„Du könntest unsere Heldin sein!“

Melania Trumps Weihnachts-Video hat einen Shitstorm ausgelöst.
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Liebe Melania,

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als ich noch jünger war, da habe ich zu Mädchen wie dir aufgeschaut. Weil ihr so erwachsen wirktet. Ich habe nie verstanden, warum ihr so dringend rüber in den Westen kommen wolltet. Westliche Typen waren ja keine Märchenprinzen, ebenso wenig wie die einheimischen Jungs. Ich wusste das schon damals, weil ich auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs aufgewachsen bin, in Finnland und im sowjetischen Estland. Die meisten Mädchen in Estland hatten überhaupt keine Vorstellung vom Westen. Westliche Männer galten als so etwas wie ein Sechser im Lotto, weil sie ihnen angeblich eine ganz neue Welt sozialer und ökonomischer Möglichkeiten eröffneten.

Als sich die Grenzen dann endlich öffneten, war dieser Traum plötzlich greifbar – und du warst eine von denen, die zugegriffen haben. Ich verstehe, dass du, um westlicher zu wirken, deinen Namen von Melanija Knavs in Melania Knauss geändert hast. Aber wetten, dass da noch mehr dahintersteckt?

Sofi Oksanen
Sofi Oksanen

Denn die osteuropäischen Mädchen hatten zu diesem Zeitpunk ja im Westen schon einen gewissen Ruf weg. Die Männer gafften ihnen hinterher, die Frauen warfen ihnen misstrauische Blicke zu. Für die Neuankömmlinge kam das völlig unerwartet, für dich ja auch. Schon dein Akzent suggerierte allen, dass du käuflich bist – und billig.

Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge dieser Sexualisierung osteuropäischer Mädchen im Finnland der Sowjetzeit. Damals war Tallinn als die Stadt bekannt, in der man Frauen zum Preis einer Strumpfhose kaufen konnte.

Es sollte noch bis in die 1990er Jahre dauern, dass ganze Horden osteuropäischer Frauen auf den Straßen Finnlands auftauchten, die Schilder mit der Aufschrift "Pussy 50 Mark" trugen. Ein Satz, der inzwischen fest im finnische Wortschatz verankert ist. Eine solche Flut ausländischer Prostituierter, das war ein noch nie dagewesener Anblick für die Esten. Und ein beschämender. Die Sowjetunion war zusammengebrochen, das Sozialsystem des gesamten Ostblocks kollabiert. Für die Kräfte, die die Frauen in den Sexhandel trieben, interessierte sich niemand.

Sobald Estland seine Unabhängigkeit wiedergewonnen hatte, galt das Land als aufsteigender Stern, als vorbildliche osteuropäische Wirtschaft, die viel mehr zu bieten hatte als billige Frauen und billige Drinks. Der Tourismus nahm zu und auch die internationale Berichterstattung über Estland wurde differenzierter. Ich bekam auf der Fähre nach Tallinn endlich nicht mehr ständig eindeutige Angebote. Und die estnischen und russischen Frauen mussten auf den Straßen Finnlands nicht länger flüstern. Das alles hat mich erleichtert.

Was mir damals noch nicht bewusst war: Der Sextourismus, den ich kennen gelernt hatte, war nur die erste Welle eines regelrechten Ansturms auf Osteuropa. Auch wenn dort, wo ich lebte, das Bild von Baltinnen und Slawinnen vielschichtiger geworden war, litt ihr Ruf anderorts gewaltig. Bordelle auf der ganzen Welt wurden mit osteuropäischen Mädchen aufgefüllt - und ihr Aufmarsch auf die Bühnen der westlichen Popkultur begann.

Rückblickend macht alles Sinn. Ein halbes Jahrhundert lang hatten die Nationen des Ostblocks in der Wahrnehmung des Westens nur als Teil einer bösen Weltmacht existiert. Wenn in einem westlichen Film ein Slawe auftauchte, hieß er mit Sicherheit Iwan und trug eine Pelzmütze. Der Eiserne Vorhang hatte dafür gesorgt, dass nur wenige Westler eine Vorstellung von der Vielfalt der Nationen hatte, sei es Estland oder auch dein Heimatland, Melania: Slowenien. Es gab kein öffentliches Bild, das die Realitäten all dieser Länder widerspiegelte, die so plötzlich auf der Landkarte aufgetaucht waren.

Als die Sowjetunion zusammenbrach, waren Geschichten über den Kalten Krieg in der Popkultur nicht mehr angesagt. Die aufreizenden Bilder von Prostituierten füllten diese Leere rasch. Was braucht die Unterhaltungsindustrie mehr als Titten, High Heels, russische Mafia-Schläger und eine Maid in Not? Die Tatsache, dass diese Mädchen aus Orten kamen, die auf der Landkarte bisher weiße Flecken waren, ließ sie noch exotischer erscheinen. Nachrichten über den Zusammenhang zwischen Sexhandel und organisierter Kriminalität fügten noch eine Prise Gefahr hinzu, was die Wirkung nur verstärkte. Der alte Osten war der neue Wilde Westen.

Du bist heute die First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika. Aber wenn immer du einen vertrauten Akzent im Fernsehen hörst, ist die Frau auf dem Bildschirm eine Prostituierte, eine Stripperin oder eine Katalogbraut. Und sie bekommt nicht viel Zeit zum Reden - denn was sollte sie schon sagen?

Melania, trotz deiner Position hast Du keinen "Melania-Effekt" ausgelöst, wie Vanity Fair bereits konstatierte. Niemand rast los, um die Kleider zu kaufen, die du trägst. Egal wie schön die Stoffe sind, in die die Stylisten deinen tadellosen Körper hüllen. Du bist keine Mode-Ikone. Du bist kein Idol. Und wie könntest es auch eines sein, wenn dein Gesichtsausdruck Hashtags wie #FreeMelania, #SadMelania und #SaveMelania hervorruft. Das sind Hashtags für ein passives Opfer in einer klischeebeladenen Geschichte über ein Mädchen aus Osteuropa – nicht über die First Lady der Vereinigten Staaten.

Eine Freundin aus Slowenien erzählte mir, dass sie Fragen zu ihrer Heimat neuerdings einfach ausweicht. Denn wenn sie den Männern sagt, woher sie kommt, erntet sie diesen ganz bestimmten Blick. Du kennst ihn genau. Es ist dieser demütigende Blick. All ihr Fachwissen und ihre beruflichen Leistungen werden alleine durch die Erwähnung ihrer Herkunft ausgelöscht. Das ist der Effekt, den auch du provozierst, Melania.

Und du bist das Beste, was dem Markt für osteuropäische Mädchen passieren konnte. Du bist zum Gesicht für die gesamte Industrie geworden. "Ich bin keine nörgelnde Ehefrau", sagst du. Ansonsten hältst du den Mund und akzeptierst stillschweigend die sexistischen Kommentare deines Ehemannes. Das ist genau die Art von Frau, nach der Westmänner im ehemaligen Ostblock suchen. Eine, die sich an die Grenzen "echter" Weiblichkeit hält, indem sie ihre „vorgeschriebene“ Rolle erfüllt, Männern Vergnügen zu bereiten. Eine Frau, die wie ein Supermodel aussieht, aber die ihre Manieren von ihrer Großmutter hat, um es mit den Worten einer Partnervermittlung auszudrücken. Jeder neue Artikel über die Demütigungen, die du in deiner Ehe duldest, verkauft mehr Junggesellen-Ausflüge und lockt mehr Kunden zu Dating-Apps. Deswegen ist dein Schweigen keine Privatangelegenheit. Es beeinflusst das Leben und die Zukunft unzähliger Frauen.

Das vorherrschende Narrativ über osteuropäische Frauen hat Einfluss darauf, wie wir behandelt werden. Bei uns verursacht es Angst und Depressionen und führt dazu, dass wir uns für unseren eigenen Körper schämen. Wusstest du, dass es Frauen mit Migrationshintergrund schwerer fällt, sexuelle Gewalt anzuzeigen? Diese Frauen haben Angst, dass ihnen niemand glaubt. Denn die Geschichten, die die Medien verbreiten, lassen den Eindruck entstehen, dass sie unterworfen werden wollen. Dass es ihnen Freude bereitet, als Objekt behandelt zu werden. Das ist das Frauenbild deines Ehemannes - und Du billigst es mit deinem Schweigen.

Heute sind osteuropäische Mädchen - billig und weiß - die begehrteste Ware der weltweiten Sexindustrie. Sie kommen aus Ländern, in denen der Lebensstandard niedrig ist, die sozialen Sicherheitsnetze schwach sind und die Korruption epidemisch. Was den idealen Nährboden für Menschenhandel und Prostitution bietet. Je stärker die Wirtschaft eines Landes hingegen ist, desto mehr Gleichberechtigung gibt es. Und umso weniger Mädchen gehen in die Prostitution oder heiraten einen Mann, den sie kaum kennen.

Wir brauchen immer noch Hilfe, und wir brauchen sie von Frauen wie dir. Verhalte dich endlich wie eine First Lady und verändere die Welt, so wie es andere First Ladies vor Dir getan haben! Gründe eine Stiftung, besuche Frauenhäuser und hilf den Menschen, die Anzeichen von Menschenhandel und Missbrauch zu erkennen. Schenke den Opfern Mut, sich als Zeuginnen zu melden – und gebe ihnen das Gefühl, dass es ihr Recht ist, das zu tun. Gehe als Beispiel voran, breche dein Schweigen und wir werden dich mit offenen Armen empfangen.

Du kannst das schaffen, Melania! Du kannst etwas verändern. Du könntest unser aller Heldin sein.

Sofi Oksanen - Der Text erschien zuerst bei Helsingin Sanomat.

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Sofi Oksanen: Flammend

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Wie ein dunkel glitzerndes Reptil – das scheinbar unbewegt nur darauf wartet, vorzuschnellen – sitzt sie da auf der Bühne, auf dem Kopf kupferrote Dreadlocks und um den Hals eine Kette mit babyfaustgroßen Perlen. Die Finnin Sofi Oksanen, deren Roman „Fegefeuer“ schon wenige Monate nach Erscheinen in 25 Sprachen übersetzt worden ist.

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Wie erklärt sich dieser internationale Erfolg?, will die Interviewerin an diesem Abend in der voll besetzten Kölner „Kulturkirche“ wissen. „Ganz einfach, weil die Erfahrung sexueller Gewalt eine universelle ist“, antwortet Oksanen mit einer überraschend tiefen Stimme und diesem unbeweglichen Gesicht, gegen dessen Hübschheit sie vergeblich mit strengem Gesichtsausdruck und einer randlosen Intelello-Brille ankämpft.

In der Tat: Selten ist über sexuelle Gewalt und ihre lebenslangen Folgen für die Opfer und ihre Kinder und Kindeskinder so schmerzlich genau und gleichzeitig so gar nicht voyeuristisch geschrieben worden. Hinzu kommt in diesem Fall die politische Gewalt, beide bedingen sich gegenseitig.

Der Roman beginnt mit einer alten Frau in Estland im Jahr 1992. Die sitzt in der Küche ihrer Bauernkate und starrt auf eine Fliege. Die Fliege starrt zurück. Wir müssen bis zur Mitte des Romans und bis ins Jahr 1947 zurückgehen, um zu erfahren, was es mit dieser Fliege auf sich hat. Die Fliege ist die Verkörperung dessen, was in den entscheidenden Stunden mit Aliide Truu im Sitz der örtlichen Sowjetfunktionäre passiert. Es sind Genossen und Freunde ihres späteren Ehemannes, die ihr da die Seele aus dem Körper stoßen. Dies ist wohl eine der eindringlichsten Schilderungen der Literaturgeschichte über Vergewaltigung. Über die Flucht des Opfers aus dem eigenen Körper, das lebenslange Verstummen und den Selbsthass.

Die zweite Protagonistin des Romans ist Zara, von der sich viele, viele Seiten später herausstellen wird, dass sie die Großnichte der alten Frau ist. Aliide hat schwere Schuld auf sich geladen in Bezug auf deren Großmutter, ihre Schwester. Doch diese Schuld hat eben auch mit Aliides seelischer Erstarrung und ihrer Sprachlosigkeit zu tun.

Zara ist auf der Flucht. Auf der Flucht vor Frauenhändlern, die sie aus ihrem trüben Plattenbau in Russland nach Berlin gelockt hatten. Und da ist sie nun gefangen, gleich nebenan, wir alle könnten sie sehen. Wir alle könnten ihr helfen. Aber niemand hilft. Zara – und das ist der Fortschritt zwischen diesen beiden Frauengenerationen – befreit sich letztendlich selber. Und sie rächt sich. Aber sie bleibt in höchster Gefahr.

Diese eternelle Geschichte der Frauen ist auf virtuose Weise verschränkt mit der Geschichte Estlands. Sofi Oksanen ist 1977 geboren und in der finnischen Provinz aufgewachsen („Das war kein Picknick.“). Aber sie hat in den Ferien häufig ihre estnische Großmutter, die Mutter ihrer Mutter, in der Kolchose besucht. Sie hat also hautnah den Umbruch zwischen sowjetischer Kolonialisierung und estnischer Unabhängigkeit ab 1991 erlebt.

In diesem Roman werden permanent die Fronten gewechselt. Nicht nur die von Estland, das mal von Dänen, Deutschen, Schweden oder Russen besetzt ist und nur von 1920 bis 1940 unabhängig war; dann kam erst die Rote Armee, es folgte die deutsche Soldateska, dann wieder die Sowjets. Auch die Menschen wechseln permanent die Fronten, sind erst Aufständische und werden dann Kollaborateure, sind scheinbar dafür, aber in Wahrheit dagegen, oder auch umgekehrt. Das einzig Konstante sind die sexuelle und die politische Gewalt.

Oksanen sagt, sie habe sich anregen lassen von einer wahren Geschichte, nach der eine estländische Mutter und Tochter einen verwundeten deutschen Soldaten bei sich versteckt hatten. Sie wurden denunziert, die Tochter wurde auf die Kommandantur geschleppt – und verstummte nach dieser Nacht für den Rest ihres Lebens. Und sie sagt, Autorinnen wie Slavenka Draculić mit ihrem Roman über die Vergewaltigungslager in Bosnien oder Marguerite Duras mit ihren Romanen über die Kolonialisierung hätten sie inspiriert.

Aushaltbar ist das Grauen dieses Buches, weil diese Schriftstellerin es gleichzeitig überwindet. Mit der Radikalität ihrer Wahrhaftigkeit und der Poesie ihrer Sprache schaffte sie ein literarisches Meisterwerk, das sich liest wie ein Krimi. Zu Recht hat dieser von Angela Plöger exzellent übersetzte Roman, Oksanens dritter, einen so durchschlagenden Erfolg. Die größte estnische Tageszeitung, Psotimees, kürte Sofi Oksanen 2009 zur „Person des Jahres“, und in Finnland verkauft sich das Buch so gut wie Harry Potter, Oksanen erhielt gerade den „Literaturpreis des Nordischen Rates“.

An diesem Abend in Köln saß neben der Schriftstellerin die Schauspielerin Anna Thalbach, die mit angemessener Eindringlichkeit auch das Hörbuch zum Roman spricht. Über das Leben von Sofi Oksanen ist wenig bekannt, nur, dass die bekennende Feministin offen bisexuell ist. In ihrem Heimatland ist die so eigenwillige junge Schriftstellerin inzwischen so populär, dass sie auf der Straße angesprochen wird. Sie ist ja auch kaum zu übersehen.

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Sofi Oksanen: „Fegefeuer“ bei Kiepenheuer & Witsch (19.95 €), als Audiobook bei Hörbuch Hamburg (24.95 €).

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