Christo und Jeanne-Claude

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Es war ein Skandal, als sie im Sommer der Reichstagsverhüllung an die Öffentlichkeit traten und erklärten: Wir sind ein gleichberechtigtes Paar und möchten ab sofort auch so gesehen werden – nämlich nicht als Christo und seine Frau, sondern als Christo & Jeanne-Claude. Der arme Christo wird alt, hiess es, die alte Zicke drangsaliert ihn. Ein Blick aus der Nähe zeigt: Es ist alles ganz anders. Christo und JC sind das erste Paar einer neuen Serie in EMMA: Wie gleich können Frauen und Männer heutzutage überhaupt sein?

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Das vierstöckige Haus, in dem sie leben und arbeiten, steht genau auf der Grenze: da, wo das Manhattaner In-Viertel Soho mit seinen Galerien und Restaurants aufhört und China Town mit seinen Straßenständen und homeless anfängt. Dazwischen. Ganz wie seine Bewohner.
Per interkontinentalem Fax ist alles zwischen Jeanne-Claude und mir genau abgemacht: Am 28. Oktober Punkt 13 Uhr drücke ich auf einen bestimmten Knopf – und tatsächlich, die Türe geht auf. In Begleitung eines Walkie-Talkie-bewaffneten jungen Mannes nehme ich die steilen Stufen eines abgeblätterten, muffigen Treppenhauses. Die beiden, die Monate mit der Wahl des leuchtenden silbernen Stoffes und der passenden meerblauen Kordel zur Verhüllung des Reichtstages verbracht und eine ganze Nation mit der Magie der Schönheit zum neuen Sehen verführt haben – diese beiden wohnen demonstrativ unachtsam.
Sollte die Botschaft dieses Treppenhauses etwa lauten: Hier leben bescheidene Künstler?
Ich erkunde nicht, wie es weitergeht, weiß es aber aus der Lektüre zahlloser Interviews: im ersten Stock werden die Kunden empfangen, im zweiten sind Lager und Gästeappartment, im dritten sind Wohnung und Büroräume – und im vierten befindet sich das Atelier von Christo. Ich werde in den ersten Stock geleitet.
Ein großer weißer Raum, ein paar verstaubte Objekte, eine abgeschabte Sitzecke, gedämpfte klassische Musik. Jeanne-Claude erscheint als erste. Die Frau, die ich aus Veröffentlichungen in Jeans, Windjacke und mit dem unentbehrlichen Walkie-Talkie in der Hand kenne, hat heute einen lustigen karierten Minirock gewählt, bunte Strumpf­hosen, gemäßigt hohe Schuhe und eine pastellfarbene bestickte Jacke. Nur die flammend rote Mähne ist gleich. Und das Walkie-Talkie.
Jeanne-Claude, geborene de Guillebon, hat zwar ihre Kindheit in Casablanca verbracht, ist aber unübersehbar Parise­rin und Tochter aus gutem Haus: Ihre Eltern kommen aus dem Hoch­adel, der Vater war General, und auch die diszipliniert-höfliche Tochter weiß genau, was sie tut. Ihr ist klar, daß ich hier bin, um über „das Paar“ zu schreiben. Einige Minuten später taucht Christo auf. Sein kariertes Hemd hat faustgroße Löcher an beiden Ellbogen, die Jeans sind an dem einen Knie durchlöchert, an dem anderen geflickt.
Christo – was wirklich sein Vorname ist, mit Nachnamen heißt er Javacheff – ist Bulgare. Daß er undiszipliniert ist und cholerisch, wird rasch klar.
Verbindlichkeit und Verantwortung sind ihr Part. Auch Christo ist klar, warum ich hier bin – und daß ich eine „Feministin“ bin (was immer er sich darunter vorstellen mag). Jedenfalls nervt er so, daß ich ihm im Verlauf des Interviews irgendwann ein Kissen an den Kopf werfe: Weil er so gar nicht zuhören will und immer glaubt, schon zu wissen, was sein Gegenüber ihn fragen wird.
Dieses Gegenüber hat eine weite Reise gemacht, um ein Paar zu befragen, das sich jüngst Unerhörtes erlaubt hat: Nachdem die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft 35 Jahre lang unter dem Logo ‘Christo’ firmierte, haben die beiden Verhüller sich auf dem Höhepunkt der Reichstagshysterie selbst enthüllt: Sie teilten mit, daß sie nicht einer sind, sondern zwei, und ab sofort erwarten, als ‘Christo & Jeanne-Claude’ verstanden zu werden.
Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten: Die Mehrzahl der Journalisten mokierte sich süffisant; der Interviewer der ‘Zeit’ wollte so lange nicht aufhören, von „Christos Kunst“ zu sprechen, bis Jeanne-Claude ihm mit Rauswurf drohte; und der Generaldirektor der Preußischen Museen, Wolf Dieter Dube, „ein alter Freund“ der beiden, ließ gar eine länger geplante große Christo-Ausstellung in Berlin platzen, nur weil er nicht bereit war, die Exposition unter ‘Christo & Jeanne-Claude’ firmieren zu lassen.
Das Abenteuer ‘Verhüllter Reichstag’ ist nun schon anderthalb Jahre her, längst jetten die beiden mit neuen Projekten durch die Welt, und ich er­wische sie nur knapp bei einer ihrer Zwischenlandungen at home. Da sitzen sie mir gegenüber, sie auf dem niedrigen Sofa, er auf dem Boden neben ihr, mit dem Rücken gegen das Sofa und der rechten Schulter gegen sie gelehnt. Zwei Stunden lang reden wir und verbringen viel Zeit mit Mißverständnissen. Beide scheinen dermaßen genervt von der anscheinend fast nichts verstehenden Kunstkritik, daß ich es ausbaden muß. Wie einem Kleinkind erklären sie mir ihre Arbeit – und vergessen dabei, daß gerade die Kinder vermutlich immer schon mehr von ihrer Kunst verstanden haben als die Kritiker.
Daß sie „verhüllen“ und nicht „verpacken“, daß sie eher (Landschafts)­Architekten sind als Künstler, daß die Kunst von heute... „Wir arbeiten eben nicht wie Schriftsteller, Komponisten oder Maler, die ihr Werk in der Einsamkeit aus sich schöpfen“, erklärt Christo. „Im Gegenteil: Wir arbeiten wie Archäologen oder Meeresforscher. Das, was wir suchen, liegt nicht in uns, sondern außerhalb von uns. Darum ist es auch so naheliegend, daß wir zu zweit arbeiten. Und darum machen wir nie etwas zweimal. Denn beim zweiten mal wüßten wir ja schon, was kommt.“
Christo & Jeanne-Claude? Noch 1990 erschien ein Buch über Christo, in dem sie nur als Fußnote figuriert. Und auch der Dokumentarfilm über den Reichstag zeigt nicht zwei Gleiche, sondern den Künstler Christo im Zentrum und eine Jeanne-Claude, die ihm zur Hand geht. Was in der Kunst nicht ungewöhnlich ist. Zahllos sind in der Geschichte die den männlichen Genies namenlos zuarbeitenden Frauen.
Drei Jahrzehnte lang lief es auch in diesem Fall so. Sie arbeitete ihm zu, tüchtig und selbstbewußt. Und er ließ sich zuarbeiten. Er ist das gewohnt als Enkel und Sohn starker Frauen. Aber – er ist auch den Respekt vor Frauen gewohnt. Seine Mutter, Generalsekretärin in der Bukarester Kunstakademie, erkennt früh das Talent ihres Sohnes und fördert ihn entsprechend. Doch die Rigidität des realsozialistischen Kunstdiktats erstickt ihn – 1957 flieht er in den Westen.
Und Jeanne-Claude? Auch für sie war der Ausbruch aus ihrem Milieu Wagnis und Bedürfnis zugleich. Ihre Kindheit verlief nicht so glatt, wie die Herkunft vermuten läßt. Während der Vater im Krieg ist und die Mutter in de Gaulles „Gegenregierung“ in London, bleibt das Kind in Casablanca sich selbst und einem Dragoner von Gouvernante überlassen.
Brüche also bei beiden, Ähnlichkeiten trotz aller Unterschiede – bis hin zum gleichen Geburtstag: beide sind am 13. Juni 1935 geboren. Sie begegnen sich 24 Jahre später. Schuld daran ist Mutter de Guillebon. Die hatte bei ihrem Friseur Zeichnungen von Javacheff entdeckt, der sich nach der Flucht mit dem Porträtieren der Pariser High Society durchschlug. Bald darauf präsentiert sie den interessanten jungen Mann im heimischen Salon – was Tochter Jeanne-Claude zu dem Kommentar veranlaßte: „Mama hat uns einen streunenden Hund ohne Halsband ins Haus geschleppt.“
Der streunende Hund läßt alsbald seinen gan­zen hart erworbenen Charme spielen, und das Mädchen aus gutem Haus läßt seine Offizierskadetten stehen. Sie folgt dem brotlosen Künstler, „der mich abstieß und anzog“, gesteht Jeanne-Claude. „Ich verstand von Kunst damals noch überhaupt nichts. Ich habe nur mit ihm geschlafen, weil er so ein phantastischer Liebhaber war – und das ist er immer noch.“
Die beiden sind also seit 36 Jahren nicht nur eine Arbeitsgemeinschaft – sie sind auch ein Liebes­paar. Als Christo mal für ein paar Minuten draußen ist, frage ich Jeanne-Claude, was denn wohl wäre, wenn einer von beiden...? „Das wäre eine Katastrophe!“ antwortet sie ohne zu zögern. Als er zurückkommt, stelle ich ihm die gleiche Frage. Er weicht aus, wie immer. Sie insistiert, wie immer. „Mon amour, sie fragt dich, was wäre, wenn du eine Geliebte hättest und ich einen Geliebten...“ Die beiden reden privat Französisch miteinander und öffentlich Englisch.
Der Liebling antwortet ohne Umschweife in seinem ewig bulgarischen Französisch: „Daran möchte ich noch nicht einmal denken! Das wäre, als ob ich darüber nachdenken würde, was passiert, wenn einer von uns stirbt oder Invalide wird... Also, ich war noch nie in einem Krankenhaus. Wir lassen uns beide alle sechs Monate bei einem Arzt durchchecken.“
Ich hole ihn zurück zum Thema Liebe. Er antwortet mit einer Anekdote: „Wir haben einen Freund, der alle paar Monate seine Freundin wechselt. Vor ein paar Jahren hat eines seiner girlfriends mir den Hof gemacht.“ Jeanne-Claude: „Ganz offen!“ Christo: „Ja, ganz offen. Beim Abendessen hat sie mich gefragt: Christo, hätten Sie nicht gerne mal ein junges Mädchen im Bett? Da habe ich ihr geantwortet: Ich habe keine Zeit zum Babysitten.“ Jetzt lachen beide. Und er legt den Arm um ihre Hüften, genauer gesagt ein wenig tiefer. Es hat etwas Geschwisterliches und Erotisches zugleich.
Ist so eine Arbeitsgemeinschaft, die gleichzeitig Liebesgemeinschaft ist, nicht auch besonders gefährdet? Er wischt den Gedanken vom Tisch. Beide wollen keinen Zweifel lassen: Sie sind sich treu – und gedenken das auch zu bleiben. Zu zweit scheinen sie unschlagbar. Ihr Leben scheint aus einem Guß. Jeanne-Claude: „Wir machen keinen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit. Unsere Arbeit ist unser Leben. Andere Leute machen Urlaub, für uns wäre das ein Urlaub von unserem Leben.“ Verständlich bei einem Leben, bei dem die beiden zum Beispiel allein zur Erkundigung des Terrains für die ‘Umbrellas’ sechs Monate durch Japan reisten. Da erübrigt sich der Sechs-Wochen-Urlaub...

Alles scheinen sie immer zusammen zu tun. Das ist auch in dem Dokumentarfilm über die Verhüllung des Pont Neuf 1985 zu sehen (Foto links). Die ersten Bilder zeigen Christo & Jeanne-Claude Hand in Hand unter der Brücke auf der Ile de la Cité, dazu erklingt der Ohrwurm aller coup­les d’amour: ‘La vie en rose...’ („Wenn ich dich in meine Arme schließe, sehe ich das Leben rosarot.“) In den folgenden Szenen zeigt der Film den emotionalen und historischen Stellenwert des erwählten Ortes: der Pont Neuf ist im Herzen von Paris, im Herzen von la France – und im Herzen dieses Paares.
Alle Projekte des Duos sind in Büchern und Filmen dokumentiert, immer machen sie dabei auch ihren Arbeitsprozeß transparent. Zehn Jahre währt der Kampf um das Recht auf die Verhüllung des Pont Neuf. Jeanne-Claude, die Tochter aus der Pariser Society, zieht dafür alle Register. Telefonate und Küßchen mit Papa, Empfänge beim Bürgermeister und Präsidenten, Abendessen bei Mama und bei Tante Collette, Klinkenputzen bei An­rainern und Beamten. Ihr Wissen um Machtstrukturen und ihre Begabung zur Kommunikation sind unentbehrlich. Sicher, auch ohne sie würde der Sohn eines Stofffabrikanten verhüllen, denn das hat er ja schon vor ihr getan – aber vielleicht doch noch immer Dosen und Tonnen, statt Brücken und Reichstage.
Natürlich war es ein Skandal, als die Generalstochter sich in den staatenlosen Flüchtling verliebte. Natürlich heiratete sie, unter dem Druck der Eltern, zunächst einen anderen – um drei Wochen nach der Hochzeitsnacht in die Dachstube von Christo zu flüchten. Natürlich redeten die Eltern drei Jahre lang nicht mit ihr. Natürlich waren sie arm, aber glücklich. Natürlich zeigten sie es der ganzen Welt – und tun das heute noch.
Und natürlich hält sie sich, trotz allem, an die Spielregeln zwischen Männern und Frauen – und will es wohl auch nicht anders. Jeanne-Claude: „Wäre Christo Zahnarzt gewesen, wäre ich eine gute Zahnarztfrau geworden.“ Seine Biographie, an der sie nach Kräften mitstrickt, beginnt beim genialen Knaben. Ihre Biographie beginnt 24 Jahre später, bei ihrer Begegnung mit dem Junggenie.
Als das Paar nach 35 Jahren einen Schritt weiter geht und 1995, kurz vor dem Reichstag, die Untrennbarkeit seiner Arbeitsgemeinschaft enthüllt, da ist der Schock in der Kunstwelt groß. Am unerbittlichsten reagieren die Kunstkritiker. Doch es gibt auch positive Reaktionen. So schreibt „eine alte Freundin“: „Bravo, Jeanne-Claude. Gut, daß ihr endlich die Wahrheit sagt!“
Warum sie die nach so vielen Jahren doch noch gesagt haben? Ein Tropfen hatte das Faß zum Überlaufen gebracht. Es war 1994. Christo & Jeanne-Claude wurden in Manhattan nach einem Vortrag angesprochen, den er gehalten hatte (die beiden referieren abwechselnd, wer gerade Zeit hat). Ein kultivierter älterer Herr gratulierte ihm zum Vortrag und zum begabten Sohn. Daraufhin macht Christo den Bewunderer darauf aufmerksam, daß dieser Sohn auch von der neben ihm stehenden Jeanne-Claude sei. „Sie hat ihn schließlich zur Welt gebracht!“ Doch den Fan interessiert das nicht, er spricht weiterhin nur „den Künstler“ an. Das reicht.
Zuhause angekommen, hat Christo einen Vorschlag: „Wir treten ab jetzt als ‘Christo & Jeanne-Claude’ auf!“ Denn: „Sie leugnen penetrant deinen Anteil – bis hin zu deiner Mutterschaft.“ Er macht diesen Vorschlag, und nur er kann ihn machen. Er hat die Definitionsmacht.
Der gemeinsame Sohn, 1961 geboren, lebt ebenfalls in New York und ist von Beruf Dichter. Für Christo war er eher Dritter im Bunde denn unmündiges Kind. Als die Eltern 1969 wegen der ‘Wrapped Coast’ für ein halbes Jahr nach Australien fahren, da fragt der Vater seinen neunjährigen Sohn: „Willst du mitkommen oder hierbleiben? Aber wenn du mitkommst, muß dein gesamtes Gepäck in deinen Rucksack passen.“ Das Kind bittet sich drei Tage Bedenkzeit aus – und kommt mit.
1980 geht Jeanne-Claude zum ersten Mal über die „Mit­arbeit“ hinaus: die Idee zu den ‘Surrounded Islands’ (Seite 80) kommt von ihr. Aber was sind schon Ideen, sagen beide wie aus einem Mund. Ideen haben kann jeder, auf die Umsetzung kommt es an! Und die Umsetzung, die ist vor allem ihre Sache. Sie managt den Verkauf seiner Zeichnungen der Projekte, mit denen sie alle Kosten selbst bestreiten. Das garantiert ihre Unabhängigkeit. Und sie managt an vorderster Front die Realisierung der Ideen, saust mit dem Walkie-Talkie durchs Haus und durch die Welt und hält die Fäden zusammen.
Mal spannen die beiden einen 13.000 Quadratmeter großen leuchtend roten Vorhang (Valley Curtain) quer durch die Rifle-Schlucht in Colorado (Seite 82), mal stellen sie 1.340 überdimensionale blaue Sonnenschirme in Japan auf und 1.760 gelbe in Kalifornien, mal verhüllen sie den Pont Neuf und mal den Reichstag. „Kunst ist Kommunikation“. Und immer ist der Weg zum Ziel so spannend wie das Resultat. Das wahre Abenteuer von Christo & Jeanne-Claude, deren raumgreifende Imagination und organisatorische Entschlossenheit kaum Grenzen zu kennen scheint, ist weniger das Endprodukt – es ist eher der Weg dahin. Und dieser Weg ist voller Hindernisse. Im Fall des ‘Verhüllten Reichstags’ währte er sage und schreibe 24 Jahre.
54 mal flogen die beiden von Amerika nach Deutschland, um für ihre Idee zu werben, bei Politikern wie Bürokraten, bei der Bevölkerung wie bei den Medien. Das ganze gipfelte in einer dramatischen Abstimmung im Bundestag, in der die Beschützer des hehren deutschen Symbols Reichstag auf die neugierigen Kunstfreunde prallten. Nach einer einstündigen Redeschlacht stand fest: Ja, Christo darf den Reichstag verhüllen. Und es war ein historischer Zufall, daß dies ausgerechnet vor dem Umbau zum neuen, nun wieder gesamtdeutschen Reichstag geschah. Doch erst jetzt konnte die eigentliche Arbeit beginnen. Wer webt den Stoff? Wer knüpft die Seile? Wer berechnet die Statik? Was passiert mit den Turmfalken in den Dachzinnen? Woher kommen die Bergsteiger, die die 70 Tonnen schweren Stoffbahnen fixieren? Wird die Verhüllung wirklich klappen – und die Enthüllung?
Der ‘Wrapped Reichstag’, den Deutschen beschert von einem Bulgaren und einer Französin, die in New York wohnen, wurde zum nationalen Volksfest – und zur Beschämung für die Mehrheit einer bis zuletzt nörgelnden Kunstkritik. Christo & Jeanne-Claude hoben den Reichstag aus blutgeschwängerter, schwerer deutscher Erde in luftige Wolken. Das Steinmonster mit Vergangenheit wurde für zwei übermütige Wochen ein Symbol der Zukunft. Die vagabundierenden Künstler bewiesen, daß auch dem „deutschen Volk“ Kunst gar nicht kühn und modern genug sein kann.
Christo gerät regelrecht ins Schwärmen: „Wir genießen unsere Arbeit. Wir lieben es, all diese scheinbar unüberwindbaren Probleme zu lösen. Jeanne-Claude und ich, wir schwimmen unser ganzes Leben lang gegen den Strom.
 
Wir haben zwar amerikanische Pässe, werden aber nie Amerikaner sein. Wir stehen immer daneben, sind Ent­wurzelte. Haben Sie es bemerkt? Alle unsere Projekte sind entwurzelt: vergänglich und in der Schwebe. Sie sind, wie wir, Nomaden. Wie die meisten Menschen heutzutage. Das ist die einzige Art, heute noch Kunst zu machen: die Nomadenkunst!“ Zwei Nomaden, die dennoch immer einen Halt haben: den anderen.
Und während Christo für einen Moment lang offen und ernsthaft spricht, nutzt Jeanne-Claude rasch die Gelegenheit, per Walkie-Talkie noch etwas zu regeln: „Hallo, can you hear me...?“
Übrigens: Die große Ausstellung ‘Christo & Jeanne-Claude’ in Berlin wird nun doch stattfinden. Im Frühjahr 1998 im Martin-Gropius-Bau. Da hat der „gute Freund“ des Künstlerpaares nämlich nichts zu sagen.
Alice Schwarzer, EMMA 1/1997

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