Der Kampf um ihre Ehre

Inge Schafhäuser hat mit Löwinnenmut für ihre Ehre gekämpft. - Fotos: Bettina Flitner
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Plötzlich steht er in der Tür. Ein Mann im Anorak. Groß, mindestens eins achtzig. Es ist Sonntagnachmittag, das dreistöckige Gebäude ausgestorben, heute arbeitet hier niemand. Niemand außer Inge Schafhäuser, die im mittleren Stockwerk gerade den Staub vom Schreibtisch der Chefsekretärin wischen will. Und da steht er. Die Etage ist komplett mit Teppich ausgelegt, die Putzfrau hat ihn nicht kommen hören. Sie erschreckt sich zu Tode, als sie aufblickt und den Fremden in der Tür sieht. Er sagt: „Haben Sie Lust auf eine Runde Sex?“

„Wenn mir das einer auf der Straße gesagt hätte, hätt ich gedacht: Was für ein Spinner!“ Aber Frau Schafhäuser ist gerade nicht auf einer belebten Straße, sondern in einem verwaisten Bürogebäude. Allein mit einem unbekannten Mann. Sie hat Angst. „Nein“, sagt sie mit zittriger Stimme und klopfendem Herzen. Was wird jetzt passieren? Der Mann dreht sich um und geht. Nach ein paar Sekunden schleicht Inge Schafhäuser zur Tür und schaut vorsichtig um die Ecke. Der Mann am Ende des Ganges blickt sich noch einmal um, zuckt mit den Schultern und sagt: „Kein Bedarf? Schade, dann eben nicht!“ Sie sieht am Bürofenster, wie der Mann in sein Auto steigt und wegfährt.

Der fremde Mann: Haben Sie Lust auf eine Runde Sex?

Sie schreibt das Kennzeichen auf. Und hat immer noch Angst. Über ein Jahr ist das jetzt her, aber Inge Schafhäuser ist immer noch aufgeregt, als sie uns ihre Geschichte erzählt. Sie hat sich Stichworte auf kleine Zettel geschrieben, „damit ich nichts vergesse“. Sie hat auf dem skandinavischen Holztisch auch die Papiere bereitgelegt, es ist ein beachtlicher Stapel: die Korrespondenz der Anwälte, der Antrag auf Prozesskostenhilfe, die Gerichtsakten.

Aber während der nächsten zwei Stunden, in denen Inge Schafhäuser berichtet, muss sie kein einziges Mal auf ihre Notizen oder in den Stapel schauen. Sie hat nichts von dem, was im vergangenen Jahr passiert ist, vergessen. Auch, wie es an jenem 13. November 2011 weiterging, weiß sie noch bis ins kleinste Detail.

„Ich hab mich nicht von der Fensterscheibe weggetraut, weil ich dachte: Vielleicht kommt der ja doch wieder!“ Sie ruft von ihrem Handy aus zuerst ihren Mann und dann ihren Sohn an. Der kommt mit dem Fahrrad und wartet zwei Stunden lang, bis seine Mutter den Cheftrakt fertig geputzt hat. Inge Schafhäuser ist eine pflichtbewusste Frau. Eine, die weiß, was sich gehört. Von der Katastrophe, die in den nächsten Monaten über sie hereinbrechen wird, ahnt sie noch nichts: Die Anzeige, die Rechtsanwälte, die schlaflosen Nächte. Der quälende Prozess, die ignorante Richterin, das unfassbare Urteil. Die schlimmen Schulden, der schimpfende Sohn, der stumme Mann.

Die Richterin: Das ist auf Mallorca eine normale Begrüßung

Am allerwenigsten ahnt Inge Schafhäuser an diesem 13. November 2011 aber, dass sie am Ende dieser zermürbenden Monate einen Sieg errungen haben wird. Weil sie mit Löwinnenmut gegen ein Urteil gekämpft hat, das, wäre es rechtskräftig geworden, ein Desaster für alle Frauen (und, der Vollständigkeit halber: einige Männer) gewesen wäre, die etwas eigentlich Selbstverständliches tun: sich bei ihrem Arbeitgeber gegen eine sexuelle Belästigung zur Wehr setzen.

Aber der Reihe nach. „Hallo, ich schreibe Ihnen aus Sorge um meine Schwester, die in einer verzweifelten Lage ist“, lautete der erste Satz in der E-Mail von Helga Bauder, die im Mai 2012 unter redaktion@emma.de ankam. Sie endete mit den Worten: „Ich möchte meiner Schwester gern zu ihrem Recht (und ihrer Ehre) verhelfen. Und damit auch auf die Situation der belästigten Frauen aufmerksam machen. Darum wende ich mich an Sie.“ Wir nahmen sofort Kontakt auf. Aber noch lief das Verfahren.

Jetzt, wo Inge Schafhäuser gesiegt hat, konnten wir sie in ihrer kleinen Mietwohnung in dem ergrauten Häuschen am Stadtrand von Hannover besuchen. „Da sind Sie ja endlich!“ sagt sie. Und erzählt, eingekreist von der nahezu alle Wände bedeckenden Bierkrug-Sammlung ihres Mannes, von den schrecklichen Monaten, in denen sie manchmal „keine Lust mehr hatte, aufzustehen“.

Als sie am Abend des 13. November 2011 endlich wieder zu Hause ist, überlegt sie, was zu tun ist. „Soll ich den zusammenschlagen?“ fragt ihr Mann. Das hilft jetzt auch nicht wirklich weiter. Sie beschließt: Erstmal nichts tun. Denn die Chefin der Putzfirma geht sehr früh ins Bett, weil sie mitten in der Nacht raus muss. Das weiß Inge Schafhäuser und will die Chefin nicht stören.

Am nächsten Morgen geht sie zur Arbeit zu ihrer zweiten Stelle: als Bürokraft in einer Physiotherapie-Praxis. Das Putzen war vor ein paar Jahren dazugekommen, weil die Praxis-Chefin wegen eines Engpasses ihre Stunden von 35 auf 25 reduzieren musste. Da wurde das Geld knapp. Die Rente von Ehemann Helmut, einem Straßenbauer, ist nicht die höchste.

Der Anwalt: Die will sich doch nur wichtig machen

Seither putzte die 53-jährige gelernte Arzthelferin zweimal die Woche die Büros der Speditionsfirma. Für 6,50 Euro die Stunde. Und weil sie jeden Euro gebrauchen können, nahm sie schließlich auch noch die tägliche, halbstündige Toilettenreinigung dazu. Nach der Praxis fährt Inge Schafhäuser, die keinen Führerschein hat, also jeden Abend eine halbe Stunde mit dem Fahrrad zum Bürogebäude. Für 3,25 Euro. „Nach Hause ist es ja dann näher, da brauche ich nur eine Viertelstunde“, sagt sie.

Nachdem Inge Schafhäuser ihr den Vorfall vom Vortag geschildert hat, erklärt die Chefin der Physiotherapie-Praxis: „Da kannst du nicht wieder hin!“ Also ruft Inge Schafhäuser die Chefin der Putzfirma an und erzählt, was passiert ist. Die ist ebenfalls empört und versichert: „Ich spreche mit dem Chef.“ Das findet die Belästigte gut und gibt das notierte Autokennzeichen durch.

Aus ihrer Sicht könnte die Angelegenheit jetzt unkompliziert gelöst werden. „Ich wollte das nur weghaben, damit ich wieder in Ruhe putzen kann, ohne Angst. Ich hatte mir vorgestellt, dass der Chef den zu sich reinruft und sagt: ‚Jetzt holen Sie der Frau Schafhäuser mal einen Strauß Blumen und entschuldigen Sie sich!‘“.

Aber mit der Ruhe ist es ab jetzt vorbei. Denn als Inge Schafhäuser am Nachmittag in die Firma kommt, erwartet sie kein Blumenstrauß, sondern ein Schock. „Der geht gegen Sie vor!“ sagt ihr Chef. Der Mann, der sie belästigt hatte, arbeitet im dritten Stock, in einer Logistik-Firma. Was die Sache umso beklemmender macht – er hatte in der zweiten Etage überhaupt nichts zu suchen. Er stand also nicht zufällig in der Tür, hinter der Inge Schafhäuser putzte.

Und jetzt geht er „gegen Sie vor“. Am 9. Dezember 2011 geht bei der Staatsanwaltschaft Hannover eine Strafanzeige gegen Inge Schafhäuser ein: wegen „Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung“. Der Mann behauptet, dass Inge Schafhäuser lügt. Er gibt zwar zu, an dem fraglichen Sonntag im Gebäude gewesen zu sein. Und er erklärt auch, dass er der Putzfrau kurz begegnet sei, unten im Haupteingang. Der Rest sei frei erfunden.

Inge Schafhäuser soll 4.000 Euro Prozesskosten zahlen

Nur: Warum hätte Inge Schafhäuser einen solchen Vorwurf erfinden sollen? Sie kannte den Mann aus dem dritten Stock, nennen wir ihn Michael Meier, überhaupt nicht. Die üblichen Verdächtigungen, die Frauen in solchen Fällen gern unterstellt werden, entfallen also: Konkurrenz, Eifersucht, Rache und so weiter.

Aber Meiers Rechtsanwalt fällt trotzdem etwas ein: Bei seinem Mandanten handle es sich um einen „attraktiven jungen Mann“. Inge Schafhäuser dagegen sei „ungefähr 45 Jahre alt und zumindest nicht so attraktiv, dass sich junge Männer im besonderen Umfang von ihr (sexuell) angezogen fühlen müssten. Vor diesem Hintergrund liegt die Spekulation nahe, dass sich die Klägerin vor ihrem Ehemann interessant machen wollte und die Geschichte erfunden hat, dass ein junger Mann sie nach Sex gefragt habe.“ Wie bitte?

Michael Meier hingegen hat gute Gründe für seine Version der Geschichte: Innerhalb weniger Stunden wusste der ganze Betrieb Bescheid. Die Sache wurde nämlich keineswegs so diskret unter sechs Augen geregelt, wie Inge Schafhäuser sich das gewünscht hatte. Und Michael Meier hat eine Frau und zwei kleine Kinder. Auch sie hätte früher oder später von der Sache erfahren. Aber später, im Prozess, wird all das der Richterin egal sein. Jetzt ist also das Opfer Inge Schafhäuser die Täterin.

Was nun folgt, ist ein Alptraum, der sie an den Rand ihrer Kräfte bringt. Zum Beispiel als die Polizei, die sie zweimal aufsucht, um nun ihrerseits Anzeige zu erstatten wegen sexueller Belästigung, erklärt: Ein Angebot zum Sex, das sei doch, haha, keine Straftat.

Trotz alledem putzt sie weiter im zweiten Stock. Obwohl sie schon am Tag nach dem Vorfall Panik und Atemnot bekommt, als sie ins Gebäude geht. „Ich musste doch meine Angst wegputzen“, sagt Inge Schafhäuser. „Ich hätte sonst mein Leben lang Angst gehabt.“ Außerdem braucht sie das Geld. Also steigt sie, wie ein gestürzter Reiter, sofort wieder aufs Pferd. Wenn auch von jetzt an immer mit Pfefferspray.

Nach dem Vorfall putzt sie nur noch mit Pfefferspray

Das Unglaublichste aber ist der Prozess. Er findet im März 2012 statt und endet, um es gleich vorwegzunehmen, mit einem, gelinde gesagt, erstaunlichen Urteil. Es lautet sinngemäß: Inge Schafhäuser hätte die Belästigung durch Michael Meier ihrer Arbeitgeberin nicht mitteilen dürfen.

In der Zwischenzeit hatten sich die Anwälte beider Parteien mit Briefen bombardiert. Es gibt eine Klage von Inge Schafhäuser, die weiterhin sagen dürfen möchte, was passiert ist. Dagegen klagt Michael Meier auf Unterlassung. Seine Strafanzeige wegen Verleumdung ist ein gesondertes Verfahren.

Die Richterin, berichtet Inge Schafhäuser, habe die Verhandlung im Landgericht Hannover mit den Worten eröffnet: „Glauben Sie ja nicht, dass ich auf Ihrer Seite bin, nur weil ich eine Frau bin!“ Dann erklärt sie: Der Satz „Haben Sie Lust auf eine Runde Sex?“ sei auf Mallorca „eine ganz normale Begrüßung“. Inge Schafhäuser, die noch nie ein Gericht von innen gesehen und bis dato großen Respekt vor der deutschen Justiz hatte, ist fassungslos. „Ich war in dem Gebäude eingeschlossen und die fängt mit Mallorca an!“ Der junge Gerichtsreferendar scheint die Sache ebenfalls nicht besonders ernst zu nehmen. „Der grinste die ganze Zeit und hat Grimassen gezogen.“

Schafhäuser muss noch einmal detailgenau erzählen, was sie schon mehrfach zu Protokoll gegeben hatte. Die Begegnung an der Haustür, das Büro im zweiten Stock, der Mann in der Tür. Was genau hat er gesagt? Was passierte dann? Die Putzfrau erzählt. Michael Meier muss nur eine Frage beantworten. „Haben Sie Frau Schafhäuser nach Ihrer Begegnung am Haupteingang noch einmal gesehen?“ Er sagt: „Nein.“

Die Richterin kommt zu dem Schluss, dass beide Parteien „glaubwürdig wirken“. Und weil sie das findet, beschließt sie: Inge Schafhäuser darf ihre Anschuldigung nicht weiter behaupten. Mehr noch: Sie hätte das auch nie tun dürfen. Denn: „Sie hat nicht den Beweis für die Wahrheit oder Richtigkeit der von ihr aufgestellten Behauptung erbringen können.“ Da diese Behauptung aber „geeignet ist, den Beklagten verächtlich zu machen“, habe sein Interesse Vorrang. „Ein schutzwürdiges Interesse für die nicht erweislich wahre ehrenrührige Tatsache besteht hier nicht.“ Im Klartext heißt das: Da sexuelle Belästigungen in aller Regel ohne Zeugen stattfinden und das Opfer die Belästigung nicht beweisen kann, verbietet dieses Urteil es de facto allen belästigten Frauen, sich hilfesuchend an ihre Vorgesetzten zu wenden.

Als Inge Schafhäuser mit dem niederschmetternden Urteil aus dem Gericht nach Hause kommt, trinkt sie ein Glas Rotwein. Dann setzt sie sich auf ihr Fahrrad und fährt Putzen. Sie ist am Boden zerstört. Nicht nur, dass sie jetzt als Lügnerin dasteht. Dazu kommt: Sie hat das Verfahren verloren und muss nun die gesamten Kosten tragen – rund 4 000 Euro. Die hat sie nicht. „Ich habe mir das Geld geliehen“, sagt sie leise. Von wem, sagt sie nicht, nur, dass sie heute immer noch daran abzahlt.

Der Richter: Die Belästigte darf den Namen des Täters nennen

Ihrem Mann hat sie nichts von dem Geld erzählt. Er fragt auch nichts, als sie aus dem Gericht nach Hause kommt. Ihr Mann fragt schon lange nicht mehr, auch nicht, wenn seine Frau sich in der Nacht stundenlang schlaflos hin- und herwälzt. „Irgendwann hab ich dann auch nichts mehr erzählt. Ich dachte, er regt sich sowieso nur auf. Und so hast du wenigstens zu Hause deine Ruhe.“ Ihre Stütze ist ihre Chefin in der Praxis. Die will immer besorgt wissen: „Wie hast du geschlafen?“ Sie hatte Inge Schafhäuser auch zum Prozess begleitet. Inge Schafhäusers Rechtsanwalt Ralf Möbius will das skandalöse Urteil nicht auf sich beruhen lassen. Er schlägt seiner Mandantin vor, in Berufung zu gehen. Doch die ist entmutigt und am Ende ihrer Kräfte.

Aber es brodelt in ihr. Fast einen Monat lang. Dann ist es so weit. „Dann hab ich mir gesagt: So kann es nicht bleiben. Ich hab nichts getan!“ Im Juni wählt Inge Schafhäuser die Nummer ihres Anwalts und fragt: „Wie sieht’s aus mit der Berufung?“ Der antwortet: „Ich zähle immer noch auf uns!“

Am 18. Juni 2012 beschließt das Oberlandesgericht Celle unter dem Vorsitz von Richter Thomas Knoke: Inge Schafhäuser darf sich „gegen eine solche sexuelle Belästigung (...) nicht nur wehren, sondern durch Namhaftmachung der jeweiligen Person auf einen solchen Vorfall auch aufmerksam machen.“ Zwar ist das noch kein richtiges Urteil, sondern ein so genannter „Hinweisbeschluss“. Gerichte können, um überflüssige Verhandlungen zu vermeiden, vorab verkünden, wie sie im Falle eines Prozesses höchstwahrscheinlich entscheiden würden. Am 11. Juli zieht Michael Meier seine Klage zurück. Inge Schafhäuser hat – für sich und viele andere Frauen – gesiegt! Quasi.

Aber sie ist, wie gesagt, eine Frau, die weiß, was sich gehört. Und sie findet, dass ein „Hinweisbeschluss“ nicht dasselbe ist wie ein Urteil. Also will Inge Schafhäuser ihr Recht, das heißt: ihren Prozess. Sie schreibt an ihren Rechtsanwalt: „Für mich persönlich wäre es eine schallende Ohrfeige, wenn nun kein Urteil eines höheren Gerichts gesprochen würde und sich Herr Meier einfach mit zwei Sätzen seines Anwalts aus der Affäre ziehen könnte. Nach über einem Jahr Dauerstress brauche ich für mich und meine Familie die Genugtuung eines Urteils, das für mich ausgeht und das ich Bekannten und Freunden schwarz auf weiß zeigen kann.“

Auf dieses Urteil wartet Inge Schafhäuser jetzt. „Ich bin sicher, dass es gut ausgeht. So ein Urteil wie das erste kann doch nicht nochmal jemand sprechen.“

Beim Abschied hat Inge Schafhäuser, die vor Aufregung ganz vergessen hatte, uns die extra gekauften Kekse anzubieten, noch einen Wunsch: „Könnten Sie vielleicht den Namen meiner Chefin reinschreiben? Die hat mich so unterstützt, ohne sie hätte ich das gar nicht durchgehalten.“ Gern. Die Frau heißt Maike Puls.

Die Kekse gibt Inge Schafhäuser uns mit auf den Weg. Sie hat eine halbe Stunde dafür geputzt.

PS Im Juli 2013 spricht das Oberlandesgericht Celle sein Urteil und bestätigt darin den "Heinweisbeschluss". Inge Schafhäuser hat endgültig gewonnen - für sich und alle Frauen, die sich gegen sexuelle Belästigung wehren.

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Die EMMAs schlagen zurück!

Sieben EMMAs, 14 Boxhandschuhe und ein Selbstverteidigungskurs.
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Ako blutet. Dabei haben wir gerade erst angefangen. Keine zehn Minuten hat es gedauert, da läuft unserem Trainer ein rotes Rinnsal über die linke Wange. Außerdem hat er Bissspuren an der Schulter. „Und die sind auch kurz vorm Bluten“, sagt Ako nach einem kurzen Blick unter sein T-Shirt. Nicht etwa vorwurfsvoll, nein, im Gegenteil: Ako findet das Blut und die Bissspuren „super!“.

Für uns, die wir in unserem Alltag normalerweise niemanden blutig beißen, ist Akos Begeisterung über seine Blessuren ­gewöhnungsbedürftig. Aber das wird sich rasch ändern.

Das klingt unangenehm.
Es ist unange-
nehm. Aber
es funktioniert.

Noch sind wir aber bei Übung Nummer 1: Ringen. Worum geht’s? Wir sollen Ako angreifen und auf den Boden ringen. Worum geht’s wirklich? Denn natürlich haben wir gegen diesen Koloss von einem Mann in Wahrheit keine Schnitte. Ako will, erklärt er, uns gleich am Anfang einmal in eine hilflose Situation bringen: „Damit ihr merkt, dass ihr in eine solche Lage auf keinen Fall geraten wollt“.

Das klingt unangenehm. Es ist auch unangenehm. Aber es funktioniert. Weil es in jeder von uns auf der Stelle Bärinnenkräfte mobilisiert. Wie gesagt: Ako blutet. Schon Kandidatin Nummer zwei hat, begleitet von markerschütternden Kampfschreien, unserem Trainer erhebliche Wunden zugefügt. Kandidatin Nummer zwei ist Alice. Wir sind beeindruckt. Ako auch. „Ich mache das jetzt 25 Jahre, aber mich hat noch nie jemand sofort gebissen“, sagt er.

„Da hast du jetzt echt einen vorgelegt!“ lobt Alex, die als Kandidatin Nummer eins noch ein bisschen zu höflich gewesen war. Mit Höflichkeiten ist es jetzt bei uns vorbei. Bettina wirft sich ohne Rücksicht auf irgendwelche Kampfregeln direkt auf Akos Rücken; Angelika brüllt wie eine Löwin und guckt auch so; und ich bin nicht bereit aufzugeben, als Ako schon über mir liegt und robbe mit 105 Kilo Lebend­gewicht auf mir weiter über die Matte, bis mir endgültig die Puste ausgeht. „Kampfsau“, sagt Ako zu mir. Ich finde das ein schönes Kompliment.

Der Kracher aber ist Anett. Wir kannten unsere hochgewachsene blonde Verlagsfrau, eine Kapitänstochter aus Brunsbüttel, bisher als gelassene Hanseatin. Jetzt aber mutiert Anett innerhalb einer Sekunde zur Kampfmaschine mit Killerblick. Und dieser böse Blick, den wir alle noch nie bei ihr gesehen haben, bleibt auch, als der Fight mit Ako zu Ende ist und Anett keuchend an der Wand lehnt. Unsere Anett, sonst der Gleichmut in Person, stiert mit wilden Augen auf Ako. Minutenlang. In ihr, das sieht frau deutlich, brodelt es. Und es hört nicht auf. „Anett …?“ fragen wir vorsichtig. Aber da ist erstmal nichts zu machen. Anett wirft weiter Wutblicke.

Das hatte Ako offenbar gemeint, als er uns am Morgen angekündigt hatte: „Wir holen das Selbstbewusstsein und die Stärke aus euch raus, die schon in euch drin sind.“ Was so alles in uns steckt, konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen. Aber schon nach der ersten Übung ahnen wir: Ako könnte Recht haben.

„Lasst uns doch mal einen Selbstverteidigungskurs machen!“ Dieser Satz war in schöner Regelmäßigkeit in unseren Konferenzen gefallen. Wie so vielen Sätzen der „Wir müssten mal“-Kategorie folgte daraus jahrelang – nichts. Dann aber kam der Jahreswechsel und mit ihm die neuen guten Vorsätze. Jetzt also Nägel mit Köpfen: Die EMMAs machen einen Selbstverteidigungskurs!

Eins war klar: Für diesen Kurs käme niemand anders in Frage als Ako Hintzen. Denn erstens verbindet Ako und EMMA eine sehr spezielle Geschichte. Der Gründer und Chef der „Deutsche Personen Schutz-Security“, kurz DPS, hatte 1993 nackt auf dem EMMA-Titel posiert. Nackt? Jawohl, nackt. Der Stern hatte seine Titelgeschichte „Frauen reden über ihren Körper“ mit drei nackten Frauen bebildert. (Damals bebilderte das Hamburger Magazin mit erstaunlicher Kreativität noch quasi jedes Thema mit einer oder gleich mehreren nackten Frauen.) Für EMMAs Parodie „Männer reden über ihren Körper“ suchten und fanden wir drei nackte Männer: Smudo von den Fantastischen Vier, den Schauspieler Martin Armknecht aus der „Lindenstraße“ – und Ako. Danach war er „bei den Jungs in der Branche unten durch“. Bei uns aber war er angesagt.

Ako ist sicher: Wir holen das Selbstbewusstsein und die Stärke aus euch raus!

Und natürlich ist Ako ein Vollprofi. Er hat schon auf Alfred Biolek aufgepasst, auf die Rolling Stones und auf den Dalai Lama; er hat eine Expedition geschützt, die Nazigold aus dem Brandenburger Stolpsee bergen wollte; er hat im Bundeskanzleramt und im Bonner Frauenmuseum für Sicherheit gesorgt. Und er hat ein Herz für Frauen, die von Männern bedroht werden.

Zum Beispiel für Tina und Lena, unsere „female coaches“ an diesem Wochenende. Lena war in einer Beziehung mit einem ­gewalttätigen Mann, Tina wurde von ihrem Ex-Freund gestalkt. Beide wandten sich an Ako. Der brachte ihnen bei, sich zu wehren. „Am Anfang hatte ich diese typische Einstellung: Ein Mädchen haut nicht“, erzählt Tina. Inzwischen haut, tritt und boxt die Bauzeichnerin, dass es eine Freude ist. Nachdem Tina ein paarmal volle Kanne einen „low kick“ in eine Bratze (so heißen die Schaumstoff-Kissen) getreten hatte, wissen wir: Das wollen wir auch. Der vierte im Trainer-Bunde ist Wulf. Der blonde Hüne ist Beamter, sieht aber aus, als könnte er seinen Schreibtisch problemlos allein aus dem Büro tragen. 

Die meisten von uns haben schon mal einen Selbstverteidigungskurs gemacht, aber das ist lange her. Bettina zum Beispiel hat mit 14 einen Jiu-Jitsu-Kurs von ihrem Großvater geschenkt bekommen. Das ist schon sehr lange her, aber Bettina hat „überhaupt wenig Angst, vielleicht“, sagt sie, „habe ich zu wenig Angst“. Angesichts der Tatsache, dass sie als Fotografin an so unwirtlichen Orten wie auf dem Straßenstrich oder im Kongo unterwegs ist, finden wir das auch. Angelika hat vor zwanzig Jahren einen Wen-Do-Kurs gemacht. Übergriffe? Ja, gab es. Anmache bis hin zum Angefasstwerden. „Vielleicht“, sagt Angelika, „bin ich auch manchmal zu nett“. Alex hat noch „nie körperliche ­Gewalt“ erlebt. Allerdings wurde die Sache einmal knapp. In den Gassen von Barcelona verfolgte sie ein Typ. Den brüllte sie schließlich so lange auf Spanisch zusammen, bis er sich, zu ihrer eigenen Überraschung, verzog. Alex hat mal geboxt, aber rasch wieder aufgehört, als sie feststellte, „dass ich mich unwohl fühle, wenn eine Faust in meinem Gesicht ist.“

Anett hat als Studentin bei einem Wen-Do-Kurs das obligatorische Brett durchschlagen und sich dabei „stark gefühlt“. Sie ist knapp einsachtzig und offenbar kein ­bevorzugtes Ziel unangenehmer Männer. Aber: „Ich bin einfach so wütend über das, was Frauen alles passiert. Und manchmal hab ich da richtige Rachegefühle.“

Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Kürzlich hat mir ein Autofahrer, der nicht geblinkt und mich so zu einer Vollbremsung genötigt hatte, auf mein erschrecktes Hupen hin zuerst den Stinkefinger gezeigt und mich dann „blöde Fotze“ genannt. Ich muss zugeben: Ich hätte dem Machoarsch liebend gern kurz und schmerzvoll in die Eier getreten. „Jeder Kampf, den man nicht kämpft, ist ein gewonnener Kampf“, steht in Akos „Fight Your Way“-Konzept. Leuchtet mir prinzipiell ein, aber in diesem Fall wäre mein Weg ein anderer gewesen.

Margitta und Alice haben noch keinen Selbstverteidigungskurs gemacht. Margitta ist „nie was passiert“. Alice auch nicht, aber das liegt nur daran, dass sie sich aus diversen ernsthaft heiklen Situationen „immer psychologisch rausgehauen hat“. Zum Beispiel bei dem Typen in einer ­felsigen Bucht von St. Tropez, der schon über ihr lag, dem sie dann aber mit Händen und Füßen bedeutete, dass man doch lieber an einen Ort mit weicherem Untergrund wechseln solle. Der Mann glaubte ihr die Finte, ließ sich von ihr bei der Hand nehmen – und sie rannte, einmal oben angekommen, schreiend weg.

Weil sowas funktionieren kann, aber nicht muss, lernen wir jetzt Würgen, Treten und Schlagen. Zum Beispiel Ohr­feigen. Ohrfeigen gelten gemeinhin als ­lächerlich, man kennt sie aus Filmen und hasst sie als halbherzigen Versuch zickiger Frauen, Männern mitzuteilen, dass gerade irgendwas irgendwie nicht so ganz okay war. Eine Ohrfeige à la Ako aber ist ein echter Hammer. Wenn man die Kraft aus dem ganzen Körper holt und den ganzen Arm gegen den Kopf des Anzugreifenden donnert, dann „haut das auch einen kräf­tigen Mann aus den Schuhen“, sagt Ako.

Pamm!!! Es knallt befriedigend laut, wenn unsere Hand in einer der Bratzen aufschlägt, die Ako, Tina oder Wulf uns auf Gesichtshöhe hinhalten. Und mit allen von uns passiert jetzt etwas. Egal, ob wir lernen, unseren Ellbogen unters Kinn des Kontrahenten zu hämmern; ob wir dem Gummi-Dummy mit dem Handballen unter die Nase hauen; ob wir Ako oder Wulf in die Eier treten (natürlich simuliert durch eine Bratze) – jede von uns explodiert. Wir sind, im besten Sinne, enthemmt.

„Du-Scheiß-Wich-Ser!“ brüllt Alex den roten Gummimann an, eine Silbe bei jedem Tritt. Alex hat früher mal Ballett ­gemacht, kommt mit ihren Beinen sehr hoch und trifft den Dummy mit ihrem Fuß ­jedesmal mitten in den Bauch. Angelika kracht ihre Fäuste so fest in die Bratzen, dass Ako sie zum Boxtraining schicken will. „Du kannst 100 Prozent abrufen“, sagt er beeindruckt. Anett rammt mit ihrem Wutblick, an den wir uns inzwischen gewöhnt haben, ihr Knie in Akos Bauch. Und auch Alice, die bei ihren ersten Schlagversuchen etwas zaghaft wirkte, donnert inzwischen gewaltig in den Dummy.

Meldet sich bei einem Schlag oder Tritt eines unserer Zipperlein, lässt Ako das nicht gelten. „Heulen erst nach sechs“, sagt er. Und: „Der Schmerz vergeht, euer Stolz bleibt“.

Stolz sind wir in der Tat am Ende dieses ersten Tages. Mehr noch, es herrscht eine gewisse Euphorie. „Es ist krass, dass man so viel Energie entwickeln kann!“, schwärmt Angelika. „Und es ist gut zu wissen, wie fest ich treten kann, wenn ich treten muss.“ Anett ist „überrascht von mir selber. Ich habe nicht geahnt, dass ich so viel Wut in mir habe“, sagt sie. „Aber es ist gut zu wissen, dass ich diese Wut in Kraft umsetzen kann.“ Alice traut sich „jetzt viel mehr zu!“ Auch Bettina hat eine unbekannte Seite an sich entdeckt: „Ich wusste gar nicht, dass Zuschlagen so viel Spaß macht.“

An Tag zwei gibt es dazu wieder reichlich Gelegenheit. Nachdem wir die Schläge und Tritte von Tag eins im Schnelldurchlauf wiederholt haben, lautet nun die Aufgabe: „Ihr werdet jetzt frei kämpfen. Und ihr schaltet uns aus.“ Ähm, okay.

Heulen erst nach sechs. Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt.

Ako und Wulf ziehen sich Schutzkleidung an: Helm, Schienbeinschoner, Suspensorium. Es ist was anderes, ob ein Mann von Akos oder Wulfs Ausmaßen eine Bratze hält, in die man treten soll – oder ob dieser Mann gröhlend und rempelnd auf einen zukommt. Jetzt gilt es, schnell zu sein. „Im Zweifel müsst ihr als erste zuschlagen“, hat Ako gesagt. Das klappt ziemlich gut. „Was willst du Mistkerl!?“ schreit Alice, die überhaupt sehr gut schreien kann, und setzt einen ersten Treffer auf Akos rechte Kopfseite. Bettina knallt blitzartig beide Fäuste an Akos Hals. Und als Wulf fragt: „Hömma, weißt du, wo die Linie 12 fä...?“ unterbricht Alex die Anmache mit einem beherzten Tritt in Wulfs Schritt.

Was noch nicht so gut klappt, ist die Umsetzung des zweiten Teils der Ansage: Nur so lange schlagen und treten, bis der Gegner am Boden liegt und wir weglaufen und an der dicken blauen Matte an der Wand abschlagen können. Einige von uns möchten aber nicht weglaufen. Sie möchten weitermachen. „Du-fasst-keine-Frau-mehr-an!!!“ brüllt Anett und trümmert weiter auf Akos Rücken ein, statt das Weite zu suchen. Auch Bettina betrachtet sichtlich zufrieden ihr Werk, sprich: den am Boden liegenden Wulf, während wir Umstehenden „Weg! Weg! Weg!“ rufen. Auch Alex findet den Weg zur Matte mit Verspätung. In den Pausen hört man sie jetzt öfter „Eye of the Tiger“ singen.

Ein bisschen beunruhigt sie uns schon, diese Enthemmtheit. Andererseits … „Ich hatte natürlich in brenzligen Situationen immer mal die Fantasie, wie es denn wäre, wenn man jetzt zuschlagen könnte“, erklärt Bettina. „Man will einfach sicher gehen, dass der Typ tatsächlich liegenbleibt“, meint Alex. Ich glaube: Hier brechen sich Erfahrungen aus Jahrzehnten Bahn, in denen frau aus Vorsicht die Straßenseite gewechselt oder nach einer unverschämten Anmache aus Angst lieber die Klappe gehalten hat.

Fazit: Wir alle hätten nie gedacht, dass wir so viel Kraft haben. „Es ist wie ein Weckruf an Kopf und Körper“, sagt Anett. „Ich dachte vorher, ich hätte viel mehr Grenzen und Hemmungen. Es ist irgendwie erschreckend, aber vor allem befreiend, diese neue Seite an sich zu entdecken“, findet Angelika. Alice ist zwar „noch nicht ganz überzeugt für den Ernstfall. Aber für mich war es überraschend zu sehen, dass ich echt zuschlagen kann“. Alex, die schon öfter in der Bahn oder auf dem Bürgersteig bei Pöbeleien oder Schlägereien eingegriffen hat, sagt: „Ich habe jetzt das Gefühl, ich habe ein paar Techniken, damit ich heil aus der Sache rauskomme.“ Dieses Gefühl haben wir alle. Die nächste brenzlige Situation meistern wir. Allerdings erst, wenn der Muskelkater vorbei ist.         

Chantal Louis

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