Die Wut der Mildred Hayes

Mildred Hayes (Frances McDormand) vesetzt die Polizei mt einem Schlag in den Wachmodus.
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„Was darf man auf einem Werbeplakat nicht sagen?“ will die Frau in dem blauen Overall wissen und gibt die Antwort gleich selbst. „Ich vermute mal: nichts Verleumderisches. Und nicht Ficken, Pisse oder Fotze.“ Der sichtlich verschüchterte junge Werbeflächen-Vermarkter nuschelt hinter seinem Schreibtisch: „Und, äh, Anus.“ Die Frau nickt und sagt: „Dann dürfte es funktionieren.“ Und tatsächlich, es funktioniert.

Mildred Hayes versetzt die Polizei von Ebbing, ein verschlafenes Städtchen in Missouri, mit einem Schlag in den Wachmodus. Fast ein Jahr ist es her, dass ihre Tochter Angela an einer Ausfallstraße vergewaltigt und verbrannt wurde. Doch „die Polizei hier ist mehr damit beschäftigt, Schwarze zu foltern als die Mörder meiner Tochter zu suchen.“ Also mietet Mildred drei Werbetafeln an just dieser Straße (die sie mit dem Verkauf des Pick-ups ihres prügelnden Ex-Mannes bezahlt). Darauf steht nun in schwarz auf knallrot: „Vergewaltigt, während sie starb.“ „Und immer noch keine Verhaftungen?“ „Wie kann das sein, Chief Willoughby?“ Kaum hängen die Plakate, ist in Ebbing die Hölle los.

Im Mikrokosmos Ebbing geht es ab jetzt um alles: Sexismus, Rassimus, Homophobie. Sogar um die Diskriminierung eines Kleinwüchsigen, der hier im Mittleren Westen noch „Zwerg“ genannt werden darf. Und obwohl in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ permanent geflucht, geprügelt und gesoffen wird, ist das Ganze ein, ja, hinreißender Film geworden. Das hat drei Gründe.

Mildred Hayes (McDormand) mit Polizeichef Willoughby (Woody Harrelson).

1.Regisseur Martin McDonagh („Brügge sehen und sterben“) verrät seine Figuren nicht, niemand ist einfach Held(in) oder Bösewicht. Selbst der tumbe Polizist Dixon, ein Schwarzenhasser und Mamasöhnchen erster Güte, darf ein bisschen was begreifen – ohne am Ende der Supergeläuterte zu sein. Und so überraschend die Figuren, so unvorhersehbare Wendungen nimmt die Handlung.

2. Auch wenn es bisher nicht so geklungen hat: „Three Billboards“ ist – auch - sehr witzig. Die Gratwanderung zwischen Tragik und Komik in Form von äußerst lakonischem Humor ist dem Iren McDonagh perfekt gelungen.

3. Frances McDormand. Einen Golden Globe hat sie für ihre Mildred Hayes schon bekommen. Den Preis der „Screen Actors Guild“ (SAG) für die Beste Hauptdarstellerin ebenfalls. Für den Oscar ist sie nominiert. Wie die 60-jährige McDormand Mildred Hayes mit wildem Furor in den Krieg gegen die halbe Kleinstadt ziehen lässt; wie sie der ungeschminkten Frau, die in ihrem Overall zu leben scheint und niemandem gefallen muss, einen Hauch von Berührbarkeit mitgibt; wie sie es schafft, aus Mildred eine kompromisslose, aber manchmal eben auch komische Heldin zu machen – das ist großes Kino. Und es erinnert ein wenig an Frances McDormands kultige schwangere Polizistin Marge Gunderson in „Fargo“.

1997 hat Frances McDormand für Marge Gunderson ihren ersten Oscar bekommen. Vielleicht gewinnt sie mit Mildred Hayes Anfang März den zweiten. So oder so ist Mildred aber schon jetzt in den Kanon der feministischen Lieblingsfilmheldinnen aufgenommen. Miss Marple, Lisbeth Salander und die anderen werden über den Neuzugang begeistert sein.

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Oprah: „Die Zeit der Täter ist vorbei!“

Oprah Winfrey spricht bei den Golden Globes.
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Gleich mehrfach erhob sich das Publikum zu Standing Ovations, die eine oder andere Schauspielerin kämpfte sogar mit den Tränen. Meryl Streep war ebenso gerührt wie Emma Stone oder Sally Hawkins. Sicher, das hat es schon öfter gegeben, wenn eine Hollywood-Berühmtheit eine Dankesrede bei den Golden Globes hielt. Zwei Dinge bei der Rede von Oprah Winfrey dürften aber selbst in der gefühlsduseligen Traumfabrik echten Seltenheitswert haben:

"In diesem Jahr sind wir die Geschichte geworden"

1. Selten war eine Rednerin, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, so wütend. 2. Noch seltener dürfte eine Rednerin nicht ihren Förderern in der Filmindustrie gedankt haben - sondern ihren Kolleginnen, die mit ihrem Mut dafür gesorgt haben, dass in Sachen Sexismus jetzt „eine neue Zeit anbricht“. Sprich: all jene Schauspielerinnen, die mit ihren Offenbarungen über Harvey Weinstein und andere die #MeToo-Kampagne lostraten.

„Die Wahrheit auszusprechen, ist das kraftvollste Werkzeug, das wir haben. Und ich bin besonders stolz auf und inspiriert von all den Frauen, die sich stark und bestärkt genug gefühlt haben, den Mund aufzumachen und ihre Geschichten zu erzählen“, erklärte die 63-jährige Talkmasterin und Schauspielerin („Die Farbe Lila“, „Selma“). Sie selbst hatte schon vor vielen Jahren berichtet, dass sie als Neunjährige von einem Cousin vergewaltigt worden war – und zwölf Jahre lang darüber geschwiegen hatte. Oprah fuhr fort: „Jeder in diesem Raum wird gefeiert für die Geschichten, die wir erzählen. In diesem Jahr sind wir die Geschichte geworden.“

Doch die Milliardärin Winfrey, uneheliche Tochter einer Putzfrau aus Mississippi, wies auch darauf hin, dass die Gegenwehr gegen sexuelle Gewalt keineswegs auf die Filmbranche beschränkt bleiben dürfe: „Es ist keine Geschichte, die nur die Unterhaltungsindustrie betrifft“, sagte sie. „Ich möchte also heute Abend meine Dankbarkeit ausdrücken gegenüber all jenen Frauen, die jahrelange Belästigung und Missbrauch erduldet haben, weil sie – wie meine Mutter – Kinder zu versorgen, Rechnungen zu bezahlen und Träume zu verfolgen hatten. Das sind die Frauen, deren Namen nie bekannt werden. Sie sind Hausfrauen, sie arbeiten auf Farmen, in Fabriken und in Restaurants, sie arbeiten in der Medizin und in der Wissenschaft, sie sind Teil der Welt der Technik, der Politik und der Wirtschaft, sie sind Olympia-Athletinnen und Soldatinnen in der Armee.“

Tatsächlich breitet sich der Widerstand, der in Hollywood begann, nun weiter aus: Wenige Tage vor der Golden Globe-Verleihung in Beverly Hills hatten rund 300 Schauspielerinnen die Initiative "Time's up!" (Die Zeit ist vorbei!) gegründet. Sie soll Frauen unterstützen, die sich rechtlich gegen sexuelle Übergriffe zur Wehr setzen wollen.

„Liebe Schwestern“, schreiben die Aktivistinnen, „wir wissen um unser Privileg und um die Tatsache, dass wir Zugang zu enormen Plattformen haben, um unsere Stimmen hörbar zu machen.“ Die Unterzeichnerinnen wenden sich deshalb an „jedes Zimmermädchen, das versucht hat, vor einem übergriffigen Gast zu fliehen“, an „jede Kellnerin, von der erwartet wird, dass sie dem grapschenden Kunden mit einem Lächeln begegnet“ und an „jede Migrantin, die ihr illegaler Status zum Schweigen bringt“. Die Unterzeichnerinnen erklären: „Wir sind an eurer Seite. Wir unterstützen euch.“

Weil die Täter oft davonkommen, weil ihren Opfern die Mittel fehlen, haben die „Time’s up“-Initiatorinnen einen Spendenfonds ins Leben gerufen. Rund elf Millionen Euro sind schon gesammelt. Die Liste der prominenten Erstunterzeichnerinnen ist lang: Alicia Vikander, Ashley Judd, Cara Delevingne, Charlize Theron, Emma Thompson, Emma Watson, Halle Berry, Jennifer Lopez, Julienne Moore, Meryl Streep, Penelope Cruz, Reese Witherspoon, Salma Hayek und Uzo Aduba sind nur einige der Hollywood-Frauen, die nun den Schulterschluss mit ihren Geschlechtsgenossinnen suchen.

"Damit nie wieder jemand sagen muss:
Me Too"

Viele von ihnen waren auch bei dieser Golden Globe-Verleihung anwesend, fast alle von ihnen in Schwarz, um zu demonstrieren, dass sie nicht willens sind, zur bonbonfarbenen Tagesordnung überzugehen. Mit dabei natürlich: Oprah Winfrey. „Viel zu lange wurde Frauen nicht zugehört oder man hat ihnen nicht geglaubt, wenn sie es wagten, die Wahrheit über jene mächtigen Männer zu sagen“, erklärte sie. „But their time is up!“ Am Ende ihrer fulminanten Rede sprach Oprah Winfrey die Frauen von morgen an: „Ich möchte, dass alle Mädchen, die hier zuschauen, wissen, dass eine neue Zeit anbricht“, verkündete sie. Eine Zeit, in der „nie wieder jemand sagen muss: ‚Me too‘!“

Da erhoben sich die ZuschauerInnen zum dritten und letzten Mal und applaudierten. Womöglich wäre der eine oder andere Mann lieber sitzen geblieben. Gewagt hat es keiner. Ihre Zeit ist vorbei. Zumindest an diesem Abend in Beverly Hills.

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