Es nimmt absurde Formen an

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Till, wie war dein Weg als Transmann?
Ich war kein „typisches“ Mädchen. Ich habe nicht mit Puppen und dafür gern mit Autos gespielt. Bei Rollenspielen hab ich gern die männlichen Rollen übernommen. Man konnte mich partout in kein Kleid stecken. Meine Mutter hat immer gesagt, an mir wäre ein Junge verloren gegangen. Und ich bin ihr bis heute dankbar, dass sie mich so hat sein lassen.

Wie haben die anderen reagiert?
Die wussten nicht, wo sie mich hinstecken sollten. Weder die Jungen noch die Mädchen fanden, dass ich einer von ihnen bin. Was mir einen gewissen ­Respekt verschafft hat, war, dass ich bis zur zehnten Klasse ein guter Schüler war. Dann ließen meine Leistungen nach, weil ich mehrfach Depressionen hatte und an Morbus Crohn erkrankt bin, also einer Autoimmunerkrankung. Die Krank­heiten haben dazu geführt, dass ich mal genauer hingeguckt habe. Erstes Ergebnis: Ich bin nicht heterosexuell. Aber da war die Reise noch nicht zu Ende.

Wie ging sie denn weiter?
Ich bin auf dem Dorf groß geworden, und da hatte ich natürlich kaum ­Möglichkeiten, lesbische, schwule oder Transmenschen kennenzulernen. Glücklicherweise kam langsam das Internet auf, so dass ich über Online-Gruppen mit anderen ins Gespräch kommen konnte. Mit 18 war ich dann häufig in Berlin und dort in lesbischen Kreisen unterwegs. Zu dieser Zeit gab es die ersten Frau-zu-­Mann-Transitionen, die unter Lesben auch thematisiert wurden. Einerseits hat mich das sehr interessiert und fasziniert, aber andererseits auch beängstigt, weil mir klar war, dass Medikamente und Operationen damit verbunden sein würden.

Aber du hast diesen Schritt getan …
Ich habe durchaus über die Möglichkeit nachgedacht, mich einfach nicht in die gängigen Geschlechterrollen einzufügen. Aber ich bin da tatsächlich über meinen Körper gestolpert. Ich habe mich wie abgeschnitten von mir gefühlt und hatte das Gefühl: Ich bin nicht richtig da. Schließlich dachte ich: Ich kann nur gewinnen, wenn ich es wage, körperliche Schritte zu gehen. Ich habe mir dann einen Therapeuten gesucht, der meine Transition begleiten und mir die gewünschten Hormone verschreiben sollte. Er war offen für mich und meine Geschichte, vertrat aber die Haltung, dass er unter einem halben Jahr Therapie nichts verordnet. Das fand ich auch sehr verständlich. Nach meinem Coming out als Transmann war ich übrigens mit Morbus Crohn plötzlich so gut wie schubfrei.

Was hast du dann unternommen?
Ich habe zunächst Testosteron genommen. Am Anfang ist das nicht so angenehm, weil es eine Zeit dauert, bis die richtige „Wohlfühl-Dosis“ gefunden ist. Bis dahin fühlt man sich wie in den Wechseljahren, mit Schweißausbrüchen und Stimmungsschwankungen. Nachdem das überwunden war, fühlte es sich aber richtig an. 2011 habe ich mir die Brüste entfernen lassen und später auch die Gebärmutter, weil ich immer sehr extreme Regelbeschwerden hatte. Ich bin mit meiner Entscheidung sehr zufrieden.

13 Jahre nach deinem Coming-out als Transmann siehst du die Entwicklung kritisch. Warum?
Seit einigen Jahren wird der Begriff „Trans“ immer diffuser. Inzwischen kann man sich ja, sobald man nur das geringste Unbehagen mit Geschlecht und Geschlechterrollen verspürt, das Label „trans“ aufpappen. Und das soll dann bitte­schön auch nicht mehr weiter hinterfragt werden. Wenn man aber hört, wie diese Menschen sich beschreiben, scheint es offensichtlich, dass sie gar kein so tiefgreifendes Problem mit ihrem Geschlechtskörper haben. Das bewegt sich in einem Rahmen, wo man durchaus sagen könnte: Gut, dann ist man halt eine geschlechts-nonkonforme Frau oder ein geschlechts-nonkonformer Mann. Aber das ist für diese Menschen nicht vorstellbar. Und darin offenbart sich ein fehlerhaftes Verständnis von Geschlecht. Denn eigentlich geht es dabei doch um den Wunsch, den als rigide empfundenen Geschlechterrollen zu entkommen. Und wenn man die Frage stellt, ob es nicht auch möglich sei, als Frau oder Mann zu leben und die dazugehörigen Geschlechterrollen abzulegen, wird man gleich sehr böse beschimpft. Zum Beispiel als „Gatekeeper“, also Türsteher. Transmenschen, die eine Genderdysphorie als Voraussetzung für das Transsein betrachten, werden „Transmedicalists“ genannt oder „Truscum“, was so viel heißt wie „echter Abschaum“.

Was ist problematisch daran, wenn sich Menschen als trans bezeichnen, die nicht unter Geschlechtsdysphorie leiden?
Ich erlebe in den Online-Foren immer wieder Menschen, die sich als trans bezeichnen, die aber ganz offensichtlich ganz andere Probleme haben. Ich hatte kürzlich mit zwei Fällen zu tun, bei denen es um verdrängten sexuellen Missbrauch ging. Der war aber in der Therapie gar nicht zur Sprache gekommen. Möglicherweise wollten sie sich mit einer Transition vor weiteren sexuellen Übergriffen schützen. Die beiden haben erst darüber gesprochen, nachdem sie schon jahrelang Testosteron genommen und sich auch Brüste und Gebärmutter haben entfernen lassen. Das Thema Missbrauch drängte dann aber mit Macht an die Oberfläche. Und einer dieser beiden Transmänner will den Geschlechtswechsel, soweit es geht, jetzt wieder rückgängig machen.

Und das kann in der Transcommunity nicht diskutiert werden?
Es ist zumindest schwierig und man muss mit sehr viel Gegenwind rechnen. In sozialen Netzwerken schotten sie sich hermetisch gegen jegliche Kritik oder gegen jedes Hinterfragen ab. Beides wird als „Gewalt“ bezeichnet und abgewehrt. Damit banalisiert man aber aus meiner Sicht tatsächliche Transfeindlichkeit.

Du kritisierst auch die zahllosen Labels, die es inzwischen für Geschlechtsidentitäten und sexuelle Präferenzen gibt.
Das nimmt wirklich absurde Formen an, von non-binary, agender, demigirl, demiboy, allosexuell, demisexuell, cupioromantisch und so weiter. Aber um wirklich etwas zu verändern, reicht es nicht, sich mit immer neuen sprachlichen Labeln zu bezeichnen. In den 80ern ging es ja noch darum aufzudecken, dass Begriffe wie Homosexualität und Heterosexualität zu kurz greifen und als Schubladen häufig nicht funktionieren. In der Praxis gibt es ja weitaus mehr Grautöne. Heute besteht „queer“ aber darin, dass man es noch ordentlicher machen will als es jemals war, indem man wieder auf jede noch so absurde Spielart ein Label klebt.

Es herrscht der Glaube, sich durch eine andere Selbstbezeichnung nicht mehr mit den Zumutungen des Patriarchats beschäftigen zu müssen. Die Wahrheit ist aber gerade für Frauen eine andere. Durch eine Umbenennung in „non-binary“ kann man dem Patriarchat ja nicht entkommen. Doch anstatt das zu benennen, wird eine andere Front aufgemacht: Die zwischen den „marginalisierten Non-Binaries“ und den „privilegierten Cis-Frauen“ (Frauen, deren biologisches Geschlecht mit ihrem empfundenen Geschlecht übereinstimmen, Anm. d. Red.). Die Zuschreibung als Cis-Frauen oder Transfrauen macht allerdings dort Sinn, wo man versucht, ganz spezifische Erfahrungen der jeweiligen Gruppe zu fassen. Aber es macht keinen Sinn, zwei verschiedene Frauengruppen gegeneinander auszuspielen.Trotzdem muss es möglich sein, dass Cis-Frauen in bestimmten Räumen und zu bestimmten Themen auch mal unter sich sein können. Es kann nicht sein, dass z. B. Workshops zum Thema „Menstruation“ als transfeindlich bezeichnet werden, wenn Transfrauen mangels Menstruation ausgeschlossen sind und die menstruierenden Non-­Binaries sich nicht mitgemeint fühlen. Wenn ich mich nicht als Frau sehe, warum will ich dann mit dabei sein? Das ist doch ein Widerspruch!

Und wenn so genannte Non-Binaries auf Twitter den Internationalen Frauentag als „Fotzenfest“ verunglimpfen, ist das einfach nur noch frauenfeindlich. Interessant ist dabei auch, dass es vergleichbare Anfeindungen gegen Männer nicht gibt.

Nochmal zurück zu den Therapeuten. Was läuft da falsch?
Die meisten, die eine Therapie beginnen, haben sich vorher für eine Transition entschieden. Und es ist natürlich schwierig für einen Therapeuten, ein Problem wie Missbrauch oder Mobbing anzusprechen, das die Person selbst gar nicht thematisiert. Andererseits ist die Tendenz bei vielen Therapeuten schon, affirmativ zu sein, also den Wunsch nach Transition zu bestätigen. Und die Trans-Community ist meines Erachtens auch nicht besonders hilfreich darin, die Begleittherapie als Chance zu begreifen. Im Gegenteil: Es herrscht eine ziemliche Aversion gegen die Therapie, weil sie als Bevormundung gesehen wird. Sie wird als eine Hürde behandelt, die es auszutricksen gilt.

Gerade werden die Leitlinien für den Umgang der Therapeuten mit Kindern und Jugendlichen überarbeitet. Es geht um die Frage, ob der „affirmative Ansatz“ künftig auch in Deutschland gelten soll.
Ich hätte die Befürchtung, dass dann gar nicht mehr geschaut wird, bei welchem Kind oder Jugendlichen es eigentlich um andere Themen geht. Das hilft niemandem.

WEITERLESEN Im Frühjahr 2020 erscheint der von Till Amelung herausgegebene Band „Irrwege. Analysen aktueller queerer Politik“ (Querverlag).

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Wir wissen nicht, was wir anrichten

Foto: Bayrischer Rundfunk
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Herr Dr. Korte, was genau ist eine Geschlechtsdysphorie?
Etwas allgemeiner gefasst sprechen wir von einer Körper-Geschlechts-­Inkongruenz. Das bedeutet, dass das geschlechtsbezogene Identitätsgefühl eines Menschen und dessen körperlich-biologisches Geschlecht nicht zusammenpassen. Das allein ist aber noch nicht zwangsläufig ein krank­hafter Zustand. Besteht jedoch ein relevanter Leidensdruck, ist die medizinisch korrekte Bezeichnung Genderdysphorie; bei der extremsten Form, der transsexuellen Geschlechtsdysphorie, äußern die Betroffenen den starken Wunsch, die wahrgenommene Diskrepanz mit körperverändernden Maßnahmen zu verringern.

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Was passiert, wenn Sie die Diagnose „Geschlechtsdysphorie“ gestellt haben?
Es geht am Ende immer darum, mit dem oder der Betroffenen gemeinsam in einem längeren diagnostisch-­therapeutischen Prozess die größtmögliche Sicherheit darüber zu erlangen, ob der Wunsch nach sozialem Geschlechtsrollenwechsel und ge­schlechtsangleichenden körperverändernden Maßnahmen erstens zeitlich überdauernd ist und ob zweitens nur auf diesem Weg der Leidensdruck reduziert werden kann. Es geht also auch darum, mögliche Alternativen aufzuzeigen.

Um die Entscheidung hinauszuzögern, werden Kindern immer häufiger so genannte Pubertätsblocker gegeben. Sie sehen das kritisch.
Zutreffend ist, dass man zunächst eine rasche Verringerung des Leidensdrucks erreicht, wenn man verhindert, dass Bart bzw. Brüste wachsen. Aber was passiert in der gewonnenen Zeit? Diese Pubertätsblocker beeinflussen die normale körperliche und psychosexuelle Entwicklung, beeinträchtigen zudem die Libido. Und wie soll sich dann der oder die Jugendliche mit seiner oder ihrer Sexualität auseinandersetzen? Könnte zum Beispiel das eigentliche Thema eine abgewehrte Homosexualität sein? Das ist unter diesen Bedingungen gar nicht nachprüfbar. Hinzu kommt: Bei einem Großteil der Minderjährigen bestünde ohne die frühzeitige Weichenstellung durch Einleitung einer Hormonbehandlung eine reelle Chance, dass die Geschlechtsdysphorie im Laufe der Pubertät überwunden werden würde oder die Betroffenen einen anderen Umgang damit fänden. Früher lag der Anteil derjenigen, die bei dem Wunsch nach körperverändernden geschlechtsangleichenden Maßnahmen blieben, bei 15 bis 20 Prozent. Seit Pubertätsblocker gegeben werden, liegt er bei nahezu 100 Prozent. Es gibt zunehmend Studienergebnisse, die den Einsatz von Pubertätsblockern bei geschlechtsdyphorischen Kindern bedenklich erscheinen lassen. Wir wissen noch viel zu wenig, was wir da anrichten.

Aber was ist zum Beispiel mit einem präpubertären Jungen, der sich als Mädchen fühlt, und nun in Panik gerät, weil ihm demnächst ein Bart wächst und er in den Stimmbruch kommt?
Wenn das ein Junge mit einer anhaltenden Geschlechtsdysphorie vom transsexuellen Typus ist, wäre es in der Tat segensreich, Bartwuchs und Stimmbruch zu verhindern. Deshalb wäre es ein unschätzbarer Vorteil, diejenigen Jugendlichen zu identifizieren, für die eine Geschlechtsangleichung tatsächlich die einzige Lösung ist. Denn die Folge ist, dass der Mensch lebenslang Hormone nehmen muss und sich womöglich auch einer oder mehreren OPs unterzieht. Das Problem: Es gibt keine verlässlichen Parameter, anhand derer ich den weiteren Verlauf sicher vorhersagen kann.

In Ihrer Ambulanz kommen auf einen Jungen inzwischen acht Mädchen. Wie erklären Sie sich das?
Eine Ursache könnte sein, dass eine zunehmende Anzahl von Mädchen sich heutzutage unter dem Druck des gesellschaftlichen Schönheits- und Schlankheitsideals mit den anstehenden Anforderungen der Pubertät überfordert fühlt. Ein Teil dieser Mädchen sieht in dem Geschlechts(rollen)wechsel einen vermeintlichen Ausweg. Man könnte die Geschlechtsdysphorie also auch als „moderne“ Störung betrachten, die teilweise an die Stelle der Anorexie tritt, also der Magersucht.

Leben wir inzwischen nicht in einer Gesellschaft, in der Mädchen die gern Fußball spielen oder sich in andere Mädchen verlieben, sozial anerkannt sind?
Nein, offensichtlich nicht. Wir erleben gerade ein konservatives Rollback. Da müssen wir uns ja nur die Spieleindustrie anschauen. Da ist die Welt ganz klar aufgeteilt in Rosa und Hellblau. Da waren wir in den 70er- und 80er-Jahren schon mal weiter. Und homosexuell zu sein und sich dieses einzugestehen, ist für viele Jugendliche bis heute nicht so einfach.

Wird also unangepasstes Rollenverhalten quasi wegoperiert?
Überspitzt könnte man das so sagen, ja. Und was das bedeutet, hat die Gesellschaft meines Erachtens überhaupt noch nicht erfasst.

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