Polizistinnen-Film: Eine wie diese

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Als Regisseurin Franziska Buch ein kleines Mädchen war, wurden Frauen – wenn sie überhaupt berufstätig waren – Sekretärin oder Krankenschwester. Buchs Mutter dagegen ergriff, mitten in den verstaubten 50er Jahren, einen äußerst ungewöhnlichen Beruf: Kriminalkommissarin. Dabei hatten Frauen bei der Polizei eigentlich Berufsverbot, einzige Ausnahme: die „Weibliche Kriminalpolizei“ (WKP), die sich ausschließlich um kriminelle Jugendliche und „Sittendelikte“ kümmern durfte.

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Die Tochter verfilmte nun die Geschichte ihrer Mutter, hat sie aber in die emanzipierten 70er verpflanzt. Und so läuft am Sonntag, 10. Mai, um 20.15 im ZDF unter dem Titel „Eine wie diese“ die Geschichte von Siggi Thieme (klasse: Cornelia Gröschel), die sich heimlich auf einen Ausbildungsplatz als Kommissarin bewirbt. Der Vater, selbst Polizist, schäumt. Die Tochter zieht aus und in eine – in den Augen der Eltern verlotterte – WG. Der Verlobte will Kinder. Die Kollegen spotten.

Siggi zahlt einen hohen Preis, aber sie beißt sich durch. Auch die Realität hat ein Happy End: Die WKP-Dezernate wurden, nicht zuletzt durch den Druck der Frauenbewegung, in den 70er Jahren aufgelöst. Und 1979 öffnete Hamburg als erstes Bundesland auch die Schutzpolizei für Frauen. Heute sind fast 40 Prozent aller Polizei- und Kommissaranwärterinnen weiblich. Das hätte sich Franziska Buchs Mutter wohl nicht träumen lassen.

Eine wie diese, Sonntag, 10. Mai, 20.15, ZDF 

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Ein lebensgefährlicher Job

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Der Geruch von Urin beißt in der Nase. Abwässer fließen in einer kleinen Rinne direkt neben den Hauswänden den Berg hinunter und ein kleines Mädchen lässt ihre Sandalen darin als Boot fahren. Müllhaufen vergammeln in der brennenden Sonne und herrenlose Hunde mit verklebtem Fell suchen nach essbaren Resten.

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Der Weg zu Fuß durch die Favela Santa Marta ist beschwerlich. Captain Pricilla Azevedo geht ihn fast jeden Tag. Es sind 43 Grad in Rio de Janeiro, aber auf ihre sechs Kilo schwere, kugelsichere Weste kann die 31-jährige Militärpolizistin trotzdem nicht verzichten. Zwei Kollegen, ausgerüstet mit jeweils einem Maschinengewehr, begleiten die Kommandantin beim Gang durch „ihre“ Favela. Einer geht seitlich, der andere hinter ihr durch das Labyrinth von verwinkelten Gassen und steilen Treppen. Für Banditen ist Pricillas Kopf eine Trophäe. „Oder glauben Sie, es gefällt den Drogenhändlern, dass sie ihr Territorium an eine Frau verloren haben?“, sagt sie spöttisch.

Die Favela Santa Marta befindet sich am Hang des Berges Dona Marta im Stadtviertel Botafogo. Mit etwa 8000 Bewohnern zählt sie zu den kleineren Favelas von Rio de Janeiro, wo insgesamt über eine Million Menschen in Favelas leben. Sie ist nicht die gefährlichste und auch nicht die ärmste, trotzdem zählt sie zu den bekanntesten. Dies liegt vor allem an ihrer Lage im Herzen der Zona Sul, der reichen ­süd­lichen Gegend der Stadt, am Fuße des Corcovado und im Rücken des Palácio da ­Cidade, der alten englischen Botschaft. Die Einschuss-Löcher in ihren Mauern gehören noch immer zur brutalen Gegenwart, in der Nachbarfavela regiert nach wie vor ein Drogenkommando. Bis weit über die 80er Jahre hinaus war Santa Marta das ­Paradebeispiel für geradezu kriegerische Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft zwischen den Banditen.

Ende 2008 wurde die Favela gewaltsam aus der Hand des so genannten „Roten Kommandos“ befreit, einer von drei dominierenden Gangsterbanden in Rio de Janeiro. Seitdem hat „Hauptmann Azevedo“ das Kommando über die Polizeikompanie der neu formierten Friedenspolizei UPP – und damit über 120 Männer. Ihre Aufgabe: Die Favela vor der Rückkehr von Drogenhandel und Kriminalität schützen.

Der ehemalige Drogenboss von Santa Marta, bekannt als Mexicano, ist damals mit etwa 30 seiner Männer geflohen. Er hatte in einem der ärmsten Orte Rios zwischen 100000 und 150000 Euro mit Drogenverkäufen verdient. Im Monat. „Es gibt Familien hier, die sogar bedauern, dass wir Mexicano in die Flucht geschlagen haben“, sagt Pricilla. „Sie hofften, dass ihre Söhne reiche Drogenhändler werden würden und sprechen sich offen für eine kriminelle Laufbahn ihrer Kinder aus.“ Überhaupt tun die meisten BewohnerInnen sich schwer mit der neuen Ordnung in ihrer Favela. Es ist in Brasilien nicht üblich, dass Frauen ­öffentlich das Sagen haben, schon gar nicht in den über 1000 Favelas von Rio de Janeiro. Hier herrscht die brutale Gewalt der Drogengangs, deren Regeln und Strafen. Sprach ein Mädchen aus Santa Marta früher mit einem Polizisten, wurden ihr die Haare abgeschoren. Und wer versuchte, Geld vom Drogenverkauf einzubehalten, wurde abgeknallt wie ein räudiger Hund. Dass es damit nun vorbei ist und ausgerechnet eine Frau sie schützen soll, können viele noch gar nicht glauben.

Mit ihren 1,65 Metern ist Pricilla Azevedo nicht die Größte, ihr langes, dickes Haar ist streng zurückgekämmt und zu einem Dutt zusammengerollt. So steht es im Reglement der Militärpolizei. Ihr Blick wirkt fast schüchtern, sie spricht nicht laut und es fällt tatsächlich schwer zu glauben, dass die Konfrontation mit schwer bewaffneten Banditen für diese Frau Routine ist.

Die Tochter eines pensionierten ­Bank­angestellten und einer Lehrerin ist seit zwölf Jahren bei der Militärpolizei. Bevor sie die Offizierslaufbahn einschlug, musste sie einen dreijährigen Vorbereitungskurs machen. Freizeit gibt es seitdem kaum noch, aber für den Kirchgang nimmt sie sich Zeit. „Meine Waffe ist die Bibel, wenn es sein kann und die Pistole, wenn es sein muss“, sagt sie.

Pricilla Azevedo ist permanent in Lebens­gefahr und wäre 2007 nach einer Entführung beinahe bei lebendigem Leibe verbrannt worden. „Ich habe gehört wie die Banditen sagten, dass ich ihnen viel Ärger mache. Es sei das einfachste, das Auto mit mir darin anzuzünden. In dem Moment war ich sicher, dass ich sterben würde.“ Doch sie konnte sich in letzter Minute befreien und fliehen.

In den Tagen darauf kehrte Captain Azevedo zum Ort des Geschehens zurück. „Ich habe alle Beteiligten festgenommen. Persönlich. Nur einer ist mir durch die Lappen gegangen.“ Anstatt sie einzuschüchtern, hat diese Erfahrung anscheinend ihre Willenskraft gestärkt: „Jetzt habe ich erst recht Lust, in diesem Beruf zu ­arbeiten.“ Und: „Ich bin für die ­Gleich­behandlung von Frauen und Männern, mit allen Konsequenzen“, sagt Pricilla.

Wir treffen den 22-jährigen Deivid Lino auf der Straße. Ihm imponiert das konsequente Vorgehen der jungen Polizeichefin: „Nach allem was ich weiß, ist sie echt ziemlich hart und lässt nichts durchgehen. Es gibt immer noch ziemlich viele Probleme hier. Streitigkeiten zwischen Bewohnern, sogar Überfälle und Raub, aber sie hat eine feste Hand“, sagt er fast schwärmerisch. Als Pricilla die wöchentlich stattfindenden Baile Funks verbot zum Beispiel. Partys, bei denen es hauptsächlich darum geht, Drogen zu verkaufen. Und nicht selten verdient die Polizei mit. Um die 8000 Euro kassieren kooperative Polizisten, wenn sie bei den Partys „nicht stören“. „Die Korruption ist ein echtes Problem“, stöhnt Pricilla. Sie sieht eine der Ursachen in den niedrigen Löhnen der Polizei. Etwa 450 Euro im Monat bekommt ein Polizist in den ersten Jahren, sie selbst verdient als Offizierin 1200 Euro. Kein anderer Staat Brasiliens zahlt seinen Polizisten so wenig.
An der nächsten Ecke lässt Captain Pricilla drei jungen Mädchen den Vortritt. Sie tragen schwere Einkaufstüten mit Lebensmitteln und Eimer mit Trinkwasser. Alle drei sind hochschwanger. Zwischen 12 und 18 werden in Rios Favelas die meisten Mädchen zum ersten Mal Mutter.

Wir kommen im ärmsten Gebiet an, dem Kern der Favela, wo 71 Holzbaracken stehen. Pricilla befragt die BewohnerInnen, ob die Häuser registriert sind für die nötige Renovierung, die von der Regie­rung versprochen wurde. Unbürokratisch versucht sie, die Stadtverwaltung über die Anliegen der Bewohner zu informieren, und ganz langsam kommt es zu ersten Verbesserungen. Seit Captain Azevedo das Regime hat, hat sich die Anzahl der ­Straßenkehrer verdreifacht und tragen die Gassen richtige Straßennamen. Bisher existierten die Favelas auf den Karten Rios nicht. Ganze Gebiete mit Einwohnerzahlen wie Aachen oder Freiburg wurden einfach ignoriert. Heute gibt es einen Fußballplatz und eine Musikschule, auf die Pricilla besonders stolz ist.

Die größte Herausforderung ist es, das Vertrauen der Menschen in der Favela zu gewinnen und zu beweisen, dass die Polizei da bleibt und nicht wieder weggeht. Viele haben Angst, es könnte sich das Szenario von 1999 wiederholen. Damals eroberte die Polizei die Favela und die Regierung versprach soziale Verbesserungen. „In Wirklichkeit haben sie nichts gemacht. Schlimmer noch, zehn Monate später zogen die Einsatzkräfte wieder ab und der Drogenhandel kam zurück“, erinnert sich Jose Mário, der Vorsitzende der Einwohnervereinigung der Favelas.

Doch trotz aller Probleme ist es Pricilla Azevedo gelungen, Santa Marta zur Vorzeige­favela von Rio de Janeiro zu machen. Gerne kommen Politiker oder Prominente vorbei, um sich von den Fortschritten vor Ort ein Bild zu machen. Captain Azevedo gehört zu dem Bild. Als hübsche, junge Frau mit Durchsetzungsvermögen kommt die 31-Jährige bei den Medien gut an. Ende letzten Jahres kamen sogar Madonna und Präsident Lula zu Besuch nach Santa Marta, er ließ sich mit Pricilla fotografieren.

Das Modell Pricilla macht Schule. Bei der kürzlich befreiten Favela Tabajares setzt Rios Sicherheitschef Beltrame wieder auf eine Frau: Captain Rosana soll nicht unweit von Santa Marta demnächst das Kommando der Friedenspolizei übernehmen.

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Dossier Lateinamerika (4/10)

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