Ist es schon wieder vorbei?

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Es gab 2018/19 an Literaturinstituten hitzige Sexismusdebatten, bei denen es um übergriffige Dozenten und geschlossene Männerzirkel ging (Stichwort Biertrinken). Und noch jüngst sorgten diverse Hashtag-Kampagnen wie etwa #vorschauenzählen für Aufregung. Da hatten drei Frauen – eine Literaturwissenschaftlerin, eine Schriftstellerin und eine Übersetzerin – genau das getan, wonach #vorschauenzählen klingt: Durchgezählt, wie viele Bücher von Frauen veröffentlicht werden. Sehr wenige Autorinnen gab es bei ­Klett-Cotta (13 Prozent) und ziemlich viele bei Kein&Aber (67 Prozent). Insgesamt aber war das prozentuale Verhältnis 40 (Frauen) zu 60 (Männer). Auch die Uni Rostock hat gezählt. Ihr #frauenzählen belegte, wie selten Rezensenten die immerhin 40 Prozent Bücher von Frauen besprechen.

Doch wer einen Moment innehalten und darüber nachdenken möchte, was – jenseits von Benachteiligung – die Ursachen dafür sein könnten, dass mehr Männer als Frauen veröffentlicht und besprochen werden, wird schnell als rückschrittlich abgewatscht. So geschah es letztens meiner Kollegin Mara Delius, als sie sich in der von ihr geleiteten Literarischen Welt skeptisch zum Thema #vorschauenzählen äußerte. Sie hatte zu bedenken gegeben, dass eine Fixierung auf die gendermäßige Ausgewogenheit den Blick auf individuelle Frauenstimmen verstellen könnte. 

Andererseits ist es natürlich auch Unsinn, zu behaupten, der Einsatz für mehr Diversität lasse sich nicht mit der Sorgfalt für die literarische Qualität vereinbaren, die Verlegerinnen und Lektorinnen an den Tag legen müssen. Kurz: Wie immer sollte man aus alledem keine Ideologie machen. Wünschenswert ist natürlich eine Ver­legerin, ein Verleger, die oder der offen, neugierig durch die literarische Welt zieht und das auswählt, was neu, verstörend, brillant, zart, feinfühlig, roh oder was auch immer ist – Hauptsache interessant. 

Und immer sollte man sich vor allem auch fragen: Wie sieht es denn auf inhaltlicher Ebene aus? Gibt es bei den großen Verlagen interessante feministische Lektüren? Seien es Sachbücher, seien es literarische Geschichten, die weibliche Perspektiven auf eine Weise näherbringen, die zum Nachdenken bringt? 

Als eine, die in der Blase des Literaturbetriebs lebt und regelmäßig von den Verlagen auf Neuerscheinungen aufmerksam gemacht wird, hatte ich eine Zeitlang das Gefühl, der Markt würde überschwemmt mit gutgemeinten, schlecht lektorierten Büchern. So rief mich im Nachklapp der MeToo-Debatte ständig ein Jugendbuchverlag an: Ob ich schon Gelegenheit gehabt hätte, in das Buch dieser irischen Autorin reinzugucken, es gehe dort immerhin um eine Vergewaltigung. Das Cover zeigt nackte Beine auf Rosenbettwäsche. 

Auf meinem Schreibtisch landen Unmengen in letzter Sekunde lektorierte, häufig aus dem Amerikanischen übersetzte Literatur, mal fiktional, mal autobiografisch, die weibliche Schicksale ­verhandeln: zu früh auf die Welt gekommene Zwillinge, in seltsamen Inselkulten sozialisierte ­Mädchen, Geschichten von Fehlgeburten, die Nachbeben von Hashtag-Kampagnen über Rassismuserfahrungen, Übergewicht, Depressionen und immer wieder: Übergriffe, Vergewaltigungen, MeToo-haftes.

Dieses Jahr hingegen ist es seltsam ruhig, als hätte es nicht geklappt oder wäre es jetzt schon wieder vorbei mit dem Versuch, eigenständige weibliche Stimmen zu etablieren. Eigentlich wollte ich hier einen Text über relevante feministische Bücher in den Frühjahrsvorschauen schreiben. Aber die einzigen beiden, die mir aufgefallen sind, sind die notorische Rapperin Dr. Bitch Ray, die ein Buch geschrieben hat, dass „Yalla, Feminismus“ heißt und sich der „Fixierung auf die weiße westliche Frau entgegenstellt“. Und Katja Lewina, die mit ihrem Buch „Sie hat Bock“ die sexuell potente Frau in Berichten über „Gynäkolog*innenbesuche, Porno-Vorlieben oder Fake-­Orgasmen“ entdecken will. Hm. Literaturbetrieb, geht da noch was? Ihr könnt euch mit dem Lektorat auch ruhig ein bisschen Zeit lassen. Danke. 

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