Freier: Sie wissen, was sie tun

Christian, 23, Kaufmann, Single - und Sexkäufer. - Aus der Fotoarbeit "Freier" von Bettina Flitner.
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„Ich werde jetzt etwas sagen, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es jemals sagen würde: Vielen Dank an die Freier!“ Rachel Moran hat wahrlich keinen Grund, den Männern dankbar zu sein, die sie gekauft und benutzt haben. Die heute 45-jährige Irin war 15 gewesen, als sie in Dublin in die Prostitution geriet. Ihr Vater hatte sich umgebracht, die psychisch verstörte Mutter lebte mit den fünf Töchtern in Armut und am Rande der Gesellschaft. Rachel floh auf die Straße und war sieben Jahre in der Prostitution. Was ihr dort passierte, bezeichnet sie heute als „sexuelle Gewalt“.

Warum also ist Rachel Moran, Gründerin der Organisation „SPACE international“, in der sie mit anderen „Survivors“, Überlebenden, für die Bestrafung von Freiern kämpft, dankbar? Weil sie an diesem 9. November in Berlin eine Studie vor­stellt, für die sich 763 Männer befragen ließen, die regelmäßig Frauen für Geld kaufen. Und was die Sexkäufer in dieser Studie offenbaren, ist höchst aufschlussreich. „Sie haben damit ihre Perversion und ihr raubtierhaftes Verhalten öffentlich gemacht“, befindet Rachel Moran. Im Prostituti­ons-Paradies Deutschland behaupten allerdings immer noch viele Menschen, darunter nicht wenige PolitikerInnen, „Sexarbeit“ sei „ein Beruf wie jeder andere“. Und Freier folglich schlicht „Kunden“, die eine „sexuelle Dienstleistung“ kau­fen. Diese Befragung beweist, dass das nicht stimmt und die Fotografin Bettina Flitner hatte es schon 2013 mit ihren Freierfotos aus dem Stuttgarter Bordell „Paradise“ gezeigt.

„Männer in Deutschland, die für Sex zahlen – und was sie uns über das Scheitern der legalen Prostitution beibringen“ lautet der vielsagende Titel der Studie. Initiiert wurde sie von der Psychologin und Leiterin des Instituts „Prostitution Research and Education“ in San Francisco, Melissa Farley. Farley hatte bereits 2004 mit ihrer Studie „Prostitution and Trafficking in Nine Countries“, nachgewiesen, dass zwei Drittel der über 800 befragten Prostituierten unter Trauma-Symptomen litten, die denen von Kriegsveteranen und Folteropfern gleichen. Jetzt hat sich die Wissenschaftlerin und Aktivistin die Freier vorgenommen. Die über 700 Sexkäufer stammen aus fünf Ländern: Deutschland, USA, Großbritannien, Kambodscha und Indien. Deutschland ist das einzige dieser Länder, in dem Prostitution vollständig legalisiert und weitgehend salonfähig ist – dank einer gut vernetzten Pro-Prostitutionslobby, deren Propaganda auch von den Parteien der Ampel-Koalition, allen voran den Grünen, gern unkritisch übernommen wird.

Aufschlussreich also, was die 96 deutschen Freier, die über Zeitungsannoncen und in Online-Foren rekrutiert und dann in einem persönlichen ein- bis zweistündigen Gespräch befragt wurden, zum Thema zu sagen hatten. Erkenntnis Nr. 1: „Deutsche Sexkäufer werden signifikant häufiger Zeugen von Menschenhandel als in anderen westlichen Ländern, melden diese Straftaten aber deutlich seltener.“ So waren über die Hälfte der Männer (55%) Zeugen von Gewalt an den Prostituierten geworden (GB: 51%, USA: 40%). Aber nur einer (!), also ein Prozent, hatte die Tat den Behörden gemeldet (GB: 14%, USA: 17%). Dabei hatten die deutschen „Kunden“ teilweise schwerste Misshandlungen beobachtet.

„Wenn die Frauen nicht aus ihren Zimmern herauskamen, gehen die Zuhälter rein und schlagen sie, sperren sie in ein Zimmer ohne Essen, bis sie einwilligen und sich bereit erklären, Kunden zu empfangen“, berichtete einer. Ein anderer hatte die Frau mit ihrem Zuhälter beobachtet: „Er hat sie geschlagen, bis sie ihm mehr Geld gab.“ Ein anderer gab zu Protokoll: „Die Prostituierten hatten blaue Augen und ihnen waren die Zähne ausgeschlagen.“ Freier bemerkten auch, dass Zuhälter die Frauen auf andere Weise unter Druck setzten: „Einige Freier wussten von Gewaltandrohungen der Zuhälter gegen die Familien der Frauen“, heißt es in der Studie.

Und die Frauenkäufer wissen noch mehr: „Viele Sexkäufer haben ein differenziertes Verständnis davon, welche schädlichen Folgen Prostitution hat“, schlussfolgert die Studie. Freiern ist klar, dass Frauen die Prostitution nur aushalten, indem sie „dissoziieren“, sich also aus ihrem Körper „wegbeamen“, und Drogen und Alkohol konsumieren. „Wenn man ein paar Jahre lang der Prostitution nachgeht, fühlt man sich wie ein Stück Fleisch,“ wusste ein Freier.

Konsequenzen? Keine. „Sie war zur Prostitution gezwungen. Ich konnte es an ihrem Verhalten sehen: Sie hatte keinen Willen“, erklärt zum Beispiel einer. „Ich hatte trotzdem mit ihr Sex, weil ich dafür bezahlt habe.“ So widerlegt die Befragung eine von der Pro-Prostitutionslobby gern lancierte Behauptung: „Freier wirken an der Aufdeckung von Zuhälterei und Menschenhandel mit! Würde man den Frauenkauf unter Strafe stellen, wäre es mit dieser wunderbar effizienten Hilfe bei der Verfolgung der Menschenhändler vorbei.“ Die Befragung verbannt diese Behauptung ins Märchenland.

Die Studie räumt mit weiteren Prostitutions-Mythen auf. Zum Beispiel diesem: „Freier sind einsame Männer ohne Partnerin.“ Falsch. Mehr als jeder zweite deutsche befragte Sexkäufer ist verheiratet bzw. hat eine Partnerin. Oder diesem: „Prostitution verhindert Vergewaltigungen.“ Die Befragung zeigt in allen Ländern: Das Gegenteil ist der Fall. Die Männer, die am häufigsten zu Prostituierten gehen, begehen auch am häufigsten sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung bei anderen Frauen. Das Gleiche gilt übrigens für Männer, die häufig Pornografie konsumieren.

Doch die Zeiten der Märchen über die „selbstbestimmten Sexarbeiterinnen“ sind selbst in Deutschland Vergangenheit. Das zeigte auch die Berliner Konferenz, auf der neben Rachel Moran viele weitere „Überlebende“ sprachen und die Bestrafung der Freier endlich auch für Deutschland forderten. „Freier sind Partners in Crime“, befand die Deutsche Huschke Mau (siehe S. 59), die mit ihrem Prostituierten-Netzwerk „Ella“ ebenfalls für die Freierbestrafung kämpft. Denn, wie ihre Mitstreiterin Ronja Wolf erklärte: „Ohne Freier gäbe es keine Prostitution, ohne Freier gäbe es keine Ausbeutung.“

„Die Prostitutionspolitik der letzten 20 Jahre ist gescheitert“, bilanzierte der pensionierte Augsburger Kommissar Helmut Sporer. Er weiß nach vier Jahrzehnten Ermittlungen im Rotlichtmilieu: „Zwangsprostitution und Menschenhandel finden vorwiegend in der legalen Prostitution statt.“ Sprich: In jenen Bordellen, die heute dank der fatalen rot-grünen Reform des Prostitutionsgesetzes als „Wellnessoasen“ u.a. auf Plakaten und auf Taxis beworben werden dürfen.

Auch in der Politik mehren sich inzwischen die Stimmen derer, die fordern, dass Deutschland sich endlich in die Front jener Länder einreiht, die Prostitution als Verstoß gegen die Menschenwürde betrachten und das sogenannte „Nordische Modell“ eingeführt haben: Bestrafung der Freier! Ausstiegshilfen für die Frauen (und Männer) in der Prostitution! Aufklärung über die Ursachen und Folgen des Frauenkaufs! Schweden, Norwegen, Island, Irland, Nordirland, Israel und Frankreich haben es schon getan, gerade folgt Spanien.

Diese Freierstudie mit ihren erschütternden Ergebnissen dürfte ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Freierbestrafung auch in Deutschland sein. „Diese Statistik ist eine gute Grundlage, um zu argumentieren, warum wir das Nordische Modell in Deutschland brauchen“, erklärte die SPD-Bundestagsabgeordnete und familienpolitische Sprecherin Leni Breymaier auf der Berliner Konferenz.

Einer der befragten Freier selbst bestätigt, warum es auch hierzulande einen Richtungswechsel braucht: „In Deutschland sind die Gesetze nicht so wirksam. Man kann als Freier fast alles machen, was man will. Es sieht aus, als hätte alles seine Ordnung, aber das sind nur Worte.“ Zeit, dass auch in Deutschland die Politik zur Tat schreitet.

CHANTAL LOUIS

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