In der aktuellen EMMA

Ein Vater, der nicht schweigt

Seine Tochter Ann-Marie wurde getötet. Vater Michael Kyrath ist ihre Stimme. - Foto: IMAGO
Artikel teilen

25. Januar 2023: Die Schülerin Ann-Marie Kyrath (17) aus Elmshorn sitzt mit ihrem Freund Danny (19) im Regionalzug von Kiel nach Hamburg. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Brokstedt sticht plötzlich jemand auf das Mädchen ein. 26 Mal, mit einem Küchenmesser, mit 20 Zentimeter langer Klinge. Ihr Freund Danny will sich schützend vor sie stellen. Den 19-Jährigen trifft ein Messerstich mitten ins Herz. Der Täter sticht auch noch auf Ann-Marie ein, als sie schon reglos am Boden liegt. Vier weitere Menschen verletzt der Angreifer schwer, bevor Fahrgäste ihn überwältigen und auf dem Bahnsteig in Brokstedt bewachen, bis Einsatz- und Rettungskräfte eintreffen. Eine Frau, die verletzt wurde, kann das Erlebte nicht verkraften und wird später Selbstmord begehen.

Als Ann-Marie nicht zuhause ankommt und ihr Vater von einem Amoklauf im Regionalzug hört, fährt er sofort nach Brokstedt. Dort sagt ihm ein Polizist, dass seine Tochter getötet wurde. Der Täter heißt Ibrahim A., er ist staatenloser Palästinenser aus dem Gaza-Streifen, Asylbewerber, drogenabhängig, bereits mehrfach straffällig geworden und hätte längst ausgewiesen werden müssen.

Danach setzte sich in Gang, was quasi immer nach einem Attentat dieser Art passiert: Sogenannte „ExpertInnen“ melden sich zu Wort, sie attestieren dem Täter eine „Psychose“, ein „Flucht-Trauma“, erklären ihn für „unzurechnungsfähig“. Ein „kranker Einzeltäter“, der nie richtig in Deutschland integriert wurde. Es folgen kurze Beileidsbekundungen seitens der Politik und noch im selben Atemzug wird davor gewarnt, Rechte könnten die Tat ausnutzen. Von linken Initiativen wird zur „Demo gegen rechts“ aufgerufen. 

Auch in Brokstedt betonte die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser: „Das Wichtigste ist, dass diese Tat nicht von Rechtsradikalen missbraucht wird.“

Und die Opfer und ihre Angehörigen und FreundInnen? Die bleiben namen- und gesichtslos. „Wir sollen schweigen“, sagt Michael Kyrath, Ann-Maries Vater, im Gespräch mit EMMA. Genau das tun auch fast alle Hinterbliebenen – bis auf ihn und Astrid Passin in Berlin. Ihr Vater war unter den Opfern vom 19. Dezember 2016 am Berliner Breitscheidplatz. Ein islamistischer Attentäter raste mit einem LKW in den Weihnachtsmarkt. Zwölf Menschen wurden getötet. Astrid Passin kämpft bis heute für die Rechte der Opfer.

„Viele von uns Eltern hätten gerne was gesagt, nachdem unsere Kinder ermordet worden sind“, sagt Michael Kyrath, „aber die meisten haben Angst davor, nach rechts gestellt zu werden.“ Kyrath will trotzdem nicht schweigen: „Ich finde, das bin ich meiner Tochter schuldig“, sagt er. Und er erklärt: „Wir müssen darüber sprechen dürfen, dass wir in Deutschland ein Problem mit Gewalt von Menschen haben, die hier Schutz suchen. Wir sehen das immer gleiche Täterprofil, oft das gleiche Tatwerkzeug, den nahezu gleichen Tathergang und die gleichen Tatmotive. Wir sehen eine flächendeckende Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Sie sind mehrheitlich die Opfer. Darüber dürfen wir nicht schweigen!“

Vater Kyrath hat mit Mitstreitern die Initiative „Trauerwache Deutschland“ gegründet. Damit die Opfer nicht vergessen werden und Hinterbliebene zueinander finden. Auf der Website der Initiative sind zahlreiche Opfer aufgelistet, darunter auch viele Kinder. Ann-Maries Vater steht in Kontakt zu Eltern von über 300 getöteten Kindern und Jugendlichen. 300? „Ja, über 300“, sagt Kyrath. Von den wenigsten Messerattacken bekomme die Öffentlichkeit etwas mit. „Laut Polizei gibt es in Deutschland durchschnittlich 80 Messerangriffe pro Tag. Und viele davon enden mit schweren bis tödlichen Verletzungen“, sagt Kyrath.

Aktuell betreut er u. a. eine Großmutter, deren Tochter von ihrem Freund, einem Geflüchteten, mit 22 Messerstichen hingerichtet wurde. Anschließend hat der Täter den Enkel regelrecht geschächtet. Ein anderes Kind wurde zu Tode verbrüht. Die wenigsten dieser Morde gingen durch die Medien, würden viel mehr „ins Private“ einsortiert, wie die Gewalt gegen Frauen ja auch.

Die Medien seien nur kurzweilig präsent, wenn ein Attentat in der Öffentlichkeit passiere. Wie in Aschaffenburg, wo der zweijährige Yannis während eines Parkbesuchs mit seiner Kita-Gruppe von einem geflüchteten Afghanen erstochen wurde. In München, wo ein zweijähriges Mädchen und seine Mutter auf einer Verdi-Demonstration totgefahren wurden. In Illerkirchberg, wo die 14-jährige Ece S. von einem Asylbewerber aus Eritrea erstochen wurde. In Wien, wo die 13-jährige Leonie von drei afghanischen Ayslbewerbern unter Drogen gesetzt, mehrfach vergewaltigt und ermordet wurde. In Magdeburg, wo der neunjährige André auf dem Weihnachtsmarkt totgefahren wurde. Oder in Brokstedt, wo Ann-Marie und Danny ermordet wurden.

Kyrath gab nach dem Tod seiner Tochter einige Interviews, trat bei Markus Lanz auf. Dann verschwand er schnell von der Bildfläche der öffentlich-rechtlichen TV-Sender. Die Sendung Klar von Julia Ruhs zum Thema Migration, in der Kyrath ein Zeuge war, wurde kurz danach abgesetzt. Ruhs und auch Michael Kyrath wurden in die rechte Ecke gestellt. 

„Ich finde es erschreckend, wenn jeder, der Kritik an der Migration äußert, ‚Nazi‘ genannt wird. Erstens relativiert das die Verbrechen der Nazis und zweitens ist es oft Täter-Opfer-Umkehr“, klagt Kyrath. Das Attentat in Aschaffenburg hat ihn doppelt betroffen gemacht: „Da wird ein kleines Kind erstochen und dann laufen die ‚Omas gegen Rechts‘ auf, um klarzustellen, dass Aschaffenburg ‚bunt‘ bleibt“. Auch die Antifa marschierte auf. Der kleine tote Junge war egal und das Leid der betroffenen Familien auch.“

Kyrath betreut auch die Eltern und Freunde von ermordeten migrantischen Kindern. „Die trifft es ja oft zuerst“, sagt er. Seine Tochter Ann-Marie war die beste Freundin eines geflüchteten syrischen Mädchens in ihrer Schulklasse. 

Viele betroffene Eltern haben Michael Kyrath im Fernsehen gesehen und sind an ihn herangetreten. „Schon nach kurzer Zeit haben wir uns gewundert, wie viele wir sind“, berichtet er. Sie treffen sich, stützen sich, veranstalten Trauermärsche. Der nächste Trauermarsch findet am 25. April in Dresden an der Frauenkirche statt. Dort werden die Eltern Bilder ihrer getöteten Kinder aufhängen. Angehörige, Einsatz- und Rettungskräfte und Überlebende von Attentaten sollen sprechen.

Unterstützt wird die Initiative von niemandem. Kyrath: „Ich habe oft das Gefühl, dass wir sogar boykottiert werden. Veranstaltungsorte werden uns kurzerhand unter fadenscheinigen Gründen abgesagt. PolitikerInnen verweigern oft das Gespräch mit uns.“

Wichtig ist auch die Soforthilfe nach einem Attentat. „Wenn Eltern erfahren, dass ihr Kind ermordet wurde, überlegen sich viele, sich umzubringen. Sie stehen unter Schock. Der Schmerz ist nicht auszuhalten“, sagt Kyrath. Stattdessen bekämen manche Eltern Post: Sie sollen die Obduktion bezahlen. Das könnten schon mal 8 – 20.000 Euro sein. Und dann müssen sie auch noch die Beerdigung ihres Kindes organisieren. 

Kyrath fährt hin zu diesen Eltern. Weil er weiß, wie sich das alles anfühlt. Und weil es sonst niemand tut.

ANNIKA ROSS

 

 

Ausgabe bestellen
 
Zur Startseite