In der aktuellen EMMA

Nina Fuchs: Sie wehrt sich!

Nina Fuchs (li) fordert eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Ihre Petition hat schon über 90.000 Unterschriften. Foto: Sven Hoppe/dpa
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Es ist eine Nacht im April 2013, die das Leben von Nina Fuchs für immer verändert hat und sie bis heute beschäftigt. Die Wahl-Münchnerin sitzt abends mit einem Freund beim Italiener, danach geht es weiter in eine Bar. Der Freund will heim, Nina lernt beim Rauchen einen Typen kennen und lässt sich zum Bleiben überreden. Es gibt Drinks und Musik, die Stimmung ist ausgelassen. Dann der Filmriss! Nina erinnert sich auch sechs Jahre später nur schemenhaft daran, erzählt sie, wie sie irgendwann wieder halbwegs zu sich kam. In einem Gebüsch im Park, während ein fremder Mann sie penetrierte und ein zweiter zusah. Nina war wie benebelt, konnte auch nicht sprechen, Gesichter zu den Männern gibt es bis heute nicht. Am Morgen danach versuchte sie, das Geschehene zu rekonstruieren. Es gelang ihr nicht.

Seither kämpft Nina gegen einen unsichtbaren Feind: K.O.-Tropfen. Ein Sammelbegriff für farb- und geschmacklose Substanzen, die Menschen ausknocken. Sie können nur wenige Stunden im Körper nachgewiesen werden. Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass das Dunkelfeld groß ist, verlässliche Zahlen zu Betroffenen gibt es nicht. Die Scham, eine Vergewaltigung unter K.O.-Tropfen anzuzeigen, ist besonders groß.

Nina Fuchs ist sich sicher: Jemand hat ihr solche Tropfen verabreicht. Sie will sich nicht schämen. Sie will einen Prozess, damit der Täter zur Verantwortung gezogen wird: „Ich wollte nie die Opferrolle haben – und noch viel weniger wollte ich, dass mir diese Erfahrung mein Leben versaut!“

Die selbstbewusste Übersetzerin geht seither an die Öffentlichkeit, gibt Interviews, zeigt ihr Gesicht. Damit andere Frauen nicht das durchmachen ­müssen, was sie durchgemacht hat, sagt sie.

Geboren ist Nina auf der Schwäbischen Alb, der Vater Fluglotse, die Mutter studierte Theologin und Altenpflegerin. Bis heute erzählt man sich in ihrer Familie die Geschichte, wie Nina als Zweijährige unbemerkt über eine Leiter auf einen Baum geklettert ist. Mit 13 setzte sie im erzkatholischen Bayern durch, dass sie in ihrer Kirchengemeinde zur Oberministrantin ernannt wird; als erstes Mädchen. Immer wieder zog die Familie um. Nach dem Abitur in Landshut machte Nina eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und später einen Master in Übersetzung an der „University of Surrey“ nahe London. Sie hat in Amsterdam, auf Bali und in Portugal gelebt.

Ninas Schwester Mona brachte sie am Tag nach der Nacht ohne Erinnerung zur Polizei. Für den Nachweis einer narkotisierenden Substanz war es da schon zu spät. In Ninas Körper wurde Sperma gefunden, doch der DNA-Test lieferte keinen Treffer in der Datenbank. Am schlimmsten aber war die Vernehmung, sagt Nina. „Ich hatte das Gefühl, die Polizisten glauben mir gar nicht. Ein Beamter hat gesagt: K.O.-Tropfen gibt es eigentlich gar nicht wirklich, das Thema wird nur von den Medien so aufgebauscht.“ Das Verfahren wurde eingestellt.

Als Nina mit der Sache schon quasi abgeschlossen hatte, meldete sich im Mai 2018 die Staatsanwaltschaft München I. Nun gab es doch einen Treffer in der DNA-Datenbank. Einige Monate zuvor war der Mann wegen einer anderen Straftat fest­genommen worden, zum Vorwurf der Vergewaltigung schweigt er. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren im Januar 2019 trotz übereinstimmender DNA erneut ein. Ein Freispruch sei wahrscheinlicher als eine Verurteilung. Begründung: Nina könne sich an „längere zeitliche Abschnitte der Tatnacht nicht erinnern“. Und es könne nicht ausgeschlossen werden, dass „die Geschädigte in der Tatnacht auch mit anderen Männern sexuellen Kontakt hatte“. Nina ist wütend: „Das klingt wie ein Freifahrtschein für alle Täter. Man sorgt dafür, dass das Opfer keine Erinnerung hat – und dann wird das Verfahren eingestellt.“

Ihr Anwalt Reinhard Köppe legte Beschwerde ein. Auf Raten einer Freundin veröffentlichte Nina Mitte März eine Online–Petition, in der sie die Generalstaatsanwaltschaft dazu auffordert, ihr Verfahren wiederaufzunehmen. Im April hat sie über 90.000 Unterschriften überreicht. Seither werden laut Staatsanwaltschaft „ergänzende Gesichtspunkte“ geprüft. Ausgang: Ungewiss. Für Nina Fuchs ist klar: „Ich gebe nicht auf!“

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