Hilfe, er guckt Pornos!

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Es fing an mit Telefonaten. Erst die eine. Dann die andere. Dann noch eine. Immer dieselben Geschichten. Zunächst habe ich nur zugehört. Irgendwann fing ich an, mir Notizen zu machen. Denn mir scheint, was bei meinen Freundinnen gerade so passiert, ist zurzeit weit verbreitet. Zwischen Männern und Frauen tun sich Abgründe auf. Einer der größten sind die Pornos.

Weil in vielen Beziehungen der Mann oft den besseren Laptop oder den Rechner mit allem Pipapo hat, leihen Frauen sich im Homeoffice die Gerätschaften hin und wieder aus – und machen problematische Entdeckungen: abgespeicherte Pornos, Browserverläufe, die zu Pornhub führen; Spam-Mails à la „Lass uns ficken“; Werbung für Sex-Hotlines und -Chats. Eigentlich keine Überraschung. Deutschland ist Weltmeister in der  Pornobranche und mindestens jeder siebte Porno-Konsument kommt aus Deutschland. Aber der eigene Freund, der eigene Mann?

„Ich hätte nie gedacht, dass mein Freund Pornos guckt“, sagt die 29-jährige Anke (alle Namen sind geändert). Als sie den Laptop von ihrem Freund Sebastian für ein Grafikprogramm ausborgt, findet sie im Ordner „Technik-Parkplatz“ mehrere Hardcore-Pornos. Gefesselte Frauen, die röcheln, als würden sie sterben. Frauen, die in Kellerräumen von fünf Männern gleichzeitig vergewaltigt werden. Frauen, die wie Leichen aussehen. Anke ist entsetzt: „Mit dieser extremen Gewalt gegen Frauen komme ich nicht klar. Ich kann das einfach nicht akzeptieren.“

Sebastian versucht die Sache runterspielen: „Das machen doch alle Männer. Das hat nichts mit dir zu tun. Das ist doch nur zum Spaß.“ Für Anke aber ist es kein Spaß. Sollte Sebastian seinen  Pornokonsum nicht beenden – „Mache ich Schluss!“. Denn: „Diese Art Pornos sind ein Schlag ins Gesicht für alle Frauen. Das ist der blanke Frauenhass.“ Sie kann sich nicht beruhigen: „Ich glaube, ich will keine Zukunft mit einem Menschen haben, der sowas nicht nur toleriert, sondern sich auch noch daran aufgeilt.“

Ähnlich sieht es die 42-jährige Carmen. Ihr Ehemann – und Vater ihrer drei Töchter – hatte vergessen, den Browser-Verlauf zu löschen. Carmen benutzt eigentlich nie seinen Computer, brauchte ihn aber, weil ihr Laptop kein CD-Laufwerk mehr hat und ihre Firmenunterlagen nicht per Mail verschickt werden durften.

„Mein Mann ist scheinbar ständig auf Pornhub unterwegs“, sagt sie durchs Telefon. Die ersten drei Filme, in die sie aus dem Verlauf reinschaute, fand sie „einfach nur ekelig“. „Da werden Gegenstände in Frauen reingesteckt. Flaschen, Pistolen, Besenstiele. Ich verstehe nicht, wie man sich an sowas aufgeilen kann. Das sind keine Sexfantasien, das sind Gewaltfantasien. Das hätte ich von Christian nicht gedacht.“

Christian hingegen findet, Carmen solle sich mal nicht so anstellen. Schließlich wäre sie ja oft auch viel zu müde für Sex, und dann würde er sich eben ein bisschen ablenken. Irgendwo müsse er ja hin mit dem Druck. Carmen weist auf die gemeinsamen drei Töchter hin: „Die jungen Frauen in den Pornos sind doch auch irgendjemandes Töchter. Wie kann man drei Mädchen zuhause haben und sich an der Erniedrigung von Frauen aufgeilen?“ Carmen hatte bislang noch nie an ihrer Ehe gezweifelt. Aber jetzt wird sie in nächster Zeit abends sehr oft sehr müde sein.

Die 26-jährige Franziska versucht zu verstehen, warum ihr 24-jähriger Freund Michael Pornos guckt. Sie hat zwar auch erst im Homeoffice die einschlägigen Dateien auf seinem Rechner (im Ordner „Betriebsanleitungen“) entdeckt, hatte sich das aber schon länger gedacht. „Er verwendet beim Sex manchmal so komische Ausdrücke, die hat er garantiert aus Pornos. Ich muss dann ehrlich gesagt immer lachen.“ Franziska findet Pornos einfach nur peinlich. „Eigentlich ist es doch echt traurig, wenn sich jemand vor dem Computer befriedigen muss.“

Michael sei ansonsten ein total ausgeglichener Typ und noch nie als Frauenfeind aufgefallen. Allerdings sei er „sexuell jetzt auch nicht so der Wahnsinn“, findet Franziska, „Vielleicht lebt er da in seiner Fantasie am Bildschirm was aus, was er in der Realität einfach nicht hinkriegt.“ Sie versucht, es zu tolerieren.

Für die 34-jährige Andrea ist der Porno-Fund auf dem Laptop ihres Freundes Sascha das Ende der Beziehung. „Frauen werden in Pornos wie der letzte Dreck behandelt. Es geht nicht um das Ausleben irgendeiner Sexualität, es geht um Gewalt, Erniedrigung und Macht. Ich habe Pornos gefunden, in den Frauen Verletzungen haben und bluten“, erzählt sie aufgebracht. „Wen so etwas erregt, der ist für mich total gestört. Mit so jemandem will ich nicht zusammen sein.“ Sascha konnte dazu nicht mehr viel sagen. Er wohnt jetzt bei einem Freund.

Und noch etwas fällt meinen Freundinnen auf: Der Sex ist rabiater geworden. Sie glauben, dass das nicht an den Pornos liegt, die haben die Männer ja offensichtlich schon lange vor Corona geguckt. Die meisten vermuten, dass alltägliche Konflikte wegen der räumlichen Nähe schärfer werden – und der harte Sex eine Art Rache ist. „Meistens streiten wir um die Kindererziehung“, erzählt Carmen, „und da hab ich nun mal oft recht. Im Bett habe ich jetzt öfter das Gefühl, dass Christian mir das irgendwie heimzahlen will.“

Auch bei Anke ist der Sex härter geworden. „Es liegt an der Hausarbeit. Alles, was früher unsere Putzfrau gemacht hat, teilen wir uns jetzt. Und da hat Sebastian einfach keinen Bock drauf. Ich sehe gar nicht ein, mehr zu machen, wir arbeiten schließlich beide in Vollzeit aus dem Homeoffice. Wir streiten uns ständig wegen Kleinigkeiten. Diese Nähe den ganzen Tag tut uns nicht gut. Abends will er sich dann abreagieren. Wenn das so weiter geht, habe ich bald keine Lust mehr auf ihn.“

Wenn wir uns alle bald wieder „in echt“ und nicht nur am Telefon treffen, spielen Pornos hoffentlich keine Rolle mehr. Ihre Männer aber werden meine Freundinnen mit anderen Augen sehen.

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Sponsert Pornhub Filmfest?

Torsten Neumann bei der Eröffnung des Filmfestivals 2019 in Oldenburg. - Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa
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Der „Tatort“ läuft bekanntlich um 20.15 Uhr. Auch, wer Deutschlands Lieblingskrimi in der ARD-Mediathek sehen möchte, kann das erst nach 20 Uhr. Vorher ist der „Tatort“ blockiert. Warum? Weil Kinder unter 13 Jahren „vor negativen Einflüssen geschützt“ werden sollen, erklärt die „Kommission für Jugendmedienschutz“, sprich: vor der Darstellung brutaler Gewalt, die ein Kind verstören kann. Oder die es glauben lassen könnte, dass Gewalt normal ist.

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Derselbe Zwölfjährige, der den „Tatort“ deshalb nicht schauen darf, kann aber problemlos zum Smartphone greifen und dort pornhub.com eingeben. Die weltgrößte Porno-Plattform hat nach eigenen Angaben 42 Milliarden Aufrufe im Jahr. Das macht 115 Millionen Klicks am Tag auf sechs Millionen Clips, die die User selbst hochgeladen haben.

Jeder Zwölfjährige kann problemlos von Kikaninchen auf Pornhub wechseln

Dr. Tobias Schmid
Dr. Tobias Schmid

Dort kann der Zwölfjährige sehr viel verstörende Gewalt gegen Frauen sehen, zum Beispiel in den Kategorien „Teens“, „Gangbang“ oder „Gefangenschaft“. Theoretisch ist das in Deutschland verboten. Praktisch ignoriert Pornhub, die weltgrößte Porno-Plattform mit Sitz im kanadischen Montreal, schlicht das deutsche Gesetz. Eigentlich müsste das Portal Kindern und Jugendlichen den Zugang zu seinen „Angeboten“ unmöglich machen. Zum Beispiel, indem Nutzer sich per Post-Ident-Verfahren oder Kreditkarte als volljährig identifizieren. Porno-Anbieter mit Sitz in Deutschland haben diese Schleuse in der Regel vorgeschaltet. Aber Pornhub mit Sitz und Server im Ausland fühlt sich offenbar nicht ans Gesetz gebunden – und tut nichts dergleichen.

Das will Tobias Schmid nicht länger hinnehmen. „Bei Fernsehsendern kontrollieren wir jede Ausspielung darauf, ob die Musik nicht zu gruselig ist, gleichzeitig kann aber jeder Zwölfjährige von Kikaninchen auf Pornhub wechseln“, klagt der Leiter der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen.

Die Vergewaltigung der entführten
15-Jährigen lief in 58 Clips auf Pornhub

Er droht Pornhub und drei weiteren großen Porno-Portalen jetzt mit einer Sperre. Zwar steht der Server der vier Porno-Anbieter in Zypern, aber NRW hat die zypriotischen Behörden mit ins Boot geholt und den skrupellosen Geschäftemachern eine Unterlassungsverfügung zugestellt. Wenn Pornhub & Co. nicht reagieren (was sie bei Redaktionsschluss noch nicht getan hatten), dann droht der nächste Schritt: Die Telekom oder der jeweilige Internet-Anbieter würden Pornhub in Deutschland sperren. Das wäre eine Sensation!

Dass sich eine deutsche Behörde ernsthaft mit den Porno-Giganten anlegt, ist in Deutschland ein bisher einmaliger Schritt – wenn auch ein längst überfälliger. Einen Schritt weiter geht Laila Mickelwait. Die kalifornische Anti-Porno- und Anti-Prostitutions-Aktivistin fordert: „Schließt Pornhub!“ Denn das Unternehmen hat nicht nur keine Sperre für Jugendliche – es nimmt für seine Millionengewinne auch in Kauf, dass Opfer von Menschenhandel für die Clips vergewaltigt werden.

800.000 Menschen haben die Petition von Laila Mickelwait unterschrieben

Laila Mickelwait
Laila Mickelwait

Wie das 15-jährige Mädchen aus Florida. Ein Jahr lang blieb das Mädchen verschwunden, dann wurde sie entdeckt: auf Pornhub. In 58 Videos wurde ihre Vergewaltigung gezeigt. Die Polizei hat den Täter, der das Mädchen entführt hatte, inzwischen verhaftet. Auch der amerikanische Pornoproduzent Michael Pratt, der die Vergewaltigung mehrerer Kinder filmte und auf Pornhub hochlud, wird gerade per Haftbefehl gesucht.

„Es gibt allerdings zwei weitere Personen, die nicht auf der Strafverfolgungs-Liste stehen“, schreibt Laila Mickelwait. Die Firmenchefs Feras Antoon und David Tassilo. „Pornhub trägt die Mitschuld an dem Menschenhandel mit diesen Frauen und Minderjährigen und wahrscheinlich an noch tausenden ähnlichen Fällen.“ Mickelwaits Petition auf change.org haben schon über 900.000 Menschen unterschrieben, in den USA und Großbritannien berichteten Medien vom Guardian bis zur New York Post über den Skandal. In Deutschland herrscht Schweigen. Umso beachtlicher, dass NRW auch ohne öffentlichen Druck voran geht.

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