Realität des Kindes erfasst hat. Wie sie ohne zu werten und zu richten, und gänzlich ohne jeden Anflug von herablassender Anbiederung oder gar von Moralisieren von dieser inneren Realität berichtet. Auch da gibt es kein Gut und Böse, auch da gibt es alles und nichts nebeneinander. Keiner Unart folgt die Strafe auf dem Fuße und kein Kind muss sich "bessern", "ändern" oder erfolgreich anpassen. Alle ihre Helden sind vollauf damit beschäftigt zu leben, zu staunen, zu fühlen und ihren Tatendrang und ihre Neugier auf das Leben zu befriedigen. Pippi, die Erstgeborene, wirkt aber unter ihnen allen - wenigstens für mein Empfinden - wie eine Galionsfigur.

Pippi schläft mit den Füßen auf dem Kopfkissen und wirft, wenn sie auf dem Baum Kaffee getrunken hat, Tassen und Kanne der Einfachheit halber auf den Rasen hinunter. Sie planscht mit Kleidern und Schuhen im Wasser, wenn sie dazu Lust hat und findet es unnötig, zur Schule zu gehen und sich von Erwachsenen auf ihr Leben hin trimmen zu lassen. Sie weiß auch nicht so recht, ob sie überhaupt erwachsen werden will.

Sie weiß nicht so recht, ob sie überhaupt erwachsen werden will.

Wenn in den Kinderbüchern des 19. Jahrhunderts Kinder, die sich der Domestifikation durch Erwachsene widersetzten, beispielhaft bestraft wurden, ja gar an den "logischen" Folgen dieses Aufbegehrens starben, wie weiland der Suppenkaspar, so demonstriert Astrid Lindgren mit Pippi exemplarisch das Gegenteil. Sich Erziehungsversuchen erfolgreich zu widersetzen und so frei und glücklich zu bleiben, das heißt, sein kindliches Ich zu retten, wird zum lohnenden Ziel.

In der Tat hat denn auch Astrid Lindgren ihr Misstrauen gegenüber dem, was so landläufig unter Erziehung verstanden wird, formuliert: In einem Leserbrief an die Zeitschrift "Husmodern" schreibt sie (weil Pippi Langstrumpf in einer Auseinandersetzung um Erziehung angegriffen wurde): "Die Welt ist voll von unbekannten und beängstigenden Dingen, und alles, worauf sich der kleine Wicht (das Kind) verlassen kann, sind die Erwachsenen, die schon so lange leben und so viel wissen. Es müsste also ihre Sache sein, eine Welt der Geborgenheit, Wärme und Freundlichkeit um den Wicht zu schaffen. Aber tun sie das? Viel zu selten, will mir scheinen. Sie haben wohl keine Zeit! Sie sind voll und ganz davon in Anspruch genommen, den kleinen Wicht zu erziehen. Sie erziehen ihn beharrlich von früh bis spät, es ist ihnen so verzweifelt viel daran gelegen, dass er schon von Anfang an genau wie ein Erwachsener auftritt. Denn dieses ein Kind sein ist doch eigentlich ein hässlicher Charakterzug, dem mit allen Mitteln entgegengearbeitet werdenmuss."

Pippi Langstrumpf ist ein Symbol für Emanzipation. Für die Emanzipation des Kindes mit seinen Phantasien, seinen Interessen und Bedürfnissen, die Emanzipation des weiblichen Kindes gegen den doppelt schweren Druck. Pippi wirkt befreiend als Vorbild und Utopie. Sie ist der freie Mensch, der seine eigene Moral entwickelt, eine Moral ohne Prinzipien, aber bestimmt von subjektiven Bedürfnissen und Empfindungen. Sie ist das Vorbild, das nicht Anpassung und Wohlverhalten demonstriert, sondern Neugierde und Lebenslust. Pippi Langstrumpf ist das Überkind, das totale Kind, das nicht mehr schwach, beherrschbar und manipulierbar ist, sondern erfolgreich seine Lebensweise, seine Gewohnheiten, seine Träume und Vorlieben verteidigen kann. Pippi zeigt, wo die Befreiung der Frauen, die Befreiung der Menschen ihre Wurzel hat: in der Befreiung des Kindes, das jeder am Anfang seines Lebens ist.

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Der Lillifee-Komplex

Prinzessin Lillifee - in erster Linie Rosa mit Glitzer.
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Vielleicht ist ja am Ende die ­Kar­toffel schuld an der ganzen Geschmacksverirrung meiner Tochter. Wo die Kartoffel doch schon am Materialismus der Kleinen schuld ist, das behauptet zumindest Rudolf Steiner: Die Kartoffel wirkt durch die Erdgerichtetheit ihrer Keimblätter sehr stark auf das Nervensystem, schwächt damit das meditativ-verinnerlichende Denken und stärkt den reflektierenden Verstand. Darin sieht Steiner den Beweis, dass durch die Kartoffel ein auf das Materialistische reduziertes Vorstellungs­leben gefördert wird. Vielleicht, fragt man sich als ratloser Vater inmitten eines Lillifee-Zimmers, vielleicht sollten wir mal versuchen, unserer Tochter die Kartoffeln zu verbieten? Wenn sonst schon nichts hilft.

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Lillifee ist nämlich eindeutig eine ­Ausgeburt des Materialismus und der oberflächlichen Sinneswahrnehmung. Ach was, Lillifee ist das Raffinierteste und Hinterhältigste, was die Industrie in den vergangenen Jahren ersonnen hat, um kleine Mädchen zu Konsumgören zu ­deformieren. Man kann als Eltern noch so nachhaltig, vollwertig, konsumkritisch leben, reden, schenken, die Tochter will: Lillifee. Lillifee und dazu am besten all die Lillifee-Produkte, die jeder Spielzeugladen heute auf mindestens einem gesamten Stockwerk führt. Oder haben sich fünfjährige Mädchen vor zwanzig Jahren auch rosa Lipgloss zum Geburtstag gewünscht?

Für alle, die keine Töchter zwischen zwei und acht Jahren haben: Lillifee ist ein anorektisches Wesen mit Glitzer­flügeln, Kussmündchen und blonden Wuschelhaaren, das in einem „Blütenschloss im Zaubergarten des Zauberlandes Pinkoviana“ lebt, einem Paradies ohne Konflikte. Lillifee trägt rosa Ballerinas, lächelt immer und ist von klinisch reiner Niedlichkeit. Sie hat keine Ideen, hat noch nie einen witzigen Satz gesagt und besitzt auch nicht ansatzweise so etwas wie einen eigenen Charakter.

Erschaffen wurde das Wesen 2004, also erst vor sechs Jahren, es hat sich seither aber schneller über das Land verbreitet als die Schweinegrippe oder Ebola. Monika Finsterbusch, die Frau, die Lillifee erfunden hat, war zuvor Modedesignerin und hat Plüschtiere entworfen. In Interviews sagt sie, sie habe mit Lillifee etwas „positiv Mädchenhaftes“ entwerfen wollen. Alltag, Schule, Eltern, Konflikte, all das interessiere sie nicht, wichtig sei, „die Kinder in eine Traumwelt zu entführen“.

Diese Traumwelt freilich ist voll gerümpelt mit mehr als dreihundert Lillifee-­Produkten, die die Firma Coppenrath mittlerweile im Angebot hat. All diese Produkte sind in ein und demselben ­milchig-milden Rosaton gehalten: Glitzer­tattoos, Beauty-Sets, Bademäntel, Fahrradsattelschutz, Tapeten, Butterbrotdose, Zahnbürsten, Trinkflaschen, Noppenkondome, Handfeuerwaffen und Giftgasmasken. Pardon, die letzten drei Produkte gibt es natürlich nicht im Sortiment, ­besser gesagt: noch nicht. Shampoo aber schon, das selbstverständlich ph-hautneutral und alkaliseifenfrei ist und nicht einfach Shampoo, sondern Anti-Ziep-Shampoo heißt. Man kauft es am besten zusammen mit dem rosa Schaumbad „Feenstaub“, das „kleine Glitterpartikelchen“ enthält, was mich daran erinnert, dass ich unseren Kindern kürzlich ein polnisches Märchen vorlas, in dem drei Söhne ausziehen, um das Glück zu suchen. Danach fragte ich: „Was ist denn für euch beide das Glück?“ Unser Sohn sagte: „Meine Hasen und die Marionetten.“ Unsere Tochter sagte: „Rosa mit so ein bisschen Glitzer drin.“ Wow, dachte ich, ihr schäbigen Industriemogule, da habt ihr ganze Arbeit geleistet, wenn eine Fünfjährige das Glück mit der Lillifee-Ästhetik gleichsetzt.

Nun hat die Lillifee-Industrie das Rosa wahrlich nicht erfunden. In den Spielzeugläden von Toys’r’us sind die Gänge mit Mädchenspielzeug durchgehend rosa, abgesehen von vereinzelten Farbtupfern in Mintgrün, Lila und Orange. Fragt man Verkäufer, woran es liegt, dass Mädchen derart auf Rosa abfahren, sagen sie achselzuckend, das sei so stark in den Mädchen drin, das müsse genetisch bedingt sein.

Für diese These spricht, dass die für Roterkennung zuständigen Gene auf dem weiblichen X-Chromosom gelagert sind. Man könnte daraus schließen, dass dieses Chromosom bei kleinen Mädchen eben noch nicht ausgewachsen ist, dass Rosa also eine Art Schrumpfform von Rot darstellt. Gegen die These spricht allerdings die Tatsache, dass Rosa noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Jungenfarbe galt: Als die belgische Prinzessin Astrid 1927 ein Mädchen zur Welt brachte, schrieb das amerikanische Magazin Time, die Mutter sei nun sicher enttäuscht, schließlich sei die Wiege in Erwartung eines Stammhalters „in der Jungenfarbe“ dekoriert worden – in Rosa. Die Mädchenfarbe war damals Blau, schließlich war das in der Kunstgeschichte von jeher die Farbe der Jungfrau Maria gewesen. Das amerikanische Ladies’ Home Journal begründete die Zuordnung 1918 damit, Pink sei nun mal die „kräftigere und damit für Jungen geeignete Farbe“. Der Siegeszug des weiblichen Rosa begann erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Psychologisch gesehen, steht Rosa für Schutz und Sanftheit. Es ist erwiesen, dass Säuglinge in rosafarbenen Wänden weniger weinen als etwa in hellgelben. Bei Erwachsenen scheint das ähnlich zu sein: Im Schweizer Untersuchungsgefängnis Pfäffikon gibt es eine Zelle, die ganz in Rosa ­gehalten ist. In diese Zelle kommen Insassen mit einem hohen Maß an Gewaltbereitschaft.

Nach spätestens einem Tag sind die Häftlinge farbsediert. Der amerikanische Naturwissenschaftler Alexander Schauss stellte bereits in den 1970er Jahren fest, dass die Farbe Pink eine beruhigende Wirkung auf aggressive Häftlinge habe. Auf kleine Mädchen aber scheint Rosa anders zu wirken: Ich habe jedenfalls nicht den Eindruck, dass das Spielen mit Lillifee unsere Tochter zu einem friedlichen Wesen macht. Im Gegenteil, es erzeugt Unzufriedenheit, weil sie immer noch mehr von dem Prinzessinnenzeugs haben will.

Gundel Mattenklott erwähnt in „Zauberkreide“, ihrem historischen Überblick über die Kinder- und Jugendbuchliteratur zwischen 1945 und 1989, kein einziges Buch, das eine Prinzessin im Titel hätte. Heute bietet der Loewe-Verlag „Prinzessin Rosalea“, Ravensburger hat „Meine kleine Prinzessin“ im Angebot und Tessloff den Ratgeber „Wie werde ich Prinzessin in nur sieben Tagen“.

Und ganz vorneweg ist Lillifee, in der gleich zwei Kleinmädchenträume miteinander geklont wurden – der von der Prinzessin, der man alle Wünsche erfüllt, und der von der Zauberfee. All diese Prinzessinnen haben zweierlei gemeinsam: Zum einen sind sie keine sozialen Wesen, sondern gleichen eher autistischen Einzelkindern, die um sich selbst und ihre Wünsche kreisen. Im Lillifee-Film besitzt die Prinzessin einen befliegbaren Kleiderschrank von der Größe einer Turnhalle. Damit einhergehend sind sie alle als Prinzessinnen verkleidete Kampfdrohnen der Spielzeugindustrie. Sie alle dienen nur dazu, möglichst viel Merchandising-Zeugs an den Mann, das heißt, an die kleinen Mädchen zu bringen. Etwa die Hälfte seines Umsatzes von 70 Millionen Euro macht der Coppenrath-Verlag mit den so genannten Non-Book-Artikeln.

Es gibt auch so genannte Lillifee-­Bücher, die angeblich darin erzählten ­Geschichten sind aber keine. Nach der Handlung dieser Bücher zu fragen, führt zu nichts, man kann ja auch nicht fragen, was die Handlung eines Bildschirmschoners ist. Die Bücher sind einfach nur hübsch anzuschauen. Eine Handlung setzt innere Veränderung voraus. Lillifee aber bleibt die, die sie von ­Anfang an war – eine sterile, keimfreie Projektionsfläche, um die herum Waren drapiert werden.

Immer wenn ich derart vor mich hin schimpfe, sagt meine Frau, sie habe früher auch tagelang ihre Barbies frisiert und die seien ja wohl sexistischer gewesen als dieses kleine Feenwesen. Genau das aber ist der Punkt, den ich so perfide finde: Barbie ist eine junge Frau, klar, mit einem Körper, der jedem Orthopäden Albträume bereiten muss. Als Frau wäre sie 2,26 Meter groß und nicht überlebensfähig. Doch Barbie nimmt – stellvertretend für die Mädchen – das Erwachsensein vorweg; die Mädchen versuchen aber nicht, ihren Lifestyle zu kopieren.

Lillifee hingegen ist ein Kind und holt die Konsumwelt der Erwachsenen mitten ins Kinderzimmer. Im Coppenrath-Katalog sieht man ein sechsjähriges Mädchen im Lillifee-Bademantel in den Lillifee-Spiegel schauen und ihre aufgeworfenen Lippen betrachten.

Die Frage ist, wie man als Eltern mit einer derartigen Geschmacksverirrung des eigenen Kindes umgehen soll. Verbieten? Oder soll man gar, wie die britischen Zwillingsschwestern und Mütter Emma und Abi Moore mit ihrer Kampagne „Pink stinks“, einen Feldzug gegen das omnipräsente Kinderzimmerrosa anzetteln? Und damit Gefahr laufen, dass ­dieser unterdrückte Wunsch irgendwann wie ein verdrängtes Trauma machtvoll ­zurückkehrt?

Nichts Schlimmeres als diese Eltern, die sagen, ihr Kind habe ja mittlerweile auch eingesehen, wie scheußlich Rosa ist, gell, Melanie? Und Melanie steht bedröppelt daneben und nickt mit dem Kopf. Man würde dann als Eltern denselben Fehler machen wie die Feministinnen der 1970er Jahre: Die US-Professorin Jo Paoletti ­behauptet in ihrem Buch „Pink and Blue – Telling the Boys from the Girls“, Rosa sei erst durch die Emanzipationsbewegung eindeutig weiblich besetzt worden. Gerade durch das vehemente Schimpfen auf alle Pinktöne hätte auch der Letzte die geschlechtliche Zuordnung verinnerlicht. Vielleicht lässt man die rosa Periode also einfach über sich hinwegziehen und hofft darauf, dass sie sich im Laufe der Zeit schon auswachsen wird.

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