In der aktuellen EMMA

Bei Männern ist Grau cool

"Silverfox" George Clooney. - Foto: Amando Gallo/Imago/ZUMA Press
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Frauen leben heute länger als jede Generation vor ihnen in der Geschichte. Sie waren niemals qualifizierter, entscheidende Posten einzunehmen und Einfluss auf unsere Gesellschaft zu haben. Dennoch – trotz aller Errungenschaften der feministischen Bewegung – stehen wir immer noch unter enormem Druck, unsere echte Haarfarbe zu färben und jünger auszusehen als wir sind.

Hier wird zweierlei Maß angelegt. Wir würden von Männern niemals erwarten, dass sie sich verjüngen müssen, um überhaupt wahrgenommen zu werden, geschweige denn, um voran zu kommen. Warum also erwarten wir das von Frauen?

Mary Beard, Althistorik-Professorin an der Universität zu Cambridge, in den Sechzigern und grauhaarig, fasst es so zusammen: Eine Frau mit grauen Haaren sähe „aus wie jemand, den wir nicht beachten müssen“. Hinzu kommt die Assoziation von Frauen mit grauen Haaren und dem Bösen. Eine Botschaft, der wir durch Hollywoods garstige Stiefmütter, Hexen, Übeltäterinnen und Teufelinnen ausgesetzt sind. Denken wir nur an die Hexe in Disneys „Schneewittchen“, die böse Stiefmutter bei „Cinderella“, an Cruella de Vil in „101 Dalmatiner“ oder Meryl Streeps Rolle als Miranda Priestley in „Der Teufel trägt Prada“.
Erst in ihren späten Jahren sehen wir einige wenige Hollywood-Stars, die als Poster-Girls für ein Ja zu grauen Haaren taugen: Jamie Lee Curtis in ihren späten Fünfzigern sowie Judy Dench und Helen Mirren in ihren Siebzigern.

Doch neuerdings sprießen überall in den sozialen Medien Widerstandsnester gegen die Abwertung grauhaariger Frauen. Sie erzählen Geschichten und zeigen Bilder von älteren Frauen, die das Färben aufgegeben haben, die grau werden – und dabei phänomenal aussehen.

Die Facebook-Community „Going grey, looking great!“ (Graue Haare bekommen und großartig aussehen) ist voll mit Geschichten und Bildern von Frauen, die sich dafür entschieden haben, grau zu werden. Munitioniert werden sie durch eine Reihe von Selbsthilfebüchern, Webseiten und Blogs, die Frauen Hilfestellung geben, „wie sie den Übergang schaffen können“ und „welche Kleidung und welches Make-Up zum neuen grauen Haar passt“.

Der Markt für Haare wird weltweit auf jährlich rund 83,1 Milliarden US-Dollar geschätzt, der Anteil von Haarfärbemitteln auf über 20 Prozent davon. Angesichts des Trends hin zum grauen Haar wird sich also der ein oder andere Vertreter der Haarfärbemittel-Industrie die Hände reiben. Denn die Prozedur, gefärbtes Haar wieder in graues zurückzuverwandeln kann bis zu acht Stunden dauern und 200 bis 700 Dollar kosten, je nach Haarfarbe und Verfassung des Haars.

Andererseits wird die Aussicht darauf, dass immer mehr ältere Frauen ihr Haar mit der Zeit einfach so grau werden lassen, die Branche mit Sorge erfüllen. Kein Wunder also, dass die Schönheitsindustrie zwar den Trend junger Frauen zum grauen Haar feiert – aber gleichzeitig versucht, ältere Frauen davon abzuhalten.

Und um es besonders überzeugend zu machen, wird das Färben grauer Haare mit dem feministischen Diskurs verwoben: Es gehe hier um das „Recht“ von Frauen, ihre Haare zu färben, und sich damit den gesellschaftlichen Erwartungen darüber, wie eine alternde Frau „aussehen soll“, zu „widersetzen“. Es wird behauptet, es seien besonders unabhängige, weibliche Werbetexterinnen gewesen, die die ersten massentauglichen Anzeigenkampagnen entwarfen, die Frauen ermutigten, ihre grauen Haare zu färben.

Wie die New Yorker Werbetexterin Shirley Polikoff, die vor einem halben Jahrhundert das Haarfärbemittel namens „Loving Care“ von Clairol anpries. Sie richtete sich besonders an jüngere Frauen mit grauem Haar: „Graues Haar, besonders wenn es vorzeitig ergraut ist, macht dich älter als du wirklich bist.“ Es genügt, dass du „Loving Care“ benutzt, und „alles was man sieht, ist dass du so viel jünger, hübscher bist! Schon nach der allerersten Anwendung. Du hasst dieses Grau? Wasch‘ es einfach weg!“

Die Clairol-Kampagnen der 1950er- und 1960er-Jahre ließen den Prozentsatz der Frauen, die ihr Haar färbten, kometenhaft in die Höhe schießen: von sieben Prozent in den 1950ern auf 40 Prozent in den 1970er-Jahren. Heute färben bis zu 75 Prozent aller US-Amerikanerinnen ihre Haare. In Europa färben 60 Prozent der Frauen und fünf bis zehn Prozent der Männer die Haare.

In den frauenbewegten 1970er-Jahren entwarf der Werbetexter Ilon Specht den Slogan „Weil ich es mir wert bin“ für eine Haarfarbe von L’Oréal. Eine Kampagne, die L’Oréal an die Spitze der weltweit bestverkaufte Haarfarben-Marken katapultierte, noch vor Clairol. Dieser Slogan wird noch immer verwendet.

Die Message, dass L’Oréal für das Empowerment von älter werdenden Frauen steht, geht einher mit dem Engagement einer Schauspielerin, Fitness-Guru, politischer Aktivistin, Feministin und Ikone der Baby-Boomer-Generation: Jane Fonda, 81, ist die Wortführerin. In einem Anzeigenvideo von L’Oréal sagt sie: „Haare-Färben hätte ich fast aufgegeben, es wirkte so unecht.“ Dann sagt eine männliche Voice­over-Stimme: „New Age Perfect von L’Oréal. Die erste nuancenreiche Haarfarbe für speziell für reiferes, graues Haar. Mit einfacher Kamm-Anwendung. Für lebendige, natürliche Farbe.“ Und wieder Fonda: „Ganz ohne Ansatz! Eine Haarfarbe, so natürlich schön wie früher. Wir sind es uns sowas von wert!“

Doch warum sollen Frauen im 21. Jahrhundert besessen davon sein, sich ihre Haare zu färben – wenn Männer sich kein bisschen um so etwas scheren? (Ja, es gibt Männer, die Haare färben, aber das ist nur ein sehr geringer Prozentsatz.) Für Männer ist graues Haar normal. Für Frauen nicht. Die Frage muss also lauten: Warum sind graue Haare bei Frauen unnormal?

Die Merkmale, die Autorität repräsentieren, haben sich über Jahrtausende entwickelt. Eines dieser Autoritätsmerkmale ist graues Haar. Mitglieder der (einst maßgeblich männlich geprägten) Justiz trugen graue, gepuderte Perücken. Sie repräsentieren damit symbolisch die Eigenschaften, die wir von jemandem erwarten, der den Rechtsstaat repräsentiert. Es ist kein Zufall, dass wir all diese Bedeutungen mit älteren, grauhaarigen Männern in Autoritätspositionen in den sozialen Institutionen unserer westlichen Welt verknüpfen.

Bei Frauen ist Älterwerden eine Abweichung. Normalität ist, dass Frauen jung sind. Was im Umkehrschluss dazu führt, dass ältere, grauhaarige Frauen unsichtbar und sozial ausgeschlossen werden. Die Autorität wird ihnen abgesprochen, sie kommen nicht mehr vor – es sei denn, es geht um Anzeigen für die Behandlung von Sexualstörungen, Pflege im Alter oder Sterbeversicherungen.

Wir Frauen haben verinnerlicht, dass wir – um begehrt zu sein und Karriere zu machen – immerzu so jung, fruchtbar und sexuell attraktiv aussehen müssen wie in unseren Zwanzigern. Aber was, wenn genau das – dass wir jung, fruchtbar und sexuell attraktiv aussehen – gleichzeitig ein schwerwiegender Grund dafür ist, dass wir gar nicht auf dem Schirm derer auftauchen, die die Kandidaten für die Chefposten auswählen?

Hoffnung machen jetzt die Millionen von Frauen Ü40, die ihre Haare ergrauen lassen und uns sagen: „Es reicht! Diesen Zirkus mache ich nicht mehr mit.“ Je mehr von uns das tun, desto normaler wird es. 

Die Autorin ist Professorin am College of Creative Arts an der Universität in Massey/Neuseeland.

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Grau ist Sexy

Going gray ist angesagt, auch bei Marge Simpson, Judie Dench, Helen Mirren und Annie Lennox.
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Viele von uns erinnern sich an die wunderbare Szene in Loriots „Ödipussi“, in der das ältere Ehepaar seine neue Sofafarbe aussucht. Aus Herrn und Frau Melzer scheint, wie auch aus ihrem Wohnzimmer, jede Farbe gewichen. Das von Evelyn Hamann angepriesene ­„frische Gelb“ wird von den beiden ebenso abgelehnt wie das „zarte Apfelgrün“. Die Farbpalette, aus der sich das ergraute und sichtlich komplett freudlose Paar den neuen Bezug aussucht, bietet an: aschgrau, bleigrau, staubgrau, steingrau oder mausgrau. Man entscheidet sich schließlich, und auch das nur widerwillig, für ein „frisches Steingrau“.

Die Szene hat, wie so viele Loriot-Szenen, Kult-Status. Allerdings hätte wohl anno 1988 niemand gedacht, dass die so belächelte Nichtfarbe Grau, Synonym für Trübsinn und Tristesse, zwei Jahrzehnte später ihrerseits kultig sein könnte. Und zwar auf Frauenköpfen jeden Alters. Tatsache.

„Gray Hair ist angesagt!“ jubeln Modemagazine. Aktuelle Buchtitel, geschrieben von grauen Frauen, heißen „Grau ist great!“ oder „Glückssträhnen“. „The Hottest Color of the Moment is ... Gray“ weiß sogar das Wall Street Journal. Das Wirtschaftsmagazin berichtet, dass auf der angesagten Social Media-Plattform Pinterest Anfragen nach dem Suchbegriff „going gray“ von 2017 auf 2018 um satte 879 Prozent angestiegen seien. Überhaupt schießen Foren auf Pinterest, Insta­gram oder Facebook wie Pilze aus dem Boden, in denen Zehntausende Frauen stolz ihre grauen oder weißen Köpfe präsentieren.

„Aber ist das eine Mode, die vorbeigeht oder eine wirkliche Revolution unserer überkommenen Vorstellungen von weiblicher Schönheit?“ fragt das Wall Street Journal. Gute Frage. Frau darf die vorsichtige Prognose wagen, dass Letzteres der Fall ist. Denn: Von der Begeisterung zum „Granny Hair“ erfasst sind keineswegs nur Modebloggerinnen oder Models, die so jung und schön sind, dass ihr künstlich herbeigeführtes Ergrauen als Koketterie durchgehen könnte. Oder Paradiesvögel wie Lady Gaga, deren schlohweiße Mähne man leicht als einen weiteren ihrer Spleens abtun könnte (was ein Fehler wäre, denn Lady Gaga weiß genau, was sie tut.) Nein. Die wahre Revolution besteht ganz offenkundig darin, dass jetzt auch diejenigen auf Grau umsteigen, die von Natur aus grau sind, weil sie älter werden – und die das bisher mit Hilfe von Strähnen und Farben kaschiert haben.

Jede zweite Kundin fragte 2017 „bei ihrem Friseurbesuch Farbveränderungen nach“, informiert der „Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks“ auf EMMA-Nachfrage. Und Kunden? Die färben so selten, dass sie in der Statistik gar nicht erst auftauchen. Was uns nicht weiter wundert, weil ihnen eine ganze Riege Vorbilder das Leben als Graumann leicht macht: von Hugh Grant über Pierce Brosnan bis Barack Obama reicht die lange Liste von „Hollywoods Sexiest Silverfoxes“; das Ranking wird angeführt von Silberfuchs Number One, George Clooney. Überflüssig zu erwähnen, dass die Kategorie „Sexiest Silverfox“ für weib­liche Hollywoodstars nicht existiert. Noch nicht.

Auch in Deutschland tut es der gefühlten Attraktivität der männlichen Silberfüchse keinen Abbruch, dass Blond, Braun oder Schwarz aus ihrem Haupthaar gewichen sind. Mit größter Selbstverständlichkeit toben die grauen Herren äußerst agil über die Bildschirme. Wie zum Beispiel die Münchner Tatort-Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmeyer, die in 28 Jahren und 80 Folgen halt grau geworden sind, während gleichaltrige Kolleginnen wie Inga Lürsen oder Bella Block sich genauso selbstverständlich blond respektive rothaarig in den Ruhestand verabschiedet haben. Auch die Anchormänner Claus Kleber und Ingo Zamperoni gelten angegraut immer noch – oder erst recht – als gutaussehend und ihre Silber­fäden dürften das Vertrauen der ZuschauerInnen in ihre Fähigkeit zur Einschätzung der Weltlage eher stärken.
Die einzige Frau in der deutschen Nachrichtenwelt, die es gewagt hat, das Tabu zu brechen, ist: Birgit Schrowange (s. Interview Seite 47). Als die RTL-Moderatorin am 11. September 2017 ihr Infotainment-Magazin Extra zum ersten Mal mit grauem Kurzhaarschnitt moderierte, erbebte die Nation. Der mutige Schritt der damals 59-Jährigen, die ein Jahr lang eine braune Perücke getragen hatte, während ihr natürliches graues Haar wachsen durfte, produzierte massenhaft Schlagzeilen. Und zwar positive: „Die neue Freiheit“, „Grau ist das neue Blond“ „Grau ist das neue cool“ titelten nicht nur die Boulevardmedien. Und nicht nur der Bunten war die Breitenwirkung des „Perücken-Outings“ klar: „Birgit Schrowange hat eine Lanze für viele Frauen gebrochen.“

In anderen Ländern sind schon mehr prominente Frauen Ü60 in Färbestreik getreten: In Frankreich Christine Lagarde, 63, Chefin des Internationalen Währungsfonds und eine Art weiblicher Silberrücken. In England die Musikerin Annie Lennox, 64, die auch mit weißen raspelkurzen Haaren nichts von ihrem androgynen Charme verloren hat. Oder die Schauspielerinnen Helen Mirren, 73, und Judi Dench, 84. In Amerika deren Kolleginnen Jamie Lee Curtis, 60, Sharon Stone, 61, Meryl Streep, 69. Oder Glenn Close, 71, die für ihre Rolle in „Die Frau des Nobelpreisträgers“ gerade einen Golden Globe gewann, bei der Verleihung eine knallfeministische Rede hielt und jetzt als Oscar-Favoritin gilt.

Wie so viele Trends, startete auch die Going Gray-Bewegung in den USA. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er im Mainstream angekommen war, waren „Die Simpsons“, die die amerikanische Gesellschaft bekanntlich aufs Genaueste zu sezieren pflegen. Anno 2011 beschloss Mutter Marge Simpson in der Episode „The Blue and the Gray“, ihren turmhohen blauen Beehive nicht länger zu färben. Anlass: Beim Friseur, der ihren grauen Haaransatz gerade aufs Neue blaupinseln will, begegnet sie einer platingrau- en Kundin: strahlend, selbstsicher, sexy. Als Marge mit einem grauen Haarturm nach Hause kommt, ist Tochter Lisa, die kleine Feministin vom Dienst, hellauf begeistert. „Ich weiß, dass ich das Wort ‚empowering‘ sehr oft verwende, aber diesmal stimmt es wirklich!“

Zwei Jahre vor dieser Folge, im Jahr 2009, hatte ein Buch den Trend zum Grau in den USA eingeläutet. Anne Kreamer, Kreativ-Direktorin des Kinder-Fernsehkanals Nickelodeon, hatte beschlossen, ihre Haare nicht mehr länger rotbraun zu färben. Ihr Schlüsselmoment kam, als eine befreundete Fotografin ihr ein Foto zuschickte, auf dem sie mit ihrer 16-jährigen Tochter Kate und einer Freundin zu sehen war. „In diesem Moment, zwischen meiner blonden Tochter und der grauhaarigen Akiko, sah ich, was ich wirklich war: Eine 49-jährige Mutter mit einem viel zu dunklen Haarhelm aus Schellack auf dem Kopf.“
Kreamer stoppte die Färberei, die sie, wie sie nun berechnete, bis dato 64.000 Dollar gekostet hatte, und schrieb ein Buch: „Going Gray“ fand reißenden Absatz und brachte der Autorin den Ruf ein, „der schlimmste Alptraum der Haarfärbeindustrie“ (Newsweek) zu sein. „Anne Kreamer ist auf einer Mission. Sie lässt Frauen wissen, dass Grauwerden einige entscheidende Vorteile hat: mehr Zeit, mehr Geld und sogar mehr Klicks beim Online-Dating.“ In der Tat hatte Kreamer in einem Selbstversuch auf dem Datingportal Match.com mit zwei verschiedenen Profilen – eins rot, eins grau – getestet, welche Variante besser ankommt. Das auch für sie selbst überraschende Resultat: Die grauhaarige Anne bekam doppelt so viele Anfragen wie die mit dem roten Schellack-Helm.

Ein Jahr danach erschien die legendäre amerikanische Vogue mit einem spektakulären Titel: Covergirl Kristen McMenamy, die in den 1990er- Jahren mit ihren abrasierten Augenbrauen und rabenschwarz gefärbten Haaren zum Supermodel avanciert war, räkelte sich nun mit stahlgrauen Haaren in einem Sessel. „Gray Pride“ titelte US Today. In der Modewelt galt McMenamys „glorious gray“, mit dem sie als nunmehr 44-Jährige ihr Revival feierte, als Durchbruch.

Heute sind eine ganze Reihe „Silver Models“ gut im Geschäft: Die Schweizerin Catherine Loewe ebenso wie die Schwedin Ingmari Lamy, die Amerikanerin Yazemeenah Rossi ebenso wie die deutsche Eveline Hall. Sie alle haben Zehntausende Follower auf ihren Instagram-Accounts.

Nach den Frauen der Modewelt zogen die Frauen an der Basis nach. Wie Martha Smith aus Charlotte in North Carolina mit ihrem Insta­gram-Forum „Grombre“ (eine Mischung aus Gray und Ombré), um nur ein Beispiel zu nennen. Martha bekam schon mit 14 graue Haare und beschloss mit 24, das zu akzeptieren und andere Frauen zu ermutigen, ebenfalls zu ihrem grauen Haar zu stehen. Hat geklappt. 74.000 Frauen aller Altersstufen posten auf „Grombre“ stolz ihre Fotos von sich: mit langen, graugesträhnten Zöpfen, schlohweißen Kurzhaarfrisuren, grauen Ansätzen an brauen Locken, asymmetrischen Salt-and-Pepper-Schnitten. Und erzählen dazu ihre Going-­Gray-Geschichten. „Die große Aufmerksamkeit erstaunt mich“, sagt Martha. „Tausende Frauen unterstützen sich gegenseitig, als ob sie Schwestern wären. So stelle ich mir eine Welt vor, in der ich leben möchte.“

Die Schwestern können die Unterstützung gebrauchen. Gleich mehrere Studien in den USA ergaben, dass sich Frauen vor Altersdiskriminierung fürchten. Und laut einer Untersuchung der Organisation „Help the Aged“ erleben zwei von drei Frauen diesen so genannten „Ageism“ im Job. Weshalb sie sich vor wichtigen Arbeits- oder Bewerbungsgesprächen die Haare färben. Allerdings seien „immer mehr Frauen hin- und hergerissen: Sollen sie versuchen, ihr Alter zu kaschieren, um als jünger durchzugehen oder sollen sie ihr Grau zeigen und die negativen Klischees, die damit verbunden sind, bekämpfen?“

Inzwischen ist der Trend auch in Deutschland angekommen.“ „Vor allem ältere KonsumentINNEN möchten sich die Haare nicht mehr in einer anderen Farbe färben und mehr ‚sie selbst sein‘, indem sie ihren Grauton verschönern“, erklärt die Henkel-Pressestelle auf EMMA-Anfrage. Auf der Website der Henkel-Marke „Schwarzkopf“ klingt das so: „Graue Zeiten brechen an: Gray Hair ist angesagt! Überfärben und verstecken muss es niemand mehr – die Frauen dieser Welt stehen mit Stil, Style und Selbstbewusstsein zum reifen Haar. Silber ist jetzt Gold wert!“

Zahlenmaterial allerdings, sagt Henkel, liege nicht vor. Gut, betreiben wir also selbst ein wenig Feldforschung im Freundinnenkreis. Der liegt bei 50 plus, ist also im besten Going-Gray-Alter. (Frau beachte: Wie so oft, gibt es auch in diesem Fall kein Pendent zum englischen Begriff, der eine aktive Entscheidung impliziert, wohingegen das deutsche „Grau werden“ leider gänzlich passiv ist.) Die Umfrage ergibt eine satte Mehrheit dafür, den Weg Richtung Grau einzuschlagen. Das Ergebnis ist eindeutig: Es steht 7 : 2. Sieben färben nicht und stehen zu ihrem ergrauten Haar. Zwei tun das nicht und färben. Zu diesen beiden gehöre ich. Ich kann das erklären.

Als Kind war ich blond, so richtig hellblond, und wie bei vielen hellblonden Kindern verwandelte sich diese sehr angenehme Farbe in der Pubertät in ein unschönes straßenköterblond. Und wie viele straßenköterblonde Menschen, insbesondere weibliche, griff ich schon im zarten Alter von 16 zum Wasserstoffperoxid. Seither lasse ich mir Strähnchen machen. Und es gab irgendwie keinen Grund, damit aufzuhören, als ich feststellte, dass sich in das straßenköterblond zu allem Überfluss ab Mitte 40 (oder war es Anfang 40?) auch noch Grau mischte.

So sah das auch meine straßenköterblonde Freundin Birgit, die sich ihre Haare schon immer gefärbt hat, „von blond gesträhnt über schwarz bis hin zu grün und blau gesträhnt in meiner punkigen autonomen Phase“. Als dann die ersten grauen Haare kamen, „tönte ich weiter. Weil ich’s gewohnt war und weil ich noch nicht ‚alt‘ aussehen wollte, solange meine Kinder noch auf die Grundschule gehen. Als ich 50 wurde, habe ich umgedacht. Ich habe mich sehr bewusst dafür entschieden, nicht mehr zu färben und mein graues Haar rauswachsen zu lassen. Das war vor einem halben Jahr und seitdem geht es mir super.“

Die anderen sechs Nichtfärberinnen tragen ihr Grau ebenfalls mit Stolz und sind echte Überzeugungstäterinnen. Argument Nr. 1: „Die Haut einer Frau verändert sich im Prozess des Älterwerdens und dann sehen gefärbte Haare so richtig künstlich aus, weil die Harmonie von Haut und Haarfarbe nicht mehr stimmt“, findet Lysann. Und Karolin bestätigt: „Frau sieht zwar eine Zeitlang ‚jünger‘ aus, aber dann kippt es und das finde ich dann nicht schön anzusehen.“ Das galt irgendwann sogar für ihre eigene Mutter, die immer einen auberginenrot gefärbten Kurzhaarschnitt trug. Die Tochter war also mit Mitte 50 grauer als ihre Mutter mit Ende 70. Nach einer schweren OP färbte die Mutter nicht mehr. „Jetzt hat sie graue Haare und sieht zwar alt, aber gleichzeitig auch wieder jünger und schöner aus als vorher.“

Argument Nr. 2: „Färben ist immer eine absolute Chemiekeule.“ Argument Nr. 3: Geschlechtergerechtigkeit. „Meine Entscheidung, nicht zu überfärben, ist nicht einfach so nebenbei gefallen, sondern klar ein Statement: Traut euch wie die Männer! Durch graue Haare verliert man nicht seine Attraktivität! Im Gegenteil!“ sagt Rike. Im Role-Model-Ranking bei allen Befragten ganz oben: IWF-Chefin Christine Lagarde. Und Glenn Close. „Atemberaubend attraktiv in ‚Die Frau des Nobelpreisträgers‘!“ jubelt Rike. „Es ist schön, das zu sehen. Noch mehr davon täten gut!“

Es sind aber schon jetzt viele – und es werden immer mehr Frauen, die sich der Gray-Pride-Bewegung anschließen. Und die ist, so viel ist klar, nichts weniger als ein Generalangriff auf das Patri­archat. Denn der Trend zum stolzen Grau ist ein Trend zum stolzen Altern. „Old is in“, konstatiert das Wall Street Journal. Wohlgemerkt: Wir sprechen hier nicht von George Clooney und seinen Silverfoxes, sondern von Glenn Close und ihren Silberfüchsinnen. Wenn das keine Revolution ist.

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