Kamala Harris: Yes, she can!

Foto: Nic Antaya/Getty Images
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Generationen von Frauen – schwarze Frauen, Asiatinnen, Weiße, Latina und indigene amerikanische Frauen – haben sich dafür eingesetzt, dass diese Nation der Umsetzung von Werten wie Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit für alle näherkommt“, erklärte Kamala Harris in ihrer Siegesrede, und sie erinnerte an Vorkämpferinnen wie Alice Paul, Alice Walker oder Jeannette Rankin. Sie versprach: „Ich mag die erste Frau in diesem Amt sein, aber bestimmt nicht die letzte.“

Der Satz war nicht zufällig gewählt. Er war eine Hommage an Rankin, die erste (weiße) Amerikanerin, die in das Repräsentantenhaus einzog – 1917, drei Jahre vor Einführung des Frauenwahlrechts in Amerika. „Ich mag das erste weibliche Kongressmitglied sein, aber bestimmt nicht das letzte“, kündigte Rankin damals an.

Am 20. Januar zieht Kamala Harris nicht nur als erste Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten nach Washington. Die Tochter einer indischen Brustkrebsforscherin und eines jamaikanischen Wirtschaftswissenschaftlers wird auch die erste nicht-weiße Stellvertreterin des amerikanischen Präsidenten. Doch anders als Rankin, die Tochter eines Ranchers aus Montana, die fand, dass Frauen, die wie Männer an der Frontier Zäune flickten und auf dem Feld arbeiteten, auch wie Männer wahlberechtigt sein sollten, gilt Harris’ Einsatz für Frauenrechte als eher vage bis wechselhaft. Als Befürworterin des Rechts auf Abtreibung – in Amerika der Lackmustest für Gleichstellung und Selbstbestimmung – sprach ihr die Organisation Planned Parenthood Action Fund (PPAF) das Vertrauen aus.

Nach Versuchen der religiösen Rechten, die Grundsatzentscheidung des Obersten Gerichtshofs zu Roe v. Wade, die Amerikanerinnen seit 1973 das Recht auf Abtreibung garantiert, zumindest in der Gesetzgebung einzelner Bundesstaaten rückgängig zu machen, sprach sich Harris vor der Präsidentenwahl für eine Festschreibung aus. „Während einige Bundesstaaten dabei sind, reproduktive Rechte und besonders Abtreibungen anzugreifen, ist es wichtiger denn je, diese Rechte zu verteidigen und auszuweiten“, erklärte sie und versprach: „Als Präsident wird Joe Biden das verfassungsmäßige Recht schützen, sich frei zu entscheiden.“

Viele WählerInnen in Harris’ Heimatstaat Kalifornien waren freudig überrascht. Hatte die Demokratin als Justizministerin des Pazifikstaats 2013 nicht einem Verbot von medizinisch nicht-notwendigen Schwangerschaftsabbrüchen zugestimmt, das der katholische Krankenhausbetreiber St. Joseph Health Systems nach der Übernahme einer Klinik im Bezirk Orange für diese Einrichtung verlangte? Hatte sie. Vor der Wahl bemühte sich Harris aber um eine entschiedenere Haltung. Um Einschränkungen des Rechts auf Abtreibung durch einzelne Bundesstaaten zu stoppen, stellte sie einen Plan vor, der eine Überprüfung neuer Gesetze durch das Justizministerium in Washington forderte. „Entwickeln wir uns zurück zu den Tagen von Abtreibungen auf irgendwelchen Küchentischen? Nein. Jeder Bundesstaat, der den Zugang von Frauen zu reproduktiver Gesundheitsversorgung durch Gesetze verhindern oder einschränken will, braucht unsere Zustimmung“, forderte Harris.

Ihre „Pro Choice“-Haltung bekam auch Donald Trumps Kandidatin für den Sitz der verstorbenen Ruth Bader Ginsburg im Supreme Court zu spüren. Als die Konservative Amy Coney Barrett den Fragen über Schwangerschaftsabbrüche bei den Senatsanhörungen im Oktober immer wieder auswich, wurde Harris ungeduldig. Es liege auf der Hand, fasste sie zusammen, wie „diese Nominierte“ das Recht auf Selbstbestimmung bewerte.

Harris’ verhörartige Befragungen, ein Relikt aus ihrer Zeit als Staatsanwältin in San Francisco, hatte im September 2018 schon Brett Kavanaugh, Trumps Ersatz für den Supreme-Court-Richter Anthony Kennedy, aus dem Gleichgewicht gebracht. Bei der Anhörung vor dem Senat, dem Harris seit 2017 angehört, befragte sie den Juristen hartnäckig zu Abtreibungen. Ob Kavanaugh sich Gesetze vorstellen könne, durch die eine Regierung über den Körper eines Mannes entscheiden könne? Die Gesichtszüge des Katholiken gefroren.

Nach der Anhörung wurde nicht nur Kavanaughs Reaktion diskutiert. Auch Harris’ Auftritt nahmen manche KommentatorInnen unter die Lupe. Hatte sie Trumps Kandidaten für den Supreme Court zu aggressiv befragt? Nicht nur als Frau, sondern auch als Woman of Color?

Als Harris auf den amtierenden Vizepräsidenten Mike Pence Anfang Oktober zu einer Fernsehdebatte traf, ging es erneut um die Frage ihres Tons. Konservative karikierten die Senatorin, die fast ein Dutzend Mal von Pence unterbrochen wurde, als „böse schwarze Frau“. Harris hatte ihr Rederecht wiederholt mit einem bestimmten „Jetzt spreche ich!“ eingefordert.

„Die Art, wie Mike Pence Kamala Harris permanent unterbrach und bevormundete, war ein Paradebeispiel für die Vorherrschaft weißer Männer und ihre Respektlosigkeit gegenüber schwarzen Frauen“, monierte der Schauspieler Mark Ruffalo die Mischung aus Rassismus und Sexismus, mit der die Vizepräsidentin seit Jahren konfrontiert ist. Der konservative Pastor Darrell Scott wetterte gegen Harris als „Hillary Clinton mit schwarzem Gesicht“; Harlan Hill, einer von Trumps Wahlstrategen, beschimpfte sie als „unerträgliche, lügende Bitch“. Eine Woman of Color, brachte die Kommunikationsprofessorin Kathleen Hall Jamieson die Debatte zurück auf die sachliche Ebene, müsse sich grundsätzlich stärker beweisen als ein weißer Mann. Ihre Kompetenz würde hinterfragt, die eines weißen Mannes wie Pence nicht.

Schon Harris’ Mutter Shyamala Gopalan, das Vorbild der 56-Jährigen, galt als unbeugsam. Die Tochter einer Frauenrechtlerin und eines Diplomaten aus dem südindischen Bundesstaat Tamil Nadu war als Studentin nach Amerika gekommen, um an der University of Berkeley in Biomedizin zu promovieren. Anfang der 60er Jahre lernte sie dort den Jamaikaner Donald Harris kennen, einen linken Wirtschaftsstudenten. Die Wochenenden verbrachte das Paar bei Protestmärschen für Redefreiheit und Bürgerrechte. Wie Harris bei einer Wahlveranstaltung sagte, nahmen sie und ihre Schwester Maya die Welt damals in Kniehöhe von Erwachsenen wahr – im Kinderwagen, der von ihren Eltern durch Gruppen von DemonstrantInnen geschoben wurde. Nach Gopalans Scheidung von Donald Harris blieben die Mädchen bei der Mutter. Zu dem Wirtschaftswissenschaftler, der später in Stanford lehrte, scheint der Kontakt bald abgerissen zu sein. Umso enger entwickelte sich Harris’ Beziehung zu Gopalan. „Sie sagte mir immer, ich solle nicht rumsitzen und mich beschweren. Sie spornte mich an, etwas gegen Missstände zu unternehmen“, erinnerte
sich Harris an ihre 2009 verstorbene Mutter.

Wie Gopalan zielt Harris hoch. Nach Aufgaben als Bezirksstaatsanwältin, Justizministerin von Kalifornien und Senatorin gab sie Anfang 2019 bekannt, in das Weiße Haus ziehen zu wollen. Ihre Präsidentschaftskandidatur endete aber einige Monate später, als Umfragewerte und Spenden in den Keller gingen. BeobachterInnen schrieben das abrupte Aus Harris’ undeutlichem Profil zu, unter anderem bei der Gesundheitsvorsorge, einem prägenden Thema der Demokratischen Partei. Ihr Mann Douglas Emhoff, ein Rechtsanwalt, den sie vor sieben Jahren bei einem Blind Date traf, beschrieb das Ende der Präsidentschaftsbewerbung als einen Tiefpunkt ihres Lebens.

Auch über Harris’ Haltung zur Prostitution wird seit Jahren gestritten – besonders von Seiten der „Sexarbeiterinnen“. Da Prostitution mit Ausnahme von Teilen Nevadas in allen amerikanischen Bundesstaaten verboten ist, versuchen sie seit Jahren, käuflichen Sex legalisieren zu lassen. Als Bezirksstaatsanwältin in San Francisco setzte Harris sich in den Jahren 2004 bis 2010 immer wieder dafür ein, Prostitution härter zu verfolgen. Proposition 8, den Versuch von Organisationen wie Sex Workers Outreach (SWOP), Prostitution in Kalifornien per Volksabstimmung zu erlauben, lehnte sie 2008 mit aller Kraft ab. Die Legalisierung von käuflichem Sex, warnte Harris, fördere Menschenhandel und Kindesmissbrauch. Nach ihrer Wahl zur Justizministerin 2011 schloss sie Backpage.com, ein Portal für Freier und Prostituierte. Als Senatorin unterstützte sie die Gesetzesinitiative FOSTA-SESTA gegen Online-Sex.

Heute gilt Harris als Befürworterin des sogenannten Nordischen Modells, das die Bestrafung der Freier und die Entkriminalisierung der Prostituierten vorsieht. Ganz festlegen will sie sich aber nicht. „Ich glaube schon“, antwortete Harris eher schwammig, als das afroamerikanische Online-Magazin The Root fragte, ob sie die Entkriminalisierung unterstütze.

Als Justizministerin des Golden State war Harris ein selbsternannter „Top Cop“: Viele KalifornierInnen erinnern sich an das Programm gegen Fehlzeiten von SchülerInnen, das sie 2011 durchsetzte. Neben Geldbußen sah das Gesetz Haftstrafen für Eltern vor, deren Kinder dem Unterricht zu oft fernblieben. Dass die Regelung häufig alleinerziehende, afroamerikanische Mütter wie Cheree Peoples traf, die Harris vor den Kameras Dutzender Fernsehsender in Schlafanzug und Handschellen abholen ließ, empörte damals viele. Wie sich in diesem Fall herausstellte, gingen die Fehlzeiten ihrer Tochter Shayla auf eine erbliche Erkrankung zurück. Kein Zweifel, die Tochter der tamilischen Krebsforscherin und Frauenrechtlerin hat die Botschaft, dass Bildung der Schlüssel zur Gleichberechtigung ist, tief verinnerlicht.

Als Bezirksstaatsanwältin engagierte sich Harris für den Schutz der gleichgeschlechtlichen Ehe und gründete eine Polizeieinheit für die Aufklärung von Hassverbrechen gegen Homosexuelle, Bisexuelle und Transgender. Doch dass sie als kalifornische Justizministerin auch straffällige Transfrauen in Männergefängnissen unterbrachte, gefiel nicht allen in der LGBTQ-Community. Ihr Motiv mag gewesen sein, dass es Fälle gab, in denen transsexuelle Straftäter in Frauengefängnissen weibliche Insassen vergewaltigt hatten.

In den nächsten vier Jahren wird es Harris’ Aufgabe sein, die Bewegung weiter voranzutreiben – in ihrer Position der Stärke vielleicht auf einem geradlinigeren Kurs als bisher. „Der Feminismus“, sagte die amerikanische Frauenrechtlerin Gloria Steinem nach Harris’ Wahl, „hat sich von einer Randerscheinung zu einer Massenbewegung entwickelt. Sie hat zum ersten Mal einen weiblichen Vizepräsidenten in das Weiße Haus gebracht.“

CHRISTIANE HEIL

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