"Warum fragt ihr mich nicht?"

Iran-Demo in Berlin. (Symbolbild) - Foto: IMAGO
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„Wie kann es sein, dass es niemanden kümmert? “ Diese Frage stelle ich mir schon mein ganzes Leben, aber in diesen Tagen tönt sie lauter denn je. Ich wurde im Iran geboren, was bedeutet, dass ich in einen Kampf hineingeboren wurde, um die grundlegendsten Dinge, die ihr euch nicht einmal vorstellen könnt. Ich bin umgeben von Gewalt, Blut, Grausamkeit und Monstrosität aufgewachsen. Und doch war das Schlimmste nie die Unmenschlichkeit selbst, sondern die Einsamkeit, sie zu erleben. Das Schweigen. Das Gefühl, jeden Tag ein Stück mehr den Glauben an diese Welt und ihre gepredigte „Menschlichkeit“ zu verlieren, weil es niemanden zu kümmern schien.

Nach Jahrzehnten der Unterdrückung, Jahrzehnten von Protesten, Leichen und Beerdigungen befinden wir uns endlich in den letzten Etappen dieses Kampfes. Wir sind in einer Revolution. Aber einsamer denn je, während die Islamische Republik grausamer wird als jemals zuvor: Sie begeht Massenmorde und Kriegsverbrechen an der eigenen Bevölkerung.

Wie oft sollen die Menschen noch auf die Straße gehen und getötet werden?

Also sagt mir: Wie oft sollen Iranerinnen und Iraner noch auf die Straßen gehen und getötet werden, damit die Welt sie hört? Wie viele Kinder erschossen werden? Wie viele Demonstrierende hingerichtet werden? Wie oft muss das Regime die Lichter ausschalten, das Internet kappen, jede Kommunikation abschneiden und Tausende im Dunkeln ermorden, damit ihr endlich hinschaut?

Es würde nicht so weh tun, wenn ihr es wirklich nicht wüsstet. Aber ihr wisst es. Wir erzählen es euch. Wir flehen euch an. Wir verbreiten jede Information, die wir finden können. Wir schreien und hoffen, dass jemand zuhört. Das Schweigen, das zurückkommt, ist unerträglich.

Es würde nicht so weh tun, wenn ihr nicht ständig eure liberalen Ideale, eure Solidarität, euren Aktivismus vor euch hertragen würdet. Wenn ihr nicht ständig Vorträge über Faschismus und Rassismus halten würdet. Wie könnt ihr von „Menschenrechten“ reden - und den Iran ignorieren? Wie könnt ihr euch „Aktivist*innen“ nennen, wenn euer Aktivismus genau an dem Punkt endet, an dem es unbequem oder „kompliziert“ wird? Nichts davon bedeutet etwas, wenn ihr in den Momenten schweigt, in denen eure Stimmen am meisten gebraucht werden.

Was ist euer Aktivismus wert, wenn er endet, wenn es unbequem wird?

Wir im Exil sind gefangen. Wir sitzen in der Dunkelheit, getrennt von unseren Liebsten, während der Iran von der Welt abgeschnitten wird. Wir suchen in den wenigen Videos, die es durch die totale Abschottung schaffen, nach den Gesichtern unserer Familien. Wir lesen Berichte über so viele Verletzte und Tote, dass medizinisches Personal nicht einmal mehr Zeit hat, Wiederbelebung zu versuchen. Versteht ihr, was es heißt, wenn Familien die Leichen ihrer Angehörigen stehlen müssen, bevor das Regime sie in die Hände bekommt? Was es heißt, „Kugelgeld“ zu bezahlen, für das Kind, das sie ermordet haben? Versteht ihr, dass nicht einmal unsere Toten sicher sind vor diesen Monstern?

Jede einzelne Person im iranischen Exil, die ich kenne, fühlt tiefe Schuld. Sie brennt durch unsere ganze Existenz. Wir fühlen Schuld, weil wir leben. Schuld, weil wir nicht dort sind. Schuld, weil wir nicht neben unseren Brüdern und Schwestern kämpfen und sterben. Schuld, weil wir es nicht einmal wagen, Hoffnung zuzulassen. Und ich frage mich immer wieder: Wie könnt ihr nichts davon fühlen?

Wie könnt ihr kein Wort darüber verlieren? Wie könnt ihr zusehen, wie wir zerbrechen, unsere Häuser verlieren, unsere Menschen verlieren, unseren Verstand verlieren - und uns nicht einmal fragen, wie es uns geht? Wie könnt ihr mit euch leben, während Menschen, die genauso sind wie ihr - voller Leben, Träume und Güte - gerade getötet werden, weil sie für dieselben Werte kämpfen, die ihr angeblich verteidigt?

Was ihr lest oder wegen "Content-Warnungen" überspringt, ist unsere Realität

Viele von uns sind hier vollkommen allein. Könnt ihr euch vorstellen, was eine einzige Nachricht in dieser Krise bedeuten würde? Ein einziges Nachfragen? Ein einfaches „Geht es dir gut?“ Jeder kann uns zum Geburtstag gratulieren, aber wir brauchen Freundinnen, die uns schreiben, wenn unsere Häuser brennen.

Was ihr in Büchern lest, in Podcasts hört, in Dokumentationen seht oder wegen „Content-Warnungen“ überspringt, das ist unsere Realität. Unser Alltag. Und wir können ihr niemals entkommen, nicht einmal von einem anderen Kontinent aus.

Wenn euch all die hehren Ideale etwas bedeuten, dann macht diese abstrakten Ideen zu einem Teil eurer Realität. Lebt sie. Handelt danach. Solidarität bedeutet nichts, wenn sie nur existiert, solange sie leicht ist. Klebt eure „Fuck AfD“-Sticker überall hin, schreit eure Parolen in den Straßen, aber wenn ihr in eure sicheren, privilegierten Leben zurückkehrt, nehmt eure Solidarität mit. Lasst sie Teil von euch werden. Ich verspreche euch, sie ist nicht schwerer als das Trauma und der Schmerz, den wir jeden Tag tragen.

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Fangt an zu reden. Sagt etwas. Zu euren Freundinnen und Freunden. Zu euren Studierenden. Zu euren KollegInnen. Öffnet eure Augen und seht, was passiert, auch wenn es euch unangenehm ist; vor allem, wenn es euch unangenehm ist. Wenn ihr nicht wisst, wie ihr helfen könnt: Fragt. Lernt. Versucht es. Alles ist besser als dieses seelenzerreißende Schweigen.

Und redet nicht nur, handelt. Das ist kein „lokales Problem“. Keine „innere Angelegenheit“. Das ist eine humanitäre Katastrophe. Es ist ein Regime, das in Echtzeit Kriegsverbrechen an unbewaffneten Menschen begeht, deren einzige Waffen ihr Mut, ihr Leben und ihre Hoffnung auf einen freien Iran sind.

Wenn ihr euch AktivistInnen nennt, dann handelt jetzt, genau jetzt, wo es zählt. Als EuropäerInnen, als BürgerInnen freier demokratischer Länder habt ihr Privilegien, die wir nicht haben. Nutzt sie. Kontaktiert eure Abgeordneten, JournalistInnen, PolitikerInnen, Verantwortlichen. Fordert Konsequenzen. Fordert, dass die Diplomaten dieses Regimes ausgewiesen werden. Fordert, dass die Welt aufhört, Mörder zu legitimieren.

Menschen im Iran werden gerade jetzt getötet. Das Mindeste, was ihr tun könnt, ist, über sie zu reden, sie zu ehren, nicht zuzulassen, dass ihre Tode im Schweigen verschwinden. Nicht, weil es „edel“ ist, nicht weil es euch zu besseren Menschen macht, sondern weil „niemand frei sein kann, solange nicht alle frei sind“.

Seid unsere Stimme. Seid endlich die AktivistInnen, als die ihr euch bezeichnet!

SAYAN KOUHZAD

 

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