Alice Schwarzer schreibt

Kanzler-Gattin: Statement in türkis

Charlotte und Friedrich Merz neben Recep Tayyip Erdogan und Frau Emine. Foto: Andadolu Agency
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Charlotte Merz, 65, ist Richterin, Fach Familienrecht, und Leiterin des Amtsgerichts Arnsberg. Außerdem hat sie drei Kinder. Sie begleitet ihren Mann also nur selten auf Dienstreisen. Aber diesmal wollte sie dabei sein. Sie wusste, warum.
 
Die Kanzlergattin ließ ihre Kleider sprechen.

Bei der Ankunft trug sie ein rotes Etuikleid mit weißer Jacke. Die Nationalfarben des Gastlandes. Worüber beim Gastgeber Freude herrschte. Diese Freude verging Präsident Erdoğan und seiner Gattin Emine am Abend rasch. Mit steinerner Miene stehen die beiden neben dem deutschen Kanzler und seiner Gattin Charlotte. Letztere feixt breit. Sie trägt ein ärmelloses Cocktailkleid (schon unerhört in den Augen eines fundamentalistischen Muslims wie Erdoğan), in türkiser Signalfarbe, das an der Seite tatsächlich bis zur Hüfte geschlitzt ist. Eine offene Provokation!

Die Regierungschefs der Nato mit Ehepartnern beim Nato-Gipfeltreffen in Ankara.
Die Regierungschefs der Nato mit EhepartnerInnen beim Nato-Gipfeltreffen in Ankara.

Es heißt, Emine, die wie immer voll verhüllt ist – der ganze Körper in konturlosem Dunkel und der Kopf so stramm verpackt, dass nicht ein Härlein zu sehen ist –, habe sich explizit die Begleitung des deutschen Kanzlers durch seine Frau gewünscht. Die stramme Fundamentalistin dürfte diesen Wunsch sehr bereut haben.

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Recep Erdoğan ist ein in der Wolle gewaschener Fundamentalist. Als Bürgermeister von Istanbul führte er einst das getrennte Sitzen von Frauen und Männern in den Bussen ein. Und seit Jahren versucht er, Herr der ganzen islamistischen Welt zu werden. Durch seine Vermittlerrolle im Ukraine-Krieg wie im Gaza-Krieg hat er nun ordentlich an Macht dazugewonnen. Was für die von ihm entrechteten TürkInnen und alle freiheitlich Denkenden in der islamischen Welt eine zunehmende Bedrohung ist.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Politikerinnen aus dem linken Spektrum, die in islamistischen Diktaturen wie Iran in vorauseilender Unterwerfung mit Kopftuch reisten. Die Frauen, die in solchen Ländern ihr Leben riskierten in ihrem Kampf gegen dieses Symbol ihrer Unterdrückung, fühlten sich verraten.

Die Entrechtung der Frauen sowie ihre Unterwerfung unter das Kopftuch ist ein zentrales, ja obsessives Anliegen von Islamisten wie Erdoğan. Das Zeichen, das Charlotte Merz auf dem Nato-Gipfel mit ihrem kecken, bewusst herausfordernden Kleid in Ankara setzte, ist kaum zu überschätzen in seiner Bedeutung. Es wird so mancher zwangsverschleierten Frau die Tränen der Freude in die Augen getrieben haben.

ALICE SCHWARZER

 

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