Die Porno-Industrie expandiert

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Andrew Edmond, früher Unternehmer eines 20-Millionen-Dollar schweren Online-Porno-Portals namens „Flying Crocodile“, erklärte schon im Jahr 2000 lakonisch: „Viele sind scheinbar zu verwirrt von dem ­Geschäftsmodell Sex. Dabei ist dieses ­Geschäft genauso raffiniert und vielschichtig wie jeder andere Markt auch. Wir funktionieren ganz wie ein Fortune 500 Unternehmen.“

Seither ist die Porno-Industrie noch raffinierter und noch vielschichtiger geworden. „Die Kommerzialisierung der Pornografie im großen Stil ist nichts, was in der Zukunft passieren wird – sie ist schon passiert“, schrieb der Journalist und Porno-Experte Steven Yagielowicz im Jahr 2009. „Die unabhängigen Produzenten, die geschäftstüchtigen Kleinunternehmer und auch die zwielichtigen Gangster sind schon lange beiseite gedrängt worden von Mega-Konzernen, die immer effektivere Strategien entwickeln und hartnäckig genug sind, um ein ganz neues Erfolgs-Level zu erklimmen.“

Das immense Ausmaß des Porno-Geschäfts hat weitreichende Auswirkungen. Die Unterhaltungs-Industrie beeinflusst uns nicht nur; sie prägt unsere Kultur, unsere Identität, unsere Vorstellung von der Welt und unsere Werte. Deswegen ist das Ausmaß auch so besorgniserregend. Sehen wir uns die Inhaltsanalyse der herkömmlichen Pornografie einmal genauer an, so wie es die Psychologin Ana J. Bridges und ihr Team von der University of Arkansas getan haben. Die Mehrzahl der Szenen aus den 50 am häufigsten ausgeliehenen Porno-Filmen enthalten physische und verbale Gewalt gegen die Darstellerinnen. Schläge, Ohrfeigen und Knebeln kamen in mehr als 88 Prozent der Szenen vor; verbale Erniedrigungen wie die Beschimpfung der Frauen als „Huren“ oder „Schlampen“ in 48 Prozent.

Wesentlich für das enorme Wachstum des Porno-Marktes in den letzten Jahren ist die Entwicklung von Technologien, die es dem Nutzer erlauben, Pornos im Privaten und auf jedem Gerät anzuschauen, das über einen Bildschirm verfügt. Keine peinlichen Ausflüge in zwielichtige Läden oder Videotheken mehr. Pornografie kann heute an jedem Ort und zu jeder Zeit konsumiert werden.

Aber die Pornografie profitiert nicht nur von solchen neuen Technologien, sie treibt die Entwicklung dieser Technologien selbst voran. Dazu zählen Videokassetten und DVDs, File-Sharing-Plattformen und Video-on-Demand-Angebote für Kabelfernsehen, Videostreaming via Internet und Videos auf tragbaren Endgeräten, also auf Smartphones und Tablets.

Solche Videos verbrauchen große Mengen an Datenvolumen, und so hat die steigende Nachfrage nach Pornografie auch die Entwicklung von plattformübergreifenden Kerntechnologien zur Daten-Kompression und zur Übertragung vorangetrieben. Die Porno-Industrie war auch Pionierin für Geschäftsmodelle, die Videos im Netz profitabel gemacht haben. Damit hat sie auch der kommerziellen Nutzung von YouTube oder dem Download von Fernsehserien auf Smartphones oder Tablets den Weg geebnet.

Viele Marketing-Maßnahmen der Porno-Industrie werden heute auch in anderen Bereichen des Internets angewandt. Wie die kostenlosen „Supersites“, die Traffic generieren, NutzerInnen über Querverlinkung auf weitere Anbieter verteilen und mit Pay-Per-Click-Werbung Geld einnehmen. Die Porno-Industrie war auch Vorreiterin in der internetbasierten Abonnenten-Verwaltung, für Micro-Payment-Systeme und für die Entwicklung von Systemen zum Schutz vor Online-Betrug.

Der Porno-Industrie ist es also gelungen, die lange kaum regulierten Geschäftsmöglichkeiten des Internets vollständig auszuschöpfen. Das hat es gerade kleinen Unternehmen sehr leicht gemacht, ohne viel Kapital auf diesen Markt vorzudringen. Und weil es so einfach war, in der rechtlichen Grauzone Internet Steuern und Regularien zu umgehen, konnte die Porno-Industrie ihre Strategien für einen internationalen Markt weiter ausbauen.

Die Pornografie ist heute ein mächtiger Industriezweig, der Geschäftsaktivitäten verfolgt wie jede andere Industrie auch. Sie beschafft Kapital, sie wirbt Manager und Buchhalter an, sie unterliegt Fusionen und Übernahmen, sie organisiert Fachmessen und sie entwickelt gemeinsame Marketingmaßnahmen mit anderen Unternehmen. Mit der 1991 gegründeten „Free Speech Coalition“ (FSC) hat sie ihre eigene Lobby geschaffen. Die FSC arbeitet weltweit aktiv daran, Gesetze zu verändern, PR-Kampagnen in den Medien zu fahren – und sich als ein Leuchtturm für den Schutz von Meinungsfreiheit und freier Rede zu inszenieren.

Neuerdings ist dennoch häufig die Rede davon, dass das Geschäft mit der Pornografie zurückgeht. Aber wir haben es nicht mit einer sterbenden Industrie zu tun, sondern mit einer ausgereiften; mit einer Industrie, die sich von ihrem Hinterzimmer-Charakter hin zu einem Main­stream-Geschäft entwickelt hat. Charakterisiert durch harten Wettkampf und steigende Konzentration in der Hand ­weniger großer Firmen.

Manche mögen bei Porno immer noch an Playboy und Penthouse denken – aber die einflussreichste Firma trägt heute einen Namen, den viele außerhalb der Branche noch nie gehört haben. Die Rede ist von einer Firma mit Sitz in Luxemburg, die ursprünglich mal Manwin hieß und seit 2013 in MindGeek umbenannt wurde – nachdem der ehemalige Geschäftsführer Fabian Thylmann wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung festgenommen worden war.

Laut Firmenwebseite „treibt MindGeek den Stand der Technik voran und entwickelt branchenführende Lösungen zur schnelleren, effizienteren Bereitstellung von Inhalten – jede Sekunde, für Millionen von Kunden weltweit.“ Es ist nicht möglich, auf den ersten Blick zu erkennen, dass es sich bei MindGeek um den größten Porno-Lieferanten der Welt handelt (Anm. d. Red.: Zu dem unter anderem YouPorn und PornHub zählen).

MindGeek hat viele der kleineren Player aus dem Markt gedrängt. Die Firma besitzt die acht Top-Webseiten für Gratis-Pornografie, so genannte „Tube Sites“. Die liefern Unmenge an Gratis-Pornos, die sich über Werbung für Bezahl-Porno-Seiten, Live-­Web­cam-Seiten, Penis-Pumpen oder Escort-­Services finanzieren.

Der amerikanische Journalist David Auerbach berichtet darüber hinaus auf ­slate.com, dass diese Seiten vor allem Piraterie betreiben; und MindGeek berüchtig sei, es den eigentlichen Produzenten schwer zu machen, das Material zu entfernen. Hinzu kommt, dass viele Produzenten und bekannte Darsteller in einer geschäftlichen Beziehung mit MindGeek stehen. Sie sind also in der paradoxen ­Situation, dass ihre Filme von einer Firma geklaut werden, die sie gleichzeitig bezahlt. Und deswegen schweigen sie.

Das Geschäftsmodell von MindGeek ist clever: Sie wandeln die freie Pornografie durch Werbung in bares Geld um. Und die Gratis-Pornos funktionieren als Teaser, um die Konsumenten auf Bezahlseiten umzuleiten. Anstatt die Porno-Industrie zu zerstören, hat die Gratis-Pornografie die Nachfrage also noch erhöht.

All diese Entwicklungen zeigen, dass Pornografie heute Mainstream ist, ein legales Geschäft, das sowohl von der Wall Street als auch von den Medien und dem politischen Establishment hingenommen wird. Das Porno-Geschäft ist heute eingebettet in eine komplexe Wertschöpfungskette, die nicht nur Filmproduzenten und Händler verbindet, sondern auch Software-Produzenten, Internet-Provider, Kabelnetzbetreiber oder Hotelketten. Auch Banken machen mit der Porno-Industrie Geld, da die Umsätze aus der Porno-Industrie in Aktien, Anleihen oder Anlagefonds investiert werden. Jedes Glied in dieser Wertschöpfungskette – vom Produzenten bis hin zum Konsumenten – ist also ein Komplize.

Gail Dines

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Der Text ist ein Auszug aus dem Sammelband "The Sexualized Body and the Medical Authority of Pornography: Performing Sexual Liberation". Hg. Heather Brunskell-Evans (Cambridge Scholars Publishing)

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Pornocrazy: Die digitale Revolution der Pornobranche, auf DVD

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Wie Pornos die Popkultur prägen

Brtiney Spears engagierte für ihre Musikvideos einen Pornoproduzenten.
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Bei meinen Vorlesungen an der Westküste der USA sprachen die Studentinnen oft darüber, wie wichtig es ihnen sei, ihre Vulva vollständig zu enthaaren. Sie fühlen sich dann „sauber“, „sexy“ und „gepflegt“. Sie bestanden darauf, dass es ihre eigene Entscheidung gewesen sei, ein Brazilian Waxing zu machen. Eine Studentin gab irgendwann zu, dass ihr Freund sich beschwert hatte, als sie nicht mehr waxen wollte.

Manche Freunde, so stellte sich nun heraus, hatten sogar den Sex mit ihrer ungewaxten Freundin abgelehnt und geätzt, sie sehe „widerwärtig“ aus. Eine Studentin erzählte der Gruppe, dass ihr Freund ihr zum Valentinstag ein Waxing-Set geschenkt habe. Ein anderer hatte sich in einer E-Mail an seine Freunde über den „haarigen Busch“ seiner Freundin lustig gemacht. Nein, sie hat nicht mit ihm Schluss gemacht. Stattdessen hat sie sich waxen lassen.

Zwei Wochen nach der Waxing-Diskussion war ich an einer Eliteschule an der Ostküste. Während meines Vortrages wurden einige Studentinnen zunehmend sauer. Sie erklärten, sie hätten schließlich die freie Wahl, und beschuldigten mich, ihnen diese mit meiner scharfen Kritik zu nehmen.

Dann machte eine einen Scherz über den „Trick“, den manche anwendeten, um einen One-Night-Stand zu vermeiden. Wie dieser Trick funktioniert? Diese Frauen rasieren oder waxen sich absichtlich nicht, wenn sie ausgehen. Als ich sie fragte, wieso sie nicht einfach Nein zum Sex sagen könnten, erklärten sie mir, dass es, sobald man auf einer Party oder in ­einer Bar gemeinsam ein paar Drinks ­getrunken habe, zu schwer sei, noch Nein zu sagen.

Am nächsten Tag flog ich nach Utah, um an einem kleinen College zu sprechen, auf dem viele Katholiken und Mormonen sind – obwohl es kein kirchliches College ist. Ich erzählte vom vergangenen Abend und fragte, ob sie wüssten, wie der Anti-One-Night-Stand-Trick funktioniert. Es stellte sich heraus, dass der Trick allgemein bekannt ist und auch hier angewandt wurde.

Ich erzähle diese Geschichte, weil sie zeigt, auf wie vielen Ebenen die Pornokultur das Leben von jungen Frauen beeinflusst. Realität ist, dass Frauen keine Pornos zu sehen brauchen, um tiefgehend davon beeinflusst zu werden. Denn die Bilder und Botschaften der Pornografie werden Frauen durch die Popkultur vermittelt. Die Frauen von heute sind nicht die Konsumentinnen der Hardcore-­Pornos. Sie verinnerlichen jedoch, ob bewusst oder unbewusst, die Pornoideologie. Die tarnt sich oft als guter Ratschlag, wie man am besten sexy und cool wirkt.

Eines der Beispiele dafür ist das Intimwaxen, das zunächst durch Pornos populär und dann von Frauenmedien wie Cosmo­politan propagiert wurde. Dank ­Serien wie „Sex and the City“ spielt das Waxen eine Rolle. In einer Episode wird Miranda von Samantha ausgeschimpft, weil sie sich „so hat gehen lassen“. Sie hatte ihre Vulvabehaarung nicht entfernt.

Meine Gespräche mit College-Studentinnen zeigen, wie selbstverständlich junge Frauen ihre Anpassung an die Popkultur als „freie Wahl“ definieren. Ich höre dieses Mantra überall. Doch wenn wir über die „freie Wahl“ der Frauen sprechen, müssen wir die Frage stellen, wie viel freien Willen wir Menschen überhaupt haben. Denn obwohl wir theoretisch alle als RegisseurInnen unseres eigenen Lebens handeln könnten, sind wir in der Praxis keine frei in der Welt schwebenden Individuen. Wir sind soziale ­Wesen, die ihre persönlichen Identitäten innerhalb sozialer, ökonomischer und ­politischer Bedingungen konstruieren. Das gilt insbesondere für unsere Geschlechtsidentität, da das Geschlecht eine kulturelle Erfindung ist. Schon deshalb wird unser Empfinden von „normalem“ weiblichen Verhalten von äußeren Kräften gesteuert.

Sehen wir uns zum Beispiel einmal die „Wahlmöglichkeiten“ der Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg an. Auf den ersten Blick sah es so aus, als hatten die Frauen „freiwillig“ ihre Berufe aufgegeben, die sie im Krieg ergriffen hatten, um wieder nach Hause zu gehen und an Heim und Herd für Mann und Kinder zu sorgen.

Erst Jahrzehnte später – dank feministischer Historikerinnen und Schriftstellerinnen – fand man heraus, dass das, was die Frauen zurück ins Hause getrieben hatte, ein komplexes Zusammenspiel von Umständen und Einflüssen war: Die Frauen wurden entlassen oder zurückgestuft, um Platz für die heimgekehrten Männer zu schaffen. Hinzu kam die Isolation der Vororte plus fehlende Kinderbetreuung. Was damals als freie „Wahl“ der Frauen erschien, waren in Wahrheit ökonomische und soziale Kräfte, die die Entscheidungen der Frauen beeinflussten und in eine ­bestimmte Richtung drängten.

Und dann der Einfluss von Medien und Sitcoms wie „Ozzie und Harriet“ oder „Erwachsen müsste man sein“, die die Hausfrau idealisierten: feminin, fürsorglich und glücklich in ihrer Rolle als Putzfrau, Haushälterin, Kindermädchen, Chauffeurin, Krankenschwester. Das war das herrschende Bild von Weiblichkeit, das von den Medien beschworen wurde.

Das Problem war, dass dieses Bild eine Lüge war. Wie Betty Friedan in „Der Weiblichkeitswahn“ (1963) nachwies, waren viele dieser Hausfrauen unglücklich, einsam und überfordert.

Die Frauen von heute werden nicht zurück an Heim und Herd gezwungen. Aber das heißt nicht, dass sie nicht ähnlich von der kulturellen Konstruktion von Weiblichkeit geprägt sind. In ihrem Buch über Frauen und Popkultur fragt Ariel Levy, wieso sich Frauen noch immer dem Mainstream-Bild von Weiblichkeit unterwerfen, obwohl „die Frauen heute ganz andere Möglichkeiten und Erwartungen haben als unsere Mütter“. Das ist wahr, insbesondere für weiße Frauen der Mittelschicht. Aber wir sind weiterhin kulturelle Wesen, die ihre Identitäten aus den vorherrschenden Bildern entwickeln, die uns umgeben.

Das Bild der „Frauen von Stepford“, das frühere Generationen von Frauen mit der Pflicht zu glänzenden Fußböden und perfekten Mahlzeiten in den Wahnsinn trieb, ist fast verschwunden. Doch an seiner Stelle haben wir nun die Stepford-Schlampe: Eine hypersexualisierte, junge, dünne, muskulöse, enthaarte und in vielen Fällen chirurgisch „optimierte“ Frau mit einladendem Blick. Harriet Nelson (Protagonistin in „Ozzie und Harriet“, Anm. d. Red.) und June Cleaver (die Mutter in „Erwachsen müsste man sein“, Anm. d. Red.) haben sich verwandelt in Britney, Rihanna, Beyoncé, Paris oder Lindsay.

Frauen werden noch immer gefangen gehalten durch Bilder, die letztlich Lügen über Frauen erzählen. Die größte Lüge ist, dass die Anpassung an diese hypersexualisierten Bilder Frauen eine Macht gibt. In der herrschenden Pornokultur besteht diese Macht, so wird uns suggeriert, darin, einen sexy Körper zu haben, den Männer begehren und um den andere Frauen uns beneiden.

Obwohl die Modebranche schon immer Kleidung propagiert hat, die Frauenkörper sexualisiert, ist das Neue, dass der angesagte „Look“ heute teilweise von der Sexindustrie inspiriert wird. Es wird nun von uns erwartet, diesen Look überall zu tragen: in der Schule, auf der Straße wie im Beruf. LehrerInnen, und zwar schon solche in der Grundschule, beschweren sich darüber, dass ihre Schülerinnen oft aussehen, als würden sie auf eine Party anstatt in die Schule gehen.

Unter den hypersexualisierten Prominenten steht Paris Hilton ganz weit oben. Die Geschichte, wie sie auf die A-Liste katapultiert wurde, ist ein Meisterstück der Pornokultur. Zunächst war die Hotel-Erbin eine zweitklassige Prominente, die vor allem für ihr Bankkonto bekannt war. Bis 2004 ihr damaliger Freund Rick Salomon – 13 Jahre älter als sie – ohne ihr Wissen ein Video von ihnen beiden veröffentlichte, auf dem sie Sex hatten, Titel: „1 Night in Paris“.

Paris wurde auf einen Schlag berühmt. Dank dieses Videos spricht man von Hilton in Pornoforen als einer „dreckigen Schlampe“, die bekommen habe, was sie verdient. Die Tatsache, dass Salomon derjenige war, der das Ganze angezettelt hatte – sie verklagte ihn nach der Veröffent­lichung – hält Porno-Konsumenten wie Popkultur-Kommentatoren bis heute nicht davon ab, Hilton als „Superschlampe“ zu verspotten. Ein Begriff, der benutzt wird, um die vorgeblich „guten Mädchen“ von den „bösen“ abzugrenzen.

Doch Hiltons Eskapaden haben ihr auch unter Mädchen und jungen Frauen eine ergebene Anhängerinnenschaft verschafft; und vor allem eine massive mediale Präsenz als eine der meistfotografierten Frauen der Welt.

Oder nehmen wir Britney Spears. Mit 17 veröffentlichte Spears ihre Debütsingle „Baby One More Time“, die umgehend ein internationaler Erfolg wurde. In dem dazugehörigen Video trägt Spears eine Schuluniform mit einem geknoteten Hemd, das ihren Bauch entblößt, Strümpfe und geflochtene Zöpfe, während sie sich herumwälzt und ihren Exfreund bittet: „Hit me baby one more time“. Später beschäftigte Spears Gregory Dark für den Dreh ihrer Videos. Dark ist ein erfahrener Pornoregisseur, der unter anderem „The Devil in Miss Jones“, „New Wave Hookers“ oder „Let Me Tell Ya Bout Black Chicks“ gedreht hat.

Von der Öffentlichkeit wird Spears ­einerseits wegen ihrer „Schlampigkeit“ ­gegeißelt – besonders nach ihren öffent­lichen Zusammenbrüchen mit dem berühmten Foto von ihr ohne Unterwäsche – andererseits wird sie hochgejubelt, weil sie angeblich eine Art ungehobelte, heiße „Sexyness“ verkörpert.

Menschen, die nicht mit der Popkultur vertraut sind, tendieren dazu, anzunehmen, dass das, was wir heute sehen, nur verstärkt derselbe Stoff ist, mit dem schon frühere Generationen aufgewachsen sind. Hat nicht jede Generation ihre „heißen“ und sinnlichen Stars, die teure und wilde Leben führen? Stimmt. Aber was heutzutage anders ist, ist das Ausmaß, in dem solche Bilder alle Alternativen des Frau-Seins verdrängt haben.

Die Flut von Softcore-Bildern hat den Pornostar-Look in der alltäglichen Kultur so normalisiert, dass alles andere dagegen prüde und nachgerade langweilig auszusehen scheint. Heutzutage wird ein Mädchen oder eine junge Frau, die nach einer Alternative zu dem Britney/Paris/Miley-­Look sucht, zu der trostlosen ­Erkenntnis kommen, dass die einzige ­Alternative zu „Fickbar-Aussehen“ das „Unsichtbar Sein“ ist.

Weil diese Bilder überall sind, sind sie so vertraut, dass wir glauben, dass das unsere ganz eigene, persönliche und individuelle Art zu denken sei. Sie haben die Macht, in den Kern unserer Identität einzudringen, so dass wir glauben, es sei unsere eigene Entscheidung, wie wir aussehen oder uns verhalten.

Doch dieser dressierte Körper ist nur die Projektionsfläche, auf der das eigene Geschlecht täglich inszeniert und ausgestellt wird. Feminin zu sein, das erfordert nicht nur die Requisiten der Hypersexualität – High Heels, enge Kleidung und so weiter –, sondern auch einen Körper, der den extrem starren Standards entspricht. Wir müssen aussehen, als würden wir Stunden im Fitnessstudio verbringen und bis zur Erschöpfung hungern. Doch wie auch immer unser Körper geformt sein mag – er ist nie gut genug.

Frauen haben den männlichen Blick so verinnerlicht, dass sie selbst zu ihren eigenen schärfsten Kritikerinnen geworden sind. Wenn sie Kleidung kaufen oder in einen Spiegel sehen, nehmen sie sich selbst Stück für Stück auseinander. Was auch immer das Problem sein mag – die Brüste zu klein oder zu groß, der Hintern zu flach oder zu dick etc. – das Ergebnis ist tiefer Selbsthass. Unser Körper wird unser Feind. Am Ende haben Frauen das, was die britische Psychologin und Gender-Wissenschaftlerin Rosalind Gill einen „narzisstischen Privatpolizei-Blick“ nennt: Einen Blick, der so verinnerlicht wurde, dass wir nicht länger externe Mächte brauchen, um zu kontrollieren, wie wir zu denken und zu handeln haben.

Es ist selbstverständlich nicht möglich, über den heutigen weiblichen Körper zu sprechen, ohne die komplizierte Beziehung zu erwähnen, die die meisten Mädchen und Frauen zum Essen haben: Wir genießen es, und doch fühlen wir uns schuldig, wenn wir essen. Unser Bedürfnis zu essen – ein elementares, existentielles Bedürfnis, wird als Zeichen von Schwäche ausgelegt.

Wo immer ich mit Frauen zusammenkomme – beim Friseur, im Fitnessstudio, in Boutiquen – höre ich lange und komplizierte Gespräche über das Abnehmen. Frauen rezitieren endlose Listen von dem, was sie gegessen haben, was sie noch ­essen möchten und was sie nicht mehr ­essen sollten. Eine Art Scham liegt über den Gesprächen, also ob jedeR sie als fett und folglich willensschwach wahrnehmen würde.

In ihrem exzellenten Buch über Körperwahrnehmung und Ernährung analysiert die feministische Philosophin Susan Bordo die Art und Weise, wie unsere Kultur dazu beiträgt, die Vorstellung der Frauen vom perfekten Körper zu formen. Die großen und mageren Körper der Frauen, die wir in Magazinen und im Fernsehen sehen, sind in Wahrheit eine Ausnahme in ihren Maßen und Proportionen. Doch weil das mehr oder weniger die einzigen Bilder sind, die wir zu sehen bekommen, nehmen wir sie als Norm wahr statt als Ausnahme und vermuten, dass das Problem bei uns liegt und nicht in der Mode- und Medienbranche, die einen atypischen Körpertyp propagiert.

Die meisten Frauen, die wegen Essstörungen in Kliniken waren, sprechen über neue Tricks, die sie von anderen Patientinnen gelernt haben, um noch schneller an Gewicht zu verlieren. Wenige sprechen von ihrem Klinikaufenthalt als Zeit der Genesung. Denn diese Kliniken kennen keine Aufklärung über Medienbilder und kulturelle Geschlechterkonstruktionen – und schon gar nicht darüber, wie man den sexistischen Bildern widerstehen könnte. Stattdessen liegt der Fokus auf der individuellen Frau und ihren vermuteten psychologischen Problemen, die ­irgendwie vom Himmel gefallen zu sein scheinen.

Je mehr das hypersexualisierte Bild die realen Bilder von Mädchen und Frauen verdrängt, desto weniger Möglichkeiten haben Frauen, dem zu widerstehen. Dem propagierten Bild zu entsprechen, ist verführerisch, weil es Frauen nicht nur eine Identität anbietet, die der Mehrheit entspricht, sondern auch die Art von männlicher Aufmerksamkeit, die sich „em­powering“ anfühlt: Die Art, wie er dich anschaut; die Art, wie er alles, was du sagst, beachtenswert findet; die Art, wie du plötzlich die unwiderstehlichste Frau der Welt geworden bist.

Das ist die Art von Aufmerksamkeit, die wir Frauen normalerweise nicht von Männern bekommen, wenn wir einen Vortrag halten, eine politische Meinung vertreten oder ihnen sagen, dass sie den Abwasch machen sollen.

Die Mädchen und Frauen, die der Belohnung dafür, dass sie sich zum Objekt machen lassen, widerstehen, müssen sich eine Identität schaffen, die im Gegensatz zur Mainstream-Kultur steht. Bei diesen jungen Frauen und Mädchen finde ich oft eine Person in ihrem Leben – sei es eine Mutter, eine ältere weibliche Mentorin oder ein Vater – die sie mit einer Art Immunisierung gegen die sexistischen kulturellen Botschaften ausstattet. Oftmals ist diese Immunisierung aber nur von kurzer Dauer. Der Ansturm der ­anderen Bilder ist zu heftig.

Immer im Sommer unterrichte ich am Institut für Medienbildung des Bostoner Wheelock College, viele der TeilnehmerInnen sind Eltern oder LehrerInnen. Jahr für Jahr hören wir dieselben Geschichten: Alle arbeiten hart daran, ihren Töchtern bzw. Studentinnen Wege aufzuzeigen, wie sie sich den sexistischen Botschaften der Popkultur, die quasi identisch ist mit der Pornokultur, verweigern können.

In jungen Jahren scheinen die Mädchen diese Gegenkultur noch aufzunehmen. Ab einem bestimmten Punkt jedoch – meist in der Pubertät, immer öfter auch schon früher – übernehmen auch diese Mädchen konventionelle „weibliche“ Verhaltensweisen, da jetzt ihre Altersgenossinnen, ihre Peergroup den entscheidenden Einfluss haben. Das ist logisch, denn Erwachsenwerden ist eine Entwicklungsstufe, die auch damit zu tun hat, sich in die Gesellschaft einzufügen.

Tatsächlich wird man in der Pubertät seltsamerweise sichtbar, indem man wie alle anderen aussieht, während anders auszusehen und sich anders zu verhalten, bedeutet, unsichtbar zu werden.

Was diese Mädchen und jungen Frauen also brauchen, um weiter der dominierenden Pornokultur widerstehen zu können, ist eine Gruppe Gleichaltriger, die genauso denken wie sie. Und sie brauchen eine Weltsicht, die die konstruierte, ausbeuterische und konsumgesteuerte Natur der „Weiblichkeit“ in der Popkultur entlarvt. Die Rede ist vom ­lebensrettenden Feminismus.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Pornland" von Gail Dines.
Das Buch kann im EMMA-Shop bestellt werden oder als Geschenk zum EMMA-Abo.

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