In der aktuellen EMMA

Faika El-Nagashi: hält gegen

Seit Faika El-Nagashi den Transaktivismus kritisiert, wird sie gemobbt - und hält gegen. - Foto: Minitta Kandelbauer
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Am Morgen des 28. September 2022 fährt Faika El-Nagashi zum Wiener Hauptbahnhof. Die grüne Nationalratsabgeordnete ist auf dem Weg nach Budapest. Dort beginnt am nächsten Tag Europas größte Konferenz lesbischer Frauen, organisiert von der „Eurocentralasian Lesbian* Community“, kurz EL*C. Faika El-Nagashi war lange selbst im Vorstand des Vereins aktiv. Die Idee zur EL*C entstand auf einer „LGBTIQ*“-Konferenz, weil homosexuelle Frauen fanden, dass sie in den vielen Buchstaben oft unsichtbar sind und eine eigene Stimme brauchen.

Als die Konferenz 2017 zum ersten Mal stattfand, in ihrer Heimatstadt Wien, war Faika El-Nagashi eine der Eröffnungsrednerinnen. 2019 moderierte sie die zweite  Konferenz in Kiew und war dabei, als Rechtsextreme die Scheiben des Konferenz-Hotels einschlugen, Tränengas warfen und Schilder in die Kameras hielten: „Fahrt zur Hölle, Sodomiten!“

Jetzt also die dritte EL*C-Konferenz in Budapest. Faika, 46 und mit einer Frau verpartnert, hatte gerade ihren kleinen Sohn in den Kindergarten gebracht und checkt am Bahnhof kurz im Handy ihre E-Mails. Und da liest sie: „Wir glauben, dass deine jüngsten Äußerungen in den Medien gegen die Werte der EL*C verstoßen. Wie du weißt, unterstützt EL*C trans- und genderdiverse Inklusion. Aus diesem Grund können wir deine Registrierung für die Budapest-Konferenz nicht akzeptieren.“

„Ich stand unter Schock“, erzählt Faika El-Nagashi. Da war die menschliche Enttäuschung: „Bis heute hat sich keine der Frauen, mit denen ich jahrelang zusammengearbeitet habe, bei mir gemeldet.“ Vor allem aber ist die Politikerin fassungslos darüber, dass es nun auch sie getroffen hat. Ausgerechnet. Links, antirassistisch, feministisch, selbst migrantisch und lesbisch – und jetzt: „transfeindlich“.

Was hatte Faika El-Nagashi getan? Am 17. Mai, dem „Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie“, kurz IDAHOBIT, tauchte auf der dazugehörigen Demo in Wien ein Schild auf: „TERFs boxen!“ Sie hielt auf Twitter gegen. „Ich wollte zeigen, dass eine rote Linie überschritten ist, wenn Frauen aufgrund ihrer feministischen Überzeugungen beschimpft und mit Gewalt bedroht werden.“ Ihr nächstes Sakrileg: Ein Interview in der österreichischen Wochenzeitung Falter im Juli 2022: „Das Wort ‚Frau‘ darf nicht verschwinden!“ erklärte sie dort mit Blick auf den Trend, Frauen als „weiblich gelesene Menschen“ oder „FLINTA*“ zu bezeichnen. „Für mich ist es nicht progressiv, wenn Frauen sprachlich, als politische Klasse und mit ihren erlebten Realitäten verschwinden“, erklärte sie. Die Folge: Sie wurde als „rechtsextrem“ beschimpft. Vorläufiger Höhepunkt der Hexenjagd: die Ausladung von der Lesben-Konferenz.

Anfeindungen von rechts ist sie gewohnt, die Attacken aus dem eigenen Lager sind neu. Doch sie lässt sich nicht einschüchtern. „Ich bin durch eine harte Schule gegangen“, sagt sie. „Ich weiß, was Mobbing ist.“ Die Tochter einer ungarischen Mutter und eines Vaters aus Ägypten wurde in Budapest geboren. Als sie vier war, zog die Familie nach
Wien. „Was wir erlebt haben, kennen viele Familien mit Migration in ihrer Geschichte nur zu gut: Beleidigungen durch Kindergärtnerinnen, Beschimpfungen auf der Straße und an der Supermarktkasse.“ Als Faika Teenager ist, zieht die Familie aufs Land – was ihr Coming-out nicht leichter macht.

Seit sie 19 ist, macht sie politische Arbeit: bei LGBTIQ-Organisationen, für Frauenrechte, in einer Migrantinnenselbstorganisation. Sie studiert Politikwissenschaft, dockt 2013 schließlich bei den Grünen an und sitzt zwei Jahre später im Wiener Landtag, seit 2019 im Nationalrat. Und jetzt also wieder Mobbing. Aber Faika El-Nagashi hat der Mut nicht verlassen. Denn: „Wenn wir als Feministinnen, als Lesben und als Linksprogressive nicht den Dialog suchen und diese Debatten führen, dann spielen wir den Rechten in die Hände.“

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