In der aktuellen EMMA

Nie mehr Familie zweiter Klasse

Links: Daniela Jaspers (Foto: Barbara Dietl), Bundesvorsitzende des VAMV; Rechts: Luise Schöffel, Gründerin des Verbands lediger Mütter
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Dass Daniela Jaspers (Foto links) im Jahr 2010 zum Verband alleinerziehender Mütter und Väter stieß, hatte zwei Gründe. Erstens wollte die frisch Getrennte mit ihren beiden Söhnen, zwei und sieben, Kontakt zu anderen Alleinerziehenden. Der zweite und entscheidende Grund: Empörung! „Ich war empört über so viel Ungerechtigkeit“, erzählt sie. „Warum muss ich als Alleinerziehende fast genau so viele Steuern zahlen wie ein Single? Warum zahlt ein kinder­loses verheiratetes Paar dank Ehegattensplitting weniger Steuern als ich?“

Um gegen diese Diskriminierung zu kämpfen, trat die Sozialpädagogin aus Nürnberg dem VAMV bei. Bald gründete sie in ihrer Stadt selbst eine „Kontaktstelle“, sprich: Sie beriet per Telefon andere Alleinerziehende und half ihnen bei Antragsformularen und Anwaltsterminen.

Neun Jahre später ist Daniela Jaspers Bundesvorsitzende des VAMV – und gerät immer noch in Rage. „Wenn die Regierung verkündet, dass sie mit ihren Leistungen alle Kinder erreichen will – warum ziehen Kinder von Alleinerziehenden dann so oft den Kürzeren?“ Gerade ist es wieder passiert: Zum 1. Juli wurde das Kindergeld um zehn Euro angehoben. Aber für viele Alleinerziehende galt: Wie gewonnen, so zerronnen. Denn prompt wurde das Geld bei denjenigen, für die der Staat Unterhaltsvorschuss leistet (weil Papa nicht zahlen kann oder will), wieder abgezogen. Im Klartext: Familien mit hohem Einkommen, für die zehn Euro ohnehin Peanuts sind, bekommen das Plus. Doch ausgerechnet diejenigen, die jeden Euro umdrehen müssen, gucken in die Röhre. Hinzu kommt: Ohnehin fehlen den Familien, die Unterhaltsvorschuss bekommen, über 100 Euro pro Monat im Portemonnaie, weil ihnen das gesamte Kindergeld auf den Unterhaltsvorschuss angerechnet wird.

Der VAMV tat, was er in solchen Fällen immer tut: Er startete eine Protestaktion. „10 Euro Kindergeld mehr, 10 Euro Unterhaltsvorschuss weniger: Alleinerziehende, gebt eurer Empörung Ausdruck!“ Das taten sie. Zehntausende schickten die vorformulierte Protestmail an Familienminis­terin Franziska Giffey und unterzeichneten die Petition „Ungerechtigkeit stoppen!“

Dass Alleinerziehende heute einen so schlagkräftigen Lobby-Verband haben, ist einer äußerst mutigen Frau zu verdanken: Luise Schöffel. Als sie 1967 die Organisation gründete, die damals noch „Verband lediger Mütter“ hieß, galten unverheiratete Mütter als unmoralische Flittchen und ihre Kinder als „Bastarde“. Das bekam auch Luise Schöffels Sohn Ulrich zu spüren. Uneheliche Kinder würden „meistens Verbrecher“, erklärte der Lehrer dem Zehnjährigen in der schwäbischen Kleinstadt Herrenberg, als in Gemeinschaftskunde das Thema „Familie“ durchgenommen wurde.

Dabei war die Mutter-Kind-Familie schon damals keine Seltenheit. Rund 50.000 Kinder im Jahr kamen unehelich zur Welt – in den Nachkriegsjahren waren es sogar doppelt so viele gewesen. 1,5 Millionen Frauen hatten im Deutschland der 60er-Jahre Kinder, die man ­„Bastard“, „Niemandskind“ oder gleich „Hurkind“ schimpfte.

Solche Beleidigungen waren aber nicht das einzige, was Mutter Luise wütend machte. Es war vor allem die Rechtslage: „Ein uneheliches Kind und dessen Vater gelten als nicht verwandt,“ hieß es im Bürgerlichen Gesetzbuch. Das bedeutete: Das Kind hatte weder Anspruch auf Unterhalt noch war es erbberechtigt. Der Kindsvater konnte schlicht so tun, als existiere das Kind gar nicht. Das war schlimm genug. Aus heutiger Sicht geradezu unfassbar war allerdings, dass nicht etwa die Mutter als Erziehungsberechtigte ihres Kindes galt, sondern Vater Staat. Mutter und Kind wurden unter Vormundschaft gestellt. Nicht selten wurden die Kinder den Müttern auch gleich nach der Geburt weggenommen und ins Heim gesteckt.

So war die Lage, als Luise Schöffel an einem Abend im Jahr 1967 vor dem Fernseher saß und einen Beitrag darüber sah, dass das „hanebüchene Unehelichenrecht“ nun endlich reformiert werden solle. Aber ein Professor zerpflückte den Gesetzentwurf als völlig unzureichend und die Volksschullehrerin aus dem schwäbischen Herrenberg begriff: „Es würde sich praktisch nichts ändern.“ Dann sagte der Experte in der Sendung den entscheidenden Satz: „Er meinte, wenn sich eine Interessenvertretung einsetzen würde, wären wir schon weiter. Das war es, dachte ich!“

Luise Schöffel schritt zur Tat. Wenngleich nicht ohne Zweifel: „Ich hatte Bedenken, ob sich ledige Mütter organisieren lassen. Sie waren doch meist bestrebt, ihre ledige Mutterschaft zu bemänteln.“ Würden die Frauen, die von der Gesellschaft wie Aussätzige behandelt wurden, sich tatsächlich aus der Deckung wagen?

Luise Schöffel schaltete eine Chiffre-Anzeige in drei Zeitungen. „Ledige Mütter, schließen wir uns zu einem Verband zusammen!“ Sie bekam 150 Antworten, darunter „regelrechte Lebens­berichte“, in denen die Frauen ihr Leid klagten. „Was ich da las, war erschütternd: materielle Not, Vereinsamung, ständige Schwierigkeiten mit dem Jugendamt, den Pflegestellen, in Mutter-­Kind-Heimen, das Jugendamt behalte Teile der Unterhaltszahlungen ein.“ Manche Mütter berichteten, „wie man ihnen aus geringfügigem Anlass das Kind weggenommen und es in ein Kinderheim gegeben hatte“.

Die dramatischen Berichte schockierten selbst die alleinerziehende Mutter Schöffel. Ihr selbst war der meiste Horror erspart geblieben. Die 1914 geborene Tochter eines Schlossers war selbst bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, denn nach dem frühen Tod des Vaters hatte die Mutter ihre fünf Kinder allein durchgebracht. Als die unverheiratete Luise 1944 ihren Sohn zur Welt brachte, hatte die Familie kein Problem damit. Luise erhielt sogar die Vormundschaft für das Kind. Dennoch blieb die Wut über die Doppel­moral: „Ledige Mütter werden zum unanständigen Mädchen abgestempelt. Beim Mann hingegen gilt das uneheliche Kind als Kavaliersdelikt. Und diese Herren-Magd-Moral ist noch immer die Grundlage unseres Unehelichen-Rechts.“

Am 8. Juli 1967 wird der „Verband lediger Mütter“ gegründet. Er blies zum Angriff auf das Männer-Gesetz. Flankiert von einem riesigen Medienecho. Denn dass die verfemten „sittenlosen Weiber“ (O-Ton Leserbrief) nun nicht mehr verschämt in ihren Kämmerlein hocken blieben, sondern auf die Barrikaden gingen und Forderungen stellten, fanden Zeitungen von Bild bis ­Brigitte höchst interessant. Luise Schöffel gab auch reihenweise Interviews in Funk und Fernsehen und erklärte, was sich ändern müsse. Sie forderte: Weg mit der Amtsvormundschaft! Her mit dem Erbrecht! Die nichteheliche Mutter und ihr Kind müssen als Familie anerkannt werden und alle Vergünstigungen bekommen, die „Vollfamilien“ erhalten. Und schließlich: Die Streichung des § 218, ohne den so manche ungewollt Schwangere sicher gar nicht erst Mutter geworden wäre.

Als die schwarz-rote Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger sich wegduckte, zündeten die ledigen Mütter die nächste Stufe. Sie alarmierten das Bundesverfassungsgericht, den Europarat und die UNO und forderten die hohen Instanzen auf, der deutschen Regierung Beine zu machen. Sie wiesen auf Artikel 6 des Grundgesetzes hin, den Deutschland verletze: „Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische ­Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern.“
Tatsächlich mahnte der Europarat. Und schließlich wies das Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung an, das Unehelichenrecht bis zum 30. Juni 1970 zu reformieren, andernfalls gelte ab diesem Zeitpunkt auch für sie automatisch das Familienrecht für „Vollfamilien“.

Am 1. Juli 1970 war es soweit: Das neue „Unehelichenrecht“ trat in Kraft. Von nun an galt auch ein Kind, das nicht in einer Ehe geboren worden war, als verwandt mit seinem Vater. Dementsprechend erbte es genau wie seine ehelichen Halbgeschwister und hatte die gleichen Unterhaltsansprüche. Eine Revolution! Auch die Amtsvormundschaft wurde gestrichen, ab jetzt stand das Kind unter der „elterlichen Gewalt“ der Mutter.

Dies war der erste große Sieg des „Verbands lediger Mütter“, der sich noch im selben Jahr für geschiedene und verwitwete Mütter öffnete. Von nun an nannte er sich „Verband alleinstehender Mütter“. Ab 1976 durften auch Väter eintreten und im Jahr 1995 gab sich der Verband seinen heutigen Namen: ­„Verband alleinerziehender Mütter und Väter“.

1976 trat die große Familienrechtsreform in Kraft, gepusht von der Frauenbewegung, der sich der VAMV selbstredend zugehörig fühlte. Jetzt fiel – unter anderem – auch das Scheidungsrecht, das bis dahin „schuldig geschiedene“ Frauen ohne einen Pfennig Unterhalt hatte dastehen lassen. Die Scheidungsrate stieg – und damit die Zahl der alleinerziehenden Mütter. (Der alleinerziehende Vater ist bis heute die Ausnahme. Immer noch lebt nach einer Trennung nur jedes zehnte Kind beim Vater.)

Der „Verband alleinstehender Mütter und Väter“ war inzwischen aus Luise Schöffels Herrenberg in die Hauptstadt Bonn umgezogen und zog 2002 mit seiner Geschäftsstelle in die neue Hauptstadt Berlin. Von Bonn aus befeuerte der Verband die PolitikerInnen mit Stellungnahmen und bom­bardierte die Gerichte mit Klagen. Und in den Städten berieten viele der 8.000 Mitglieder Rat­suchende vor Ort.

An den alleinerziehenden Müttern und Vätern führt seither kein Weg mehr vorbei. Der VAMV erstritt, dass Alleinerziehende bei Krankheit des Kindes an 20 Tagen im Jahr freigestellt werden müssen; er erklagte, dass Alleinerziehende ihre Kinderbetreuungskosten von der Steuer absetzen können etc. etc. Alle Verbesserungen für Alleinerziehende aufzuzählen, die es ohne den VAMV vermutlich nicht gäbe, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Der letzte spektakuläre Erfolg: der Unterhaltsvorschuss. Seit dem 1. Juli 2017 zahlt der Staat Alleinerziehenden Unterhaltsvorschuss bis zum 18. Lebensjahr des Kindes. Bis dato war er nur bis zum zwölften Lebensjahr in die Bresche gesprungen, wenn Papa (oder selten: Mama) nicht zahlen konnte oder wollte, und das auch nur für maximal 72 Monate. Ein Riesenproblem, denn jeder zweite Vater in Deutschland zahlt gar nicht, jeder vierte nur einen Teil. Sprich: Nur ein Vater von vieren zahlt angemessen.

Dass Vater Staat die alleinerziehenden Mütter bis dahin ohne Unterhalt hatte hängen lassen, begründete er schlicht und einfach so: Alles andere sei zu teuer. Erst Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) setzte, flankiert von der unermüdlichen Lobbyarbeit des VAMV, den vollen Unterhaltsvorschuss durch. „Das war ein echter Durchbruch“, sagt VAMV-Vorsitzende Daniela Jaspers.

Und dennoch: Die Zahlen sind bis heute deprimierend. Mehr als jede Dritte der 1,6 Millionen Alleinerziehenden-Familien in Deutschland lebt von Hartz IV. Das liegt meist daran, dass die Mutter arbeiten will, aber nicht kann. Denn der Fehler steckt im System. „Wir brauchen eigentlich das skandinavische Modell“, sagt Daniela Jaspers. Heißt: Mutter und Vater sind jeweils für ihren eigenen Lebensunterhalt zuständig plus Super-Kinderbetreuung. „Deutschland fördert mit seinen Anreizen leider immer noch das Alleinverdiener-Modell. In 82 Prozent der Familien ist der Mann der Haupternährer“, klagt die VAMV-Vor­sitzende. Und dann steht Mama nach einer Trennung ganz dumm da. Deshalb fordert der VAMV: Abschaffung des Ehegattensplittings! Ausbau der Kinderbetreuung! Frauen raus aus der Teilzeit-Falle!

„Unser Ziel ist es, dass wir eines Tages überflüssig sind“, hatte Luise Schöffel anno 1967 gesagt. Anno 2019 stellt Daniela Jaspers fest: „Uns wird es noch eine Weile geben.“

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Single Mom: Schluss mit Perfektion!

Caroline Rosales: "Berufstätige Mutter zu sein, ist nicht besonders glamourös." - Foto: Mathias Bothor
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Die Stellung der berufstätigen alleinerziehenden Mutter ist in der Gesellschaft nicht besonders glamourös. Sich trotz der täglichen Überforderung auf die Menschenfreundlichkeit in meiner Umgebung zu verlassen, wäre deshalb einfach fatal. Berufstätige Mütter – ob alleinerziehend oder nicht – genießen bei Kindergartenfesten, Partys oder im öffentlichen Leben die Beliebtheitswerte einer Hillary Clinton kurz nach der verlorenen Wahl. Vielen sind wir suspekt.

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Warum ist sie nicht bei ihren Kindern? fragt man sich, wenn man mich am Wochenende abends in einem Restaurant sieht. Wie kann sie das denn jetzt mit der Berufstätigkeit vereinbaren, wird getuschelt, wenn ich mich mit einem selbstgebackenen Kuchen auf dem Kindergartenfest sehen lasse. Hat sie sich etwa dafür mit ihrem Vorgesetzten einlassen müssen?

Der ganze Stress, das Gehetze ist schlimm genug, aber dazu kommt noch dieser ständige kritische Blick der Umgebung. Freundlich verpackte Schuldzuweisungen und natürlich nur konstruktiv gemeinte Kritik lauern bei vielfältigen Situationen im Alltag. Hier ein paar Auszüge aus dem Bouquet des Bullshit-Bingos einer Alleinerziehenden:

Sie denkt nur an sich und will nur Geld verdienen.

Dein Kind ist aggressiv und malt mit vier Jahren noch deutlich über den Rand? Kein Wunder, die Mama arbeitet ja und hat keine Zeit, nachmittags zu basteln.

Dein Kind hat mit vier Jahren noch kein Hobby neben dem Kindergarten? Ja, schade auch, aber wie soll es denn die Mama nach dem Kindergarten zum Fußball herumfahren, die ist ja im Büro.

Was, du hast neben Gummistiefeln, Regenhose, Wechselsachen, Spielzeug für den Spielzeugtag, den 4,50 Euro für die Bastelkasse, das Tonpapier für die Herbst-Igel vergessen? Kein Wunder, du bist ist ja ­alleinerziehend, da müsstest du dich eigentlich besser organisieren.

Wie, du kannst heute Abend nicht zum internen Meeting kommen? Ja, hättest du jetzt einen Freund oder den Vater besser im Griff, dann könnte der aufpassen.

Wie, dein Sohn kann mit fünf Jahren noch nicht schwimmen? Ach ja, stimmt. Du musst ja mit beiden Kindern alleine Urlaub machen. Ja, dann ist das schwer.

Oft verstehe ich die Gemeinheiten nicht. Anstatt diesen Frauen zu helfen, die für ihr wirtschaftliches Auskommen arbeiten und dabei noch Kinder großziehen, werden diese eher noch belächelt und kritisiert.

Sie ist oft so durcheinander, sie ist oft so in Eile, sagen sie über mich. Sie denkt nur an sich, sie will Geld verdienen und sich selbst verwirklichen. Kritik geht schneller von der Hand, als die Überlegung anzustellen, wa­rum jemand vielleicht gestresst wirkt und eine helfende Hand anzubieten.

Kinder sind nicht pünktlich und kalkulierbar.

Kinder bedeuten in unserer Gesellschaft Verwundbarkeit. Und nichts ist deshalb leichter, als auf eine berufstätige Mutter einzuhacken. Was? Sie ist auch noch alleinerziehend? Tja, klassischer Fall von „Selbst schuld“. Schämen sollte sie sich! Die armen Kinder!

Manchmal vermute ich, dass es einfach leichter ist, jemanden durch Hate-Speech zu marginalisieren und klein zu halten, als das Problem zu sehen. Und das ist in Sachen Vereinbarkeit in Deutschland groß wie ein klaffender Abgrund im Hochgebirge.

Die Idee von betriebsinternen Kitas sind für viele Peronalchefs immer noch ein Grund hysterisch zu lachen, das Konzept des Home-Office ist ebenso eher ein schlechter Scherz als ein ernstgemeintes Gesprächsangebot. Niemand, der Kinder hat, kann sich ernsthaft vorstellen zu arbeiten, während um den heimischen Schreibtisch die Kinder toben. Das ist so unrealistisch wie die Artigkeit der Kinderschar in einem Bullerbü-Buch.

Kommt in regelmäßigen Abständen wieder eine Debatte darum auf, wird immerhin von oben schnell beschwichtigt. Meist pünktlich zum Wahlkampf bekommen Eltern – ­besonders die Mütter – ein paar Vorschläge, wie sie ihr Leben so optimieren können, dass Familie und Berufstätigkeit hineinpassen, Politiker eröffnen ein paar Kindergärten, Unternehmen erlauben ein bisschen Familienzeit. Wenn es dann immer noch nicht funktioniert, tja, dann muss es ja an dir selbst liegen.

Dass immer mehr Menschen, insbesondere Mütter, an Dauererschöpfung leiden, das wird politisch natürlich nicht als Versagen des ganzen Systems gesehen, sondern von der Wirtschaft eher als willkommene Gelegenheit zur Gründung eines neuen Geschäftszweigs. Auf jeder zweiten Naturkosmetik-Seife im Drogeriemarkt steht etwas von Erholung oder Selbstliebe. Altbekannte Teesorten heißen jetzt „Innere Ruhe“ oder „Achtsamkeit“. Wer gestresst ist, macht gerne mal ein Yoga-Retreat oder eine Therapie. Dann passt das alles schon wieder.

Wer gestresst ist, macht halt ein Yoga-Retreat.

Die Lüge der Vereinbarkeit besteht darin, dass die Kompatibilität zweier Systeme propagiert wird, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen. Wer arbeiten geht, kann nicht bei seinen Kindern sein. Kinder sind nicht pünktlich, kalkulierbar, planbar. Nicht, wenn man sie zu empathischen Menschen erziehen möchte. Die Arbeitswelt ist aber genau all das.

Morgens kommt man nach der ganzen Anzieh-Frühstücks-und Bringorgie schon fix und fertig ins Büro, abends fühlt man sich wie der Loser, wenn man reinkommt und der Babysitter den Zeigefinger vor den Mund legt, weil die Kinder schon schlafen. Umgekehrt ist es saupeinlich, seine Kinder von der Kita abzuholen und beim Reinkommen plötzlich festzustellen, dass heute doch das Sankt-Martins-Basteln stattfindet. Für Herumkramen im Terminkalender, Warum-ich-mir-den-Mist-wohl-nicht-eingetragen-habe, ist es ohnehin zu spät, jetzt heißt es nur lächeln, hinsetzen und die Laterne zusammenleimen.

Da hilft auch kein Ratgeber wie der von Facebook-Chefin Sheryl Sandberg, die behauptet, dass man es auch als Alleinerziehende locker schaffen kann, einen Weltkonzern zu steuern. Und wenn du es nicht schaffst, sagt die gute Sheryl zwischen den Zeilen in ihrem schlauen Buch „Lean In“, dann hast du dir halt nicht genug Mühe gegeben.

Also, Schluss mit dem Selbstbetrug und Zeit, am System vorbeizuoperieren. Heute, nach zwei Jahren als Alleinerziehende, habe ich gelernt, all das, was gedankenlos und verletzend ist, zu überhören. Ich lasse es nicht mehr an mich ran, nur die wenigsten, sehr persönlichen Kommentare tun nach wie vor weh. Klugscheißereien von Miss Perfects, die gut gelaunt morgens beim Bringen ankündigen, dass Anton schon mittags abgeholt wird, man wolle ja bei dem schönen Wetter noch ein Mutter-Kind-Picknick ­machen, heizen das schlechte Gewissen noch weiter an, aber da gilt es indifferent zu werden. Zu sagen: Das ist der Lebensentwurf der Anderen, das hier ist meiner.

Ich entschuldige mich einfach nicht mehr.

Das deutsche Mutterbild, bestätigt die Historikerin Ute Frevert, ist in den Köpfen vieler Menschen in Deutschland seit 100 Jahren dasselbe und an der Vereinbarkeitslüge wird sich zu unseren Lebenszeiten wohl nichts mehr ändern. Aber unsere Töchter werden davon profitieren, wenn wir was dagegen tun, auch deshalb gilt es konsequent zu sein.

Und damit meine ich, dass ich erst seit kurzem, im häufigen Organisationschaos zwischen Kids und Job verstanden habe, klare Kante zu zeigen.

Erstens muss nicht jeder alles über mich wissen. Sobald man weniger auskunftsfreudig ist, vermeidet man auch häufiger unangebrachte Kritik. Auch ist es leider etwas typisch Weibliches, sich ständig zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Ich mache es einfach nicht mehr. Wenn ein Kind krank ist, teile ich das dem Arbeitgeber mit. Wenn ich das Kindergartenfest wegen der Arbeit absagen muss, dann setze ich die Erzieherinnen darüber in Kenntnis.

Die Nicht-Entschuldigung ist die gute Freundin des „Nein“. Was mich zu meinem zweiten Grundsatz bringt: Klare Ansagen machen. Ich sage „Nein“, wenn ich nach dem Dienst keinen Kuchen mehr für den Gemeinde-Basar backen möchte; Wenn der Sankt-Martinszug meiner Kinder ist, sage ich, dass ich heute früher gehen muss – und alle bei der Arbeit lächeln. Das hätte ich anfangs nicht für möglich gehalten.

Braucht die Geburtstags-Eisbombe wirklich Streusel?

Doch das reicht noch nicht, habe ich gemerkt. Alleinerziehend, arbeitend entspannt zu sein, bedeutet vor allem, jede Perfektion über Bord zu werfen. Auch die beste Kindergeburtstagseisbombe kommt ohne Streusel aus. Mein Büro-Outfit ohne gebügeltes Hemd. Das Vorschulkind ohne Hobby am Nachmittag. Die schönste kleine Freude ohne viel Geld auszugeben. Weil kleine und auch etwas größere Kinder kein hochwer­tiges Spielzeuggeschäft von einem China-­Import-Laden unterscheiden können.

Hier ein Beispiel. Einmal kamen die Kinder und ich kurz nach unserem Umzug an einem offenen Ein-Euro-Shop vorbei. Ich war völlig pleite und witterte plötzlich die Chance, den beiden eine Portemonnaie-verträgliche Freude zu machen. „Okay, Kinder“, ließ ich die Spannung steigen. „Jeder darf sich genau eine Sache aussuchen. Nur eine.“ Eine Viertelstunde später stapften die zwei mit einem Plastikflamingo-Flaschenhalter und einem Matchbox-Auto zur Kasse.

Eltern, sagt man ja, gerade die berufstätigen, kompensieren ihr schlechtes Gewissen über die nicht gemeinsam verbrachte Zeit mit teuren Geschenken. Mein schlechtes Gewissen – es war mir an diesem Nachmittag gerade mal schlappe zwei Euro wert.

Der Text ist ein Auszug aus dem gerade erschienenen Buch von Caroline Rosales: Single Mom (Rowohlt, 9.99 €).

 

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