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Tanz gegen den Machismo

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Chile: Ein Tanz & eine Partei gegen den Machismo
Ema Andrea Ríos Jerez hat es satt, von fremden Männern angetatscht zu werden, wenn sie durch die Straßen von Santiago de Chile läuft. Sobald ein Mann auf sie zukommt, reißt sie einen ihrer Arme nach hinten. „Ich strecke ihn aus, so weit ich kann, und lege die Hand auf meinen Hintern“, sagt die 43-Jährige. „Das geht inzwischen ganz instinktiv, ich denke schon gar nicht mehr darüber nach.“

Sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum ist eines von vielen Problemen, denen chilenische Frauen im Alltag ausgesetzt sind. Die neu gegründete „Partido Alternativa Feminista“ (PAF) will das ändern – und hat sich noch mehr vorgenommen. „Wir arbeiten auf eine Gesellschaft hin, die frei von patriarchaler Gewalt ist“, sagt Ríos Jerez. Sie ist eine von 113 Frauen, die Ende Januar die erste feministische Partei des Landes bei der Wahlkommission eingeschrieben haben. „Die Zeit ist gekommen, unsere Wut politisch zu kanalisieren.“

Der Zeitpunkt der Parteigründung ist strategisch gewählt. Am 25. Oktober 2020 werden die ChilenInnen darüber abstimmen, ob sie für ihr Land eine neue Verfassung wünschen. Spricht sich eine Mehrheit der BürgerInnen dafür aus, wird ein Gremium aus mehrheitlich politischen AkteurInnen über deren Inhalte beraten. Um auf diesen Prozess einzuwirken, haben sich die Feministinnen politisch formiert.

Wegen der Ausbreitung des Corona-Virus hat die PAF jetzt bis Anfang September Zeit, um 12.000 Unterschriften von UnterstützerInnen zu sammeln. Geführt wird die Partei von Rosa Moreno, einer 65 Jahre alten Politikwissenschaftlerin. Während der Diktatur von Augusto Pinochet hat sie jahrelang im politischen Exil in Belgien gelebt und die Umweltschutzorganisation Greenpeace geleitet. Die Forderungen der PAF tragen Morenos Handschrift. Mehrere Punkte des Parteiprogramms beziehen sich auf Umwelt- und Naturschutz. So wollen die Feministinnen den Abbau natürlicher Ressourcen wie Lithium beenden, der die Atacama-Wüste im Norden von Chile immer weiter austrocknet.

Die Idee, eine feministische Partei zu gründen, ist am 5. Dezember 2019 entstanden. An diesem Tag versammelten sich rund 10.000 Frauen vor dem Nationalstadion in Santiago de Chile, das während der Pinochet-Diktatur ein Folterzentrum war. Gemeinsam führten die Frauen den Tanz „Un violador en tu camino“ (zu Deutsch: ein Vergewaltiger kreuzt deinen Weg) auf. Das feministische Kollektiv „Las Tesis“, bestehend aus vier Künstlerinnen aus der Hafenstadt Valparaíso, hat die Choreografie entwickelt und damit eine Welle von Tanzprotesten in der ganzen Welt ausgelöst.

Seit im Oktober 2019 die Preise für öffentliche Transportmittel erhöht wurden, ist Chile in Aufruhr. Vor allem junge, mit der Politik des Präsidenten Sebastián Piñera unzufriedene Menschen treibt es auf die Straßen. Gegen sie geht die Polizei gewaltsam vor, wie ein Bericht des Nationalen Menschenrechtsinstituts belegt. Mindestens 350 ChilenInnen wurden von Polizisten durch Gummigeschosse und Tränengaspatronen am Auge verletzt, ein Teil ist sogar erblindet. Zudem wurden Mädchen und Frauen auf Polizeiwachen schikaniert und gezwungen, sich auszuziehen; sie waren Schlägen und sexuellen Übergriffen ausgesetzt.

Ríos Jerez, die an vielen Märschen teilgenommen hat und auch am Nationalstadion anwesend war, sagt: „Die Performance von Las Tesis ist nicht einfach nur Kunst – sie hat eine heilende Wirkung.“

Mexiko: Ich will ohne Gewalt leben!
Mirna Covarrubias Quintero hat sich einen Button an ihr T-Shirt geheftet. Auf Höhe ihrer Brust, rund fünf Zentimeter groß, mit einem Foto ihrer Tochter: Daniela Jiménez Covarrubias, braune Haare, lange Wimpern, lächelt. So wie sie es oft tat, bis sie vor dreieinhalb Jahren ermordet wurde. Bis Diego ihr mit einem Cutter die Halsschlagader aufschnitt. Diego, mit dem sich Daniela in der Schule angefreundet hatte. Diego, der, wie sie, 15 Jahre alt war.

„Diese Wunde wird nie verheilen“, sagt Mirna Covarrubias Quintero. Sonntags trägt sie Blumen zum Grab ihrer Tochter in Montemorelos, einer Kleinstadt im Norden von Mexiko. Bevor sie morgens das Haus verlässt, steckt Covarrubias Quintero den Button an. „Die Leute vergessen nach und nach, was passiert ist – mit dem Button rufe ich Dany wieder in Erinnerung.“

In Mexiko vergeht kein Tag, ohne dass eine Frau getötet wird. Wird sie wegen ihres Geschlechts zum Opfer, spricht man von einem Feminizid. Nach Angaben des „Nationalen Instituts für Statistik“ gab es 3.752 Feminizide allein im Jahr 2018 – durchschnittlich starben also über zehn Frauen und Mädchen pro Tag durch Gewalt. Organisationen, die mit Angehörigen der Getöteten zusammenarbeiten, sprechen von einer hohen Dunkelziffer. Oft schlagen die eigenen Männer zu – etwa, weil die Frau sie verlassen wollte.

Die siebenjährige Fátima, deren Fall im Febru ar auch in Europa Schlagzeilen machte, wurde in Mexiko-Stadt vom Mann einer Bekannten ihrer Familie entführt, vergewaltigt, gefoltert und getötet. Man fand ihre Leiche in einer Plastiktüte am Straßenrand, zwischen Müllbeuteln und Abfällen. Ihr Mann habe „eine kleine Freundin“ gewollt, erklärte die mit ihrem Mann festgenommene Ehefrau. Sie habe gefürchtet, er könne sich an den gemeinsamen Kindern vergehen, wenn sie ihm kein anderes Mädchen besorge.

Damit die vielen anderen, weniger spektakulären Fälle nicht vergessen werden, ruft María Salguero dazu auf, jeden Fall bei ihr zu melden. Seit 2016 dokumentiert sie in einer Karte, welche Frauen und Mädchen wo getötet worden sind. Der Aktivistin zufolge hat sich die Anzahl der Feminizide in den letzten drei Jahren fast verdoppelt.

Je mehr Frauen auf diese Art verstummen, desto lauter rebellieren die, die noch am Leben sind. Am 8. März haben zwei Millionen Menschen am Protestmarsch in Mexiko-Stadt teilgenommen. Viele werfen dem Präsidenten Andrés Manuel López Obrador vor, die Gewalt gegen Frauen gleichgültig hinzunehmen.

Auch Mirna Covarrubias Quintero fordert, dass die Regierung härtere Maßnahmen ergreift. Für sie ist die Straflosigkeit das größte Problem: „Die Männer töten und es passiert nichts.“ Der Mörder ihrer Tochter musste nur für zwei Jahre ins Gefängnis. Diego war zum Tatzeitpunkt minderjährig. Die Mutter, die ihre Tochter verlor,  verlangt: „Schnellere Festnahmen, effizientere Verfahren und die Einbeziehung der Ge schlechtskomponente.“ Sie gründete, gemeinsam mit ihrer Schwester Zandra, nach dem Tod ihrer Tochter den Verein „Ich will ohne Gewalt leben“.

Kolumbien
Als Lina im dritten Monat schwanger ist, setzen plötzlich starke Blutungen ein. Die 23-Jährige fährt in das nächstgelegene Krankenhaus ihrer kolumbianischen Kleinstadt. Sie hat eine Fehlgeburt. Eine Mitarbeiterin ihrer Krankenversicherung, die von den Ärzten im Krankenhaus über die Fehlgeburt informiert wurde, zeigt sie an. Nun steht Lina vor Gericht.

Ángela Mateus Alvarado ist Teil eines Kollektivs, das Frauen in ganz Kolumbien nach Fehlgeburten oder bei Fragen zu Schwangerschaftsabbrüchen berät. 1.300 Frauen hat „La Mesa por la Vida y la Salud de las Mujeres“ (Der Runde Tisch für das Leben und die Gesundheit von Frauen) in den letzten 14 Jahren unterstützt, vor allem mit Informationen zur Rechtslage bei Abtreibungen oder in Gerichtsverfahren.

Abtreibung ist in Kolumbien unter drei Bedingungen erlaubt: bei Vergewaltigung oder Inzest, wenn das Kind durch Missbildungen nicht lebensfähig ist oder wenn die körperliche oder psychische Gesundheit der Mutter in Gefahr ist. Fehlgeburten fallen nicht darunter. Und immer wieder kommt es vor, dass Frauen deshalb angezeigt werden: von Ärztinnen und Ärzten, Mitarbeitenden der Krankenversicherungen oder sogar den eigenen (Ex)Männern und Familienmitgliedern. Wer verurteilt wird, muss für ein bis drei Jahre ins Gefängnis.

Wie eine Statistik der kolumbianischen Generalstaatsanwaltschaft zeigt, laufen aktuell 1.365 Verfahren wegen Abtreibung. „Selbst Frauen, die die rechtlichen Voraussetzungen für eine Abtreibung erfüllen, werden kriminalisiert“, sagt Mateus Alvarado. Sie erzählt von der 15-jährigen Camila. Das Mädchen wurde nach einer Vergewaltigung schwanger. Ihre Krankenkasse genehmigte den Schwangerschaftsabbruch. Als Camila sich für den Eingriff in der Klinik befindet, tauchen zwei  Männer auf. Sie behaupten, für die Staatsanwaltschaft zu arbeiten und bezichtigen die leitenden Ärzte, Mörder zu sein. Camila zeigen sie an. Nun stehen die 15-Jährige und ihre Mutter vor Gericht, wo sie von Mateus Alvarado und ihren Kolleginnen von „La Mesa por la Vida y la Salud de las Mujeres“ begleitet werden.

Immer mehr KolumbianerInnen fordern, Abtreibung aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. 45 soziale, feministische und Menschenrechtsorganisationen sowie 60 AktivistInnen haben sich deshalb zum Bündnis „Causa justa“, übersetzt „gerechter Grund“, zusammengeschlossen.

Viele Frauen, die fernab der großen Städte leben, gefährden ihr Leben bei Versuchen, ohne medizinische Hilfe abzutreiben – zum Beispiel mit einer Überdosis Tabletten. Frauen mit Migrationsgeschichte sind oft besonders betroffen. Ihre Zahl in Kolumbien wächst. Vor allem Venezolanerinnen ziehen seit Monaten wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise ins Nachbarland. „Sie wissen nicht, dass sie im Fall einer Abtreibung in Kolumbien als medizinische Notfälle gelten und einen Schwangerschaftsabbruch beanspruchen könnten“, so Mateus Alvarado. Mit ihren Kolleginnen klärt sie die Frauen über ihre Rechte auf und kämpft gegen das skandalöse Gesetz.

 

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