Erdogan & Tuba in Köln

Foto: Benjamin Pieper
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Als Tuba Sarica zwölf Jahre alt war, schloss sie mit ihrer vier Jahre älteren Schwester einen Pakt. „Wir werden dafür sorgen, dass es in zehn Jahren kein Thema mehr sein wird, dass türkische Mädels einen Freund haben dürfen und dass sie allein wohnen können.“ Knapp 20 Jahre ist das jetzt her. Was ist aus dem Pakt geworden? Tuba hatte schon mehrere deutsche Freunde und lebt allein in ihrer kleinen Dachwohnung in Köln. Die große Schwester ist mit einem streng religiösen türkischen Mann verheiratet, den sie um Erlaubnis ­bitten muss, wenn sie ihre Mutter besuchen möchte.

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Tuba Sarica hat nun ein Buch darüber geschrieben, wie es dazu kommen konnte. Provokanter Titel: „Ihr Scheinheiligen!“ Das Thema: die „Scheinintegration der Parallelgesellschaft“.

Dabei seien „die verschleierten Frauen und vollbärtigen Männer noch nicht einmal das größte Problem“, erklärt Tuba Sarica. Sondern? „Die Deutschtürken, die sich modern geben, coole Frisuren haben und perfekt Deutsch sprechen – und die trotzdem Erdoğan wählen.“ Auf diese Gruppe, sagt Tuba, „müssen wir unseren Blick richten.“

Mit dem Fall
Özil bröckelt
die moderne
Fassade

Stichwort Özil. „Der ist ein sehr schönes Beispiel für meine Kernthese“, sagt die Enkelin eines Gastarbeiters aus Anatolien. „Mit dem Fall
Özil bröckelt die moderne Fassade des deutschtürkischen Kulturkreises. Wir sehen: Selbst junge, integriert wirkende Deutschtürken begeistern sich für einen demonstrativen Islamisten.“

Tuba Sarica weiß, wovon sie spricht. Als sie als Kind mit Eltern und Schwester in einer Kleinstadt bei Köln lebte, war ihre freie Welt noch in Ordnung. Ihre Eltern hatten zwar beide „Knochenjobs“ in einer Fabrik, unternahmen aber am Wochenende viel mit den Kindern. Vor allem der Vater war ein „sehr lebenslustiger und neugieriger Mensch“. Er war früher DJ gewesen, fuhr Motorrad und trank abends gern ein Bier in Nachbars Garage mit.

Und er sorgte dafür, dass die Kleinfamilie Sarica nicht vom Großfamilienverband aufgesogen und kontrolliert wurde. Sie hatte ihre eigenen Regeln: Die Eltern, die im Schichtdienst arbeiteten, wechseln sich mit der Betreuung der Kinder ab. Die Töchter haben auch deutsche Freundinnen, bei denen sie sogar übernachten dürfen. Verschleierung wie bei den konservativen Verwandten kommt nicht in Frage.

Doch an Tubas achtem Geburtstag war das liberale Leben vorbei. Der Vater starb an Krebs. Bald darauf verschwand der Alkohol aus dem Wohnzimmerschrank, dafür stand dort nun der Koran. Die Mutter versuchte, ihren Töchtern ihre Freiräume zu erhalten, doch der Druck der konservativen Verwandtschaft war stark. Wenn in der Verwandtenrunde „mal wieder ein frauen- oder deutschenfeindlicher Satz fiel, gab mir meine Mama mit Blicken zu verstehen, dass ich jetzt bloß nichts sagen sollte.“ Tuba schwieg. „Aber es brodelte in mir und es war klar, dass das irgendwann mal raus muss.“

Die Komfortzone verlassen und den Konflikt austragen!

Jetzt ist es raus. Tuba Sarica hat eine Generalabrechnung mit der türkischen „Parallelgesellschaft“ geschrieben. Die mache, so schon lange ihre Schätzung, zwei Drittel der Deutschtürken aus. „Das hätte man früher nicht sagen dürfen, aber jetzt hat Herr Erdoğan diese Zahlen ja mit seinen Wahlergebnissen geliefert“, sagt sie trocken.

Tuba Sarica beklagt die „undemokratische Erziehung“ in vielen Familien, in denen „das Recht des Stärkeren“ gelte. Sie wirft der Parallelgesellschaft vor, es sich in einer Schutzblase bequem zu machen: „Ich habe vielen türkischen Kindern Nachhilfe gegeben und gesehen, wie ihre Eltern ihnen einredeten, an ihren schlechten Noten seien die ‚rassistischen Lehrer‘ schuld.“ Von ihren deutschtürkischen AltersgenossInnen verlangt sie nun, das zu tun, was sie getan hat: „Die Komfortzone verlassen und den Konflikt mit den Konservativen und Religiösen austragen!“ Und die Deutschen? „Die sollen sich nicht bei jedem Rassismusvorwurf wegducken.“

Tuba Sarica spricht ruhig und konzentriert, erläutert kundig Erdoğans verfehlte Wirtschaftspolitik und zitiert Kant. „Kant hat gesagt, die Ursache von Unmündigkeit sind Feigheit und Faulheit.“ Rumms. Schließlich könne die Lösung nur eins sein: „Ein ehrlicher Dialog. Den müssen wir durchziehen.“ Tuba Sarica hat ihren Beitrag zum Dialog gerade in die Arena geworfen.
 

Im Netz
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Ein blutroter Teppich für Erdogan

Ali Ertan Toprak: "Wir türkeistämmigen Deutschen fühlen uns zunehmend heimatlos". - Foto: Markus Hibbeler
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wird am 28. und 29. September in Berlin und Köln sein. Er wird mit allen militärischen Ehren empfangen und einen Kranz am Mahnmal der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft niederlegen. Welch ein Hohn! 

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Die Liste der Menschenrechtsverletzungen in der Türkei ist ellenlang. Amnesty International oder Human Rights Watch haben ebenso wie EU, OSZE und UNO die Entlassungs- und Verhaftungswellen, die Gleichschaltung der Medien, die völkerrechtswidrigen Kriege, Vertreibungen und Enteignungen dokumentiert. All dieses ist ebenso bekannt wie Erdogans frauenfeindliche, antisemitische und antidemokratische Politik. Sie treibt die Türkei und den Nahen Osten zunehmend mehr ins Chaos.

Erdogan legitimiert Gewalt gegen Frauen

Wer auf Krieg statt Frieden, Diktatur statt Demokratie, Gefängnisse statt Freiheit setzt, wer Gewalt gegen Frauen rechtfertigt statt Gleichberechtigung anzustreben, der hat in Berlin keinen Staatsbesuch verdient.

Allein im 2017 kamen in der Türkei 409 Frauen durch Männergewalt ums Leben. Im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um über 25 Prozent! Seit Machtergreifung der nationalislamischen AKP sind Frauen tagtäglich Verteufelungskampagnen durch Prediger ausgesetzt und werden verstärkt Opfer von Gewalt in der Familie. Die Fälle von Vergewaltigung haben rapide zugenommen, moderne Frauen stehen auf verlorenem Posten im Kampf gegen die Zwangsehe minderjähriger Mädchen und den ständig wachsenden, männlichen Despotismus.

Als Frauen gegen all dieses vor dem Frauentag am 8. März 2018 auf die Straße gingen, wurden sie bei strömendem Regen von der Polizei niedergeknüppelt. Und trotzdem riefen sie: "Wir schweigen nicht! Wir haben keine Angst! Wir gehorchen nicht!"

Erdogan legitimiert diese Gewalt gegen Frauen: Schon aus „natürlichen Gegebenheiten“ – welche immer das auch sein mögen – könnten Frauen niemals gleichberechtigt sein. So wie für ihn auch ein Muslim niemals Demokrat sein kann. 

Zu lange mit den Islamisten auf Kuschelkurs gewesen

Schon Anfang der 1990er hatte Erdogan als Bürgermeister von Istanbul sein wahres Gesicht gezeigt. In einer seiner berühmtesten Reden tönte er damals klar und unmissverständlich: "Du kannst nicht Muslim sein und säkular! Beides geht nicht!" Das ist das Islamverständnis der AKP und der dahinter stehenden Millî Görüş-Bewegung. Es ist die aktuelle Staatsideologie der Türkei.

Umso unverständlicher, dass diese Radikalen seit Jahrzehnten unbehelligt in Deutschland agieren konnten, um dann die Islamisierung der Türkei zu starten – ganz wie einst Khomeini von Paris aus die islamische Revolution im Iran eingeleitet hatte. Erdogan ist ein Zögling der Millî Görüş – und heute einer der mächtigsten Muslimbrüder weltweit mit einem faschistischen Regierungsapparat im Rücken. Schuld daran sind auch die Europäer. Viel zu lange sind sie mit den Islamisten auf Kuschelkurs gewesen.

Bis heute verbreiten AKP-Anhänger in Deutschland ihre Propaganda, mit freundlicher Unterstützung einiger sogenannter Linker, die lieber emanzipatorische Kritik als „Rassismus“ abstempeln, als sich einzugestehen, dass sie im Umgang mit dem radikalen Islam einen Jahrhundertfehler begangen haben.

Diesem nationalislamischen Macho-Despoten rollt unser Staat nun den Roten Teppich aus! Das ist nicht nur ein Schlag ins Gesicht aller unterdrückten Frauen in der Türkei, sondern auch aller Deutschen, die Gleichberechtigung und Demokratie als unveräußerliche Grundwerte ansehen und leben. 

Deutschland verrät die Unterdrückten
in der Türkei!

Doch die Fehlentwicklungen in der Türkei wurden und werden weiterhin politisch gedeckt, weil die deutsche Wirtschaft in der Türkei Bahnstrecken bauen und Waffen verkaufen möchte. 

Deutschland verrät sich – und die unterdrückten Frauen und Männer in der Türkei. Deutschland lässt sich von Erdogan als „Nazi“ beschimpfen und seine DITIB-Kolonne missliebige Landsleute mitten unter uns bespitzeln. All das lässt unsere Bundesregierung unkommentiert geschehen – rollt ihm zum Dank einen blutroten Teppich aus. Das ist eine wahre Katastrophe.

Wir hier längst angekommenen türkeistämmigen Deutschen fühlen uns zunehmend heimatlos: von Erdogan entrechtet, von Deutschland verraten!

ALI ERTAN TOPRAK
 

Der Autor ist in der Türkei geboren und im Alter von zwei Jahren mit seinen kurdisch-alevitischen Eltern nach Deutschland gekommen. Der Unternehmens- und Politikberater ist Präsident der „Bundesarbeitsgemeinschaft der Immigrantenverbände Deutschland“ (BAGIV) und Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschland (KGD). Bis 2012 war er Mitglied bei den Grünen, trat jedoch aus Protest gegen deren Islampolitik – vor allem wegen der Haltung zu den orthodoxen Islamverbänden – aus und in die CDU ein. Er vertritt die Migranten im „Deutschen Institut für Menschenrechte“ und ist seit 2016 ZDF-Fernsehrat.

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