Panahi: Sollen Opfer sich rächen?
Es ist ein Wunder, wie viele ungewöhnlich gute Filmemacher aus dem Iran kommen. Unter den vielen Guten ist Jafar Panahi der Beste. Wir verdanken ihm u. a. „Der Kreis“ (über Frauen nach Gefängnis und Folter) und „Taxi Teheran“ (über Menschen in Teheran). Panahi macht, wie alle im Iran, Filme unter den abenteuerlichsten Bedingungen – obwohl es ihm verboten ist, Filme zu machen und er jüngst zum zweiten Mal in dem berüchtigten Foltergefängnis Evin im Iran war. Nach seinem letzten, heimlich gedrehten Film „Ein einfacher Unfall“ wurde allerdings gerade überraschend das Berufsverbot gegen ihn aufgehoben.
Dem allgegenwärtigen Terror begegnet Panahi mit seiner Liebe zu den Menschen. Trotzalledem. Er bezeichnet sich als „sozialer Filmemacher“ und sagt: „Ich halte niemanden für grundsätzlich gut oder böse. Wer in diesem System überleben will, muss in einer Weise handeln, wie er es außerhalb niemals täte. Wir alle werden mehr oder weniger zu unserem Verhalten gezwungen.“
In Panahis jüngstem Film geht es um die Frage: Soll man auf das Böse mit dem Bösen antworten? Diese Frage ist zurzeit auch ein Generationenkonflikt im Gottesstaat Iran. Panahis Generation, die Älteren, träumen vom Frieden, die Jungen wollen Rache!
Der „einfache Unfall“ erzählt die Geschichte von dem Folteropfer Vahid, ein Automechaniker, der durch Zufall seinem Folterer wieder begegnet. Er nimmt ihn gefangen, will ihn töten, sucht aber bei anderen Opfern noch die Bestätigung, dass er den Richtigen hat. Es kommt ein halbes Dutzend sehr unterschiedlicher Menschen zusammen: Männer und Frauen, Arbeiter und Intellektuelle, Arme und Reiche. Sie spiegeln die Menschen, mit denen der Autorenfilmer 2023 im Gefängnis saß. Sie bestätigen Vahid: Ja, er ist es! Der Mann mit dem Holzbein, dessen klopfendes Geräusch sie nie vergessen werden.
Für Panahi sind Frauen die wahren Heldinnen des Widerstandes
Was nun tun mit dem Folterer? Der steckt in einer Kiste im Lieferwagen des Automechanikers. Eine abenteuerliche Fahrt mit dem Missetäter in der Kiste beginnt.
Wie immer bei Panahi ist es trotz aller Dramatik auch komisch. Unter den Rächern ist eine Frau im Brautkleid, deren Trauung sich nun verzögert. Und wie immer ruft in der vierten, fünften Szene die Mutter des Hauptdarstellers an (in der Regel der Filmemacher selber). Ja, Mutter, ich habe alles gegessen, was du mir hingestellt hast. Nein, Mutter, ich bin nicht leichtsinnig, ich bringe mich nicht in Gefahr.
Der Sohn lügt. Der Unbeugsame bringt sich mit jedem Film immer wieder neu in Gefahr. Er lässt sich nicht einschüchtern. Aber er kämpft nicht mit der Waffe, sondern mit seinen Filmen. Und die sind von einer tiefen Humanität.
Für Panahi sind die Frauen die wahren Heldinnen des Widerstandes in der Diktatur Iran. Ihnen widmet er auch diesen Film. Er lässt sie im Film, so wie im Leben, mit unbedeckten Haaren auf der Straße auftreten: Das ist das stärkste Symbol des Widerstandes in Iran!
Seit Wochen bereist Panahi den Westen. Er kann jetzt nicht zurück. Gerade sei er zu einer erneuten Gefängnisstrafe verurteilt worden, heißt es. Gut möglich, dass er nach der "Goldenen Palme" in Cannes im Mai 2025 auch den Oscar bekommt. Zur Zeit aber bewegt ihn nur eins: Die tiefe Sorge um seine Landsleute. Er bittet die internationale Gemeinschaft um Hilfe zur Kommunikation für die Menschen auf den Barrikaden.
Was wird er tun? "Ich kann nirgendwo anders leben als in Iran", sagt Panahi. "Und meine alte Mutter lebt ja auch noch dort."
Bis heute durften die meisten seiner Filme in Iran nicht gezeigt werden.
Der Beitrag wurde am 11.1.2026 aktualisiert.


