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Die bösen weißen Frauen

Hier feiert die EMMA-Redaktion ihre Privilegien.
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Frauen sind derzeit nicht gerade nett zueinander. Als Musikerin Billie Eilish kürzlich erklärte, sie habe nachhaltig Schaden genommen durch das Schauen von Pornos, konnte sie nicht mit viel Solidarität rechnen. Die 20-Jährige wurde vielmehr „Swerf“ genannt. Das ist ein Schimpfwort. Es steht für „Sex Worker-Exlusionary Radical Feminist“ und unterstellt Feministinnen, die in Prostitution und Porno ein Gleichberechtigungsproblem sehen, sie würden mit ihrer Haltung die im Sexgewerbe tätigen Frauen diskriminieren.

Ein ähnlicher Begriff aus diesem Repertoire ist „Terf“ (Transexlusionary Radical Feminist). Er wird für Feministinnen verwendet, die sich die Frage erlauben, ob das Wort Frau wirklich durch „menstruierende Menschen“ ersetzt werden sollte. Nein, findet zum Beispiel die Autorin J. K. Rowling und wird deshalb „Terf“ genannt. An den Pride-Umzügen in Paris und Barcelona dieses Jahr trugen Menschen T-Shirts, auf denen stand „Kill the TERF“. Auch Rowling wird mit dem Tod bedroht.

Von weiblicher Solidarität ist also gerade nicht viel zu spüren. Die Feministinnen haben untereinander immer gestritten, wie in jeder sozialen Bewegung gab es unterschiedliche Auffassungen und heftige Auseinandersetzungen.

Trotzdem: Der jetzt herrschende Ton ist in seiner Aggressivität neu. Er betrifft nicht nur jene, die wie Billie Eilish Gewaltpornos verstörend finden oder sich wie Rowling mit der Trans-Lobby anlegen.

Neben Swerf und Terf gibt es ein neues, exklusiv für Frauen reserviertes Schimpfwort: „weiße Feministin“. Gebraucht wird es ebenfalls vor allem von Frauen. Die Männer haben sich aus der Geschlechterdebatte still und heimlich verabschiedet. Sie können sogar erleichtert aufatmen, denn das Feindbild der Gender-Debatte ist nicht mehr das Patriarchat. Sondern der weiße Feminismus. Das Problem der Frauen sind jetzt die weißen Frauen.

Neu geht es darum, dass die westlichen Frauen als Teil der weißen Mehrheitsgesellschaft mitverantwortlich sein sollen für die herrschenden Machtverhältnisse. Und damit für den Kapitalismus, den Imperialismus, den Kolonialismus und den Neoliberalismus, für Ausbeutung, Missbrauch, sexuelle Gewalt und sogar für den Krieg gegen den Terror. Die Frauen und insbesondere die Vertreterinnen der westlichen Emanzipationsbewegung, so der Tenor in der feministischen Debatte, sind letztlich genauso schlimm wie der alte weiße Mann.

Ein halbes Dutzend Bücher darüber ist in den letzten zwei Jahren veröffentlicht worden, fast alle auf Englisch, fast alle von Akademikerinnen. Ihr Urteil ist gnadenlos. Die weißen Frauen werden von den – mitunter weißen – Autorinnen „Handlangerinnen des Patriarchats“ genannt, die von der „white supremacy“ profitierten und kein Interesse daran hätten, etwas an ihrer privilegierten Stellung zu verändern. Es gehe ihnen beim Kampf um Gleichberechtigung ausschließlich um ihr Wohl, um das Westliche-Mittelstand-Frauen-Wohl.

Oft klingt es, wie wenn der Kampf der europäischen oder amerikanischen Feministinnen der letzten hundert Jahre nicht mehr als eine Mischung aus Hobby und Kaffeekränzchen von verwöhnten höheren Töchtern gewesen wäre – und immer noch ist. Die woken Lifestyle-Feministinnen kommen wenig überraschend schlecht weg, aber nicht einmal historische Größen wie Simone de Beauvoir oder Gloria Steinem bleiben verschont.

Dass manche Feministin ihren Einsatz trotz Hautfarbe und Privilegiertheit mit dem Leben bezahlte – wie zum Beispiel die britische Suffragette Mary Clarke, die 1910 im Gefängnis starb, findet nirgends Erwähnung. Aber es geht ja nicht um Schattierungen. Es geht buchstäblich um schwarz-weiß.

Worin die Schwierigkeit mit der westlichen Emanzipationsbewegung besteht, erklärte die Autorin Alice Hasters („Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“) am letzten Weltfrauentag. Sie lastete nicht nur Alice Schwarzer an, sich kaum für schwarze Frauen eingesetzt zu haben. Sie sagte auch, das Problem des weißen Feminismus bestehe darin, dass er sich zu sehr auf Männer konzentriere. Das äußere sich in Fragen wie: „Was haben die Männer, was ich nicht habe? Warum werden sie besser bezahlt? Und warum muss ich neben der Arbeit den Haushalt machen, die Kinder versorgen?“ Und „wen stellen sie dann ein? Migrantinnen, schwarze Frauen“, so Hasters.

Gemäß der neuen Identitätspolitik trägt jeder einzelne Faktor – Hautfarbe, sexuelle Neigung, sexuelle Identität, Klasse, Religion, körperliche Merkmale – zur Diskriminierung bei und vergrößert das erfahrene Unrecht. Es gibt quasi eine Hitparade der Benachteiligung. Und der Platz in der Rangliste entscheidet über das Recht, zu Wort zu kommen – und recht zu haben.

Die Debatte mag akademisch klingen, ist aber bereits in der Realität angekommen. Die große britische Hilfsorganisation Oxfam, unter Beschuss geraten wegen sexueller Übergriffe, will ihr Personal in Kursen im Umgang mit Minderheiten sensibilisieren. Verwendet wird zu diesem Zweck das Buch „Me Not You – The Trouble with Mainstream Feminism“ von Alison Phipps, Professorin für Gender Studies an der Uni Sussex.

Phipps schreibt unter anderem, weiße Feministinnen richteten mit ihrem Kampf gegen sexuelle Gewalt Schaden an, „weil sie damit das herrschende Strafsystem unterstützen, das Schwarze und andere marginalisierte Menschen benachteiligt“. Sie sieht den Justizapparat als Konstrukt, das alle Nichtweißen drangsaliert.

Da haben Frauen jahrzehntelang dafür gerungen, dass sexuelle Gewalt ernst genommen, das Gesetze angepasst, die Justiz dafür sensibilisiert wird, und jetzt soll die Anzeige solcher Taten „verachtenswert“ sein, wie Phipps schreibt? Sind westliche Frauen wegen ihrer Privilegiertheit „weniger“ Opfer? Und macht umgekehrt ihre Unterdrückung Täter, die Minderheiten angehören, zu weniger schlimmen Tätern?

Ja, findet Phipps’ Kollegin Amia Srinivasan („The Right to Sex“), Professorin am renommierten Lehrstuhl für soziologische und politische Theorie in Oxford, die von der britischen Vogue zum akademischen Popstar ausgerufen wurde. Srinivasan geht noch weiter: Wenn privilegierte weiße Frauen Vergewaltiger aus der Unterschicht anzeigten und diese bestraft würden, gehe das „auf Kosten der am meisten Unterdrücken, nämlich auf Kosten der Partnerinnen der schwarzen Männer“.

Bloß: Werden schwarze Frauen nicht genauso Opfer von schwarzen Männern? Weil die Bedrohung durch häusliche oder sexuelle Gewalt ja gerade ein Problem ist, das alle Frauen eint?
Rafia Zakaria, die Autorin von „Against White Feminism“, versteht unter weiblicher Solidarität etwas anderes. Für Zakaria hat der westliche Feminismus seine muslimischen Schwestern im Stich gelassen, als nach 9/11 maßgeblich amerikanische Frauenorganisationen auf eine Invasion der USA in Afghanistan gedrängt hätten.

Er wird mitunter gar als „erster feministischer Krieg“ bezeichnet, weil die CIA entscheidende Positionen, die zur Aufspürung von Osama Bin Laden führten, weiblich besetzte. Dass sich Frauen von der CIA, diesem Synonym für weiße Arroganz, haben einspannen lassen, nennt Zakaria „securo-feminism“ und einen Verrat an den muslimischen Frauen: Die Motivation dahinter sei gewesen, „braune Frauen vor braunen Männern zu schützen“, ganz in Übereinstimmung mit dem Gedankengut der „rassistisch-kapitalistischen, hetero-patriarchalen Unterdrückung“.
Diese Pauschalisierungen gehen auch dem linken Observer zu weit. Kolumnistin Sonia Sodha kritisierte, es verhalte sich gerade umgekehrt: „Die antirassistische Linke hat sich aus lauter Angst vor kulturellen Empfindsamkeiten bislang vor allem dadurch hervorgetan, dass sie Women of Colour im Stich ließ, wenn diese Frauenfeindlichkeit in den eigenen Reihen anprangerten.“

Aber man muss ja nicht einmal weiß sein, um eine weiße Feministin abzugeben. Es genügt, als lesbische Frau auf einem Datingportal Transfrauen als potenzielle Partnerinnen auszuschließen. Das ist gemäß Amia Srinivasan genauso rassistisch, wie wenn Weiße auf Tinder kategorisch Schwarze ausschließen würden. „Lesben haben womöglich Schwierigkeiten, ihre berechtigte Angst vor Männern von ungerechtfertigter Transfeindlichkeit zu unterscheiden“, schreibt sie.

Auch das ist längst keine wissenschaftlich-theoretische Debatte mehr. Die BBC berichtete im Herbst darüber, dass lesbische Frauen immer häufiger grob angegangen würden, sie sollten sich „mit der Idee anfreunden, dass auch ein Penis ein weibliches Geschlechtsorgan sein könne“. Die Aussage klingt im Kern genauso wie das, was Lesben bis heute zu hören bekommen: Wenn sie nur einmal einen richtigen Kerl getroffen hätten, wüssten sie einen Penis zu schätzen.

So berechtigt der weibliche, nicht westliche Blickwinkel auf den Feminismus ist und so sehr er mitunter Dinge aufzeigt, die bedenkenswert sind: Die Schuldzuweisungen dünken einen wenig hilfreich. Die Opferrangliste, die weißen Frauen Benachteiligungen nahezu komplett abspricht, ebenfalls. Observer-Kolumnistin Sonia Sodha, die sich selbst „Halb-Hindu, Halb-Sikh-Inderin“ nennt, schrieb entnervt: „Die Annahme, dass jede weiße 18-Jährige, die im Heim aufgewachsen ist, automatisch privilegierter sein soll als ich, ist obszön.“

Kritik ist allerdings unerwünscht. Altgediente Feministinnen, die sich, nicht erst seit es hip ist, sondern schon seit Jahren unermüdlich im Kampf gegen sexuelle Gewalt engagieren oder für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs kämpften, werden auch bei umsichtig formuliertem Widerspruch als „alt und weiß“ verunglimpft. Der Ton vonseiten der Autorinnen ist dabei oft so gehässig, dass sie selber ihre Tweets nachträglich löschen.

Derweil können sich die Männer zurücklehnen – geht sie alles gar nichts an. Sie machen ungestört weiter. Und verfolgen von den Schaltzentralen der Macht aus amüsiert, wie sich die Frauen einmal mehr gegenseitig das Leben schwer machen.

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