Felicitas Hoppe: Die Preisträgerin

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Wer ist Felicitas Hoppe? Versuchen wir es zunächst mit Fakten: Die so Getaufte wurde 1960 in der Rattenfängerstadt Hameln geboren. Sie lebt in Berlin, ist dort aber oft nicht anzutreffen, weil sie viel unterwegs ist – und von ihren Reisen begeistert Postkarten verschickt. Ihr Lieblingstier ist der Esel, ihre liebste literarische Figur Pinocchio. Sie schätzt einfache Gerichte wie Pellkartoffeln. Sie besitzt kein Handy und keine Handtasche, hat aber immer einen Rucksack dabei, in dem sich unter anderem ein Lippenstift und ein Eishockey-Puck befinden.

Dass sie Musik für die größte aller Künste hält, hat sie nicht daran gehindert, bislang fünf Romane und zahlreiche Bände mit Kurzgeschichten, Porträts und Essays zu veröffentlichen. Weniger bekannt ist, dass sie auch schon Beiträge für Matheschulbücher geschrieben hat, die den Alptraum „Textaufgabe“ logisch und literarisch vertreiben. Ab sofort wird der Name Felicitas Hoppe meist mit dem Label „Büchner-Preisträgerin“ genannt werden, denn die „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“ hat ihr in diesem Jahr den wichtigsten Literaturpreis des Landes zuerkannt.

Die Entscheidung der Akademie leuchtet schon aus statistischen Gründen ein. Seit Brigitte Kronauer vor sieben Jahren ist keine Autorin mehr ausgezeichnet worden, und mit 51 ist Hoppe außerdem die seit langem jüngste Preisträgerin – und zwar nicht nur dem Jahrgang, sondern auch der geistigen Neugier und der Beweglichkeit nach. Trotzdem ist Felicitas Hoppe alles andere als eine Quotenfrau.

Denn vor allem literarisch kommt die Wahl der hellen, schnellen Hoppe einem Lifting für den gravitätischen Preis gleich. So vielseitig und quecksilbrig ihr Werk anmutet, so geschlossen und vor allem eigenständig ist es. Diese Autorin schielt nicht auf das, was andere tun – es sei denn, es ist schon lange her. Denn Sagen, Märchen und Legenden faszinieren sie ebenso wie die Kunst ihrer Weitergabe. Dass Felicitas Hoppe nicht nur auf dem Papier eine begnadete Erzählerin ist, weiß jeder, der sie schon einmal live erlebt hat. Doch bei aller Fabulierlust verfolgt sie ein großes Thema, nämlich das Ur-Abenteuer der Identität: Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele könnte ich noch sein?

Dieser unendlichen Frage hat sich die Schriftstellerin in ihrem neuesten Werk scheinbar frontal gestellt: „Hoppe“ ist eine Alternativbiografie, die in der dritten Person von einer gewissen Autorin namens Felicitas Hoppe erzählt, die als Kind mit dem Vater nach Kanada auswandert, wo sie eine Begabung für Eishockey und eine Leidenschaft für den späteren Starspieler Wayne Gretzky entwickelt (daher der Puck im Rucksack!). Sodann zieht das Mädchen weiter nach Australien, wo sich eine Karriere als Dirigentin anbahnt, doch schließlich unterrichtet sie an der Universität von Oregon Deutsch. Leicht könnte diese „Traumbiografie“ aus dem Parallelreich der Fantasie ins Manieristisch-Eitle abrutschen, doch Hoppe entkommt dieser Falle mit hakenschlagender Selbstironie – kein Wunder, dass „Häsi, das Hasenkind“ der erste Buchtitel der Siebenjährigen ist, im Roman jedenfalls.

Hoppes Heldinnen und Helden tragen auffallend gern Rüstung – doch ihr Visier ist offen. Was das bedeutet, zeigt vor allem ihre gewaltige Romanvision der Jeanne d’Arc, „Johanna“ aus dem Jahr 2006: eine Frau voller Angst und zugleich von einer Freiheit, die noch nichts mit Emanzipation, aber alles mit dem Glauben an sich selbst zu tun hat, gerüstet, für ihre Überzeugungen durchs Feuer zu gehen. Kein Versuch einer Biografie der französischen Nationalikone, aber Hoppe zeigt hier, dass Geschichte beim ­Erzählen entsteht. Denn die Erzählerin, die über die Heilige forscht, wird mit ihrer Dissertation im Roman zwar akademisch scheitern, aber für die Poesie einen Sieg erringen: „Die Geschichte besteht aus Qual und Bemühung, aus Einsicht und Furcht, aus Versuch und Angst, aus Respekt und Eifer, aus Einwand und Schweiß, aus endlosen langen schlaflosen Nächten“, entgegnet sie ihren Professoren – und spießt damit nebenbei auch jene Kritiker auf, die Hoppes Werk die Sinnlichkeit abgesprochen haben.

Auf Johanna von Orléans ließ Hoppe 2008 den hinreißenden „Iwein Löwenritter“ folgen, den sie sich von Hartmann von Aue ausborgte. Auf seiner Suche nach Abenteuern vergisst der Artusritter Burg und Gemahlin. Just, als er im mittelalterlichen Dschungelcamp zum Waldschrat zu werden droht, lichtet sich die Finsternis. Das verdankt sich nicht nur der Gesellschaft des heiligsten aller Wappentiere, eines Löwen, sondern vor allem eines herrlich großspurigen Kommentators, der die Gesetze der Castingshow mit denen des Minnesangs auf der Waldlichtung in Einklang bringt: „Glaubt es mir, oder glaubt es mir nicht, aber alle Wörter zerfielen zu Staub.“

Es sind Heldengeschichten im Zickzackkurs, die Felicitas Hoppe reizen, sowie ihre erzählerische Überlebensfähigkeit über Kontinente und Jahrhunderte hinweg. Das war in ihren Porträts „Verbrecher und Versager“ (2004) nicht anders als im vorangehenden Roman „Paradiese, Übersee“. Ganz wie Don Quixote haben auch ihre ­Heroen immer einen Sancho Pansa dabei, einen, der im Hintergrund bleibt, ohne den es aber keine Geschichte gäbe.

So begleitete den Ritter auf seiner Suche nach dem Fabelwesen in „Paradiese, Übersee“ ein eifriger Chronist, vulgo Journalist. Und der „redet, wie andere Berge versetzen, die Suppe redet er kalt, er bringt mit seinen Reden den Schnee zum Schmelzen und redet das Wasser zu Eis, er redet sich selbst um Kopf und Kragen, bis am Ende nichts als sein Hemd, seine leere Haut, zwischen uns am Tisch sitzt“. Das könnte auch ein Selbstporträt von Felicitas Hoppe sein.

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