Vergewaltigung - das straflose Verbrechen

Fall 1: Was Susanne Simon (Name geĂ€ndert) am Abend des 4. November 2009 passiert ist, wird sie spĂ€ter in der polizeilichen Vernehmung so beschreiben: „FĂŒnf oder sechsmal habe ich dem TĂ€ter eindeutig gesagt, dass ich am Tattag auf keinen Fall mit ihm Sex haben wollte.“ Dennoch habe der Mann, mit dem sie eine Beziehung hatte, ihr an diesem Abend nach einem Streit „hektisch Strumpfhose und SchlĂŒpfer heruntergezogen“, sie „gewaltsam unter sich gebracht“ und penetriert. Susanne Simon wehrt sich nicht. Jedenfalls nicht so, wie die Justiz es fĂŒr erforderlich hĂ€lt. Sie erstarrt.

Die 47-JĂ€hrige wurde als Kind vom Großvater missbraucht und als junge Frau zweimal vergewaltigt. Jetzt tut sie das, was in der Traumaforschung „Freezing“ genannt wird – das Einfrieren von Körper und Seele in einer bedrohlichen Lage.

Diesmal wagt Susanne Simon, was sie sich frĂŒher aus Angst nicht getraut hat: Sie zeigt den TĂ€ter an. Dieses Mal will sie sich wehren. Aber die Staatsanwaltschaft erklĂ€rt: Selbst wenn Susanne Simon „zum Zeitpunkt der Vornahme der sexuellen Handlungen nicht einverstanden mit diesen war, so kann aufgrund ihrer Aussage aber der Tatbestand der sexuellen Nötigung oder Vergewaltigung nicht festgestellt werden.“ Zwar sei sie „wie betĂ€ubt“ und „wie gelĂ€hmt“ gewesen, habe „gegen die Wand gestarrt und den Geschlechtsverkehr ĂŒber sich ergehen lassen“. Doch aufgrund der Tatsache, dass die Frau sich „nicht körperlich gewehrt, sondern nur mĂŒndlich geĂ€ußert hat, dass sie dies nicht wĂŒnsche“, ließen sich „keine strafrechtlich relevanten Geschehnisse zu ihrem Nachteil entnehmen“. Das Verfahren wird eingestellt.

Fall 2: Katharina MĂŒller (Name geĂ€ndert) ist Doktorandin an einer deutschen UniversitĂ€t. Ihr Doktorvater ist Dekan der FakultĂ€t. Er bestellt sie fĂŒr Besprechungen zu ungewöhnlichen Tageszeiten zu sich nach Hause, abends und am Wochenende. Es gehe ihm schlecht, erzĂ€hlt er seiner Studentin. Seine Freundin, ebenfalls eine Studentin, trenne sich gerade von ihm. Sie hört ihm zu.

Er sagt, dass er mehr von ihr will. Das ist nichts Neues. An der FakultÀt ist bekannt, dass der Professor seinen Studentinnen nachsteigt und Sex mit ihnen hat. Dabei ist er alles andere als diskret, obwohl sexuelle Beziehungen mit AbhÀngigen selbstverstÀndlich verboten sind. Eine Zeugin wird spÀter von einer Nummer mit einer Studentin im Fahrstuhl berichten, die der Mann auch dann nicht abbricht, als sie zusteigt.

An einem der Abende beginnt der Professor auf seine Doktorandin, die seine AnnĂ€hrungsversuche ablehnt, zu onanieren. Er sei C4, sagt er, und ohne ihn wĂŒrde sie „bei Lidl an der Kasse sitzen“. Sie, die beruflich auf sein Wohlwollen angewiesen ist, wagt nicht, den Skandal öffentlich zu machen. Schließlich vergewaltigt er sie. Sie befĂŒrchtet, dass die Polizei ihr nicht glaubt, schließlich hat sie „nur blaue Flecken an den Schultern“. Nach der dritten Vergewaltigung begreift sie endgĂŒltig, dass er nicht aufhören wird. Sie zeigt ihn an. Bei der polizeilichen Vernehmung wird sie gefragt, ob sie eigentlich „alles fĂŒr ihren Doktortitel“ tĂ€te. Die BeamtInnen mĂŒssen sich spĂ€ter entschuldigen.

Katharina MĂŒller gibt zu Protokoll, dass der Beschuldigte nach ihrer Kenntnis in psychiatrischer Behandlung sei und triebsenkende Mittel einnehme. Er wird das spĂ€ter in einer staatsanwĂ€ltlichen Vernehmung zugeben. Die sexuellen Nötigungen beginnen zu dem Zeitpunkt, als er die Behandlung abgebrochen hatte.

Inzwischen hat die UniversitĂ€t ein Disziplinarverfahren gegen den Professor eröffnet. Aber die Staatsanwaltschaft erklĂ€rt: Es habe eine „freundschaftliche Beziehung“ zwischen Professor und Doktorandin bestanden. Das Verfahren wird eingestellt.

Der Kongress: Es sind FĂ€lle wie diese, die den „Bundesverband der Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen“ (bff) dazu brachten, Alarm zu schlagen. „Wir stellen fest, dass vergewaltigten Frauen heute wieder verstĂ€rkt mit Vorbehalten begegnet wird“, erklĂ€rt bff-Sprecherin Katja Grieger. „Meinen Sie wirklich, ich sollte anzeigen? Mir glaubt doch sowieso niemand!“ So lautet der Standardsatz, den die Beraterinnen an den Notruftelefonen jetzt wieder hĂ€ufiger hören. Und das nicht erst, seit die mediale ZerpflĂŒckung der Ex-Freundin von Jörg Kachelmann begonnen hat. Die allerdings, so berichten Beratungsstellen einhellig, habe vergewaltigte Frauen schon jetzt, noch vor der UrteilsverkĂŒndung, weiter entmutigt. Genau so wie die deprimierende Aussage des pensionierten Berliner Generalstaatsanwalts HansjĂŒrgen Karge bei Anne Will: „Meiner Tochter wĂŒrde ich im Zweifel raten, nicht zur Polizei zu gehen.“

„Nicht Entschlossenheit zur Anzeige, sondern ausgeprĂ€gte Zweifel sind momentan das große Thema von vergewaltigten Frauen in unseren Beratungsstellen“, berichtet Grieger. Diese Zweifel scheinen durchaus begrĂŒndet. Im Jahr 2008 zeigten 7292 Frauen eine Vergewaltigung an. Nur jede siebte Anzeige endete mit einer Verurteilung des TĂ€ters. Der Löwenanteil der Anzeigen landet gar nicht erst vor Gericht: Rund drei Viertel der Vergewaltigungs-Verfahren werden von den Staatsanwaltschaften eingestellt, knapp die HĂ€lfte davon nach Aktenlage, sprich: ohne dass die Frau ĂŒberhaupt angehört wurde.

Und kommt es zum Gerichtsprozess – meist erst nach anderthalb bis zwei Jahren Wartezeit – ist die Verhandlung fĂŒr die Opfer oft eine Tortur. „Wenn Frauen sich zu einer Anzeige durchringen, hören unsere Beraterinnen wĂ€hrend oder nach dem Verfahren oft den Satz ‚Das wĂŒrde ich nie wieder tun!’“ Die Folge: Deutschland hat bei Vergewaltigungen eine der niedrigsten Anzeigenquoten in Europa.

Jede siebte Frau wurde seit ihrem 16. Lebensjahr Opfer einer Vergewaltigung oder einer schweren sexuellen Nötigung. Das ergab eine so genannte Dunkelfeldstudie des Bundesfrauenministeriums. Aber nur acht Prozent dieser Frauen gehen nach der Tat zur Polizei. Das heißt: 92 Prozent der TĂ€ter bleiben völlig unbehelligt. Nimmt man die hohe Zahl der eingestellten Verfahren dazu plus die Tatsache, dass so mancher Prozess mit einem Freispruch endet, rĂŒckt die 100-Prozent-Marke in bedrĂŒckende NĂ€he. Vergewaltigung scheint in Deutschland ein quasi strafloses Verbrechen.

„Streitsache Sexualdelikte – Frauen in der GerechtigkeitslĂŒcke“ hat der Dachverband der rund 150 Notrufe und Beratungsstellen deshalb die Fachtagung genannt, zu der er Anfang September nach Berlin lud. Die Resonanz war beachtlich: Rund 200 Beraterinnen und Prozessbegleiterinnen, StaatsanwĂ€ltInnen und RichterInnen, RechtsmedizinerInnen und TraumatherapeutInnen kamen ins Rote Rathaus, um ĂŒber die so dringliche Frage zu beraten: Wie kann die „GerechtigkeitslĂŒcke“ geschlossen werden?

Wie weit diese LĂŒcke klafft, belegte Prof. Barbara KrahĂ© von der UniversitĂ€t Potsdam mit einer Zahl aus der Polizeilichen Kriminalstatistik: In den Jahren 2000 bis 2003 stieg die Zahl der Anzeigen wegen Vergewaltigung in Deutschland um ein Viertel an. Gleichzeitig sank die Zahl der Verurteilungen – um fast die HĂ€lfte. In keinem anderen Deliktbereich gibt es eine solche Diskrepanz: Bei Raub und Körperverletzung zum Beispiel stieg die Verurteilungsquote exakt in dem Maß wie die Zahl der Anzeigen zunahm.

Einen der GrĂŒnde fĂŒr diese Schere hat Sozialpsychologin KrahĂ© erforscht: die so genannten „Vergewaltigungsmythen“. Eine Vergewaltigung, so das gĂ€ngige Bild, geschieht durch einen Fremden, der nachts aus dem GebĂŒsch springt. Er bedroht die Frau und wendet massive Gewalt an, sie wehrt sich entschlossen. Sie trĂ€gt starke Verletzungen davon. Anschließend zeigt sie die Tat sofort an.

Soweit das Klischee. Die RealitĂ€t sieht völlig anders aus. Nur jede siebte Frau wird von einem Fremden vergewaltigt. Jeder zweite sexuelle Übergriff passiert durch den eigenen Freund oder Ehemann beziehungsweise Ex-Mann. Jeder fĂŒnfte Vergewaltiger ist ein Bekannter oder Nachbar, jeder zehnte ein Familienmitglied. In 69 Prozent der FĂ€lle ist der Tatort die eigene Wohnung. Körperliche Verletzungen sind nur in jedem dritten Fall vorhanden. Am hĂ€ufigsten und hĂ€rtesten verletzen Ex-Partner.

Barbara KrahĂ© legte 129 GerichtsreferendarInnen fiktive VergewaltigungsfĂ€lle vor, die sie auf die Schuld des TĂ€ters prĂŒfen sollten. Zuvor fragte sie die Zustimmung der JuristInnen zu 16 Aussagen ab. Zum Beispiel: „Viele Frauen neigen dazu, eine nett gemeinte Geste zum ‚sexuellen Übergriff‘ hochzuspielen.“ Oder „Frauen bezichtigen MĂ€nner hĂ€ufiger der Vergewaltigung in der Ehe, um sich fĂŒr eine gescheiterte Beziehung zu rĂ€chen.“

Ergebnis: In jedem der fiktiven FĂ€lle hatte das Opfer klar „Nein“ gesagt. Dennoch bezweifelten die JuristInnen die Schuld des TĂ€ters umso stĂ€rker, je besser der das Opfer kannte. Wendete er zudem keine Gewalt an, sondern nutzte die starke Alkoholisierung der Frau aus, sank in den Augen der Probanden seine Schuld noch einmal. Und: Je stĂ€rker die Gerichtsreferendare den Klischee-SprĂŒchen zugestimmt hatten, desto stĂ€rker gaben sie dem Opfer eine Mitschuld am Geschehen.

KrahĂ©s Fazit: „Auch professionelle Juristen werden in ihren Urteilen durch stereotype Vorstellungen ĂŒber Vergewaltigungen beeinflusst.“ Eine Schlussfolgerung, die durch Studien ihrer Kollegin Dr. Friederike Eyssel von der Uni Bielefeld mit anderen Personengruppen bestĂ€tigt wird. KrahĂ©s Forderung: „Das Thema gehört in die Aus- und Fortbildung von Juristen. Und in den Sexualkundeunterricht an den Schulen. Wir können nicht frĂŒh genug damit beginnen, diese Mythen zu entlarven.“

Ein Mythos macht Vergewaltigungsopfern besonders schwer zu schaffen, nĂ€mlich dieser: Eine Vergewaltigung ist nur dann eine „richtige“ Vergewaltigung, wenn die Frau sich heftig gewehrt hat. „Die angeblich mangelnde Gegenwehr der Frau ist ein hĂ€ufiger Grund, ein Verfahren einzustellen“, weiß Susanne Hampe von der Frauenberatungsstelle Leipzig. „Und die Botschaft, die von dieser Haltung ausgeht, ist: ‚Du bist selbst schuld!‘ Das ist fĂŒr die Frauen unbegreiflich. Die sagen fassungslos: ‚Ich habe doch Nein gesagt‘!“

Aber Nein! sagen reicht nicht. Das hat der Bundesgerichtshof mehrfach höchstrichterlich festgeschrieben, zuletzt in einem Urteil aus dem Jahr 2006. Dort heißt es in der BegrĂŒndung fĂŒr die Einstellung des Verfahrens: Dass „der Angeklagte der NebenklĂ€gerin die Kleidung vom Körper gerissen und gegen deren ausdrĂŒcklich erklĂ€rten Willen den Geschlechtsverkehr durchgefĂŒhrt hat“, belege „nicht die Nötigung des Opfers durch Gewalt. Das Herunterreißen der Kleidung allein reicht zur TatbestandserfĂŒllung nicht aus.“

„Es kann doch nicht sein, dass Frauen ihre sexuelle Selbstbestimmung mit Gewalt verteidigen mĂŒssen“, klagt Etta Hallenga vom „Bundesverband der Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen“ und Mitarbeiterin der Frauenberatungsstelle DĂŒsseldorf. Offenbar doch. Auch in einem ihrer aktuellen FĂ€lle war die Staatsanwaltschaft der Ansicht, dass der Betreuer in einer Wohngemeinschaft fĂŒr psychisch Kranke schließlich nicht ahnen konnte, dass die 18-jĂ€hrige Bewohnerin mit schweren Missbrauchserfahrungen – deren Abwehrreaktion darin bestand, völlig zu erstarren – keinen Sex mit ihm wollte. Verfahren eingestellt.

Dabei besagt der §177 des Strafgesetzbuches, dass sich der Vergewaltigung auch schuldig macht, wer eine andere Person „unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des TĂ€ters schutzlos ausgeliefert ist“ zu sexuellen Handlungen nötigt. Aber: „Ich habe noch kein einziges Verfahren erlebt, das ĂŒber die ‚schutzlose Lage‘ gelaufen ist“, sagt Etta Hallenga.
Das kann Ulrike Stahlmann-Liebelt nur bestĂ€tigen. „Die Voraussetzungen fĂŒr eine schutzlose Lage, so wie sie die Rechtsprechung verlangt, kann ein Opfer kaum erfĂŒllen“, sagt die Flensburger OberstaatsanwĂ€ltin, die in Schleswig-Holstein ein Modellprojekt fĂŒr Zeuginnen in Vergewaltigungsprozessen initiiert hat (siehe Seite 43). „GrundsĂ€tzlich gilt: FĂŒr den TĂ€ter muss ernsthafter Widerstand erkennbar sein. Wenn eine Frau Nein sagt und weint, reicht das nicht.“ Seit Jahren fordert der Bundesverband deshalb, dass der §177 erweitert wird. Strafbar sollte sich auch machen, wer „eine Person gegen deren Willen nötigt“. Bisher waren die VorstĂ¶ĂŸe der Expertinnen erfolglos.

Dabei hat auch die Traumaforschung lĂ€ngst erkannt, dass die gewaltsame Gegenwehr eines Opfers eher die Ausnahme ist als die Regel – besonders bei Frauen, die einen sexuellen Übergriff auf ihren Körper nicht zum ersten Mal erleben. „Es ist eine völlig normale Reaktion, dass sie sich in dieser unertrĂ€glichen Situation wegblendet“, erklĂ€rt Dr. Julia Schellong, Psychotraumatologin an der Uniklinik Dresden. Dieses wissenschaftlich lĂ€ngst bewiesene „Freezing“ wird aber von deutschen JuristInnen im Strafverfahren nicht als Abwehrreaktion erkannt. Geschweige denn bestimmte Folgen der Traumatisierung, die die Frau vor Gericht unglaubwĂŒrdig erscheinen lassen (siehe Seite 44). Zu unrecht, wie all jene wissen, die sich auf den neuen Kenntnisstand gebracht haben. RichterInnen gehören in der Regel nicht dazu.

„Wir sind eine Laienspielschar“, gibt Dr. Klaus Haller unumwunden zu. Der Vorsitzende Richter am Bonner Landgericht muss es wissen. Er sitzt am nordrhein-westfĂ€lischen „Runden Tisch Opferschutz“ und schult RichterInnen und StaatsanwĂ€ltInnen. „Und die haben das Wort Posttraumatische Belastungsstörung noch nie gehört!“ Um die BildungslĂŒcke seiner KollegInnen zu schließen, fordert Haller „verpflichtende Fortbildungen“.

Das wĂŒrde den Opfern zweifellos helfen. Denn die so genannte „menschengemachte“ Gewalt hat erheblich öfter Posttraumatische Belastungsstörungen zur Folge als UnfĂ€lle oder Naturkatastrophen. Und von dieser menschengemachten Gewalt löst die Vergewaltigung am hĂ€ufigsten psychische Probleme aus. Jedes zweite Opfer sexueller Gewalt leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung, aber nur jedes 13. Unfallopfer. „Und die psychischen Folgestörungen sind stĂ€rker, wenn die Gewalt von einer Person verĂŒbt wird, die man kennt und mochte“, erklĂ€rt Traumatherapeutin Schellong. „Denn das bedeutet den Verlust des Vertrauens in die gesamte bisherige Beziehungserfahrung mit Menschen.“

Damit eine Frau, die eine Vergewaltigung angezeigt hat, nicht noch ein zweites Mal vom Gerichtsverfahren traumatisiert wird, macht Susanne Hampe das, was im Juristenjargon „Prozessbegleitung“ heißt. Sie bereitet die meist „unglaublich nervöse und Ă€ngstliche“ Frau darauf vor, was im Gerichtssaal auf sie zukommen kann. Sie erklĂ€rt, wer laut Strafprozessordnung welche Rechte hat. Sie versucht, ihr die Angst vor der Begegnung mit dem TĂ€ter zu nehmen. „In so einem Verfahren passiert vieles, was die Frau an den Rand der Fassungslosigkeit bringen kann“, weiß die Sozialarbeiterin von der Frauenberatungsstelle Leipzig.

Zum Beispiel Fragen wie diese: „Warum rasieren Sie sich eigentlich Ihre Schamhaare? Sie haben doch behauptet, Sie hĂ€tten momentan gar kein Sexualleben.“ So eine Frage mĂŒsste „eigentlich gerĂŒgt werden“, findet Hampe. „Aber viele Richter sind da leider sehr zurĂŒckhaltend, weil die Verteidiger schnell mit Verfahrensfehlern drohen, wenn man ihr Fragerecht beschneidet.“
Überhaupt beobachtet Hampe, dass „die Strafverteidiger zunehmend aggressiv darauf reagieren, wenn das Opfer sich im Prozess begleiten lĂ€sst. Und ich habe den Eindruck, dass die Aggression in dem Maße gestiegen ist, wie sich der Opferschutz verbessert hat.“

Und das hat er, keine Frage. 1973 – gerade hatte sich die Frauenbewegung zu einer schlagkrĂ€ftigen gesellschaftlichen Kraft formiert und die dunkle Gewalt gegen Frauen ans Licht gezerrt – wurden die „Verbrechen gegen die Sittlichkeit“ umbenannt in „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“. Seither ist viel passiert. Die Vergewaltigung in der Ehe ist allerdings erst seit 1997 strafbar. 25 Jahre lang wurden ĂŒber diesen Straftatbestand halluzinante Debatten gefĂŒhrt. Schließlich setzte eine Frauenkoalition aller Parteien im Schulterschluss die GesetzesĂ€nderung durch.

Im gleichen Jahr stellten die Gesetzgeber die orale und anale Vergewaltigung der vaginalen gleich. Die Polizei wurde geschult, Sonderdezernate wurden eingerichtet. Und auch die Rechtsmedizin hat inzwischen begriffen, dass sie eine entscheidende Rolle bei der Strafverfolgung sexueller Gewalt spielen kann: Zumindest in GroßstĂ€dten haben vergewaltigte Frauen inzwischen die Möglichkeit, Spuren der Tat anonym sichern zu lassen, damit spĂ€ter – falls sie sich zur Anzeige entschließen – gerichtsfeste Beweise vorliegen. Anders als die Polizei, die das Offizialdelikt Vergewaltigung von Staats wegen verfolgen muss, können die Rechtsmediziner die Proben lagern, bis die Frau entschieden hat, ob sie es wagen will, den Vergewaltiger anzuzeigen und das Verfahren durchzustehen.

Und: Das Opfer hat inzwischen das Recht, als NebenklĂ€gerin aufzutreten – wie es ja auch das mutmaßliche Opfer im Fall Kachelmann tut – also mit eigenem Anwalt oder eigener AnwĂ€ltin, Fragerecht inklusive, besonders wichtig, Akteneinsicht. Damit ist Deutschland neben Schweden heute europĂ€ischer Vorreiter in Sachen Opferrecht. Zumindest auf dem Papier.

Folgt auf diese Fortschritte jetzt der RĂŒckschlag? Die schwedischen Erfahrungen sprechen dafĂŒr. Nirgendwo werden zur Zeit so viele Vergewaltigungen angezeigt wie im Vorzeigeland der Emanzipation – und nirgendwo werden so viele Verfahren eingestellt. Offenbar klafft nicht nur in Deutschland eine LĂŒcke zwischen einem gesellschaftlichen Klima, das Frauen zur Anzeige ermutigt, und einer Justiz, die nicht fĂ€hig oder willens ist, dieser Entwicklung zu folgen. Hinzu kommt die Propaganda maskulistischer MĂ€nnerbĂŒnde in Internet und Medien, die sexuelle Gewalt verharmlosen und Opfer diffamieren.

Da ist es nicht ĂŒberraschend, dass ausgerechnet jetzt der Versuch gestartet wird, auch die Traumaforschung gesamt zu diskreditieren. Auslöser: der Fall Kachelmann. Der erste Traumatologe im Visier des Backlash: der international renommierte Heidelberger Psychotraumatologe Prof. GĂŒnter Seidler. Der ist seit einigen Monaten auch der Therapeut des mutmaßlichen Opfers von Kachelmann.

Er hatte dem Gericht in einer Expertise bestĂ€tigt, dass die Frau unter einer „schweren posttraumatischen Belastungsstörung“ leide und zweifelsfrei „Todesangst“ gehabt habe. Wenn sie sich nur bruchstĂŒckhaft an die Tat erinnern könne, könnte das eine Folge dieses Traumas sein. Mit dieser Auffassung steht Seidler keineswegs allein. Auch die Bremer Aussagepsychologin Luise Greuel hatte in ihrem GlaubwĂŒrdigkeitsgutachten ĂŒber das mutmaßliche Opfer bereits erklĂ€rt, es sei typisch, dass Vergewaltigungsopfer „in eine Art Schockstarre verfallen“.
Ausgerechnet Sabine RĂŒckert erklĂ€rte nun in der Zeit diese Feststellung, die fĂŒr jeden Traumatologen eine Binsenweisheit ist, fĂŒr Ă€ußerst fragwĂŒrdig. Sie ging noch weiter und befand im Handstreich die gesamte Disziplin der Traumaforschung fĂŒr irrelevant: „Viele forensische SachverstĂ€ndige halten allerdings wenig von der Traumatologie.“ In einem zweiten Text ging die Zeit-Autorin noch weiter und erklĂ€rte die „Zunft der Traumatologen“ zur „Glaubensgemeinschaft“.

Als einen Kronzeugen fĂŒr diese Aussage beruft sie den seit Jahren hochumstrittenen Berliner Aussagepsychologen Prof. Max Steller, der mit seinen Gutachten im „Fall Pascal“ oder den Wormser Missbrauchs-Prozessen entscheidend zum Freispruch der Angeklagten beigetragen hatte. Auch im Fall Andreas TĂŒrck kippte Steller die Anklage: Die GlaubwĂŒrdigkeit der Frau, die angab, TĂŒrck habe sie auf einer BrĂŒcke zum Oralsex gezwungen, stand zunĂ€chst völlig außer Frage. Der ĂŒbliche Vorwurf der RachegelĂŒste stand nicht zur Debatte, denn die Bankkauffrau hatte TĂŒrck gar nicht angezeigt, sondern einem Freund am Telefon von dem Vorfall berichtet. Dieses Telefonat hatte die Drogenfahndung abgehört und Anzeige erstattet. Es sah schlecht aus fĂŒr den TV-Moderator. Erst Stellers Gutachten konstatierte eine „Wahrnehmungsverzerrung“ bei der Zeugin, die einen „einvernehmlichen Sexualverkehr“ als nicht einvernehmlich umdeute. TĂŒrck wurde freigesprochen.

Dieser Gutachter, der seit Jahren die „Zeitgeist“-Manie geißelt, â€žĂŒberall sexuellen Missbrauch finden zu wollen“, bezweifelt nun die Aussagekraft einer Disziplin, die PhĂ€nomene wie Abspaltung und Dissoziation seit Jahrzehnten an Holocaust-Überlebenden und Vietnam-Veteranen und spĂ€ter an Opfern sexueller Gewalt nachgewiesen hat.

Warum ausgerechnet RĂŒckert? Nicht nur, weil die Zeit-Reporterin bereits das eigentlich noch unter Verschluss liegende Gutachten der Aussagepsychologin Luise Greuel ĂŒber das mutmaßliche Kachelmann-Opfer so selektiv zitiert und interpretiert hatte, dass die Gutachterin empört protestierte. Sondern auch, weil die Journalistin dem Kachelmann-Anwalt ein „Zusammenkommen“ angeboten hatte, allerdings unter der Bedingung, dass Kachelmanns Verteidigung „professionalisiert“ werde. RĂŒckert disqualifizierte sich mit diesem Vorgehen, das die SĂŒddeutsche Zeitung noch vor Prozessbeginn öffentlich gemacht hatte, aber keinesfalls fĂŒr die weitere Kachelmann-Berichterstattung, sondern durfte nun mit ihren absurden Attacke auf die wissenschaftlich seit Jahrzehnten etablierte Traumaforschung noch einmal nachlegen.

Dies geschieht just in dem Moment, wo Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen dabei sind, sich mit Justiz und Traumatologen zu vernetzen. Zum Beispiel in Heidelberg, wo der Frauennotruf Ende 2008 StaatswanwĂ€ltInnen, RichterInnen, OpferanwĂ€ltInnen, RechtsmedizinerInnen, GynĂ€kologInnen und TraumaexpertInnen an einen Runden Tisch gerufen hat. „Wir versuchen zu vermitteln: Wie erlebt das Opfer die Situation?“ erklĂ€rt Birgit Dannegger vom Frauennotruf. „Unser Ziel ist, dass fortgebildete Richter und StaatsanwĂ€lte VergewaltigungsfĂ€lle in Sonderkammern bearbeiten.“

Denn zu oft landen FĂ€lle bei unerfahrenen StaatsanwĂ€ltInnen oder vor Amtsrichtern, die „nur einmal in ihrer Berufslaufbahn einen Vergewaltigungsfall auf dem Tisch haben.“ Und das, obwohl laut Opferschutzreform Vergewaltigungsprozesse grundsĂ€tzlich vor Landgerichten verhandelt werden sollen. „Das wird aber de facto nicht eingehalten“, klagt Dannegger.

Susanne Simon, deren Fall noch nicht einmal vor ein Gericht gekommen ist, ist wĂŒtend. „Es ist fĂŒr mich unfassbar, dass meine WillensĂ€ußerung, nĂ€mlich ein mehrfaches ‚Ich will nicht!‘, in diesem Rechtsstaat nichts bedeutet.“

Katharina MĂŒller hat vielleicht noch eine Chance. Ihr Anwalt hat mit einem Klageerzwingungsverfahren erreicht, dass der Fall wieder aufgenommen wird. Das Oberlandesgericht hat nun ein Gutachten in Auftrag gegeben. Einer Begutachtung stellen muss sich allerdings nicht der Professor, der sich bereits in therapeutischer Behandlung befand. Sondern Katharina MĂŒller – sein Opfer.

Weiterlesen
Ulrike Stahlmann-Liebelt: "Es gibt nur sehr wenige Falschanschuldigungen" (4/10)
Dr. Julia Schellong: "Richter mĂŒssen sich fortbilden!" (4/10)
Paul-Th. Ewert: "Der TĂ€ter muss Verantwortung ĂŒbernehmen (4/10)
www.frauen-gegen-gewalt.de
www.re-empowerment.de

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Kommentare

Das sogenannte "Freezing" kommt in normalen Alltagssituationen (also im Durchnittsleben eines bundesdeutschen StaatsbĂŒrgers) nicht vor. Deswegen kennen die meisten Zivilisten solche Erstarrungsreaktionen nicht. Als Feuerwehrmann habe ich das aber schon mehrmals bei mir und meinen Kameraden erlebt. Aufgrund einer plötzlich und vollkommen unerwartet einsetzenden Gefahr wollte ich damals fliehen. Ich war aber blockiert und erst nach einem inneren Kampf von ca. 20 Sekunden löste sich die Blockade. Das kam bei mir bisher 2 Mal vor. Ein anderer Kamerad erzĂ€hlte mir, dass er sich plötzlich nur noch mit MĂŒhe bewegen konnte, weil er verĂ€ngstigt war (also nicht total blockiert, aber kaum mehr bewegungsfĂ€hig). Welcher Gutachter erzĂ€hlt denn bitte so einen Blödsinn, dass es das nicht gĂ€be? Gleich ab zum nĂ€chsten Großbrand mit Explosions-Gefahr mit dem Herrn Gutachter. Das wird ihn lehren nicht mehr so einen Unsinn zu reden.

Vor mehreren Jahren wurde ich Opfer eines Überfalls. Am schlimmsten waren gar nicht die Schmerzen, sondern es waren die Augen des TĂ€ters. Ich wollte mich natĂŒrlich wehren. Die Augen waren aber vollkommen eindeutig: "Ich BRING DICH um". Ab dem Moment habe ich gar nichts mehr gemacht. Es war dieser unfassbare Moment, in dem ich merkte, dass mich ein Mensch so sehr hasst, dass er mich SOFORT umbringt, wenn er könnte. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Brandmeister und bin tatsĂ€chlich mehrmals durch's Feuer gegangen. Aber es ist etwas ganz anderes, ob die Propangasflasche gefĂ€hrlich wird oder oder ein Mensch. Das eine ist Schreck, das andere ist Entsetzen.
Entschuldigung, wie sollen sich denn Frauen da bitte wehren können. Die haben doch noch nicht einmal eine Feuerwehrausbildung, geschweige denn Einsatzerfahrung.

Profilfoto von Éowyn

Vielen Dank fĂŒr deine beiden Kommentare LinEma!
Es kostet Mut, so offen ĂŒber das zu schreiben was dir da passiert ist!
Aber auch wenn du damit nur einen einzigen ignoranten Vollidioten zum Umdenken bewegst oder dazu bringst, MitgefĂŒhl zu entwickeln ist schon viel erreicht!

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