Die Punk-Rächerin

Noomi Rapace, die Darstellerin von Lisbeth Salander.
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Das Erstaunliche ist, dass die 30-jährige Schwedin in der Rolle der 24-jährigen Ermittlerin Lisbeth Salander nicht wirklich kompliziert scheint, obwohl alles an ihr befremdlich ist: ihre Gewalttätigkeit, ihre jähe Verletzbarkeit, ihr scheinbar emotionsloses Verhältnis zu Menschen, die sie mögen, und ihr wortloser Umgang mit Sex. Von ihrem Äußeren nicht zu reden: Die Agentin mit dem herausragenden Hacker-Talent tritt auf wie ein hageres Punk-Mädchen, dem außer Piercings, Tattoos und Zigaretten nichts wichtiger ist, als in Ruhe gelassen zu werden.

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Wer Stieg Larssons „Millennium“-Trilogie kennt – bei inzwischen weit über 15 Millionen verkauften Exemplaren stehen die Chancen gut – hat eine präzise Vorstellung, wer diese Lisbeth Salander ist, die an der Seite des Protagonisten Mikael Blomkvist ermittelt und, wenn ihr gerade danach ist, auch sein Bett teilt.

Ob der noch vor Erscheinen der Krimi-Trilogie verstorbene Larsson beabsichtigte, Salander so facettenreich auszustatten, dass sein Held neben ihr immer blasser wird, ist fraglich. Immerhin ist Blomkvist das Alter Ego des Autors – wie dieser ein unerschrockener Journalist, der fragwürdige Wirtschaftsdeals, Rassismus und verdeckte Gewalt gegen Frauen in Schweden aufdeckt und anprangert. Aber Tatsache ist, dass die Spannung ansteigt, wenn Lisbeth Salander auftritt. Der scharfsinnige, körperlich und seelisch durchgeprügelte Punk im schwarzen Minirock bringt Fantasien, weibliche wie männliche, auf Hochtouren.

Daran scheitern die meisten Buchverfilmungen: Sie wirken neben den Bildern im Kopf der LeserInnen wie mit verdünnter Farbe gemalt. Es sagt etwas über das furiose Können der Schauspielerin Noomi Rapace – den französischen Nachnamen übernahm sie von ihrem Ehemann – dass Lisbeth Salander auf der Leinwand noch farbiger ist als im Buch.

Sie sagt: „Larsson beschreibt Lisbeth als anorektisch und winzig, schnell wie eine Spinne, kämpferisch wie ein Mann. Er sagt, sie sei hässlich, aber alle Männer fänden sie sexy. Das klingt gelegentlich mehr nach einer Action-Heldin als nach einer normalen Person. Die Beschreibungen passen zu wenig zusammen, um eine wirkliche Frau zu ergeben. Für mich war es aber sehr wichtig, dass sie real ist.“

Sieben Monate lang trainierte die privat sehr weiblich wirkende Schauspielerin Thai- und Kickboxen, um als androgyne Kämpferin glaubhaft zu sein. Sie wollte sich nicht brandmager hungern, sondern schmal und kräftig sein: „Lisbeth sollte nicht weniger kompliziert sein als im Buch. Aber man sollte sie verstehen.“ Dass man als Zuschauer genau das zu können meint, liegt weniger an ihrem athletischen Körper als an ihrem Blick. Noomi Rapace sieht Menschen nicht unfreundlich oder freundlich an, ihre Lisbeth kennt keine solchen Nuancen. Sie studiert sie wie Schlangen, von denen sie möglichst schnell herausfinden muss, ob sie giftig sind oder nicht. Das verstört und gibt eine Ahnung ihrer Verletztheit.

Noomi Rapace erlaubt ihrer Lisbeth Salander auch kaum den Anflug eines Lächelns, mit großem Effekt. Als Westernheld oder Inspektor Callaghan versagte sich Clint Eastwood ebenfalls jedes Lächeln. Es verlieh seinen Figuren einen höchst attraktiven Mythos von Männlichkeit. Eine weibliche Kinoheldin, die nicht lächelt, bedeutet etwas ganz anderes: Sie wirkt entweder kalt und aggressiv oder wie ein rohes Ei. Lisbeth Salander ist beides.

Die in Schweden als Theaterschauspielerin und durch TV-Serien seit Jahren bekannte Noomi Rapace sagt, das Beeindruckendste an der Figur Lisbeth Salander sei, dass sie sich nie als Opfer fühle und keine Zeit mit Schuldgefühlen verschwende: „Es liegen viel zu viele Frauen daheim auf der Couch herum, stopfen Süßigkeiten in sich hinein und fühlen sich schuldig. Sie lassen sich von Problemen so lange zerfressen, bis sie unfähig sind, sie anzupacken. Lisbeth Salander lässt die furchtbaren Dinge, die ihr widerfahren, an jemandem aus. Vielleicht sollten Frauen von ihr lernen, etwas härter zu werden und nach außen statt nach innen zu reagieren.“

Die unerträglichsten Szenen des Films sind die Vergewaltigungsszenen: In den ersten beiden wird Lisbeth Salander von ihrem Vormund missbraucht und geschlagen, in der dritten vergewaltigt und foltert sie ihn, ein kalt geplanter und mitleidlos umgesetzter Racheakt. „Natürlich waren das zum Spielen die härtesten Szenen“, sagt Noomi Rapace, „das setzt einem zu. Da brechen in dir selber Dinge auf, die nicht sehr schön sind. Aber ich wollte nicht davor weglaufen. Ich wollte sie nicht weicher oder netter machen. Es sollte so gezeigt werden, wie Vergewaltigung in einem Dokumentarfilm aussehen würde.“ Außerdem: „Lisbeth versucht, jede Situation so zu wenden, dass sie die Oberhand hat. Alles, was sie tut, tut sie, um zu überleben.“

Als Noomi Rapace im Mai 2008 in Cannes über den roten Teppich ging, hatte kaum jemand eine Ahnung, wer die schmale Frau in dem punkigen schwarzen Kleid mit dem vielen Metall dran war. Das wird nie mehr so sein.

Alle drei Teile der Verfilmung von Larssons Trilogie - „Verblendung“, "Verdammnis" und „Vergebung“ gibt's auf DVD (Warner).

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Stieg Larsson - Ein Leben für die Gerechtigkeit (4/08)

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