Wie Frauen wieder verschwinden

Linguistin Luise F. Pusch, Foto: Joey Horsley
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Das Thema „Sprache und Transgender“ ist verwickelt, vertrackt und verstörend. Und dabei innig verquickt mit jenem Thema, das uns seit 50 Jahren und heute mehr denn je beschäftigt: „Deutsch als Männersprache“.

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Damals ging es darum, Frauen überhaupt zur Sprache zu bringen. Denn vor 50 Jahren war es üblich, aus 99 Sängerinnen und einem Sänger 100 Sänger zu machen – wie noch heute in der deutschen Grammatik vorgeschrieben. Ein einziger Mann macht jede Gruppe zu einer männlichen Gruppe, die Frau hingegen ist nicht der Rede wert. Das generische Maskulinum verhüllt die Frauen besser als jede Burka.

Gender bedeutet inzwischen alles Mögliche. Wer das kritisiert, wird angegriffen

Das haben inzwischen viele verstanden und wollen deshalb Frauen in der Sprache besser sichtbar machen. Die Sprache soll „gegendert“ werden, so der flapsige bis abschätzige Kurzausdruck für das, was wir früher „nichtsexistische“ oder „geschlechtergerechte Sprache“ nannten.

Vertrackt ist allerdings, dass „Gender“ inzwischen alles Mögliche bedeutet. Ich zum Beispiel kämpfe seit über 40 Jahren für das „Gendern“, andererseits bin ich „genderkritisch“. Wie ist das zu verstehen? Nun, ich kämpfe für eine gerechte Sprache und gegen die Gender-Ideologie, wonach jede Person eine „Gender-Identität“ besitzt, die vom biologischen Geschlecht abweichen kann und wichtiger ist als dieses. Genderkritische Feministinnen wie ich werden heute angegriffen von der Rechten, die das Gendern und die Gender-Ideologie bekämpft, und von der Linken, die beides durchsetzen will.

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Die Webseite genderleicht.de bietet Hilfestellung für das Gendern und fordert: „Auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis von Personen in journalistischen Beiträgen oder bei Podiumsdiskussionen [ist] zu achten.“ Bis zum Aufkommen der Transgender-Debatte in den Nullerjahren bedeutete „ausgewogenes Geschlechterverhältnis“: Statt der üblichen hundertprozentigen Männerrunden machen wir jetzt halbe-halbe. Wie müsste nun eine Podiumsdiskussion mit ausgewogenem Geschlechterverhältnis heute aussehen? Eine Frau, ein Mann, eine diverse und eine Transgender-Person? Oder 500 Frauen, 500 Männer und je eine diverse und eine Transgender-Person? Je nach Statistik ist nämlich eine von 1.000 bis 2.000 Personen divers oder transgender. Das heißt, auf 500 bis 1.000 sprachlich untergeordnete Frauen
kommt eine sprachlich unsichtbare diverse oder transgender Person.

Statt Ausgewogenheit hat sich der Genderstern in progressiven und queerfeministischen Kreisen durchgesetzt, genderkritische Feministinnen (wie EMMA) meiden ihn und benutzen weiter das Binnen-I, wie in „RegisseurInnen“. Der Rest der Bevölkerung steht diesen Sprachreformen gleichgültig bis feindselig gegenüber. Besonders verhasst ist der Genderstern und seine lautliche Entsprechung, Glottis-Schlag oder Gender-Pause genannt.

Übrigens habe ich selbst den Glottis-Schlag in den 1980er Jahren als lautliche Entsprechung des Binnen-Is vorgeschlagen. Damals hat sich niemand darüber aufgeregt; mann nahm die feministische Sprachkritik sowieso nicht ernst. Jetzt wo auch Männer (der queeren Community) das Gendern mit Sternchen unter Androhung des Transphobie-Verdikts einklagen, wird folgsam mit Sternchen gegendert.

Fazit: Von einem „ausgewogenen Geschlechterverhältnis“ kann keine Rede mehr sein. Das sprachliche Terrain, das einmal von Männern beherrscht wurde, teilen diese sich nun zu gleichen Teilen mit Frauen und transgender Personen. Diese extreme Unausgewogenheit zugunsten der transgender Personen kennzeichnet die gesamte Transgender-Debatte.

Wir wollten nicht, dass Frauen im Maskulinum begraben werden

Wir wollten eigentlich nur eine Sprache, die Frauen nicht im Maskulinum begräbt. Daraus wurde in den USA, besonders in den Kirchen, bald die Forderung nach einer inklusiven Sprache, die alle Minderheiten respektvoll behandelt und nicht ausgrenzt. Bei dieser großherzigen Forderung wurde allerdings ganz vergessen, dass Frauen keine Minderheit sind, sondern die Mehrheit! Die sprachliche Ausmerzung der Frauen durch die patriarchale Grammatik ist eine Ungerechtigkeit kapitalen Ausmaßes und keineswegs gleichzusetzen mit der sprachlichen Ausgrenzung von Minderheiten. Sie funktioniert auch völlig anders, nämlich als Unterordnung mit Mitteln der Grammatik (Ableitung der Feminina aus den Maskulina und generisches Maskulinum, also: Mann als Norm). Minderheiten werden dagegen mithilfe des Wortschatzes diskriminiert (zum Beispiel herabsetzende Bezeichnungen wie das N-Wort). Dieser Art der Diskriminierung sind Frauen zusätzlich ausgesetzt.

Da die Sprachgemeinschaften den fundamentalen Unterschied zwischen Frauendiskriminierung und Minderheitendiskriminierung nicht (an) erkannt haben und alle sprachlichen Diskriminierungen als gleichwertig einstufen, stehen wir jetzt da mit höchst unnötigen Verkomplizierungen des Problems. Genauer gesagt: Mit der Forderung nach dem Genderstern in jeder  Personenbezeichnung, damit wir der transgender Minderheit – von höchstens einem Promille der Bevölkerung – jedes Mal gedenken, wenn wir von Personen reden. Das ist eine gewaltige Kraftanstrengung, die viele übertrieben finden, zurecht! Gute Ansätze zu einer Lösung finden sich auf der Website „Basisneutrales Gendern“ (http://de.pluspedia.org/wiki/Basisneutrales_Gendern).

Große Sensibilität für die Gefühle ausgegrenzter Minderheiten wurde und wird also gefordert. Der aktuelle Oxfam-Sprachguide schlägt z. B. vor, von nichtbehinderten Personen zu sprechen statt von „normalen“ oder „gesunden“, um die Gefühle der Menschen mit Behinderung nicht zu verletzen. Die „Nichtbehinderten“ werden nicht gefragt, ob sie sich permanent unter dem wenig naheliegenden Gesichtspunkt des Behindertseins als negativ betroffen sehen und kategorisieren wollen. Dito die sogenannten „cis Frauen und cis Männer“, jene 99,9 % der Menschen, die vom Transsein nicht betroffen sind – was ihnen ohne die cis-Etikettierung von selbst nie aufgefallen wäre.

Die weniger sensible Mehrheit der Bevölkerung reagierte gereizt und erfand für solche Forderungen der „Gutmenschen“ den Spottnamen „political correctness“, abgekürzt PC. Für sie war PC gleichbedeutend mit Bevormundung. Diese Wut auf sprachliche Anstandsregeln, besonders auf das „Gendern“, hat sich bis heute gehalten, ja sie steigert sich, je selbstverständlicher das (Trans)Gendern in öffentlicher und offizieller Sprache wird.

2021 schrieb Margarete Stokowski in ihrer Kolumne auf SpiegelOnline über eine Polin, die wegen des totalen  Abtreibungsverbots sterben musste: Polen führe einen „Krieg gegen Menschen mit Uterus“. „Menschen mit Uterus“ ist Transgender-Speak, damit Transmänner (maximal ein halbes Promille der Bevölkerung) sich nicht ausgeschlossen fühlen. Das polnische Abtreibungsgesetz richtet sich aber gegen Frauen, von „Menschen mit Uterus“ ist da nirgends die Rede. Denn es sind die Frauen, die das katholische Patriarchat unter Kontrolle halten will, in Polen wie überall. Ob diese Frauen ihren Uterus mögen oder nicht, noch haben oder nicht, ist den Patriarchen egal.

Stokowski nimmt in Kauf, Frauen (sie selbst eingeschlossen) sprachlich auf ihre Geschlechtsorgane zu reduzieren. Würden Frauen sich selbst so bezeichnen? Niemals! In progressiven Kreisen wird üblicherweise das Recht auf Selbstbezeichnung hochgehalten. Farbige? Pfui! Es heißt people of color oder POC. Für Frauen, das ohnehin schwer benachteiligte Geschlecht, gilt das anscheinend nicht mehr, wenn es um die Inklusion von Transmenschen geht.

Beleidigungen gegen Frauen, damit Transmänner nicht ausgeschlossen sind

Ein besonders krasses Beispiel sind die „bodies with vaginas“, das sich die renommierte britische Medizinzeitschrift Lancet leistete. Sie schrieb 2021 auf dem Cover der September-Ausgabe: „Historically, the physiology and anatomy of bodies with vaginas have been neglected.“ Statt „bodies with vaginas“ hätten sie auch gleich cunts (Fotzen) schreiben können. Fast täglich lesen wir von neuen Beleidigungen gegen Frauen, damit Transmänner sich nicht ausgeschlossen fühlen. Aus Müttern werden „gebärende Personen“, aus Muttermilch wird „Menschenmilch“, etc. Keine Wortschöpfung scheint zu krude, um die trans Minderheit vor „Ausgrenzung“ zu schützen.

Das geplante „Selbstbestimmungsgesetz“ soll mit einem „Offenbarungsverbot“ „bewehrt“ werden, wie es kriegerisch heißt. Wer über die Identität einer Transperson die Wahrheit sagt, muss bis zu 10.000 Euro Strafe zahlen. Die Gesellschaft wird also zum Lügen gezwungen – wie in einer Diktatur. Mit der Benennung „Offenbarungsverbot“ wird das sogar dreist zugegeben. Denn offenbaren kann ich nur die Wahrheit, keine Lüge.

Eine Frage, die ich noch nicht klären konnte: Ist es demnächst verboten, eine Transfrau als solche zu bezeichnen? Die Bezeichnung „offenbart“ ja, dass die so bezeichnete Person früher ein Mann war.

Gegen das Offenbarungsverbot verstößt jede Person, die eine trans Person „misgendert“, d. h. nicht mit dem von ihr gewünschten Pronomen über sie redet. In vorauseilendem Gehorsam schreibt die Presse in letzter Zeit immer häufiger von Frauenmörderinnen; ihre Anzahl ist in den letzten Jahren um das Dreifache gestiegen, las ich. Wieso sind die Frauen plötzlich so gewalttätig gegen Frauen? Sie sind es nicht – die Medien beugen sich nur der Warnung gegen das Misgendern und beschädigen damit die Kriminalstatistik und die Wahrheit nachhaltig.

Nun verschwinden wir in dem Akronoym Flinta - nur im Deutschen

Als feministische Linguistin setze ich mich seit 40 Jahren gegen das Misgendern von Frauen ein – allerdings haben wir das anders ausgedrückt: Wir wollen, dass Frauen nicht im generischen Maskulinum verschwinden.

Neuerdings verschwinden sie stattdessen in dem Akronym FLINTA. Es erinnert unangenehm an Flinte und Flintenweiber, degradiert gegen jede Logik die Bevölkerungsmehrheit, Frauen, zu einer Minorität unter anderen (Lesben, Intersexuelle, Nichtbinäre, Transgender, Agender) und ersetzt in queerfeministischen Kreisen immer häufiger das Wort Frau.

FLINTA hat keine Entsprechungen in anderen Sprachen, hier waltet rein deutsche Gründlichkeit. Merke: Auch Frauen haben ein Recht auf Selbstbestimmung und Selbstbezeichnung. Wir wollen als Frauen sprachlich sichtbar sein.

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