Yayoi Kusama kommt auf den Punkt
"Der Grund dafür, dass meine ersten ‚Soft Sculptures‘ wie Penisse geformt waren, war meine Angst vor Sex als etwas Schmutzigem. Die Leute denken oft, dass ich von Sex besessen sein muss, da ich so viele solcher Objekte herstellte, aber das ist ein totales Missverständnis. Das Gegenteil ist der Fall – ich mache Dinge, weil sie mir Angst einjagen.“
Als Yayoi Kusama diese Sätze in ihrer 2002 erschienenen Autobiografie schreibt, lebt sie bereits seit 1977 freiwillig in einer Nervenheilanstalt in Tokio. Ihr Atelier liegt fußläufig gegenüber, 2017 eröffnete sie unweit von dort ihr eigenes Museum.
Die Leute denken, dass ich von Sex besessen bin. Das ist ein Missverständnis
Jahrzehntelang aber war Kusama eine Unbekannte, in Japan gar als Künstlerin verfemt. Heute gibt es kaum jemanden, der ihre schwarz-gelb gepunkteten Riesenkürbisse, Spiegelräume und Environments nicht kennt: Die Powergalerie David Zwirner hat seit 2013 alles darangesetzt, die inzwischen 97-jährige Künstlerin mit dem knallroten Pagenkopf und strengen Blick in einen Superstar zu verwandeln. Großsammler feiern sie ebenso wie Besuchermassen, die in ihren Ausstellungen Selfies machen wollen. Hinter dem poppigen, groß aufgezogenen Spätwerk der „Prinzessin der Punkte“ steckt ein sensibles, leidgeplagtes Wesen, das seit seiner Kindheit an Ängsten und Halluzinationen leidet.
Yayoi Kusama wurde 1929 im japanischen Matsumoto geboren. Eines ihrer ersten Werke ist ein delikates Selbstporträt, das sie im Alter von zehn Jahren mit Bleistift zeichnet und auf dem sie in einem Meer aus Punkten die Augen geschlossen hält. Schon damals kämpfte sie mit Visionen und imaginierte sich, in Blumenfeldern liegend, in eine netzartig mit allem verbundene Welt hinein. Ihre Eltern betrieben ein Saatgutgeschäft, bauten Blumen und Gemüse an – Kusama verbrachte viel Zeit zwischen Pflanzen, was ihr lebenslang als Inspirationsquelle diente. In der Ausstellung erkennt man das eingangs an dem floralen, aber niemals illustrativen oder gar fröhlichen Frühwerk: Kusamas organische, meist mittig wie Krater in die kleinformatigen Bildträger hineingesetzten Formen aus den 1950er-Jahren sind Hybride aus Gewächsen und Gesichtern. Man könnte sagen, sie seien Paul-Klee-artig versponnen oder Edvard-Munch-ähnlich geplagt, auch die halluzinativen Gespinste von Unica Zürn mag man darin erkennen.
Doch Kusamas Bildwelten kommen auch ohne Referenzen aus. Schon während ihres Kunststudiums in Kyoto entwickelte sie eine autonome Bildsprache, mit der sie die traditionelle Kunst ihres Landes vom Tisch fegte, denn die reichte einfach nicht aus, um auszudrücken, was sie quält. Bildtitel wie „Screaming Girl“ oder „Corpses“ verweisen auf eine Todesnähe, die man in geisterhaften Gesichtern und dunklen, alles verschlingenden Wirbeln unschwer erkennt. Kusama erlebte den Abwurf der Atombomben über ihrem Heimatland 1945, was eine immense Existenzangst in ihr ausgelöst haben muss. Doch auch die Untreue ihres Vaters – die Mutter zwang sie, dessen Ehebruch auszuspähen – versetzte sie in einen Zustand der Angst und Depression.
Mehr über Yayoi Kusama in der Mai/Juni-Ausgabe


