Warum musste Angelika B. sterben?

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Der Damenkegelklub aus Celle übt noch eben das Pfeifen auf zwei Fingern, ein kleines Trüppchen amerikanischer Soldatenfrauen erinnert sich lautstark und mit viel Gelächter an alte Cheer-Ieader-Songs. Das Licht geht aus, Scheinwerfer irren durch den vor Aufgeregtheit und Vorfreude surrenden Saal. "Do you wanna be rocked tonight?" dröhnt es aus riesigen Boxen - "Chippendales are gonna rock you!"

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Sekundenlang erzittert der Zeltboden von hämmerndem Fußgetrampel, ist außer einem ohrenbetäubenden Gekreische nichts mehr zu hören. Gänzlich unbeeindruckt von diesem begeisterten Begrüßungssturm betreten die ersten sechs hantelgestählten jungen Männer die Bühne.

In Jeans und T-Shirt wirbeln sie zu dem harten Rhythmus von "We will rock you" hin und her, heben hier einen Arm, dort ein Bein. Die jungen Eintänzer lassen die schmalen Hüften kreisen und die breiten Rückenmuskeln spielen.
Ganz unvermittelt kommt es nach diesem narzistischen Vorspiel erstmals zum Äußersten: Wie auf Kommando schmeißt sich das Sextett in den Liegestütz, inszeniert – noch immer gutbeschürzt in langen Hosen - mitten auf der Bühne einen Fick ins Leere: auf und nieder, auf und nieder. Die Frauen toben.

Jetzt reißen sich die Tänzer im wohlkalkulierten Überschwang ihre Hemdchen von den rasierten Leibern, nesteln an Reißverschlüssen, zurteln an Hosenknöpfen und lassen - endlich! - für Sekundenbruchteile ihre Hosen herunter. Im Saal erreicht das begeisterte Jubeln einen ersten schrillen Höhepunkt.

Kommen dafür allabendlich sechzehnhundert Frauen zur Male-Strip-Show in das Berliner Euro-Palace-Zelt? Scheinbar einhellig begeistert verfolgen die Frauen das Treiben auf der Bühne, das sich bei näherem Hinsehen zunächst als recht laue Melange aus Trieb und Tugend, aus Power und Prüderie entpuppt. Hier gibt es nämlich nichts wirklich Geschlechtliches zu sehen, wird nichts Verdecktes vorgezeigt. Zwiebeltechnisch sind die Chippendale-Boys sorgfältig geschützt: Unter jeder Jeans harrt eine Boxershorts ihres Auftrittes, und selbst wenn die im Überschwang der Begeisterung fällt, bewahrt uns immer noch ein Minimal-Tanga vor dem enthüllenden Blick ins Tabernakel der Männlichkeit.

Und doch befriedigen die Tänzer und Stripper mit dieser Show die (gehemmte) Schaulust ihres weiblichen Publikums. Die 1973 von Steve Banerjee gegründeten Chippendales sind heute weltweit die bekannteste Male-Strip-Show. Das Geschäft floriert, mittlerweile beglücken regelmäßig mehrere Tournee-Truppen die Frauen in. ganz Amerika mit knackigen Männerpopos und "sauberem" Bühnensex. Ob in Frankreich, Holland oder England, die "Welcome-to-your-fantasie-Show" ist überall ausverkauft.

Das Marketingprinzip ist simpel, aber erfolgreich. Die Chippendales verkaufen sich als Botschafter weiblicher Lust-Emanzipation. Anstatt den Männern ihre kleinen erotischen Ausflüge in Pornoshops und Striplokale zu verbieten, sollen sich die Frauen doch einfach revanchieren. In dieser Show – so heißt es - kämen auch wir Frauen einmal auf unsere Kosten. Die Chippendales als Objekt weiblicher Begierde. So einfach ist das.

Und prompt verabreden sich in Paris, London, München oder Berlin ganze Damenkegelklubs, Kaffeekränzchen oder Bürobelegschaften vor dem Veranstaltungszelt der Chippendales, um selbst einmal das zu zelebrieren, was ihre Männer einen "Herrenabend" nennen. Hier und heute wollen auch sie einmal Spaß der schlüpfrigen Sorte haben - "und zwar ohne unsere Männer!" Gegen ein Eintrittsgeld von bis zu 55 Mark dürsten jene, die sonst die Tutti-Frutti-Kränkung am heimischen Bildschirm erdulden müssen, nach Rache.

Aber die 16 schönen Beach-Boys, Pool-Spieler oder Seeadjutanten, die sich vor dem zahlenden Publikum produzieren, sich selbstverliebt in die Hose greifen, auf roten Satinbetten die Lenden reiben und rhythmisch das Becken nach vorne schieben, sind nicht wirklich dienstbare Objekte weiblicher Begierde. Selbst in der aufreizendsten Szene, der eindeutigsten Pose sind sie Herren und nicht Sklaven.

Nichts hat das Programm der Chippendales mit jenen schlüpfrigen Discoveranstaltungen zu tun, bei denen sich die Stripper nach bekanntem Vorbild Hundertmarkscheine in den Slip stecken lassen müssen. ,,Antatschen" ist hier streng verboten, der allgegenwärtige Security-Service hat die unbedingte Weisung, allzu zudringliche Girls wieder diskret auf ihre Plätze zu geleiten.

Erst nach der Show dürfen sich die Fans ihrem Lieblingsstripper programmgemäß nähern: 15 Mark kostet ein Foto mit dem Traum-Boy nach Wahl. Manche Frauen sind enttäuscht, daß es hier - anders als in den Schummerdiscos am Kudamm - "nüscht zum Rinstecken" gibt. Selbst auf den am teuersten erkauften Plätzen ganz vorne an der Bühnenrampe bleibt für sie während der Show die Distanz zu den tanzenden Adonissen unüberwindbar.

Dafür haben die Herren auf dem Podium freie Auswahl. Wann immer es die Revue-Dramaturgie gestattet, springen sie von der Rampe und zerren nach Gutdünken junge Frauen aus den vorderen Reihen auf die Bühne. Es sind meist junge Mädchen, die vor Schreck das begeisterte Kreischen vergessen und sich klamm nach ihren zurückbleibenden Freundinnen umblicken. Die halbnackten Jäger postieren ihre hübsche Beute auf wackelige Stühlchen, fesseln sie mit bunten Bändeln, reiben ihr im Takt der aufpeitschenden Musik obszön die Brüste. Sie begrapschen die im grellen Scheinwerferlicht wehrlos dasitzenden Frauen, besetzen sie, besitzen sie.

Ein blonder Siegfried fängt sich eine junge Amerikanerin, schleppt sie mannhaft auf die Bühne, legt sie auf den staubigen Boden. Sodann bespringt er die junge Frau, die noch gar nicht recht bemerkt, was mit ihr geschieht - es hinterher aber "great" finden wird - ganz fachmännisch im Liegestütz. Die Frauen unten im Kreisrund des Zeltes verfolgen berauscht die Bühnenshow, johlen und rufen "more, more, more". Welcome to your fantasy. 

Der Recke hat noch nicht von seinem Lustobjekt abgelassen, da kommt ein athletischer Cop aus der Bühnengasse, um dem schändlichen Treiben ein Ende zu setzen. Aber verhaftet wird natürlich nicht der rammelnde Darsteller, sondern die zarte Zuschauerin, die sich plötzlich in Handschellen von einem Rudel "Polizisten" umzingelt sieht.

Eine Männer-Orgie beginnt - genauer: eine Gruppenvergewaltigung. Männerhüften schwingen, Männerhände grapschen: Erst Du, dann ich, dann wir beide - bedeuten die stummen Gesten. Welcome to our reality. Er fühle sich "nicht im geringsten als Lustobjekt", erkärt Michael, einer der jungen Chippendales nach der viel bejubelten Berliner Strip-Premiere, "eher schon als Kunstobjekt".

Sie sind weder das eine noch das andere, jene durchtrainierten Körper, die sich da allabendlich selbstverliebt im Scheinwerferlicht entblößen. Es sind Männer. Männer, die sich selbst, ihre Männlichkeit und ihren Herrschaftsanspruch gewinnbringend zur Schau stellen. Die Chippendales haben mit Frauenemanzipation nichts am Hut. Denn immer noch ist es selten das gleiche, wenn zwei das gleiche tun. Die Show der Chippendales hat mit "rinstecken" wirklich "nüscht"zu tun. Eher schon  mit austeilen.

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