In der aktuellen EMMA

Körper, Diskurse & Abtreibung

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Seit der Supreme Court in den USA ein halbes Jahrhundert Rechtsprechung über den Haufen geworfen und entschieden hat, dass aus der Verfassung kein Grundrecht auf Abtreibung abgeleitet werden kann, ist die Diskussion um radikale Abtreibungsverbote nach Europa und auch in die Schweiz übergeschwappt.

In der Schweiz ist der Schwangerschaftsabbruch seit 20 Jahren erlaubt. 2002 stimmte die Bevölkerung mit über 72 Prozent dafür, die Abtreibung bis zur zwölften Schwangerschaftswoche nun zuzulassen, legal und ohne Einschränkungen. Diese Regelung steht auf dem Spiel.

Zum einen durch zwei Volksinitiativen von rechts. Die erste lautet: „Für den Schutz von außerhalb des Mutterleibes lebensfähigen Babys“. Diese Initiative fordert, dass Abtreibungen verboten werden sollen, wenn „das Kind außerhalb der Gebärmutter atmen kann, eventuell mit Hilfe von Intensivpflegemaßnahmen“. Und dann gibt es noch die „Einmal-darüber-schlafen-Initiative“. Hier will die SVP-Politikerin Andrea Geissbühler eine Bedenkzeit einführen, also die geltende Regelung erschweren.

Hinter beiden Initiativen stecken, wieso oft, ein reicher Mann und viele verdeckte Lobbyisten. Als wesentlicher Treiber gilt der gut vernetzte Lebensschützer Dominik Müggler, ein Staatswissenschaftler und Gründer der „Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind“ sowie Initiator von Babyklappen. Er hat die US-amerikanischen Pro-Life-Märsche in die Schweiz importiert. So weit so schlecht, doch von rechts kennen wir Feministinnen die FeindInnen ja mittlerweile.

Beunruhigend sind nun die Körperpolitiken von links, die das Recht von Frauen auf ihren Körper genauso beschneiden wollen. Bestimmte LBTQ*-Initiativen sind am Anti-Abtreibungs-diskurs massiv beteiligt, und zwar in doppelter Hinsicht. Erstens wollen sie Frauenkörper generell neu definieren und verfügbar machen und zweitens tun sie dies im Rahmen einer neuen Gesundheitspolitik.

Anders als die Rechten, die in den Medien glücklicherweise nicht so gehypt werden, sind derartige Anti-Frauenkörper-Politiken von links äußerst medien-attraktiv. Mit ihnen sollen Frauenkörper aufgelöst werden. Mit der Petition „Meine Gesundheit – Meine Wahl!“ will die LBTQ*-Initiative „Sexuelle Gesundheit Schweiz SGCH“ (Foto oben) in der Sozialdemokratie den Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafgesetzbuch streichen– vordergründig. In Wirklichkeit geht es aber darum, die Abtreibung vom Frauenkörper zu lösen. Abtreibung wird hier zur „Selbstbestimmung der betroffenen Personen“ definiert, die „eigene Entscheidungen über ihre Gesundheit treffen“ sollen.

Bei dem Begriff „Selbstbestimmung von Personen“ muss jede Feministin hellhörig werden, denn solche Entkörperlichung von Frauen in Gummiparagraphen ermöglichen in Zukunft krasse Politiken, die sich direkt gegen Frauen und deren Körper richten.

„Selbstbestimmte Gesundheit“ bedeutet nämlich in einer kapitalisierten Gesellschaft auch zum Beispiel das Recht auf Leihmutterschaft, die Eizellspende, also die Hochzüchtung von Eiern in den Eierstöcken und die „Sexarbeit“ sowie die „selbstbestimmte Abgabe von Organen“ –hier sind auch Männer betroffen.

So trifft sich die progressive Linke mit der reaktionären Rechten: Frauen und deren Körper sind ideologische Verfügungsmasse. Rechts werden Frauenkörper durch Verbote „geregelt“, links werden Frauenkörper durch Sprechakte wie „Selbstbestimmung“ aufgelöst und zur Disposition gestellt.

Deshalb mein dringliches Plädoyer: Hände weg von unseren Körpern! Lasst Regelungen wie die Fristenlösung in der Schweiz bestehen! Jede Änderung zielt nur auf eine neu definierte Verfügungsmacht auf Frauenkörper, weibliche Körperteile, weibliche Biologie, ja insgesamt auf lange und hart erkämpfte Frauenrechte. Bei der Abtreibung gilt nach wie vor: Abtreibung soll selbstbestimmt und nicht gesundheitsschädigend sein. Und möglichst selten.

Übrigens: Wird die Fragestellung des Rechts von Frauen auf Abtreibung auch auf Deutschland überschwappen?

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