Im Gefängnis der Gerüchte

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Ihr Image: engagiert, erfahren, erfolgreich. Bei Behörden, Kriminellen, Strafverteidigern und Richtern, 15 Jahre lang. Gut 100 Millionen hat diese Staatsanwältin für den Staat hereingeholt, aus den klandestinen Steueroasen der Reichen. So viel wie keiner ihrer männlichen Kollegen.

Die Arbeit der gegen Wirtschaftskriminelle Ermittelnden spielt sich eher hinter den Kulissen ab. Popularität kann kein Ermittler brauchen. Bei Lichtinghagen hat man nicht gefragt, der Vorhang blieb nicht da, wo er hingehört: unten. Aus der stillen Ermittlerin machte man eine schrille Volksheldin, ungefragt. So übergab man die Staatsanwältin der Lächerlichkeit. Und: Man gab sie zum Abschuss preis.

Fangen wir an, wo alles anfängt: die drei CDs mit den Daten der Steuerhinterzieher. Sie sind eine Art Büchse der Pandora, die alles Schlechte, aber auch die Hoffnung enthält. Die griechische Mythologie erzählt, dass beim ersten Öffnen alles Schlechte in die Welt drang. Erst als Pandora sie zum zweiten Mal öffnete, kam Hoffnung in die Welt.

Lichtinghagen öffnete die Hightech-Büchse ein erstes Mal. Sie kam nicht dazu, sie ein zweites Mal zu öffnen. Das verhinderte ein im Dezember 2008 verfasstes 64-seitiges Dossier ihres Bochumer Vorgesetzten, eingereicht beim NRW-Justizministerium. Das Verbreiten der darin aufgelisteten Behauptungen übernahmen die etablierten Enthüllungs-Journalisten Hans Leyendecker und Johannes Nitschmann von der Süddeutschen Zeitung. Das Duo inszenierte eine echte Affäre, die in Wahrheit eine falsche ist: Nämlich die Behauptung, die Staatsanwältin Lichtinghagen habe mit "Bußgeldern gemauschelt und getrickst". Was die SZ ihren Lesern verschwieg, ist die Tatsache, dass das Verteilen von Geldauflagen in einem Team aus Richtern, Verteidigung und Staatsanwaltschaft einvernehmlich festgelegt werden muss. Die Staatsanwältin konnte also gar keine Mauscheleien auf eigene Faust begangen haben. Wenig später triumphierte die SZ dennoch: "Wegen Mauschelei-Vorwürfen gibt Margrit Lichtinghagen ihr Amt auf. Außerdem droht ihr ein Ermittlungsverfahren."

Die vorgeführte Frau
Vorhang auf, 1. Akt des Bochumer Dramas. 14. Februar 2008. Bilder, die sich einbrannten: Klaus Zumwinkel, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post, Bundesverdienstkreuzträger usw./usf. wird abgeführt. Von einer Frau, über die TV-Moderator Frank Plasberg (hart aber fair) auf einem Partytalk gegenüber Umweltminister Gabriel ätzt: "Haben Sie mal die Staatsanwältin gesehen, die hat sich noch die Haare machen lassen, garantiert. Und, haben Sie den feinen Schal von ihr gesehen?" Das Verbreiten dieses nicht öffentlichen Partytalks besorgte die Presse. Die Staatsanwältin sei an diesem Morgen "auffällig geschminkt" gewesen.

Es war auch Frank Plasberg (schon wieder hart aber fair), der Minister Gabriel in einem öffentlichen Talk im Düsseldorfer Ständehaus fragte, "ob wir angesichts der öffentlichen Zumwinkel-Razzia nach dem Schauprozess einen neuen Begriff: 'Schauermittlungen‘ einführen müssten?".

Die Süddeutsche sieht am 11.12.08 die 'Schauermittlungen‘ so: "Margrit Lichtinghagen, die Bochumer Ermittlerin, die im Februar den Steuersünder Klaus Zumwinkel in Köln heimsuchte." Eine Heimsuchung, so so.

Eine gebastelte Affäre
Vorhang auf, 2. Akt, Deutschland, Anfang Dezember 2008. Die "Volksheldin, Leitwölfin, Bochums schärfste Waffe" macht weiter Schlagzeilen. Scheibchenweise "enthüllt" nun das SZ-Schreiber-Duo (unfehlbar) die Wahrheit über Margrit Lichtinghagen. Die Nation staunt – und die Kollegen des Manager Magazins, der Rheinischen Post (RP), der Neuen Westfälischen, des WDR, der Münsterschen Zeitung u.a. schreiben fleißig und ungeprüft alle Behauptungen des Enthüller-Duos ab. Aus dem Fall Zumwinkel wird der Fall Lichtinghagen.

Die Vorgesetzten grollten der "Diva": Sowohl ihr Chef in Bochum, Oberstaatsanwalt Bernd Schulte, wie auch der zuständige Generalstaatsanwalt in Hamm, Manfred Proyer, hätten dem Vernehmen nach "die zahlreichen Selbstherrlichkeiten der ehemaligen Sachgebietsleiterin der Steuerfahndung Essen satt", vermeldete die Neue Ruhrzeitung (NRZ) am 12.12.2008. Der Rotarier Jochen Butz dichtet auf einer Rotarier-Homepage: "War es ein PR-Gag der Postgewerkschaft oder aber der Coup der Staatswinkeladvokatin, diese selbstlose Spendenbeschafferin für die Privatuni Witten-Herdecke, wo rein zufällig das Fräulein Tochter studiert." Die Rheinische Post informiert am 16.12.2008: "Von Kollegen wurde ihr damaliges Verhalten als unprofessionell oder maßlos eitel bezeichnet."

Dieses Maß an Illoyalität geht dem Handelsblatt zu weit: "Das Verhalten der Bochumer Staatsanwaltschaft, insbesondere der Behördenleitung, ist gleichwohl ungewöhnlich brutal. In der Pressestelle hieß es nur lapidar, man äußere sich nicht zu Personalien. Anschließend blieben die Telefone tot. Ein beredtes Schweigen, das den Ruf einer engagierten Staatsanwältin nachhaltig schädigen kann", klagte das Blatt am 15.12.2008.

Zur Strecke gebracht?
Vorhang auf, 3. Akt, 16. Dezember 2008. Staatsanwältin Lichtinghagen gibt auf. Nicht "weil sie musste", wie diverse Medien verlauten ließen. Nein, weil sie nicht mehr konnte. Ganz nebenher war auch noch bei Lichtinghagens Tochter eingebrochen, aber nichts gestohlen worden. Die Diebe hinterließen Fotos von Zeitungsartikeln über ihre Mutter.

Jetzt schlägt Lichtinghagen isoliert, erschöpft und in Sorge um die beiden Töchter "freiwillig" ihre Versetzung vor. "Man muss auch mal Frieden schließen", sagt sie resigniert zur WAZ, die diesen Satz zur Schlagzeile macht.

Die Staatsanwältin Nr. 1 der Nation in Sachen Wirtschaftskriminalität bittet um Versetzung zum 1.2.2009 als Richterin an das Amtsgericht Essen. "Als Richterin habe ich nur den lieben Gott und den Himmel über mir", sagte sie.

Postskriptum: Nochmal hinterhergetreten
Trotzdem titelt am 19.12.2008 Focus mit der "Affäre der Staatsanwältin". Nun geht es nochmal richtig rund. Hans-Ulrich Krück und Bernd Schulte, die Bochumer Vorgesetzten und der davor gesetzte Generalstaatsanwalt in Hamm, Manfred Proyer, schütteln öffentlich die Köpfe über die doch einst so geschätzte Kollegin.

"Mancher Strafverfolger bekommt Fleckenbefall, wenn der Name Lichtinghagen fällt", weiß die unvermeidliche Süddeutsche Zeitung am 11.1.2009 zu vermelden. Und: "Tochter Lichtinghagen erhielt dann doch ihre Zulassung." Das klingt nach verwöhntem Blag, dem Muttern den Studienplatz per Missbrauch ihres Amtes verschaffte. Ein Wirtschaftsreferent kommentiert das Geschehen lapidar im Kollegenkreis: "Das wäre ihre Krönungsmesse geworden und ihre Vorgesetzten hätten ihr die Schleppe tragen müssen. Da das für die unerträglich war, hat man sie vorher weggemobbt".

Am 19. Januar erscheint – endlich – im Spiegel ein differenzierter Artikel über die Affäre, Tenor: "Mit der Demontage von Margrit Lichtenhagen, Deutschlands bekanntester Anklägerin, hat die Behörde auch ihren eigenen Ruf ruiniert." So ist es.

Lichtinghagen wäre nicht Lichtinghagen, würde es ihr nicht doch eines Tages gelingen, die Büchse ein zweites Mal zu öffnen. Ob dann Hoffnung in die Welt kommt? Vielleicht. Zur Zeit sitzt die geschundene Heldin des Dramas noch ein, im Gefängnis der Gerüchte.

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