In der aktuellen EMMA

Wirtschaftsweise: Verstand & Gefühl

Monika Schnitzer, Ulrike Malmendier und Veronika Grimm beraten die Regierung in Wirtschaftsfragen. - Foto: IMAGO
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Schon die E-Mail-Adresse lässt aufhorchen – einfach „Ulrike“, gefolgt von der Server-Adresse ihre Universität. Innerhalb weniger Stunden antwortet die Frau, die zu den fünf Prozent der am meisten zitierten ÖkonomInnen weltweit gehört und die für ihre Forschung vielfach ausgezeichnet wurde. Blitzschnell wird ein Termin vereinbart, und da ist längst klar: Ulrike Malmendier, die neue Frau im Sachverständigenrat zur Begutachtung der wirtschaftlichen Lage (SVR), ist angenehm unkompliziert.

Wenn der Sachverständigenrat Anfang November Bundeskanzler Olaf Scholz das diesjährige Gutachten präsentieren wird, haben erstmals Wissenschaftlerinnen die Mehrheit in dem seit 1963 existierenden Gremium. Bereits seit April 2020 sind dort mit Veronika Grimm und Monika Schnitzer zwei Professorinnen vertreten, jetzt kommt noch Ulrike Malmendier dazu.

Noch immer ist die Volkswirtschaft eine sehr männlich dominierte Wissenschaft: Im letzten FAZ-Ranking der 100 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands finden sich gerade mal 13 Frauen. Bei den Studierenden jedoch ist das Verhältnis seit gut drei Jahrzehnten eher zwei Drittel Männer zu einem Drittel Frauen.

Mit der neuen weiblichen Mehrheit im wichtigsten wirtschaftlichen Beratergremium der Bundesregierung dürften sich sowohl die Themensetzung als auch die Herangehensweise an die Politikberatung ändern. Veronika Grimm forscht zu Energiemärkten und leitet die Expertenkommission, die bis Mitte Oktober Vorschläge zur Umsetzung der Gaspreisbremse ausgearbeitet hat. Monika Schnitzer, die gerade für eine Dauer von drei Jahren zur neuen Vorsitzenden der Wirtschaftsweisen gewählt wurde, ist Expertin für Forschung, Innovation und Wettbewerbsrecht und hat einen sehr genauen Blick dafür, wie bestimmte wirtschaftliche Mechanismen dazu führen, dass Frauen benachteiligt werden. Ulrike Malmendier ist eine der weltweit führenden Vertreterinnen der sogenannten Verhaltensökonomie – einem jungen Zweig der Volkswirtschaftslehre.

Die klassische Wirtschaftstheorie geht davon aus, dass Menschen zu 100 Prozent rational entscheiden und über perfekte Informationen verfügen. Dazu wurde das Bild des „Homo oeconomicus“ erfunden – ein Mensch, der bei allen Entscheidungen immer seinen Nutzen maximiert und dessen Handlungen deshalb so vorhersehbar sind, dass viele der grundlegenden wirtschaftlichen Entscheidungsmodelle darauf aufbauen können.

Das Problem dabei war natürlich schon immer, dass Menschen nur in den seltensten Fällen komplett rational sind. Wer das als StudentIn im ersten Semester anmerkte, bekam zu hören, dass die wissenschaftlichen Erklärmodelle anders eben nicht funktionierten. Das änderte sich mit der Verhaltensökonomie: Sie bezieht Emotionen ausdrücklich in die Entscheidungsfindung mit ein, ebenso wie das Wissen von PsychologInnen, SozialwissenschaftlerInnen und – wie bei Malmendier – zunehmend auch ganz aktuelle Erkenntnisse aus der Hirnforschung.

So ist ein wichtiger wissenschaftlicher Artikel von Ulrike Malmendier beispielsweise mit dem Titel „Exposure, Experience, and Expertise: Why Personal Histories Matter in Economics“ überschrieben. Die 49-jährige Professorin an der kalifornischen Elite-Universität Berkeley argumentiert darin, wie zentral unterschiedliche Lebenserfahrungen bei der Entscheidungsfindung sind. Malmendier begründet das unter anderem mit den jüngsten Erkenntnissen aus der Gehirnforschung. Sie zeigen, dass sich unsere Gehirne das ganze Leben lang verändern und sich immer wieder neu verschalten – je nachdem, was wir erleben.

Eine ihrer meistzitierten Erkenntnisse ist beispielsweise, dass Unternehmenschefs mit besonders großem Selbstvertrauen zu überteuerten Investitionen neigen. Weil sie zudem geneigter sind, Manager mit ähnlich übersteigertem Selbstbewusstsein um sich zu scharen, verstärken sich die Fehlentscheidungen weiter.

Ganz besonders relevant in der derzeitigen Krisenlage dürfte aber ein anderes Forschungsfeld von Malmendier sein – und zwar der Einfluss von Lebenserfahrungen auf Inflationserwartungen. Für junge Menschen unter 40 ist die derzeitige, sehr hohe Geldentwertung Neuland – sie sind ein Jahrzehnt stabile Preise und niedrige oder sogar negative Zinsen gewöhnt. Wer über 60 ist, kann sich wahrscheinlich noch an die Hochinflationsphase in den 1970er Jahren erinnern.

Dementsprechend höher sind die Inflationserwartungen der Älteren. Das ist deshalb entscheidend, weil die Inflationserwartungen großen Einfluss auf die Entwicklungen von Löhnen und Preisen haben: Je höher die Inflationserwartung, desto stärker der Druck, Löhne und Preise nach oben zu schrauben. Dann aber springt die sogenannte „Lohn-Preis-Spirale“ an – und die Inflation verstärkt sich immer weiter.

Das ist der Grund, warum die Notenbanken in der Regel die Zinsen schnell und heftig erhöhen. Ihr Ziel dabei ist es, das Wirtschaftswachstum so zu bremsen, dass die Preise aufgrund einbrechender Nachfrage nicht mehr weiter steigen. Dabei sind die Zentralbanken in einer schwierigen Abwägung: Erhöhen sie die Zinsen zu schnell und heftig, riskieren sie eine starke Rezession mit entsprechenden Firmenpleiten, Wohlstands- und Arbeitsplatzverlusten. Erhöhen sie die Zinsen nicht schnell genug, verfestigt sich die Lohn-Preis-Spirale.

Um dieses Dilemma besser einschätzen zu können, sind die Forschungen der neuen Wirtschaftsweisen Ulrike Malmendier höchst aktuell. Sie selbst freut sich auf die Beratungsarbeit: „Das steht sogar im Gesetz, dass der Sachverständigenrat zur öffentlichen Meinungsfindung beitragen soll.“

Es war für die dreifache Mutter mit einer Promotion sowohl in Jura als auch in Ökonomie deshalb auch keine Frage, die Berufung in den Sachverständigenrat anzunehmen. „In Deutschland ist die Politikberatung bei vielen Top-Forschenden etwas verpönt“, erzählt sie, „die haben mich gefragt, warum ich mir das antun wolle.“

In den USA, wo sie seit gut zwei Jahrzehnten unterrichtet, sei das ganz anders. „Natürlich, mach das!“, war dort die instinktive Reaktion. Wer dort vom Weißen Haus gefragt wird, im „Council of Economic Advisors“ – in etwa dem Gegenstück zum Sachverständigenrat – mitzumachen, der wird sofort alles stehen und liegen lassen, um nach Washington zu eilen und für die Politikberatung zeitweilig dann auch die eigene Forschung zurückzustellen. „Obwohl wir unsere Forschung lieben, tun viele von uns das, weil wir das Gefühl haben, wir könnten mit der Politikberatung etwas erreichen“, sagt Malmendier.

Dennoch macht sich die gebürtige Kölnerin keine Illusionen über den Einfluss der Wissenschaft: „Ich weiß, unter welchen Restriktionen PolitikerInnen oft handeln müssen“, sagt sie, „aber vielleicht kann ich bei der Entscheidungsfindung so weit mithelfen, dass zumindest nicht die allerschlechteste Variante gewählt wird.“

Nicht immer ist eher wirtschaftsfernen Menschen nicht klar, welche Bedeutung manche politischen und wirtschaftlichen Rahmensetzungen für ihr Leben haben. Die an der LMU München lehrende Wirtschaftsweise Monika Schnitzer macht das gerne am sogenannten Ehegattensplitting fest. Viele Frauen hätten dadurch keinen Anreiz, Vollzeit zu arbeiten, so Schnitzer. Das erhöhe nicht nur das Risiko für Altersarmut, sondern gefährde auch die Gleichstellung in der Partnerschaft. „Nur wenige stellen sich die Frage, wie abhängig diese ungleiche Einkommenssituation in der Beziehung macht“, gibt Schnitzer zu bedenken.

Schnitzer hat deshalb gemeinsam mit der Soziologin Jutta Allmendinger, der Aufsichtsrätin Janina Kugel und einem Autorinnenteam die Initiative „#teilenstattsplitten“ zum Ehegattensplitting“ entwickelt. Auch ist es ihr gelungen, das Thema im letzten Gutachten des Sachverständigenrates 2021 „prominent zu platzieren und deutlich auf dessen Nachteile hinzuweisen“ (Schnitzer) – allerdings erst auf Seite 232.

„Das muss ganz nach oben“, hat sich Schnitzer nun vorgenommen. Ihre eigene Mutter sei eine „klassische Hausfrau“ gewesen und habe sie „trotzdem oder gerade deswegen“ immer dabei bestärkt, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Aufgewachsen in einem kleinen Ort bei Mannheim war die Gemeindebücherei ihr „Tor zur Welt“. Von der Bibliothekarin argwöhnisch beobachtet, hat sie früh Simone de Beauvoir und Virginia Woolf gelesen. „Die Erstausgabe der EMMA habe ich mir mit 15 Jahren dann allerdings mit meinem eigenem Geld am Kiosk gekauft!“, sagt sie.

Für Schnitzer macht es einen großen Unterschied, dass die Frauen nach der Berufung von Ulrike Malmendier nun in der Mehrheit sind: „Viele Studien zeigen: gerade Gleichstellungsthemen kann eine Frau alleine nur schwer pushen, weil sie immer erst einmal beweisen muss, dass sie in den ‚Sachthemen‘ drin ist, und dazu zählen Gleichstellungsthemen eben nicht. Das wird erst besser, wenn mehr Frauen im jeweiligen Gremium sind.“ Ihre Kollegin Veronika Grimm findet es „sehr cool, das wir eine weibliche Mehrheit im Sachverständigenrat haben“.

Damit können die drei, die zusammengerechnet neun Kinder haben, dann auch das Thema angehen, das jede von ihnen nervt: Die Frage, wie sie als erfolgreiche weibliche Wissenschaftlerinnen mit dem Dilemma Kind versus Karriere umgehen. EMMA hat ihnen deshalb die Frage etwas anders gestellt: „Was wäre Ihnen lieber: Dass die Gesellschaft in fünf Jahren so viel weiter ist, dass dies nicht mehr thematisiert wird? Oder dass in fünf Jahren auch männliche Wissenschaftler automatisch solche Fragen gestellt bekommen in ähnlicher Lage?“

Während Schnitzer und Malmendier eher zu letzterem tendieren, wünscht sich Grimm eine Gesellschaft, in der beide – Männer und Frauen – diese Entscheidung bewusster treffen und sie dann für ihre jeweilige Entscheidung auch „nicht ständig beäugt werden“.

Leider seien die Gender-Stereotypen noch immer sehr stark, sagt Grimm. Die Professorin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg empfiehlt deshalb insbesondere für Mädchen Mannschaftssportarten, in denen sie lernten, ihre eigenen Interessen in einer heterogenen Gruppe durchzusetzen. Grimm selbst war lange ehrenamtlich Fußballtrainerin und hat unter anderem ihre Tochter ab dem Alter von vier Jahren in einer gemischten Fußballmannschaft trainiert. „Dort lässt sich die Kombination von Kooperation und Wettbewerb in einer Gruppe sehr gut lernen“, sagt sie.

Ihrer Beobachtung nach würden Mädchen noch immer weit häufiger Einzelsportarten erlernen, in denen das Ziel neben dem Gewinnen auch das Gefallen ist, wie beim Eislaufen oder verschiedenen Turnarten. „Der Erfolg ist dann oft, wenn man anderen gefällt“, sagt Grimm. Das aber sei „im Beruf oder auch in der Kommissionsarbeit nicht unbedingt hilfreich. Dann wird man sich am Ende nicht durchsetzen“.

Insbesondere das Bildungssystem habe hier eine wichtige Aufgabe. Als ihre eigenen Kinder noch klein waren, hat sie das sehr frustriert: „Meine Tochter und mein ältester Sohn sind beide sehr ähnlich, sehr energiegeladen. Bei meinem Sohn wurde das immer positiv von den Lehrern vermerkt, bei meiner Tochter wurde ich oft darauf hingewiesen, sie ‚in den Griff zu bekommen‘“.

Neben mehr Geschlechtergerechtigkeit sieht Grimm das Bildungssystem auch in der Pflicht, „jeden und jede zu stärken, egal woher sie kommen“. Das tue nicht nur den Menschen gut, sondern sei auch eines der besten Mittel, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Nicht selten sind in den vergangenen Jahren die oft mehrere hundert Seiten starken Gutachten der Wirtschaftsweisen direkt nach dem Fototermin im Kanzleramt mehr oder weniger ungelesen in den Regalen der PolitikerInnen verstaubt. Mit Grimm, Malmendier und Schnitzer hat der Sachverständigenrat nun drei neue, interessante Stimmen. Es wird spannend sein, ob die Frauen auch gehört werden.

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