In der aktuellen EMMA

Was ist Haymat?

Fotograf: Firat Kurna
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Zum Beispiel Yasemin und Nesrin Şamdereli. Sie wurden 1973/79 als Töchter alevitischer GastarbeiterInnen in Dortmund geboren. Als Regisseurinnen sind sie seit ihrem Filmstudium in München gemeinsam für zahlreiche Filme verantwortlich. 2003 lief ihr erster Spielfilm im TV, die Komödie „Alles getürkt“ und eine Folge der TV-Serie „Türkisch für Anfänger“. 2011 kam ihre Komödie ins Kino: „Almanya – Willkommen in Deutschland“. Dafür erhielten sie den „Deutschen Filmpreis“ in Gold für das beste Drehbuch und in Silber für den besten Spielfilm. Ihr Dokumentarfilm „Die Nacht der Nächte“ über Paare, die seit über 50 Jahren zusammen sind, wurde 2018 mit dem „Bayerischen Filmpreis“ ausgezeichnet.

In Deutschland wird aktuell wieder viel über Integration gesprochen. Was schießt euch durch den Kopf, wenn ihr den Begriff hört?

Nesrin: Vor sieben Jahren war ich nur genervt, weil es eine endlose Debatte darüber gab, dass Gastarbeiter es versäumt hätten, hier anzukommen. Sehr einseitig. Mittlerweile bezieht sich die Diskussion in erster Linie auf den Zustrom von Flüchtlingen in den letzten Jahren. Das Problem ist also ein viel Akuteres und die Aufgabe noch mal komplexer. Trotzdem wäre es schön, wenn die Politik die Erfahrungen aus den letzten 40 Jahren mitnähme, um nun früh genug zu reagieren und die Menschen abzuholen, statt darauf zu warten, dass sie wieder verschwinden.

Yasemin: Um ehrlich zu sein, fühle ich mich mittlerweile sehr alt, weil ich das Gefühl habe, dass sich nicht wirklich etwas verändert. Neue Menschen kommen und werden als „neu“ und „anders“ empfunden. An die, die schon länger da sind, hat man sich irgendwie gewöhnt und sie gezwungenermaßen akzeptiert. Aber das Prinzip ist immer das gleiche. Entweder ich werde alt oder weise. Ich befürchte Ersteres.

Inwiefern definiert ihr euch überhaupt noch über eure türkischen Wurzeln?

Nesrin: Für mich ist die ethnische Herkunft erst einmal kein wesentliches Charakterisierungsmerkmal eines Menschen. Da spielen andere Eigenschaften eine größere Rolle. Ich mag Kulturübergreifendes auch im Charakter.

Yasemin: Ich würde nicht sagen, dass es keine Rolle spielt, aber ich muss Nesrin absolut recht geben, dass es Faktoren gibt, die viel, viel bedeutender sind. Wir denken nicht in Nischen und Schubladen und würden uns sehr freuen, wenn es andere auch nicht tun würden. Es wäre sehr leicht gewesen „Almanya II“ zu machen, aber so ticken wir eben nicht.

Werdet ihr denn noch manchmal gefragt, wo ihr herkommt oder spielt diese Frage in eurem Alltag keine Rolle?

Nesrin: Seltener. Innerhalb der Branche kommt es eigentlich gar nicht mehr vor, aber im „normalen“ Leben trifft man ab und an noch auf diese Frage. Je nach Situation kann das nerven oder eben auch nicht.

Wie gut ist euer Türkisch?

Nesrin: Sehr bescheiden, möchte ich sagen. Es reicht für Alltagsdinge und Banalitäten. Anspruchsvolle Unterhaltungen führe ich also eher auf Englisch als auf Türkisch.

Yasemin: Meins ist leider auch nicht viel besser.

Gibt es für euch ein türkisches Wort, das im Deutschen fehlt? Oder andersherum?

Yasemin: Rechtsstaatlichkeit. Das Wort gibt es, aber es ist aktuell nichts als ein leerer Begriff.

Im Vorspann zum Film „Almanya“ bezeichnet ihr euch als Şamdereli-Schwestern. Wie kommt es, dass ihr beide beim Film gelandet seid? War das immer der Plan?

Nesrin: Immer weiß ich nicht. Aber ziemlich früh, ja. Yasemin ging mit 19 Jahren an die Filmhochschule, da war ich dreizehn und musste noch die Schulbank drücken. Wir haben trotzdem schon gemeinsam Drehbücher und erste Kurzfilme entwickelt und relativ schnell war klar, dass das unser Ding ist.

Yasemin: Für mich gab es nie eine wirkliche Konkurrenz. Ich war fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, als ich den Entschluss fasste, dass ich Filme machen will. Das hat sich seither auch nicht geändert. Ich möchte noch ergänzen, dass wir uns nicht nur so „bezeichnen“. Wir sind die Şamdereli-Schwestern. Das ist ein Fakt! (lacht)

Wie ist es, so eng mit der eigenen Schwester zusammenzuarbeiten?

Nesrin: Diese Frage wird uns oft gestellt. Es scheint hier in Deutschland wirklich eine Ausnahme zu sein, denn im Ausland gab’s diese Frage so gut wie nie. Ich arbeite sehr gerne mit Yasemin, das erklärt auch, warum ich es immer wieder tue. Niemand zwingt uns. Wir haben einen großen Pool an Gemeinsamkeiten und das kommt uns auch bei der Arbeit zugute.

Yasemin: Filmemachen ist Teamarbeit. Daher bin ich immer überrascht, wie sehr darauf rumgeritten wird, dass wir Schwestern sind. Wir arbeiten zusammen, weil wir die Arbeit der anderen schätzen und wissen, dass wir zusammen ein gutes Team sind. Aber genauso arbeiten wir mit vielen, vielen anderen tollen Menschen zusammen. Und wir lassen uns immer die Freiheit, auch mit anderen und ohne die andere zu arbeiten.

Berlin ist multikulturell und international. Seht ihr einen großen Unterschied zum Rest Deutschlands?

Nesrin: Absolut. Nirgends ist Deutschland so undeutsch wie in Berlin. Es muss daran liegen, dass es zu groß und pleite ist, um so „ordentlich“ strukturiert zu sein wie die meisten anderen deutschen Städte. Das kann aber eben auch eine Qualität sein. Die Berliner sind auf jeden Fall sehr kreativ darin, das zu nutzen. Deswegen lebe ich auch so gerne hier.

Yasemin: Ich empfinde Berlin als unglaublich ­nervig. Aber es ist wie eine verhängnisvolle Liebschaft. Man kann nicht mit- und nicht ohne­einander. Obwohl ich aktuell oft denke, vielleicht doch besser ohne.

Weiterlesen: Haymat – Türkisch-­deutsche Ansichten, hrsg. von Kristina und Firat Kara (Suhrkamp, 20 €).

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